Podcast-Kritik: CaliphateDie New York Times auf Spurensuche: Was bleibt vom so genannten Islamischen Staat?

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Es ist ruhig geworden um den so genannten, scheinbar besiegten Islamischen Staat, verdächtig ruhig. Der New-York-Time-Podcast „Caliphate“ ist kein Rückblick, wie er dieser Tage nur allzu schnell auf vermeintlich erledigte – und somit historische – Geschehnisse vorgenommen wird: Er bringt uns den IS und sein „Kalifat“ geradezu viszeral nahe und konstatiert vor allem, dass er immer noch da ist. Und zwar überall.

Irre wirkten sie, die PR-Bilder des so genannten Islamischen Staats: vermummte Männer auf Geländewagen, in Zeitlupe, schwere Waffen haltend, als Tonspur theatralische Musik und Siegesformeln. Sie sind ziemlich verschwunden aus unseren Medien, diese Bilder. Auch die Wikipedia-Chronik der salafistischen Terrormiliz lässt vermuten, dass der Kampf beendet und der IS besiegt sei. Insofern könnte man bei der Überschrift „Caliphate“ vorschnell denken: Aha, wieder so eine Revue. Insbesondere Netflix ist nur allzu schnell darin, über soeben erst Geschehenes historisch anmutende Dokumentationen, oft aus eigener Produktion, rauszuhauen, in der Doku-Kategorie des Streaminganbieters finden sich hierzu zahlreiche Beispiele.

Aber das hier ist nicht Netflix. „Caliphate“ ist zum einen Audio und zum anderen eine Produktion der New York Times. Der Podcast war wie das Textangebot des Hauses zunächst kostenpflichtig, jetzt ist er frei verfügbar. Die mehrfach ausgezeichnete Journalistin Rukmini Callimachi, ausgewiesene Mittlerer-Osten- und IS-Kennerin mit vielen Verbindungen im Irak und anderen Ländern der Region, legt einen zehnteiligen Podcast vor, der vieles zugleich ist: investigative Reportage, Erklärstück, (Selbst-)Reflexion, Ausblick. Callimachi und Andy Mills, der den Podcast auch produziert hat, gehen dabei der Ausgangsfrage nach: Who are we really fighting? Wer sind die Menschen, die hier gegen „uns“ kämpfen? Schnell wird klar: Der IS, der ist nicht dort, im von den USA so fernen Mittleren Osten, der ist auch hier. Seine Mitglieder hat die Terrororganisation bekanntlich großenteils mitten in den so genannten westlichen Gesellschaften rekrutiert, genauer: Sie sind zu ihm gekommen. Der IS ist – Wortlaut aus dem Podcast – die Inkarnation eines Krieges, den die USA und die „freie Welt“ seit 20 Jahren kämpfen. Und heute, so konstatiert Callimachi, gibt es mehr Terroristen, mehr terroristische Angriffe, als vor dem 11. September 2001.

All das ist nicht unbekannt. Doch „Caliphate“, und das ist die Stärke des Podcasts, ist dichter dran. Man hört Terroristen/Krieger/Menschen sprechen. Beispielsweise einen jungen Mann, eines 23-jährigen Kanadier mit dem nom de guerre Abu Huzaifa al-Kanadi, der zu einer der Hauptfiguren des Zehnteilers wird. Er berichtet davon, wie er sich zum Kampf berufen fühlte, angewidert von der westlichen Dekadenz, wie er ins Kriegsgebiet kam, im Namen des IS tötete, Gewissenskonflikte und Zweifel bekam, floh, nach Nordamerika zurück kehrte. Callimachi und Mills sprechen mehrfach mit dem Mann. Zwischendurch wirkt es fast vertraut zwischen den Dreien, ohne jedoch distanzlos oder unkritisch zu werden. Man hört die Stimme eines im Irak verhafteten Kriegers und des jungen, per Telefon hinzugeschalteten Mädchens, welches er als Geisel-Frau hielt – Alert: Es ist für den Hörer kaum zu ertragen, ebenso die Wiedertreffen von anderen verschleppten Mädchen mit ihren Familien, bei denen Callimachi und Mills zugegen sind. Man lernt die Familie eines „IS-Beamten“ kennen, dessen Unterlagen die Journalisten bei vor-Ort-Recherchen in Mosul, beim Wühlen in den Trümmern, finden.

Hier wird es derart spannend, dass man sich fast in einem fiktionalen Stück wähnt. Ist das gut? Ja. Diese von „Caliphate“ erzeugte Suspense, ein aus Sicht des Distanz wahren wollenden Journalismus eigentlich eher kritisch einzuordnendes Stilmittel, das in zahllosen, unsäglichen Real-Enactment-Dokumentationen audiovisueller Natur zum Einsatz kommt, sie vergegenwärtigt den Sachverhalt im wörtlichen Sinne: Das ist echt, das ist real, jetzt. Auch die zunächst etwas überdidaktisch wirkenden Dialog-Aufmacher der beiden Journalisten – Kannst du mir sagen, was wir sehen? Was machen wir jetzt? – erweisen sich als gelungener Weg, den Hörer eng zu führen. Die Akustikuntermalung trägt mit bisweilen cineastischer Anmutung ihren Teil dazu bei, für manchen Geschmack vielleicht manchmal etwas zu sehr.

Caliphate schafft es, die unermüdliche Arbeit einer Journalistin an ihrem Thema in ein Hörstück zu überführen, das in sich zwar abgeschlossen ist, doch nicht darüber hinweg täuscht: Das ist nicht das Ende. Der so genannte Islamische Staat ist nicht Geschichte. Er ist jetzt überall, ein Teil unserer so genannten westlichen Gesellschaft, weil viele seine Mitglieder aus ihr kommen. Da kann ein irrlichternder Präsident noch so viele muslim bans verordnen: Der Sturm, den er ernten wird, ist Ergebnis des Winds, den seine Vorgänger gesät haben.

„Caliphate“ gibt es in der Podcast-App eures Vertrauens, auf Spotify und bei der New York Times.

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