Haie essen das InternetDas war die Transmediale 2015

Datafizierung

„Invisible“ von Heather Dewey-Hagborg. Foto: Thomas Dexter

Dieser Text ist datafiziert, codiert, eingebettet in ein digitales Interface und auf einem Server gespeichert. Es ist 17 Uhr, Mittwoch, 4. Februar 2015. Meine Herzfrequenz beträgt 80 Schläge pro Minute und ein Blick auf mein iPhone verrät mir, dass ich heute 7.000 Schritte getan habe – 3.000 weniger als für einen jungen Menschen vorgesehen.

Der moderne Mensch strebt nach Optimierung, zerlegt sich in digitale Fragmente, analysiert seine Verhaltensweisen und verfolgt dabei nur ein grundlegendes Ziel: Perfektion. Die Prämisse des 21. Jahrhunderts lautet Effizienz, unter der die Linie zwischen Body-Shaping und Body-Shaming verwischt und in der Selbstoptimierung zum guten Ton gehört. Zwischen Arbeit und Sport macht sich Rastlosigkeit breit, die Fokussierung in einer schnelllebigen Umgebung fällt zunehmend schwerer und die virtuelle Pforte des digitalen Netzwerks hat die vierte Dimension eröffnet: eine virtuelle Welt, in der die Informationsflut der auf Wachstum ausgelegten Gesellschaft bequem ausgelagert ist. Wir tauschen Netzwerk gegen Verstand und geben freiwillig unsere Daten an Unternehmen und Regierungen ab. Die digitale Überwachung wird zum Eigenzwang, die Überwacher zu den Überwachten. In der Ferne leuchtet friedlich das Versprechen nach Erlösung durch Singularität, die den Menschen endgültig von seinem unvollkommenen Körper befreit.

Die Vermessung des Welt

Die Welt ist ein Netz aus Daten, das als sanfte Cloud über uns schwebt und sich mit einem Klick als vermeintlich transzendenter Wissenspool über uns ergießt. Doch wie die französischen Künstler Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon im Anfangsclip ihres Films „World Brain“ zeigen, wurde in Vietnam eine schockierende Entdeckung gemacht: Haie essen das Internet. Die Eingangsszene des Films zeigt ein Exemplar, das in ein Glasfaserkabel am Grund des pazifischen Ozeans beißt, welches Teile Südostasiens mit dem Internet verbindet. Die Vermessung der Welt ist abgeschlossen und mündet in der Vernetzung ihrer Bewohner, die sich fortan in binären Zahlenreihen ihrer eigenen Vermessung durch die Weltmeere ziehen. Das französische Künstlerduo nimmt sich in seinem Film, einer Produktion von Arte Creative, des Themas der zunehmenden Digitalisierung an: „World Brain stellt Fragen an die Architektur von Rechenzentren, der kollektiven Intelligenz von Kätzchen, den Hochfrequenzhandel, das Überleben im Wald per Wikipedia und an DIY transhumane Ratten“, heißt es in der Ankündigung des Films, dessen Weltpremiere vergangene Woche auf der „Transmediale“ stattfand. Die Produktion dauerte knapp zwei Jahre und versteht sich als Schnittstelle zwischen Dokumentar- und Spielfilm, welcher als Atlas sowohl gelesen als auch gesehen werden kann. Dafür stellt das Projekt eine interaktive Karte bereit, die seine Besucher chronologisch durch den Film führt. Flankiert von Texten, Fotos und Videos, breitet sich ein Wissensteppich aus, der den Informationsfluss des Internets darstellt. „Auf diesen Serverfarmen werden Facebook-Freunde gespeichert, die Artikel, die wir lesen, unsere Google-Suchhistorie, unsere Fotos, Videos, unsere E-Mails, unsere Blogs, unsere sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten. Unser ganzes Leben im Internet. Kurz: unser gesamtes Leben“, wird im Film erklärt, während die Kamera durch einen sterilen Gang zwischen blinkenden Servern entlang fährt, deren einzige Verbindung zur Außenwelt durch die endlos getaktete Verkabelung besteht. Hier werden unsere Daten erfasst, aufgeschlüsselt, analysiert, in Relation zueinander gesetzt, Vorhersagen getroffen und schließlich archiviert. Die metaphorische Darstellung der Welt als Lager, in der alles sofort und jederzeit abrufbereit ist, schlägt sich schließlich auf die physische Welt nieder, heißt es im Film: Zustellung durch Drohnen oder einfach aus dem hauseigenen 3D-Drucker – nur bequem und zeitnah soll es sein. Größter Anwärter auf das Gehirn der Welt sei derjenige, der die größte Datenbank besitzt, heißt es in „World Brain“.

