„Es wird immer schwieriger, ein gutes Stück Musik zu schreiben“Interview: Pole über sein neues Album „Wald“

Pole - lead - full

Alle Fotos: Filipe Marques

Von Salamandern, Wurzeln, Käfern, Fichten, Kautzen und Eichelhähern: Nach acht Jahren Pause hat Stefan Betke wieder ein Album aufgenommen. „Wald“ beweist: Pole ist und bleibt einer der wichtigsten Querdenker in der elektronischen Musik.

Stefan Betke ist eine Institution. Ende der 1990er-Jahre tauchte er in Berlin auf und setzte mit seinen Alben „1“, „2“ und „3“ eine Punktlandung in der damals in alle nur möglichen Richtungen zerfasernden elektronischen Musik. Seine sanft rauschenden und pointiert knackenden Stücke waren dystopisch-einladende Dub-Miniaturen, fokussiert auf eine klare sonische Unschärfe, mit tiefen Bässen, kurzen und prägnanten Chords und reichlich Raum für Notizen, für das Assoziative, das allzu oft von den Bassdrums einfach weggedrückt wird. Zusammen mit Barbara Preisinger gründete er das Label ~scape, kooperierte mit HipHop-Künstlern, war gefragter Remixer

und Produzent. In seinem Berliner Studio ist er seit Jahren als Mastering-Engineer und Vinyl-Schneider tätig. Nach drei EPs zum Thema „Wald“ (die Waldgeschichten-Trilogie) hat Betke nun wieder ein Album gemacht. Das heißt zwar auch „Wald“, ist als Stichwortgeber aber nicht weiter wichtig, sagt Betke. Viel wichtiger ist, dass ihm nach so langer Zeit wieder eine Sammlung von Stücken gelungen sei, die es wert sind, veröffentlicht zu werden. Die Schnelllebigkeit der von Festival-Wahnsinn und Release-Flut getriebenen Szene der elektronischen Musik macht Betke Sorgen. Daran aktiv teilhaben will er schon lange nicht mehr.

Eigentlich hätten wir uns ja im Wald treffen müssen.
Ich war schon immer ein Spaziergänger. Gerne auch in der Stadt, aber aktuell ist es der Wald. Wenn ich die Wahl habe zwischen Bahn, Fahrrad, Auto oder zu Fuß: Dann gehe ich.

Ich finde den Wald als neue Komponente oder Metapher im Pole-Kosmos interessant. Dein Sound war immer geprägt von Reduktion und einer fast schon strategischen Planung, hat aber auch etwas sehr Warmes, dass das kontrastiert hat. Da passt die Natur gut rein.
Man sieht ja auch viel mehr, wenn man läuft. Das ist ganz wichtig. Davon war meine Musik schon immer beeinflusst. Früher aber habe ich mich eher in der Stadt herumgetrieben. Da eignet sich Berlin besonders gut, weil hier so viele unterschiedliche Dinge auf engem Raum zusammenkommen. Breite Straßen, einmal um die Ecke die Bauruine. Das ist für mich eine Form von Dub, weil es ja nichts anderes ist als eine Form der Räumlichkeit. In der Stadt gibt es so viele horizontale und vertikale Verschiebungen in der Architektur, das ist schon sehr dschungelig. Die Natur als Kontrast zieht sich schon seit längerem durch meine Musik, ich habe das ja auch auf dem Album „Steingarten“ schon im Titel thematisiert. Das ist das große Pole-Thema. Planung vs. Entschleunigung. Genauigkeit, Dinge entdecken, die ich bislang noch nicht verarbeitet hatte. Gleichzeitig will ich aber auch an der „großen Geschichte" weiterschreiben und mich nicht komplett musikalisch drehen. Also nicht Techno auf dem einen Album, HipHop auf dem nächsten. Ich hoffe, mir ist das auch mit „Wald“ wieder gelungen.

„Instrumentalmusik ist immer konstruiert.“

HipHop hast du ja aber schon gemacht.
Das war nicht mein bestes Album. Das lag komplett an mir und nicht etwa an Fat Jon, mit dem ich die Platte ja zusammen gemacht habe. Mir ist die Symbiose aus HipHop und Dub einfach nicht überzeugend genug geglückt. Der Platte fehlt so eine gewisse Dreidimensionalität.

Oder ist Stefan Betke ein Einzelkämpfer?
Überhaupt nicht. Ich würde sofort wieder mit einer Sängerin oder einem Sänger zusammenarbeiten, wenn es denn die Stücke hergeben. Bei „Wald“ hatte ich nicht das Gefühl, dass Vocals den Tracks noch etwas hätten hinzufügen können, etwas Essentielles.

