Putting the War back in Star WarsFilmkritik: „Rogue One – A Star Wars Story“

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Alle Fotos: Walt Disney Studios

Endlich ist es soweit: Ein neuer Teil der Star Wars-Saga kommt in die Kinos, Auftakt einer Reihe von Spin-Offs zur beliebtesten Sternenstory des Universums. Kann der Film sein Publikum unterhalten, das doch schon weiß, was später alles passieren wird? Patrick Blümel hat „Rogue One – A Star Wars Story“ für uns vorab im Presse-Screening gesichtet.

„Wir möchten Sie im Namen des Kinopublikums herzlich bitten, in Ihren Filmbesprechungen Spoiler zu vermeiden, d.h. keine wesentlichen Handlungsstränge oder das Ende des Films zu verraten.“ So endet meine Einladung zur bundesweiten Pressevorführung von Rogue One – A Star Wars Story. Einem Film, mit dem Disney eine neue Reihe von Spin-Offs jener beliebten Weltraumsaga eröffnet, die seit knapp 40 Jahren ganze Generationen in ihren Bann zieht. Die Verwicklungen um die helle und dunkle Seite der Macht in einer weit, weit entfernten Galaxis sind heute popkulturelles Kollektivbewusstsein und bedürfen kaum weiteren Erklärungen. Zahllose Internetseiten, Wikis oder YouTube-Videos helfen uns dabei, immer auf den neuesten Stand zu kommen und in die unzähligen Handlungsstränge einzutauchen, die sich aus den Filmen, den animierten Serien oder den vielen Büchern und Comics ergeben. Jeder eingeschworene Fan weiß, dass Rogue One der Original-Trilogie aus den 70er- und 80er-Jahren vorangestellt ist und die Umstände ergründet, durch die die Rebellenallianz an die Pläne des Todesternes gelangt – jene tödliche Weltraumstation, die in Georg Lucas‘ erstem Film von 1977 ganze Planeten zu zerstören vermag und die mit Hilfe des angehenden Jediritters Luke Skywalker vernichtet wird.

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Unwillkürlich stellt sich mir die Frage: Was könnte man in einer Kritik an Grundlegendem vorwegnehmen, das der geneigte Kinobesucher und Filmfan nicht sowieso schon weiß? Nämlich dass die Rebellen die Pläne schließlich in die Hände bekommen und das böse galaktische Imperium in den folgenden Filmen zerschlagen? Ich erinnere mich an einen Kinobesuch im Jahre 1997, als die Geschichte eines Schiffes, das auf seiner Jungfernfahrt an einem Eisberg scheitert, für allgemeine Furore sorgte. Titanic von James Cameron nutzte geschickt ein historisches Ereignis als Rahmenhandlung für die Inszenierung einer größtenteils kitschigen und überdramatisierten Liebesgeschichte und hat damals sicherlich die eine oder andere Beziehung auf die Probe gestellt. Auch Star Wars ließ sich in der Vergangenheit leider durchaus auf eine Lovestory herunterbrechen. So wird Episode 2 vielen Fans sicherlich vor allem aufgrund der unsäglichen Turteleien zwischen Anakin Skywalker und Padme Amidala aufgestoßen sein. Was bringt Rogue One nun also Neues und vor allem Sehenswertes?

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Lasergeschütze und Weltraumschlachten

