Utopie und WirklichkeitFilmgespräch: „Steve Jobs“

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Alle Fotos: Universal Pictures

Lohnt sich das Lösen eines Kinotickets für das Steve-Jobs-Biopic? In Amerika beim Publikum ziemlich durchgefallen, ist der Film jetzt auch bei uns angelaufen. Tim Schenkl und Alexis Waltz haben ihn gemeinsam gesehen. In ihrem Gespräch erfahrt ihr auch, ob ihr nicht vielleicht doch nicht warten solltet, bis ihr ihn auf eurem Mac streamen könnt.

The Social Network, Aaron Sorkins Zusammenarbeit mit David Fincher, ist das vielleicht eindrücklichste Unternehmerporträt seit Citizen Kane. Mit seinem äußerst dialoglastigen Drehbuch gelang es Sorkin, Mark Zuckerbergs Leben zu einem Shakespeareschen Drama voll von Verrat, Hochmut und Rache zu verdichten.

In seinem neuen Film nimmt er sich, diesmal an der Seite von Regisseur Danny Boyle (Trainspotting, Slumdog Millionaire), den Apple-Gründer Steve Jobs vor. Wieder geht es um Verdichtung: Steve Jobs besteht lediglich aus drei längeren Episoden. Jede spielt hinter den Kulissen einer der legendären Produktpräsentationen von Jobs, der im Oktober 2011 verstarb. Dabei treten immer wieder dieselben Personen auf: Der erste Teil, gedreht auf grobkörnigem 16-Milimeter-Filmmaterial, spielt 1984. Vorgestellt wird der erste Macintosh-Computer. Für Teil zwei wechselte man auf 35 Milimeter, es ist 1988 und man zeigt die Ereignisse rund um die Vorstellung des NeXT-Computers. Der dritte Teil, der mit hochauflösenden Digitalkameras gefilmt wurde, endet damit, dass Jobs im Jahr 1998 die Bühne betritt, um den iMac zu präsentieren. Jenen Computer, der die bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte des Unternehmens aus Cupertino einläutete.

Was sagt uns dieser Film nun? Darüber sprechen Alexis Waltz und Tim Schenkl.

Tim Schenkl: Aaron Sorkins Drehbuch basiert ja auf der autorisierten Jobs-Biografie von Walter Isaacson. Trotzdem hat das Unternehmen Apple sich von dem Film distanziert. Kannst du dir vorstellen, warum?

Alexis Waltz: Ich kann mir viele Gründe vorstellen: Zum einen ist es ja tatsächlich schmierig, an den Ruhm von Steve Jobs und Apple andocken zu wollen. Diese Schmierigkeit macht den Film über weite Strecken ziemlich unerträglich. Und generell ist es ja nicht Unternehmensinteresse, die Deutungsmacht über die eigene Geschichte an jemand anderen abzugeben. Vielleicht will Apple sich auch eher mit den aktuellen Produkten repräsentiert sehen und nicht durch die Vergangenheit und ihren verstorbenen Gründer und Übervater. Ich fand interessant, dass der Film in den USA so gefloppt ist. Das habe ich nicht erwartet. Wie erklärst du dir das?

Tim: Dass der Film eher mittelmäßig geraten ist, kann nicht der alleinige Grund sein. Viele missratene Filme werden ja heutzutage trotzdem riesige Kassenerfolge. Ein Grund könnte der Hauptdarsteller Michael Fassbender sein, der meiner Meinung nach aber eine sehr solide Performance abliefert. Der Film sollte ja ursprünglich von Sony produziert werden. Im Rahmen des Sony-Hacks kamen damals E-Mails an die Öffentlichkeit, die deutlich machten, dass der japanische Konzern an dem Starpotential Fassbenders zweifelte und gerne Leonardo DiCaprio als Steve Jobs gesehen hätte. Vielleicht waren die damaligen Zweifel nicht ganz unberechtigt. Mir ist außerdem aufgefallen, dass eine wahnsinnige Differenz zwischen dem Film und der Werbekampagne, insbesondere den Making-of-Videos zu Steve Jobs existiert. In den begleitenden Interviews wird Jobs als Genie und Visionär in den Himmel gelobt, der Film zeichnet eher das Porträt eines an Selbstüberschätzung leidenden Rabenvaters.

Warum dreht man überhaupt ein solches Biopic?

Alexis: Ich weiß nicht, ob Selbstüberschätzung da negativ ist: Mann kann sich kaum vorstellen, dass so etwas ohne eine Portion Selbstüberschätzung zu erreichen ist. Die Vaterschaftsthematik stellt der Film viel zu stark ins Zentrum des Porträts. Das ist eine Facette der Persönlichkeit.

Dafür fallen viele spezifischere Aspekte, die an Jobs faszinieren, hinten runter: Wie verlief die Transformation vom Hippie aus der Gegenkultur San Franciscos zum Schöpfer von Geräten, die ihre Benutzer entmachten wie wenige andere?

