Ökonomisiertes TrieblebenJake Gyllenhall als psychopathischer Kameramann in „Nightcrawler“

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Alle Fotos: Concorde.

Nightcrawler gehörte mit Sicherheit zu den interessantesten amerikanischen Filmen 2014. Nun erscheint er auf Video.

Was er hier mache, ruft der Polizist verärgert dem Mann mit der Kamera entgegen, der sich schlangengleich dem frisch Verhafteten nach einer Schlägerei nähert. „Freelance!“, antwortet Louis Bloom, ehemaliger Kleinkrimineller, beseelt vom Wunsch aufzusteigen, gerüstet mit allerlei Marketingstrategien aus einem Onlinekurs, einer Kamera und einem Polizeifunkempfänger. Wenn es Nacht wird in Los Angeles, begibt sich Bloom auf die Straßen und sucht die Unfallorte und Verbrechensschauplätze der Großstadt, Nachbarschaftstragödien und Gangkonflikte auf. Das Videomaterial verkauft er an einen mit seinen Quoten hadernden, reaktionären Fernsehsender, dessen Nachrichtensendung von einem Umgreifen der Gewalt aus den Ghettos auf reiche, weiße Suburbs erzählen möchte. Da die Realität nicht immer die spektakulärsten Tatorte liefert, beginnt Bloom unbemerkt, Vorgefundenes kamerawirksam zu drapieren und zu inszenieren. Eines Abends scheint Bloom dann seinen großen Coup gelandet zu haben: ein dreifacher Mord in einer Villa mit flüchtigen Tätern.

Dan Gilroys Regiedebüt ist ein L.A.-Thriller gespickt mit Verbeugungen vor den amerikanischen Filmvisionen perverser Großstädte, verquickt im Licht Edward Hoppers und dennoch kein reiner Pastiche, sondern Bestandsaufnahme von Produktivitätszwang und Effizienzsteigerung unter dem Label der persönlichen Selbstverwirklichung: Seine politökonomische Grundierung ist Nightcrawlers ausgesprochene Stärke.

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„Lou is inspiring all of us to reach a little higher.“

Nachdem Jake Gyllenhall in End of Watch unter der Regie von David Ayer als Kamera tragender Cop und ehemaliger Marine einen proletarischen Polizistenalltag in South Central L.A. schilderte, darf er in Nightcrawler nun praktisch den finsteren Widerpart seiner Rolle liefern. Mit Louis Bloom, den er großartig zwischen ödipaler Anbiederung und totalitärem Strafbedürfnis pendeln lässt, hält ein neuer Typus Unternehmer Einzug im schnellen Geschäft der Nightcrawler von Los Angeles. Sein Start-up, das nichtssagend „Video Production News“ getauft wird, setzt sich aus Bloom und dem ehemals obdachlosen Rick (bemitleidenswert: Riz Ahmed) als unterbezahltem Mitarbeiter zusammen. Trotz aller Lockerheit im Umgangston gleicht ihr Verhältnis einer feudalen Leibeigenschaft. Als Rick eine Gehaltserhöhung fordert, lässt Louis ihn die Höhe des Gehalts selbst vorschlagen. Rick beginnt zu stottern, wagt nicht, die von ihm gewünschten 100 Dollar pro Nacht zu fordern, fällt auf 50 und entscheidet sich für 75. Nach deren Besiegelung per Handschlag geht ihm auf, er hätte weit mehr verlangen können.
Die vorgebliche Attraktivität heutiger Arbeitsverhältnisse — konfliktbereinigt, lösungsorientiert und auf Basis eines kumpelhaften Miteinanders zwischen Chef und Angestellten bei variablen Arbeitszeiten — denunziert Nightcrawler genüsslich als perfide Verschleierung von Klassengegensatz und ungemildertem Leistungsdruck. So trägt Bloom (bloom für Jugendfrische und zugleich Schleierbildung) die Insignien all jener Kreativarbeiter, die der Job bis ins Private, ins Intime verfolgt: in die eigenen vier Wände oder die Lebenspartnerschaft.

Er tritt mit New-Balance-Sneakers auf das Gaspedal, trägt Ray-Ban, bindet sich das Haar zu jenem bei Männern in ihren 20ern so beliebten Zopfknoten und gibt für seine erste Kamera ein Individualrennrad in Zahlung.

