Universelle Weisheit, absolute IdiotieMit „Right Now, Wrong Then“ startet erstmals ein Film von Hong Sangsoo in Kinodeutschland

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Alle Fotos: Jeonwonsa Film Co.

Hong Sangsoo genießt unter Cinephilen Weltruf, ist hierzulande aber nahezu unbekannt, hat ihm die deutsche Lichtspielhaus-Industrie doch bisher wenig Beachtung geschenkt. Mit Right Now, Wrong Then läuft jetzt zum ersten Mal ein Film des koreanischen Regisseurs außerhalb der Filmfestival-Bubble. Tim Schenkl empfiehlt ihn dringend und rät außerdem dazu, sich noch möglichst viele weitere Werke Sangsoos anzuschauen – eine To-watch-Liste gibt es am Ende der Rezension.

Hong Sangsoo ist ein Phänomen. Seine bisher 17 Spielfilme feierten allesamt ihre Premiere auf renommierten Filmfestivals, er ist Stammgast in den Jahresbestenlisten wichtiger Filmpublikationen wie den „Cahiers du Cinéma“. Nicht nur die erste Garde der koreanischen Schauspieler, sondern in letzter Zeit auch internationale Stars wie Isabelle Huppert reißen sich darum, mit ihm zu arbeiten. Dennoch sind seine Arbeiten in seiner Heimat weiterhin relativ unbekannt. Und auch bei uns. Dies wird auch dadurch deutlich, dass in diesem Jahr mit Right Now, Wrong Then zum ersten Mal einer seiner Filme offiziell in den deutschen Kinos anläuft, wofür man dem kleinen Nürnberger Verleih Grandfilm nicht genug danken kann. Dass das deutsche Publikum bisher kaum eine Chance hatte, das Werk von Hong Sangsoo zu erschließen, ist auch mit Hinblick auf den Kinostart von Right Now, Wrong Then schade, da sich seine Filme stark aufeinander beziehen und sich viele Parallelen zwischen ihnen ergeben. Zwar funktioniert jeder einzelne auch für sich allein, bei der Rezeption verschiedener seiner Arbeiten offenbart sich jedoch ein Mehrwert.

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Repetition als Programm

Dass die Filme von Hong Sangsoo sich alle sehr ähneln, liegt vor allem daran, dass in ihnen immer wieder dieselben Figuren (Künstler, Intellektuelle und Filmschaffende) auftauchen und die Plots auch thematisch keine großen Unterschiede aufweisen. Zumeist steht eine simple Boy-Meets-Girl-Geschichte im Mittelpunkt, die eigentlich immer in einer Enttäuschung endet. Auch die Drehorte gleichen sich stark: Neben Stränden, Straßen und Tempelanlagen siedelt Hong Sangsoo seine Szenen mit Vorliebe in Universitätsräumen, Hotelzimmern, Kinos, Cafés und Restaurants an. Andere Örtlichkeiten kommen so gut wie nicht vor. Ein weiteres verbindendes Element sind die exzessiven Saufgelage, die in keinem seiner Filme fehlen dürfen. Meistens werden Soju und Bier getrunken, hin und wieder auch Makgeolli. Aus diesen Elementen baut der Regisseur dann den typischen Hong-Sangsoo-Kosmos, in dem männlicher Narzissmus unerbittlich aufgedeckt wird, Kommunikation geradezu zwangsläufig in betretenem Schweigen endet, Lachen und Weinen äußerst nah beieinander liegen und Blickkontakte immer wieder durch das In-den-Fokus-nehmen-des-Fussbodens vermieden werden.

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Hong Sangsoo erinnert an einen Songwriter, der im Grunde immer wieder dasselbe Lied schreibt. Seine Filme, die meisten kann man wohl als Komödien bezeichnen, mögen sich nur in Nuancen voneinander unterscheiden, doch durch die Repetition, durch die Ähnlichkeit vieler Szenen und Figuren stellt sich beim Betrachten eines jeden neuen Films sofort eine große Vertrautheit und Nähe ein.

Ein neues Werk des Regisseurs ist wie ein alter Freund: Eigentlich kennt man sich bereits und trotzdem lassen sich immer wieder spannende neue Facetten am Anderen entdecken.

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In Right Now, Wrong Then trifft der Regisseur Ham Chun-su (Jung Jaeyoung) in der südkoreanischen Stadt Suwon auf die junge Malerin Yoon Hee-jung (Kim Minhee). Bevor die Handlung beginnt, sind aufmerksame Zuschauer bereits über die Titelsequenz gestolpert, in der nicht „Right Now, Wrong Then“ zu lesen ist, sondern „Right Then, Wrong Now“. Warum dies so ist, wird man erst später erfahren. Chun-su soll in Suwon seinen neuesten Film präsentieren. Er ist aufgrund eines Missverständnisses jedoch einen Tag zu früh angereist und muss jetzt die Zeit totschlagen. Beim Besuch eines örtlichen Tempels lernt er Yoon Hee-jung kennen und überredet sie, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. Danach besuchen die beiden das Atelier der jungen Frau. Später wird Sushi gegessen und dazu natürlich jede Menge Soju getrunken, anschließend geht es noch auf eine kleine Party.

