App der Woche: Trainspottr.fmFacebook wird zur Jukebox

Trainspottr lead

Wie wäre es eigentlich, wenn man Facebook auf nur eine Art von Information reduzieren könnte? Sich das, was einen nicht interessiert, konsequent ausblenden und sich das soziale Netzwerk fortan nur noch für seine größte Leidenschaft oder eine berufliche Notwendigkeit nutzen ließe? Die App „Trainspottr.fm“ macht genau das: Sie verwandelt die blaue Seite in eine Playlist. Für Musik und Podcasts.

„Ich bin ja nicht mehr bei Facebook.“ Das sage ich allen, die sich wundern, warum ich Veranstaltungen verpasse, mich in Gruppen nur mit Stillschweigen „beteilige“, nichts herze, nichts teile. Ich bin ja nicht mehr bei Facebook. Was natürlich gelogen ist, denn ich brauche mein Konto bei Zuckerberg. Einerseits, um den Kanal dieses Magazins zu bespielen, andererseits – wichtiger – im Messenger die Kommunikation mit einigen wenigen Menschen aufrecht zu erhalten, die – wie früher bei MySpace – denken, das Prinzip E-Mail sei mit der Erfindung des sozialen Netzwerks abgeschafft und Apps wie Slack oder iMessage nie erfunden worden. „Meinen“ Feed hingegen ignoriere ich komplett. Ich ertrage das nicht, will mich damit nicht beschäftigen. Dass ich dabei Dinge verpasse, wichtige Dinge mitunter, ist mir egal. Und dass mir das egal ist, ist eine der besten Entscheidungen, die ich in den vergangenen Jahren getroffen habe. Und natürlich schon wieder eine Lüge.

Trainspottr.fm screenshot

Denn ich kann es mir in meinem Job eigentlich gar nicht leisten, diese Informationsmaschine zu ignorieren. Hier kommt die App „Trainspottr.fm“ ins Spiel. Der Entwickler Maximilian Clarke hat sie sich ausgedacht und programmiert. Das Programm – aktuell nur für das iPhone zu haben – filtert jedwede Posts aus dem Newsfeed, in denen Musik gepostet wird. Ganz einfach organisiert, vorbei an allen Facebook-Algorithmen, einzig basierend auf den eigenen „Freunden“ und deren neusten Einträgen. Alles, was via YouTube oder Soundcloud bei Facebook reingekippt wird, taucht hier auf und kann sofort gehört, aber auch bewertet werden. Wer tiefer graben will, kann sich die Seiten der Einsteller, aber auch die Medienquelle im Detail ansehen. Sehr praktisch.

4/4 Redux

Denn hat man sich von einer Plattform wie Facebook bewusst abgekapselt, vergisst man überraschend schnell, mit wem man sich hier ursprünglich mal verdrahtet hatte, was diese Menschen in den letzten Monaten selbst so musikalisch getrieben haben bzw. was sie goutieren. Neue Stücke, alte Klassiker, skurrile Entdeckungen: All das, was Facebook so wichtig macht, ist plötzlich wieder verfügbar, minus dem social pressure, den dämlichen und überhaupt nicht witzigen Videos und den unerträglichen Kommentaren.

Trainspottr.fm screenshot 02

Natürlich hat „Trainspottr.fm“ Grenzen. Die Facebook-API ist brillant aufgebohrt, auf die Schnittstellen bzw. deren maximale Möglichkeiten von YouTube und Soundcloud hat Clarke keinen Einfluss. Läuft ein YouTube-Clip in der App und man macht sie zu, stoppt die Musik. Google will das so, dagegen ist kein Code-Kraut gewachsen. Offlinen lässt sich natürlich auch nichts, aber das ist alles nicht weiter schlimm. Die App löst das ein, was Facebook verspricht: snackable content, nur eben mit dem klaren Fokus auf die Musik bzw. auf Podcasts; gut gelöst und fein anzusehen.

Trainspottr.fm gibt es im App Store.

Leseliste 10. Juli 2016 – andere Medien, andere ThemenRechte wie Linke, NSA-Hacker, Panflöten-Massaker und Wolfram Siebeck

Mix der Woche: Massimiliano Pagliara – UV Podcast 043Fluffig und drückend, wie ein Sommergewitter mit Acid