„World Brain“ komplett sehen: Einfach abwarten, nach jedem Video folgt automatisch die Fortsetzung.

Verloren in der Verschleierung

„Loss is lost in the digital age“, erklärte der Medientheoretiker Ned Rossiter vergangenen Freitag auf der im Rahmen der „Transmediale“ stattfindenden Konferenz „Datafied Research: Capture People“. Er denkt damit die bereits erwähnte Metapher der Welt als Lager weiter, in der sowohl Wissen als auch persönliche Beziehungen in der Cloud ausgelagert sind – zeitlich abgetrennt, immer abrufbereit und somit nie ganz verloren. Die zunehmende Technisierung und Digitalisierung der Welt mündet in der totalen Überwachung durch globale Kontrollzentren, ausgeführt von Algorithmen und Maschinen, die wir selbst geschaffen haben.

Vergessen und Verlorengehen werden zu Antonymen unserer Gesellschaft, die allgegenwärtige Datafizierung verlangt nach einer besseren Infrastruktur für Sicherheit und Verschlüsselung.

„Die Individualisierung und Kultur der Selbstständigkeit hat uns zu einer egoistischen Gesellschaft gemacht“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz und setzt nach: „Die patriarchale Gesellschaft hat sich zu einer digitalen Gesellschaft gewandelt, in der die Technologie den Platz des Patriarchen einnimmt, der uns permanent trackt und kontrolliert.“ Technik mit klarem Design und simplem Interface, die spielerisch durch Touch- und Swipe-Funktion bedient wird, spreche den Nutzer als Kind an, das die technischen Funktionsweisen nicht hinterfragen soll, erklärt Bunz. Die Tatsache, dass wir trotz Snowden-Enthüllungen nicht auf Dienste wie Facebook, Google oder Apple verzichten wollen, sei klar der Bequemlichkeit geschuldet. Vergessen und Verlorengehen werden zu Antonymen unserer Gesellschaft, die allgegenwärtige Datafizierung verlangt nach einer besseren Infrastruktur für Sicherheit und Verschlüsselung.

Abhilfe schaffen Browser-Erweiterungen, die eine Datenerfassung mit Hilfe von Noise und Ghost-Queries erschweren sollen. Gemeinsam mit Helen Nissenbaum und Mushon Zer-Aviv hat Daniel Howe ein Programm zur „Obfuskation“ (Veränderung des Programmcodes, der Quelltext unverständlich macht) entwickelt. Er beschreibt es als Verbindung von Software-Tool und Artwork. „AdNauseam“, so heißt es, nutzt dabei die Mechanismen der Überwachung und funktioniert wie ein Adblocker, der im Hintergrund jeden möglichen Like-Button klickt und so die eigentlich angesteuerten Seiten verschleiert. Derzeit als Beta-Version verfügbar, verschmutzt es dabei nicht nur den eigenen, sondern gleich den gesamten Datenpool. Ähnlich funktioniert die Browser-Extension „TrackMeNot“, die Howe und Nissenbaum 2006 in Zusammenarbeit mit Vincent Toubiana entwickelten. Neben den eigentlichen Suchanfragen werden algorithmisch generierte Ghost-Queries benutzt, hinter denen die Suchbegriffe in Google, Bing oder Yahoo! verschwinden. Auch obligatorische Registrierungen können umgangen werden, beispielsweise mit dem Online-Service „BugMeNot“, der Usernamen und Passwörter für verschiedene Webseiten bereitstellt.

Datenpool-Verschmutzung: „AdNauseam - Clicking Ads So You Don't Have To“.