Ich frage das, weil: Pole – die Musik – ist ja auch immer irgendwie zickig.
Na klar. Weil es eben konstruiert ist. Und genau das ist das Problem, das ich schon immer mit Instrumentalmusik hatte. Da ist Musik, aber kein Überbau, keine Message. Das wird immer dazu erfunden, meistens hinterher, sind lediglich Platzhalter. Bei mir auch. Ob das nun „Kirschenessen“ auf dem ersten Album war oder jetzt aktuell der Wald als Thema. Mit der Musik hat das rein gar nichts zu tun. Der Wald schafft für mich im Kopf den Raum, um die Musik zu machen. Das ist rein pragmatisch. Nennen kann man es auch völlig anders. Dass meine ersten drei Alben einfach 1, 2 und 3 hießen, das war die beste Entscheidung überhaupt. Leider bin ich zu früh davon weg. Der Wald als thematischer Platzhalter fällt interessanterweise auch schon jetzt total auf mich zurück. Journalisten und Rezensenten fragen und schreiben mehr über den Wald, das Phänomen Wald, als über die Platte. Wolfgang Voigt kommt auch immer wieder vor. Ich hatte gehofft, dass sich mein Humor mittlerweile rumgesprochen hätte. Und meine Zickigkeit.

Pole - 1 (1998)

Paula

Berlin

Kirschenessen

Pole - 2 (1999)

Huckepack

Streit

Stadt

Pole - 3 (2000)

Karussell

Überfahrt

Klettern

Menschen brauchen Geschichten.
Und die sind bei Instrumentalmusik schwieriger zu transportieren, als wenn Vocals im Spiel sind. Man braucht mehr Zeit, um die zu entdecken. Und natürlich hat die niemand mehr. Da geht sie hin, die Entschleunigung. Das ist ja im Club- und Festival-Betrieb so. Gebucht wird auf Nummer sicher.

Popmusik hat gewonnen, das ist klar. Auf eine ganz hinterfotzige Art.
Absolut. Aber auch das ist eigentlich nichts Neues. Nicht nur in der Musik, das Gleiche gilt ja auch für die Literatur, die Kunst, das Design. Oder auch für die Gentrifizierung.

Du hast das jetzt sehr lange beobachtet und nichts veröffentlicht. Was hat sich für dich in den acht Jahren seit deinem letzten Album verändert oder: Was hast du beobachtet?
Nichts.

„Mit dieser Platte bekomme ich keine 250 Bookings. Will ich auch gar nicht.“

Ach, c’mon!
Ich bin nicht der einzige, dem es so geht. Ich saß beim letzten Mutek-Festival auf einem Panel; mit Kode9, Medienwissenschaftlern und anderen Musikern. Das Thema der Diskussion war „Epiphany“, also die Erleuchtung. Was bei uns allen, und das stellte sich ganz schnell heraus, nichts anderes bedeutet als: Warten. Darauf, dass etwas passiert. Wenn man in irgendeiner Art und Weise kreativ arbeitet, muss man diese Wartezeit geschickt nutzen. Sich nicht zwingen, etwas zu erschaffen, nicht frustriert sein, sondern das Warten positiv interpretieren und nutzen. Aufmerksam durch die Welt gehen. Ich habe das mittlerweile gelernt. Diese Geduld. Ich muss nicht jedes Jahr eine Platte machen, ich mache mir einfach keine Gedanken mehr darüber, ob mich die Leute in den acht Jahren vergessen habe und ob ich noch Gigs bekomme. Ich finde, es wird immer schwieriger ein gutes Stück Musik zu schreiben. Vielleicht weil man älter wird, gesättigter ist, es schwieriger wird, sich abzugrenzen. Mit Musik, die in zehn Jahren auch noch etwas wert ist. Da habe ich lange sehr intensiv mit mir gerungen, aber jetzt geht es.