Kurze Zeit später bricht die Erzählung dann unerwartet ab. Es erscheint der richtige Filmtitel auf der Leinwand: „Right Now, Wrong Then“. Bei diesem handelt es sich um ein doppeldeutiges Wortspiel, ein weiteres Markenzeichen Hong Sangsoos, welches einerseits eine absolute Dringlichkeit suggeriert und anderseits dem Zuschauer zu verstehen gibt, dass er nun erzählt bekommt, was sich tatsächlich in Suwon abgespielt hat. Danach beginnt die Geschichte von Ham Chun-su und Yoon Hee-jung scheinbar wieder von vorne. Doch schnell wird deutlich, dass es sich bei den Geschehnissen auf der Leinwand nicht um eine reine Doublette, sondern um eine Variation des bereits Gesehenen handelt. Während Ham Chun-su im ersten Teil wie ein eingebildeter Hochstapler erscheint und er am Ende auf der Party von Freunden Yoon Hee-jungs als Lügner entlarvt wird, hält er sich im zweiten Versuch an die Wahrheit: Mit seiner ehrlichen Meinung über Yoon Hee-jungs Kunst stößt er ihr zwar vor den Kopf und sein „Geständnis“, verheiratet und Vater zweier Kinder zu sein, macht eine Beziehung der beiden nahezu unmöglich, bringt ihm jedoch den Respekt und die tiefe Zuneigung der jungen Frau ein.

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Aus dem Nichts

„Ich starte, ohne etwas zu wissen. Und mit diesem Ansatz versuche ich, Neues zu entdecken“, sagt Ham Chun-su in Right Now, Wrong Then. Nach genau demselben Motto verfährt auch Hong Sangsoo, der bereits seit vielen Jahren nicht mehr mit einem konventionellen Drehbuch arbeitet und stattdessen seine Szenen und Dialoge am Morgen des aktuellen Drehtages schreibt. Dadurch ist er in der Lage, sehr spontan auf aktuelle Beobachtungen und Geschehnisse einzugehen und diese in seinen Filmen zu verhandeln.

Bei Right Now, Wrong Then erhält dieses Verfahren eine besonders pikante Note. Wie man der südkoreanischen Regenbogenpresse entnehmen kann, begann der Regisseur während der Dreharbeiten eine Beziehung mit seiner Hauptdarstellerin und trennte sich kurze Zeit später für diese von seiner Ehefrau. Mit diesem Hintergrundwissen wirkt der Film wie ein zähes Ringen mit sich selbst, ein inneres Abwägen im Leinwandformat, wie eine Versuchsanordnung, in der mögliche Verhaltensweisen gegeneinander abgewogen werden – oder wie ein leicht perverses Spiel mit seiner Angebeteten.

Trotzdem ist Right Now, Wrong Then in erster Linie natürlich eine charmante und hinreißend lustige Komödie. Universelle Weisheit und absolute Idiotie stehen wie immer bei Hong Sangsoo gleichberechtigt nebeneinander, und Leben und Fiktion verschmelzen zu einem einzigen, sich stets wiederholenden Ganzen.

Right Now, Wrong Then
Kor 2015
Regie & Drehbuch: Hong Sangsoo
Darsteller: Jung Jaeyoung, Kim Minhee
Kamera: Park Hongyeol
Schnitt: Hahm Sungwon
Musik: Jeong Yongjin
Laufzeit: 121 Min.
jetzt im Kino

Wer das Werk von Hong Sangsoo näher kennenlernen möchte, dem seien zum Einstieg die folgenden Filme empfohlen:

Turning Gate (2002): Der Schauspieler Kyung-soo beginnt kurz hintereinander Verhältnisse mit zwei Frauen und bringt dadurch sein eigenes und das Leben anderer arg durcheinander.

Tale of Cinema (2005): Eine verschachtelter Meta-Film über das Kino, die Liebe und das Leben.

Woman on the Beach (2006): Der Regisseur Joong-rae fährt mit seinem Freund Chang-wook in einen kleinen Strandort, um dort an einem Drehbuch zu schreiben. Letzterer hat seine Freundin Moon-sook im Schlepptau. Gearbeitet wird am Ende wenig, dafür aber umso mehr getrunken.

In Another Country (2012): Eine von Isabelle Huppert gespielte Regisseurin macht Urlaub in der koreanischen Provinz. Dreimal beginnt der Film wieder von vorne, jedes Mal nimmt die Handlung einen anderen Verlauf.

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