Die immer gleichen Generationsprobleme?Filmkritik: Star Wars: The Force Awakens

Star Wars Episode 7 Start alt

Kein Kinofilm sorgt dieses Jahr für so viel Aufsehen wie der neue „Star Wars: The Force Awakens“, der jetzt in den Kinos anläuft und bisweilen zu kollektiven Hysterien führt. Dabei wird den meisten jetzt erst klar, wie generationsübergreifend das Franchise funktioniert, das seit einigen Jahren zum Disney-Imperium gehört. Unser Filmkritiker Daniel Moersener hat den Film schon gesehen und er erklärt uns auch, wie der neueste Star Wars für jemanden funktioniert, für den Episode I im Jahr 1999 der erste Kinofilm überhaupt gewesen ist.

„Star Wars: Episode I – The Phantom Menace“ muss der erste Film in meinem Leben gewesen sein, den ich auf einer Kinoleinwand gesehen habe. So wurde durch das Glück der späten Geburt George Lucas’ Prequel-Trilogie zum „Krieg der Sterne“ für mich ganz selbstverständlich zum Original. Den Film begleitete auch ein für meine Erfahrungen unglaubliches Konvolut an kulturindustriellem Beiwerk: Ich frühstückte Star-Wars-Honey-Wheats, kaufte auf dem Weg von der Schule giftgrünes Star-Wars-Eis beim Bäcker und im Zeitschriftenladen heimlich ultrabrutale Star-Wars-Splattercomics. Lucas’ alte Trilogie wurde nachmittags bei Freunden auf dem Sofa geschaut und für cool befunden, in helle Aufregung versetzten uns aber die Prequels mit ihren phantastischen Settings, großartig choreographierten Duellen und einer Vielzahl an Schauspielergrößen, von Liam Neeson zu Samuel L. Jackson, dem ersten schwarzen Jedi-Ritter der Reihe und besten Laserschwert-Kämpfer der ganzen Galaxis, hin zum legendären Christopher Lee.

Star Wars Episode 7 Trio mit Wüste

Neue Helden: Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega) und der Droid BB-8.

Eine kinematographische Epiphanie

Die Filmkritik und mittlerweile erwachsenen Fans der Ur-Trilogie begegneten den Prequels hingegen mit Skepsis und Abneigung, nicht wenigen gleichen sie bis heute einem galaktischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Beanstandet wurden hölzerne Dialoge und infantile Nebenfiguren. Der große Roger Ebert allerdings konnte dem Backlash von Episode I nur kopfschüttelnd entgegnen: „Wie schnell wir uns an Wunder gewöhnen!“ Und Ebert hat Recht behalten. Für uns als Siebenjährige damals und auch heute, ich habe die Episoden I-III zwar mittlerweile schon ewig nicht mehr gesehen, bleibt die Prequel-Trilogie eine grundlegende kinematographische Epiphanie. Auf die fast surrealistische Episode I, die noch ganz im Geist der 1990er Jahre stand (ein definitiver Hochpunkt der menschlichen Zivilisation), folgte der beunruhigende Teenie-Thriller der Episode II, bis schließlich der düstere Teil III in der großen weltpolitischen Tragödie münden durfte.

Der letzte Blockbuster mit New Hollywood im Herzen

Mit der Prequel-Trilogie gelang George Lucas der Geniestreich, Form und Inhalt sowohl absolut massenkompatibel durchzubilden, als auch wie durch Jedi-Kräfte unablässig zu entzweien. Zu ihrem Recht kamen beide Pole in ihrem Gegensatz. Star Wars interessierte weniger die Science, als die Fiction. In all den umständlichen Verhandlungen, dem fortwährenden Zweifeln und hölzernen Phlegma der Jedi verwachsen antike Mythen, Western-Narrative, Pulp und Kurosawa zu einer einzigartigen Mutation. Zugleich schildern Episode I-III den schleichenden Niedergang einer von ökonomischen Krisen und kulturellen Konflikten zerrütteten Demokratie zum protofaschistischen Imperium. Die aufgeklärte Galaktische Republik nimmt es hin, dass auf dem von Rackets kontrollierten Wüstenplaneten Tatooine eine Sklavenhaltergesellschaft fortbesteht, eine Handelsföderation sowie ein missglücktes Klon-Experiment stiften allerlei Unheil und eine fundamentalistische Terrorclique stürzt die Republik. Die Prequel-Trilogie bleibt der letzte große Blockbuster der Kinogeschichte, der im Herzen New Hollywood und dessen Autorenfilm die Treue gehalten hat.

