Die Blockbuster des zweiten Quartals 2014: Teil 1Transformers 4 - Noah - The Amazing Spider-Man 2 - Godzilla

Foto: Paramount Pictures

Unser Filmredakteur Sulgi Lie hat sich wieder die Blockbuster der aktuellen Saison angeschaut. Er sah sinnfreie Zerstörung allerorts, anti-feministische Tendenzen, teilnahmslose Helden - und faszinierende Bösewichte.

Transformers 4

„This is not war. It’s extinction“, so droht uns die Tagline von „Transformers 4“ mal wieder mit dem totalen Untergang. Wohl wahr, denn Regisseur Michael Bay löscht den Blockbuster gründlich mit seinen eigenen Mitteln aus: An dem vierten Aufguss des Sci-Fi-Robot-Pornos zeigt sich symptomatisch, wie der endlose Zwang der orgiastischen Spektakelakkumulation eben nicht mehr im orgasmischen Mehrwert der Lust, sondern in einer lähmenden Langeweile mündet, die jeden Spaß durch und durch abtötet. Angesichts der paralysierenden Orgie der Zerstörung, die „Transformers 4“ im planetarischen Maßstab zelebriert, trifft auch Adornos spaßfeindliches Bonmot vom kulturindustriellen „Stahlbad des Fun“ längst nicht mehr den Punkt – denn jeder Fun wird von dieser terroristischen Blockbuster-Kriegsmaschine ausgelöscht.

Der Overkill der digitalen Spezialeffekte bombardiert die Audiovision bis zu dem Punkt, an dem die Sättigung gleichsam zum Erbrechen führt.

Wie ein gefräßiges kleines Kind, das sich den Bauch bis zum Platzen vollschlägt, stopft Michael Bay das 3D-Bild mit mutierenden Autobots, Decepticons und diesmal besonders grotesk mit Dino-Transformern voll, bis es irgendwann auch völlig egal ist, was man da gesehen oder gefressen hat. „Dinosaurier sehen und nicht gefressen werden“, so hat die Filmtheoretikerin Miriam Hansen einst den digitalen Realitätseffekt von Steven Spielbergs „Jurassic Park“ beschrieben, während 20 Jahre später tatsächlich das Gegenteil zu gelten scheint: „Dinosaurier sehen und gefressen werden.“
„Transformers 4“ ist ein Film, der nicht nur sich selbst auffrisst und die Unsummen des investierten Kapitals Bild für Bild in Schrott verwandelt, sondern auch das Gehirn des Zuschauers gleich mit verspeist. Mehr als ein Consumer-Robo-Hirn braucht es wohl auch nicht, um sich vom ultra-aggressiven Product Placement zum Kauf von Budweiser, Victoria´s Secret, Tom Ford etc. stimulieren zu lassen. Schleichwerbung, hätte man da früher gesagt, während bei „Transformers 4“ die Werbung ganz und gar mit dem Ausstellungswert des Films identisch geworden ist. Als ob das alles noch nicht genug sei, entpuppt sich Michael Bay auch noch als der sexistischste Regisseur Hollywoods, der seine militärgeile visuelle Trademark (die Slow-Motion-Untersicht auf waffenstrotzende Muskelkörper) nun noch um eine unverhohlen pädophile Variante ergänzt: Immer wieder fährt die Kamera von unten die langen Teenie-Beine von Nicola Peltz herauf, um dann auf ihren knappen Hotpants zu enden. Ein durch und durch korruptes Machwerk, nichts anderes ist „Transformers 4“.

Noah

Auch andere Blockbuster des vergangenen Quartals weisen leider die unangenehme Tendenz auf, in Michael Bay’scher Manier die „Ära des Untergangs“ zu verkünden. So auch der für faschistoide Exzesse eigentlich unverdächtige Darren Aronofsky, der mit seinem alttestamentarischen Krawallfilm „Noah“ einen ganz gewaltigen Schiffbruch erlitten hat.

Noah

Foto: Paramount Pictures

Aronofsky schwebte vielleicht ein Update des guten alten Monumentalfilms der 50er-Jahre vor, doch das Ergebnis ist unfreiwilliger Trash – aber ohne jeden Camp-Charme. Ohne den Lack einer aufgesetzten Artiness, die frühere Filme wie „Requiem for a Dream“ oder „Black Swan“ kunstgewerblich schick aufmotzte, bleibt nur bleischwere Ödnis übrig, so öd wie die Wüste, die Noah und seine Kleinfamilie zu Beginn bewohnen.
Der Terror der Kleinfamilie nimmt indes in „Noah“ eliminatorische Dimensionen an: Im Abwehrkampf gegen die feindlichen Massen, die auf Noahs Arche vor der Sintflut Zuflucht suchen, metzelt der bärig-bärtige Russell Crowe mithilfe von schlecht animierten, steinernen Viechern zigtausende Angreifer dahin.