Im Vorfeld des Films gab es bereits zahlreiche Gerüchte und Prophezeiungen, die sowohl zu Begeisterungsstürmen führten als auch das Schlimmste befürchten ließen. So war etwa die Rede von Nachdrehs infolge von fehlendem Character-Development oder Mangel an Star Wars-Feeling. Die vorab gezeigten Teaser und Trailer versprachen auf der anderen Seite eine düsterere Tonalität, einen Kriegsfilm, in dem weniger die magisch-esoterische Welt der Jedi eine Rolle spielt als vielmehr die der Lasergeschütze und Weltraumschlachten. Im berühmten „Intro Crawl“ von Episode 4 heißt es noch recht unspektakulär, dass „es Spionen der Rebellen gelungen [ist], Geheimpläne über die absolute Waffe des Imperiums in ihren Besitz zu bringen, den TODESSTERN, eine bewaffnete Raumstation, deren Feuerkraft ausreicht, einen ganzen Planeten zu vernichten“. Was Regisseur Gareth Edwards in Rogue One nun allerdings präsentiert, ist alles andere als unspektakulär. Der Film verbindet nie gesehene Schauplätze und neue Charaktere mit dem bekannten Epos. Im Zentrum steht die Geschichte einer Gruppe durch das Schicksal (oder die Macht?) zusammengewürfelter Rebellen rund um die junge Jyn Erso (Felicity Jones). Als eine Art kleiner Rebellion innerhalb der Rebellenallianz, welche die Existenz des Todessterns zu diesem Zeitpunkt noch größtenteils anzweifelt, macht es sich die Gruppe zur Aufgabe, die geheimen Pläne des Todessterns zu stehlen. Der achte Star Wars-Film folgt dabei dem Prinzip von Die sieben Samurai, dem berühmten japanischen Historienfilm des Regisseurs Akira Kurosawa aus dem Jahr 1954, in dem ein von Banditen bedrohtes Bauerndorf sieben Kämpfer für dessen Verteidigung gewinnt.

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Rogue One versteht es auf gekonnte Weise, die Hintergründe um die Gewinnung der Pläne des Todessterns zur Erweiterung des altbewährten Star Wars-Franchises zu nutzen. Dabei setzt der Film jedoch nicht auf das Moment der Hommage wie etwa die im letzten Jahr erschienene Fortsetzung des Haupthandlungs-Strangs der Saga, J.J. Abrams’ The Force Awakens, sondern experimentiert stilistisch mit anderen Genres und unterscheidet sich gerade deswegen in großen Teilen von dem, was man bereits aus den anderen Filmen kennt. Die Anekdote aus dem „Intro Crawl“ wird zum Schauplatz neuer Geschichten, interessanter Charaktere und atemberaubender Kampfszenen ohne jegliche Sentimentalität. Bei der Action folgt Edwards dem von Abrams eingeschlagenen Weg und setzt auf vor allem auf „Practical Effects“, um die Atmosphäre der ursprünglichen Trilogie einzufangen. Leidet die Glaubwürdigkeit vieler außerirdischer Kreaturen in den Episoden 1 bis 3 noch unter den exzessiv eingesetzten CGI-Effekten, so begegnet man in Rogue One wieder Menschen in aufwendigen Latex- oder Fell-Kostümen. Verantwortlich dafür ist abermals Neal Scanlan, der bereits für seine Leistungen an The Force Awakens einen BAFTA-Preis gewann und für einen Academy Award nominiert war.

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Auch bei den Visual Effects wurde eine neue Richtung eingeschlagen: In Szenen, die während der Angriffe des Imperiums im Inneren der Raumschiffe spielen, benutzte der ausführende Produzent John Knoll ein neues Verfahren. Bislang wurden Außenaufnahmen meist auf Blue- oder Green-Screens projiziert, während das Raumschiff an einer kardanischen Aufhängung befestigt ist, um Bewegung zu simulieren. Knoll und sein Team hingegen bauten statt der Blue- oder Green-Screens eine gigantische Rundum-LED-Leinwand mit einem Durchmesser von über 15 Meter (bei sechs Metern Höhe) und bespielten sie mit Bildern, was diesen Szenen einen natürlicheren Look verleiht.