Was hat er dazu gedacht, wie hat er argumentiert, wie wurde das Apple-intern diskutiert? Wie ging das überhaupt, mit ein paar kiffenden Bastlern die wertvollste Firma der Welt aufzubauen? Was war Jobs Rolle da genau? Das Firmengelände von Apple betritt der Film nie. Es tauchen auch nur eine Handvoll Mitarbeiter auf: die Marketing-Strategin Joanna Hoffman (Kate Winslet), der Computeringenieur Steve Wozniak (Seth Rogen) und der Softwareentwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg). Es ist spießig und dumpf, Jobs anhand seiner Performance als Vater zu bewerten bzw. abzuurteilen. Auch wenn Leonardo da Vinci ein schlechter Vater war: Man will trotzdem wissen, wie er die Mona Lisa gemalt hat.

Tim: Ich kann mich noch recht gut an den Tod Steve Jobs erinnern. Ich war äußerst verwundert über die in meinen Augen extreme Anteilnahme am Tod dieses Mannes. Auf Twitter habe ich viele Kommentare gelesen, die lauteten: „My hero died today.“ Dass Jobs seine Tochter lange Zeit nicht anerkannt hat und dafür berüchtigt war, grauenhaftes Benehmen gegenüber seinen Angestellten an den Tag zu legen, war damals durchaus bekannt. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, habe ich mir damals gedacht, dass dieser Mann trotzdem so stark verehrt wird? Man könnte jetzt vielleicht denken: Ich müsste mich eigentlich über einen Film freuen, der Jobs als Menschen in Frage stellt. Ich finde jedoch, dass seine Errungenschaften als Unternehmer relativ einmalig sind, wie auch immer man so einen Erfolg beurteilt und wie er im Detail zustande gekommen sein mag. Der Film zeigt ja drei Produktpräsentationen: von den vorgestellten Geräten war der NeXT-Computer ein Flop und auch der Macintosh konnte Steve Jobs eigene Erwartungen bezüglich der Verkaufszahlen nicht ansatzweise erreichen. Irgendwie empfand ich das alles als ein wenig unfair.

Alexis: Ich glaube, der Film setzt voraus, dass Jobs Ruhm unangreifbar ist. Es bleibt natürlich die Frage: Warum dreht man überhaupt ein solches Biopic? Es gab ja schon den Versuch mit Ashton Kusher als Jobs, der noch krasser gescheitert ist, einen Dokumentarfilm von Alex Gibney und einen Interviewfilm. Für mich würde eine kritische Bewertung bedeuten, über Arbeitsbedingungen bei Apple und deren Zulieferern und über die Umweltschäden durch Apple-Produkte vor und nach ihrer Benutzung nachzuforschen. Das hat Gibney versucht, aber sowas sprengt das Format des Spielfilms bzw. das, was Sorkin/Boyle dafür halten. Aber zurück zur Frage: Warum einen solchen Film machen? Sorkin/Boyle wollen Jobs als Charakter zu fassen kriegen. Dabei fallen sie in die Erzählmuster des Doku-Dramas.

Statt sich eine Prämisse, eine These, eine Idee oder eine Interpretation zu gestatten, schreiten sie servil die Etappen von Jobs Lebensgeschichte ab und gehorchen mit dem starken Fokus auf die Familie den schmierigen, herabwürdigenden Schemata des Formats.

Dieser boulvardeske Riecher für die ungewaschene Wäsche passt gar nicht zu Sorkins Idealismus.

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„What do you do?“

Tim: Ich finde, dass der Film sich geradezu an einer Demontage des Mythos Steve Jobs versucht. Apples Erfolg fußt in meinen Augen, zumindest oberflächlich betrachtet, auf zwei Säulen: 1.) dem Design und 2.) dem geschlossenen System. Jobs Idee eines geschlossenen Systems, das von jedem bedient werden kann, wird in dem Film immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben. Zum Beispiel in einer Szene, wo selbst die Apple-Mitarbeiter den Computer nicht aufgeschraubt bekommen, weil man dafür Spezialwerkzeug braucht. Das Design war zumindest für mich immer ein wichtiger Grund beim Kauf eines Apple-Produkts. Auch dafür zeigt der Film kaum Verständnis, sondern führt Jobs als einen Spinner vor, der die Form über die Funktionalität stellt. Ich finde es sehr interessant, dass Sorkin in seinen TV-Serien – The West Wing, The Newsroom – immer noch den amerikanischen Traum träumt und sich an einer Art amerikanischer Utopie abarbeitet, während seine letzten beiden Spielfilme The Social Network und Steve Jobs die amerikanische Wirklichkeit durchaus skeptisch betrachten.