DNA klauen

Noch einen Schritt weiter geht die amerikanische Künstlerin Heather Dewey-Hagborg, die sich mit der Datafizierung von DNA beschäftigt: „I steal DNA“, fasst sie ihre Arbeit während der Konferenz „'Becoming Fog': Obfuscation in a Datafying World“ zusammen. Für ihr Projekt „Stranger Visions“ hat sie in New York DNA-Proben gesammelt, im Labor untersucht und anschließend Porträts der Personen erstellt. Angestoßen wurde das Projekt, als Dewey-Hagborg in einem New Yorker Wartezimmer auf einen Riss im Glas eines Bilderrahmens blickte, in dem ein Haar steckte. Die Frage, wer DNA-Proben nehmen und analysieren darf, steht dabei im Fokus. Vor allem in den USA ist die DNA-Analyse auf dem Vormarsch: „Who's your daddy“ verspricht mobile Vaterschaftstests, „23andme“ schlüsselt gleich das gesamte Erbgut auf – inklusive möglicher Erbkrankheiten und Adressvermittlung der in der Datenbank bekannten Verwandtschaft. Unterstützt wird das Ganze von Google, das neben „23andme“ auch Geld in das DNA-Screening-Unternehmen „Navigenics“ investiert. Was Dewey-Hagborg hier als „mass genetic surveillance“ bezeichnet, meint die Verknüpfung von online und offline Daten. Zur physischen Datenverschleierung in ihrem Projekt „Invisible“ hat die Künstlerin deshalb zwei Sprays entwickelt: „Erase“, das 99,5 Prozent der DNA entfernt, und „Replace“, um die übrigen 0,5 Prozent zu verschleiern. Seit vergangenem Samstag stehen die Rezepte als Open-Source-Material zur Verfügung. Spätestens wenn man jedoch beim Restaurantbesuch sein Replace-Spray auspackt, um auch den letzten Rest seiner DNA vom Besteck zu putzen, überkommt einen wohlmöglich das Gefühl paranoider Ungewissheit – jetzt, wo man endlich unsichtbar ist.

Identität wegsprühen: „Erase“ und „Replace“.

Die Menschmaschine

Zurück zum Film „World Brain“. „Sieht man sich unseren eigenen Code an, unsere DNA, unser gesamtes Betriebssystem, dann entspricht das 600 komprimierten Megabytes. Das ist kleiner als jedes andere moderne Betriebssystem“, wird hier erklärt. Trotzdem ist der menschliche Körper – unsere Hardware – als vermeintlich unvollkommene Einheit im Vergleich zu den von uns geschaffenen Maschinen dem Verfall überlassen und das Gehirn scheinbar vom restlichen Körper distanziert. Das Screening „The Optimised Self“ beschäftigte sich mit der Selbstüberwachung und modernen Körperbildern, die definiert, verjüngt und doch letztendlich überkommen werden sollen. Julika Rudelius' Kurzfilm „Forever“ zeigt US-amerikanische Frauen, an den Pools hinter ihren Villen in Florida sitzend, während sie ihre operierten Körper in der Sonne bräunen und dabei die wichtigen Fragen des Lebens klären. Die Perfektion ist den Körperbildern als unerreichbares Ziel eingeschrieben. Ein Gedanke, der auch in Nadav Assors Film „Lessons on Leaving the Body“ erkennbar ist. Darin begleitet er den „Remote Control Christian“ Jake, dem die Dissoziation von seinem Körper mithilfe von First-Person-View-Drohnenflügen gelingt. „I am not the person I see in the mirror, I am the person controlling this body“, erklärt er den Wunsch nach der Loslösung von seinem Körper.

Das Konzept der Singularität wird auch in „World Brain“ thematisiert: Kevin Warwick ließ sich gemeinsam mit seiner Frau Elektroden in den Unterarm implantieren, die durch Verbindung ihrer Nervensysteme, die Übertragung körperlicher Impulse ermöglichten. Die Verbindung zweier Gehirne, bzw. das Empfinden der Impulse und Signale eines anderen Körpers im eigenen Gehirn, das könnte eine neue Art der Kommunikation vieler Menschen gleichzeitig ermöglichen. Die Datafizierung der Welt wäre dann an ihrem Zenit angelangt. Körper wären obsolet, unserer Software könnte eine neue Hardware gegeben werden und Johnny Depp tatsächlich (wie in diesem Film) ins Internet transzendieren. Oder vielleicht kommt doch alles anders, wir bleiben, wer wir sind. Und treffen uns an langsamen Sonntagen zum Kaffee in der „Digital Eatery“ von Microsoft.

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