Kein Kinderfilm

Die zahlreichen Charaktere werden im Laufe des Filmes in kurzen Episoden auf individuelle Weise eingeführt und miteinander verwoben, um am Ende das Team jener nie erzählten Schlüsselszene im Kampf gegen das Imperium zu bilden. In den Rollen brillieren sowohl Hollywood-Größen wie Mads Mikkelsen, Forest Whitaker neben Rising Stars wie Diego Luna oder Riz Ahmed. Insbesondere Ben Mendelssohns Darstellung des Bösewichts Director Orson Krennic und Alan Tudyk als Droide K-2SO sind hervorzuheben. Auch in Bezug auf die Schauplätze und Szenarien versucht Edwards, neue Wege zu gehen: Die Szenen auf SCARIF, einem tropischen Paradies, das vom Imperium zu einer wichtigen Militäranlage umfunktioniert wurde und das nach Veröffentlichung des Trailers zum ironischen Fantitel „Stormtroopers of the Caribbean“ (das schildkrötenartige Design der Raumschiffe passt hier jedenfalls perfekt) geführt hat, erinnert an den Realismus von Kriegsfilmen wie Black Hawk Down.

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Eine Szene am Anfang des Filmes macht direkt deutlich, dass es sich bei Rogue One nicht um einen Kinderfilm handelt. In dieser hebt einer der neuen, komplett in schwarz gekleideten Death Troopers eine Stormtrooper-Spielzeugpuppe auf und belächelt sie mitleidig.
Generell kommt der Film in einer realistischeren, brutaleren Anmutung als The Force Awakens daher und wirkt wie eine gelungene Mischung aus Edwards bisherigen Kinoerfolgen, dem Low-Budget-Sci-Fi-Film Monsters (2010) und dem bombastischen Monster-Spektakel Godzilla (2014). Der Regisseur macht deutlich, dass man sich in Zeiten des Krieges befindet, in denen sowohl die Jedi als auch der Glaube an die Macht so gut wie vergessen sind, in Zeiten, in denen alle normalen Lebewesen zusammenstehen müssen, um gegen das Imperium siegen zu können.

Innovativ und eigenständig

Ähnlich wie bei The Force Awakens spart aber auch Rogue One nicht mit liebevollen Zitaten aus der Filmwelt. Allzu oft fühlt man sich an die visuelle Gewalt der Herr der Ringe-Trilogie erinnert, wenn etwa eine Menschenkarawane in der Wüste an einer riesigen, in Stein geschlagenen Jedi-Statue vorüberzieht oder einer der Stützpunkte des Imperiums verdächtig an Barad-dûr erinnert, dem dunklen Turm in Mordor. Gleichzeitig wird auch ausgiebig aus den bisherigen Star Wars-Filmen zitiert, und der geneigte Fan begegnet dem einen oder anderen liebgewonnenen Charakter. Leider stößt der Film in diesem Bereich auch an seine Grenzen, wenn er – Semi-Spoiler Alert – den Schauspieler einer zentralen Figur aus der Original-Trilogie aus dem Grabe auferstehen lässt. Während die genialen „Practical Effects“ einfach nur die helle Freude sind, vermag es die CGI-Technik nicht, das bereits Bekannte zu reproduzieren und glaubwürdig zu inszenieren. An dieser Stelle wäre für mich ein Verzicht befriedigender gewesen. Abgesehen davon schafft es Disney mit Rogue One unter der innovativen Regie von Edwards einen eigenständigen Star Wars-Film zu schaffen, der mit all seinen Eigenheiten perfekt in das Universum passt und auf weitere spannende Episoden hoffen lässt. Der große Spoiler, den eh schon jeder kennt, verdirbt an keiner Stelle die Spannung der Geschichte, die in den Kinosessel fesselt und bis in die letzte Minute mitfiebern lässt. Als wüsste man noch gar nicht, worauf alles hinausläuft.

Rogue One – A Star Wars Story
USA 2016
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Chris Weitz und Tony Gilroy
Darsteller: Felicity Jones, Diego Luna, Ben Mendelsohn, Donnie Yen, Jiang Wen, Mads Mikkelsen, Alan Tudyk, Riz Ahmed, Forest Whitaker
Kamera: Greig Fraser
Musik: Michael Giacchino und John Williams
Laufzeit: 134 min
ab dem 15.12.2016 im Kino

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