Nina (Rene Russo), eine Angestellte des reaktionären Senders, erkennt Louis' Auge für das blutige Spektakel und wird mit dem Andauern ihrer Bekanntschaft und geschäftlichen Verbindung von Bloom auch zu sexuellen Boni neben seinem Honorar gezwungen. Tatsächlich schwebt Louis (abseits der Komponente der sexuellen Gewalt) ein absolut aktuelles Bild von Beruf und Beziehung vor. Was er deutlich macht, wenn er Nina mit unschuldigem Blick verkündet, dass er sich sexuellen Kontakt mit einer Arbeitskollegin ausdrücklich wünsche. Neue Trends wie non-alkoholische, dafür umso Yoga-lastigere-Pre-Work-Partys mit der Belegschaft, Arbeitsplätze in den eigenen vier Wänden oder ein gemeinsamer Workspace hätten ebenso gut auf seiner Wunschliste stehen können.

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Der bereinigte Screen

Der Film hat sich den Vorwurf eingehandelt, mit seinem Bezug auf TV und Quoten anstatt auf das Internet etwas unzeitgemäß zu wirken, doch dem Zuschauer ist gut daran gelegen, Nightcrawler mitnichten als Mediensatire zu lesen. Auch der Versuch, in Louis Bloom einen neuen Travis Bickle zu sehen, wie es einige Kritiker getan haben, scheint fehlgeleitet. Vielmehr bietet es sich an, Nightcrawler als eine Verbeugung vor klassischen Thrillern über soziale Entfremdung, visuelle Lust und den Realitätseindruck des photographischen Bildes zu betrachten, der jedoch einen leicht abweichenden Kern hat. Denn der Film scheint geradezu dazu verdammt, dem Thema, das sich ihm aufdrängt, so gut es geht abzuschwören. Die reibungslosen, konfliktlosen Verhältnisse in seinem Inneren gestatten es ihm schlichtweg nicht. Stattdessen präsentiert er — und das geschickt — die Thematiken seiner filmischen Vorbilder in Auflösung begriffen. In Nightcrawler ist zwar die Perversion das Setting, die Entsagung aber der bestimmende Ton, da das Begehren längst rationalisiert worden ist. Louis verrät Nina zwar, er habe einen Job gefunden, der ihm Vergnügen bereitet, vor allem jedoch betont er seine eigene Effizienz, die Koinzidenz, dass er gut darin ist.

Zwischen all dem Blut, den Einschusslöchern, drapierten Körpern und der sexuellen Nötigung, bleiben Rationalisierung und Produktivitätssteigerung der unbehaglichste Thrill von Nightcrawler — sie vereinnahmen selbst den Fetisch und intimste Körperregionen.

Das Geschehen auf der Leinwand bleibt immer seltsam steril und blank, genau wie Blooms roter Dodge Challenger, um dessen Lack er in ständiger Sorge ist. Dass das Kino als Dispositv im Allgemeinen und der Thriller im Besonderen sexuelle Perversion, Sadismus und Voyeurismus, deren Repression und rituelles Exerzieren als integrale Phänomene kapitalistischer Vergesellschaftung einmal ganz nonchalant auf der Leinwand verhandeln konnten, daran gemahnt der Film auf spöttische Weise. Die gewagtesten Sequenzen entfernt Bloom schließlich immer selbst aus seinem Material — er würde sich andernfalls denunzieren.

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Zum Finale wartet Nightcrawler mit einer handfesten Verfolgungsjagd auf und lässt Jake Gyllenhall seinen Dodge Challenger durch gecrashte Polizeiautos und Fluchtwagen manövrieren. Keine Materialschlacht und auch kein Friedkin’sches Meisterstück, aber mit dem richtigen Gespür für Tempo und physikalische Schwere. Und trotzdem: Selbst hier wird der Kontrollverlust beschnitten und wieder fixiert. Wo William Friedkin (The French Connection) früher kein Blech und Glas unversehrt gelassen hätte, steht am Ende Blooms Wagen ohne einen einzigen Makel auf dem Asphalt. Die Vorbilder von Nightcrawler, die wie der als urbane Kriminalität verkaufte dreifache Mord eigentlich die Gewalt und Irrationalität innerhalb der Refugien der herrschenden Klasse offenbarten, sind heute höchstwahrscheinlich nicht mehr möglich. Der Großstädter wie auch der Screen ökonomisieren ihr Triebleben nun bereitwillig selbst. Das ist Nightcrawlers schärfste Pointe.

Nightcrawler
USA 2014
Regie & Drehbuch: Dan Gilroy
Darsteller: Jake Gyllenhall, Rene Russo, Riz Ahmed, Bill Paxton
Kamera: Robert Elswit
Schnitt: John Gilroy
Musik: James Newton Howard
Laufzeit: 117 min
Jetzt auf DVD, Blu Ray und als VoD erhältlich

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