Alexis: Für mich steht der Film den Apple-Produkten eher indifferent gegenüber. Ihre Attraktivität oder Disfunktionalität ruft der Film nur auf, um die Beziehungen bzw. die Konflikte der Figuren darzustellen.

Wozniak ist für einen Computer mit vielen Steckplätzen, Jobs für einen ohne Steckplätze. Das benutzt der Film, um dem Menschenfreund Wozniak den mit einer ins Paranoide gehenden Verbissenheit in die Zukunft schauenden Jobs gegenüberzustellen.

Klar ist Jobs da sehr unsympathisch und unmenschlich. Andererseits trauert heute niemand mehr den Steckplätzen nach. Als Visionär hatte Jobs recht.

Tim: Eben. Und das stört mich halt irgendwie schon. Es gibt sicher tausende gute Gründe, Apple und Steve Jobs zu kritisieren. Aber Jobs hat mit vielen Dingen zumindest in kaufmännischer Sicht einfach Recht behalten, und das sollte man ihm dann schon zugestehen.
In einer der entscheidenden Szenen des Films kommt es zu einer heftigen Diskussion zwischen ihm und Wozniak, in der Wozniak all die Sachen aufzählt, die Jobs nicht kann, zum Beispiel programmieren. Am Ende fragt er Jobs dann: „What do you do?“, darauf antwortet dieser: „I play the Orchestra!“ Ich finde es irgendwie interessant und auch witzig, dass sich momentan viele Entrepreneure, wie Kanye West, diese Art des Unternehmertyps zum Vorbild nehmen. Eigentlich können sie nichts so wirklich, geben aber überall ihren Senf dazu und hoffen, am Ende komme dann ein geniales Produkt dabei heraus.

Alexis: Findest du, dass der Film das unterschlägt? Oder diese Art von Einsatz abwertet?

Tim: Nein, er gibt zwar meiner Meinung keine befriedigende Antwort darauf, was die eigentliche Stärke von Steve Jobs war. Trotzdem wird zumindest klar, dass ein genialer Techniker wie Wozniak jemanden braucht, der ihm hilft, seine Produkte an den Mann zu bringen.

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Bekannte Gemeinplätze und durchgenudelte Anekdoten

Alexis: In der Biografie von Isaacson geht es auch darum, dass Wozniak keine Ideen für Produkte hatte. Nach seinem Weggang von Apple entwickelte er eine Universalfernbedienung, die natürlich ein Flop war. Aber das führt weg von dem Film, der ratlos macht, weil es ihm nicht gelingt, irgendeine interessante Perspektive auf Jobs und Apple zu entwickeln. Die Dramatisierung von hinlänglich bekannten Gemeinplätzen und durchgenudelten Anekdoten reicht nicht. Mich hat allein das Spiel zwischen Michael Fassbender und Kate Winslet besonders in den ersten Szenen des Films fasziniert. Als Begegnung zweier Menschen, die radikal unterschiedliche Weltsichten haben und trotzdem oder gerade deshalb spüren, dass sie sich brauchen.

Tim: Als die ersten Gerüchte zu dem Film im Internet zu kursieren begannen, konnte man lesen: Sorkin habe ein Drehbuch geschrieben, das nur aus drei Szenen bestehe. Das klang für mich faszinierend und ist ja letztlich auch der Ansatz des Films. Leider wird dieses Konzept jedoch recht schnell verlassen, indem häufig Rückblenden eingesetzt werden. Dadurch wirkt der Film auch formal recht gewöhnlich.

Alexis: Als Ausdruck gesteigerten Forminteresses ist der Ansatz interessant. Aber wie du sagst, wird er zum einen nicht durchgezogen, und zum anderen wirkt es sehr konstruiert, dass seine Ex und deren Tochter dann immer gerade bei diesen wichtigen Präsentationen auftauchen. Außerdem funktioniert es auch inhaltlich nicht, weil dadurch extrem viel Spannendes außen vor bleibt.

Tim: Im Presseheft des Films spricht Danny Boyle davon, sein Ansatz sei gewesen zu zeigen: Der Mann, der unsere gesamte Kommunikation verändert hat, war selbst nicht in der Lage, mit anderen Menschen vernünftig zu kommunizieren. Geht für dich wenigstens dieses Konzept auf?

Alexis: Dass Menschen widersprüchlich sind, ist auch nur wieder ein Gemeinplatz: Tim Cook hat recht, wenn er dem Film Opportunismus unterstellt. Sorkin erwiderte, dass es opportunistisch sei, in China Kinder für 17 Cent pro Stunde arbeiten zu lassen. Aber das macht seinen Film am Ende nicht besser.

Steve Jobs
USA 2015
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin
Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet, Jeff Daniels, Seth Rogen, Katherine Waterston, Michael Stuhlbarg
Kamera: Alwin H. Küchler
Musik: Daniel Pemberton
Laufzeit: 122 min
seit dem 12. November im Kino

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