Pole Wald Cover

Wie entwickelt sich diese Haltung?
Ich bin natürlich einerseits nicht ausschließlich auf die Musik angewiesen. Ich habe mein eigenes Mastering-Studio, also ein zweites Standbein. Aber selbst in diesem Geschäft merkt man, wie immer alles schneller gehen muss, hektischer wird und zum Teil auch wirklich chaotisch. Das tut der Musik nicht gut. Wenn man sich zu sehr verpflichtet fühlt, das Rad am Laufen zu halten, damit man weiter davon leben kann. Mit Platten geht das ja ohnehin nicht mehr, also geht man noch öfter auf Tour oder legt auf. Das lässt uns dann noch weniger Zeit, ein wirklich gutes Stück Musik zu machen. Genau dagegen habe ich mich entschieden. Als entsprechend weit draußen empfinde ich aber selbst meine neue Platte. Damit bekommen ich keine 250 Bookings für 2016. Will ich ja aber auch gar nicht. Meine Musik ist dafür auch einfach zu still, um in dieser Festival-Industrie überhaupt funktionieren zu können. Aber Abwechslung wird in diesem Geschäft meinem Empfinden nach sowieso nicht gerne gesehen. Das ist zu verwirrend.

Es ist alles irgendwie sortenrein. Alles klingt gleich, alle sehen gleich aus.
Never change a running system. Aber sahen wir vor 20 Jahren mit unseren UR-Hoodies nicht auch schon alle gleich aus?

Totschlagargument. 1:0 Pole.
Mir fehlt aber trotzdem etwas im Vergleich zu früher. Die Lebensfreude. Wir standen früher zwar auch gerne in den Ecken rum und haben über die DJs gelästert, aber heutzutage nehmen sich alle so unglaublich ernst. Das verstehe ich nicht. Immerhin sind die Haarschnitte heute besser.

Wo steckt die Lebensfreude in deiner Musik?
In meiner verqueren Denke, würde ich sagen. Wie ich wann wo und warum Breaks setze, die dann natürlich auch gar nicht funktionieren, wie ich für meine Musik eigentlich sehr ungewöhnliche Elemente auf der neuen Platte einbaue, so zerrende Melodien zum Beispiel. Das ist für mich Lebensfreude. Dafür muss man mich und meinen Humor natürlich auch kennen. Witzige Musik ist es natürlich dennoch nicht.

Witzige Musik ist eh das Schlimmste. So witzig witzig. Das braucht man nun wirklich nicht.
Aber was braucht man?

Das ist eine Frage, die man nicht stellen darf, finde ich. Es geht immer um das eigene Gefühl. Eine Platte zum Beispiel fertigzumachen und dann damit leben zu können: Das ist doch schon wahnsinnig viel wert, oder?
Stimmt, da hast du Recht.

Pole 03

Du bist als Mastering-Engineer sehr gut im Geschäft. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man sich den ganzen Tag mit Musik auseinandersetzt, die man im Zweifel noch nicht mal besonders gut findet, und sich dann zum Feierabend den eigenen Tracks widmet. Wie geht das?
Wenn man Musik nicht mag, muss man sich darauf besinnen, dass Mastering eine Dienstleistung ist. So etwas kann auch mal weh tun.

Leiser machen geht ja nicht.
Leider, leider, nein. Aber ich komme da gut mit klar. Du musst dich als Engineer natürlich mit der Musik beschäftigen. Unser Job ist extrem musikalisch, man muss sich in die Musik reindenken. Wer nichts von Techno versteht, sollte auch kein Techno mastern. Wird eh nichts. Kontinuierlich mit Musik konfrontiert zu sein, ist aber tatsächlich nicht gerade zuträglich für die eigene Produktion. Als ich noch in einem anderen Studio gearbeitet habe, gab es HiFi-Anlagen-Verbot, sobald ich nach Hause kam. Das wurde dann wieder besser, im Moment eher wieder schlimmer. Aber ja: Ich höre selten privat Musik. Ich beschwere mich aber nicht, im Gegenteil. Ich will mit Musik arbeiten. Viele Kollegen suchen sich ja bewusst einen Job, der gar nichts mit Musik zu tun hat. Das wäre nichts für mich.

Was ist denn der nächste musikalische Platzhalter bei Pole? Nach dem Wald?
Ich wollte mal Tauchen lernen.

Ah! Pole ist Drexciya!
Ich würde ja am allerliebsten etwas machen, wo man das alles gar nicht mehr braucht. Kein Cover, keinen Titel, kein gar nichts. Einfach Musik machen, pressen und fertig. Das gesamte Drumrum verschwindet. So müsste man die Musik hören und sich die Geschichte selbst ausdenken. Geht natürlich nicht so richtig gut.

Naja, das hast du doch in der Hand.
Hmmm, muss man sich eben auch leisten können. Wenn sich „Wald“ fünf Mal verkauft, dann kann ich die nächste ja genau so machen.

Pole, Wald, ist auf Pole Music/Kompakt erschienen.

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