Leseliste 11. Juni 2017 – andere Medien, andere ThemenKonsumnation Deutschland, einsamer Trump, Walt Mossberg und Umsonst-Illusion

Leseliste-11062017-lede

Foto: Unsplash

Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Vorreiter des Konsums

Wir wollen die Meere schützen, sind Vorreiter der Klimaschutzpolitik und versuchen ja sowieso alles besser, weil nachhaltiger zu gestalten. In den Köpfen der meisten oder mindestens vieler Menschen ist bereits angekommen, dass unser Lebensstandard höher ist, als unsere Welt auf Dauer vertragen kann. Schön und gut. Bringt nur nichts, wenn Haltung und besseres Wissen keine Konsequenzen im alltäglichen Handeln mit sich bringen. Während Leistungsprinzip und florierende Wirtschaft gern zum positiven Selbstverständnis eines Landes gehören, spart man das Gegenüber dabei geflissentlich aus: den Konsum. Der ist nämlich ungebrochen problematisch.

„Das erste Problem einer wirksamen Konsumkritik liegt nicht darin, dass sie es mit mangelndem Bewusstsein zu tun hätte. Falls doch, dann bräuchte es "nur" Aufklärung. Das Problem ist eher, dass Hochkonsumkulturen auf einer Art kollektiven Akt der Verdrängung beruhen, auf der schlichten Tatsache, dass das Lustprinzip in der Regel das Realitätsprinzip aussticht.“

Wir sind Konsumnation

trump

photo credit: Gage Skidmore Donald Trump via photopin (license)

Einsame Spitze

Die Autorin Rebecca Solnit hat ein Essay über Donald Trump geschrieben, das sich der Psyche des Präsidenten auf sehr interessante Weise nähert: Als Kind, das alles bekam, als Mensch, der sich alles nahm, was er sich nehmen konnte, fehlt einem Trump jegliches Korrektiv; er ist gar nicht in der Lage, eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch, gut und böse, hilfreich und fatal zu treffen. Menschen, die es wie Trump an „die Spitze“ geschafft haben, leben in einem Raum ohne Gravitation, schweben dahin in ihrer völligen Selbstvergessenheit. Am Ende stürzen sie ab – und die Gefahr besteht, dass sie viele mit in den Abgrund reißen.

„When you don’t hear others, you don’t imagine them, they become unreal, and you are left in the wasteland of a world with only yourself in it, and that surely makes you starving, though you know not for what, if you have ceased to imagine others exist in any true deep way that matters.“

The Loneliness of Donald Trump

Walt Mossberg - LL-11062017

Foto: YouTube

Mossberg geht, der Computer auch

Er war eine der wichtigsten und einflussreichsten Stimmen des Tech-Journalismus. Und wird es immer bleiben, auch wenn Walt Mossberg jetzt in den verdienten Ruhestand geht. Seit 1991 schrieb er jede Woche eine Kolumne über Technik und Gadgets. Keine Faktenhuberei, kein langweiliges und überflüssiges Herunterbeten von Spezifikationen. Als Mossberg 1991 begann, setze er es sich zum Ziel, den Siegeszug des Digitalen und der Gadgets mit allen was dazugehört in ganz einfachen Worten zu erklären und einzuordnen. Immer aus der Sicht des „ganz normalen Menschen“, also nicht aus der besserwisserischen Insider-Perspektive. Das tat er erst beim Wall Street Journal und später dann bei Recode und zuletzt auch bei The Verge. Auf den „Code“- und „All Things D“-Konferenzen hat er gemeinsam mit Kara Swisher das gesamte Silicon Valley mehrmals hoch- und runterinterviewt. Mark Zuckerberg bekam einen Nervenzusammenbruch, Steve Jobs und Bill Gates piesackten sich gegenseitig. Mossberg ist eine Legende. Und nun hört er auf. Da passt es ins Bild, dass er sich in seiner letzten Kolumne mit der Zukunft des Computers bzw. seinem Verschwinden aus unserer Realität beschäftigt. Tastatur und Bildschirm: Das ist nicht für die Ewigkeit. Lesenswert. Wie alles, was Mossberg je aufgeschrieben auf Bühnen gefragt oder in Podcasts gesagt hat.

„I expect to see much of this new ambient computing world appear within 10 years, and all of it appear within 20.“

Mossberg: The Disappearing Computer

kostenlos

Foto: FotoDB.de Kostenlos via photopin (license)

No free lunch

Kinder, lasst es euch gesagt sein: In dieser Welt gibt es nichts umsonst, gratis oder kostenlos. Es hängt ein unsichtbares Preisschild dran an allem, was da draußen auch angeboten werden mag. Auch an den Dingen, die einem scheinbar geschenkt werden. Für die wird nämlich wenigstens „Wohlverhalten und Zustimmung, Anpassung, Gefolgschaft und Widerspruchslosigkeit“ als Gegenleistung gefordert, so der Brand-Eins-Chefkolumnist Wolf Lotter. Einen wertkonservativen Text hat er da für die Heftausgabe Juni 2017 geschrieben, der historisch weit ausholt, um zu erklären, warum die heutige „Umsonstkultur“ eine große Illusion ist, von sich in den Bankrott schenkenden Stämmen und Römern bis zu Bochumer Erwachsenen, die im dortigen Stadtpark den Kindern die Ostereier klauen. Lotter erklärt, Trump hin oder her, warum ein „good old deal“ für beide Seiten gut ist. (Der Flattr-Stand für den Beitrag war bei Redaktionsschluss übrigens Null).

„Die Umsonstkultur blüht, wo das Gefühl der Benachteiligung allgegenwärtig und längst zur klassenlosen Unsitte geworden ist – ganz unabhängig von den realen Einkommensbedingungen. Was treibt Leute dazu, in der Business-Class-Lobby am Flughafen regelmäßig die Kleiderhaken aus den Waschräumen abzuschrauben und einzustecken?“

Wertsachen

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Bartellow, Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly, James McAlister und XXX

Für mehr politische Haltung im TechnoGunnar Haslam im Interview