Dass sich die industrielle Fantasie Hollywoods die Masse nur als digital auszulöschenden Schwarm vorstellen kann, ist spätestens seit den termitenhaften Zombies von „War of the Worlds“ als Bildemblem etabliert, wird in „Noah“ aber mit einem derartigen Vernichtungswillen vollzogen, dass einem Angst und Bange wird. Die Menschenmasse wird als ein Chaos imaginiert, das ausgemerzt werden muss, während die Tiermassen mit kleinbürgerlichem Ordnungssinn in Reih und Glied in die Arche strömen. Und zu guter Letzt wird in einer grotesken Fehlbesetzung der Stammbaum dieses wildgewordenen Ur-Kleinbürgers durch die schwangere Emma Watson gesichert, die sich als emotional übererregte Teenie-Mutter durch den Film chargiert.

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Foto: Paramount Pictures

Einmal als masturbatorische Porn-Fassung („Transformers 4“), das andere Mal in der mütterlichen Spießer-Version („Noah“), so der aktuelle Stand von Hollywoods Anti-Feminismus.

The Amazing Spider-Man 2

Etwas fortschrittlichere Geschlechterverhältnisse und weniger regressive Fantasien findet man in „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“, der nicht nur mit dem Real-Life-Paar Andrew Garfield und Emma Stone ein Paar auf komischer und tragischer Augenhöhe zu bieten hat, sondern mit Jamie Foxx als Electro auch einen faszinierenden Bösewicht. Umso besser der Bösewicht, umso besser der Film, hat Hitchcock einmal behauptet – eine Regel, die Blockbuster-Drehbuchautoren längst vergessen zu haben scheinen. Jamie Foxx als verzweifelter kleiner Angestellter, der sich nach seiner Kreuzung mit elektrisch mutierten Zitteraalen im wörtlichen Sinne zu einem Energiebündel verwandelt, ist das affektdynamische Zentrum des Films.

Aufladen und Entladen, Affizierung und Abfuhr – das sind die beiden Aggregatzustände von Electro

In einer tollen Szene saugt dieses Monster dem gesamtem Time Square den Strom ab und entlädt die Energie mit der Wut eines namenlosen Fans, der von seinem Superhelden-Idol ein wenig Anerkennung fordert.

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Jamie Foxx in "The Amazing Spider-Man 2". Foto: Warner Brothers

Godzilla

In seinen besten Momenten entfesselt der zweite Teil des Spiderman-Reboots eine Intensität von Motion und Emotion, die einem talentfreien Angeber-Film wie „Godzilla“ vollkommen abgeht. Nicht nur scheint auch Gareth Edwards nach seinem Indie-Erfolg „Monsters“ vom Michael-Bay-Syndrom befallen und lässt hochhausgroße Echsen und Flugtiere ohne Sinn und Verstand aufeinander losgehen, besonders ärgerlich ist sein Wille, mangelnde inszenatorische Intelligenz mit lächerlichen Pathosformeln zu kaschieren, wenn etwa ein Fallschirmabsprung vor glühendem Horizont mit Ligeti-Klängen zum erhabenen Rausch stilisiert werden soll.

Godzilla

Foto: Warner Brothers

Leider ist dieser Pseudo-Stilwille durch nichts, aber auch gar nichts motiviert: nicht durch den steril animierten Godzilla, nicht durch die besserwisserischen Anspielungen auf die atomare Allegorie der alten japanischen Filme und vor allem nicht durch die völlig gesichtslosen Helden – allen voran Schönling Aaron Taylor-Johnson, der mit kompletter Teilnahmslosigkeit durch den Film taumelt. Am Ende des Films soll Godzilla gar auf der Seite der Guten stehen, nachdem er im Kampf mit allerlei prähistorischem Getier die halbe Welt verwüstet hat, aber eigentlich ist auch dies scheißegal. Da sehnt man sich glatt nach Roland Emmerichs 90er Jahre „Godzilla“ zurück, der sich selbst zumindest nicht so ernst nahm wie sein streberhafter Nachfolger.

Teil 2 von Sulgie Lies Blockbuster-Rückblick gibt es hier.

PensumTexte zum Dancefloor, Juli 2014

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Henryk Górecki, Young Money und Common