Star Wars Episode 7 hände hoch

Hände hoch: Wiedersehen mit Chewie und Han Solo.

Meister und ihre Schüler

Wie auch immer die Geschmäcker oder vielmehr das Alter ausfallen mögen, jede Gesellschaft und jede Generation bekommt die Star-Wars-Filme, die sie verdient. Mit „Star Wars: The Force Awakens“ aktualisiert sich ein weiteres Mal die der Reihe seit jeher inhärente Problematik der Beziehung von Meister und Schüler, von Vater und Sohn, von alter und neuer Generation. J. J. Abrams nimmt den Platz des Übervaters George Lucas ein und muss sich beweisen. Das gelingt ihm auch: Eine neue Generation junger Totalitaristen greift nach der Herrschaft in der Galaxie, an deren vergangene Kriege nur noch sonnengebleichte Raumschiffwracks im Wüstensand erinnern. Ein desertierter Stormtrooper (John Boyega) und ein Widerstandskämpfer (Oscar Isaac) suchen für die Resistance den aus den Trailern bekannten rollenden USB-Stick mit Informationen zum Aufenthaltsort des sagenumwobenen Luke Skywalker (Mark Hamill). Der Roboter fällt der technikbegeisterten Rey (Daisy Ridley) in die Hände und bald finden sich die drei Protagonisten von allerlei Feinden verfolgt und begegnen zugleich alten Bekannten. Dabei lässt Abrams vor allem Han Solo (Harrison Ford) und seinem haarigen Kollegen Chewie nicht bloß zur Besänftigung alter Fan-Gemüter auftreten, sondern gibt beiden einen tragenden Part.

Star Wars Episode 7 BB8 und Oscar Isaac

In Zeiten, in denen die Massenkultur nicht nur tendenziell schematisch ähnlich, sondern vorprogrammiert ist, zu einem intermedialen Kosmos des Immergleichen zu verwachsen, verhallt die Frage, ob das Ganze jetzt wirklich hätte sein müssen – in den endlosen Weiten des Weltraums. Es muss wohl sein.

Wobei Abrams angestrebte Treue zur Ur-Trilogie bisweilen auf dem schmalen Grat zur deren schaler Kopie wandelt: Viele Einstellungen für „The Force Awakens“ entleiht Abrams ganz ungeniert aus „A New Hope“, die Story bleibt sowieso gleich. Das konsequent Andere, das Episode I verkörperte, kann der Film nicht sein. Das braucht er aber vermutlich auch nicht. In Zeiten, in denen die Massenkultur nicht nur tendenziell schematisch ähnlich, sondern vorprogrammiert ist, zu einem intermedialen Kosmos des Immergleichen zu verwachsen, verhallt die Frage, ob das Ganze jetzt wirklich hätte sein müssen – in den endlosen Weiten des Weltraums. Es muss wohl sein. Dass es sich bei Star Wars fortan um ein Disney-Produkt handelt, sollte aber nicht weiter stören, Lucas war schließlich immer auch ein traditioneller Märchenfilmer. John Boyega, Daisy Ridley und Oscar Isaac steht in „The Force Awakens“ tatsächlich eine ähnliche Überraschung, Freude und Abenteuerlust ins Gesicht geschrieben, wie sie Leute meines Alters bei den Prequels und das Publikum der Ur-Trilogie verspürt haben müssen. Wer sich davon angesteckt findet, dem sei es ohne wenn und aber gegönnt. Pflichtprogramm ist der Film allemal.

Star Wars: Das Erwachen der Macht
USA 2015
Regie: J. J. Abrams
Darsteller: Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Harrison Ford, Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Lupita Nyong’o, Andy Serkis u.a.
Drehbuch: Lawrence Kasdan, J. J. Abrams, Michael Arndt
Produktion: Kathleen Kennedy, J. J. Abrams, Bryan Burk
Musik: John Williams
Kamera: Dan Mindel
Schnitt: Mary Jo Markey, Maryann Brandon

Star Wars Episode 7 Sith

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