Wie der Vater, so der SohnBerlinale 2017: Thomas Arslans „Helle Nächte“

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Allo Fotos: © Schramm Film / Marco Krüger

Hoch oben in Norwegen, zur Sommersonnenwende, versuchen sich ein Vater und sein Sohn nach Jahren der Trennung wieder einander zu nähern. Eine Geschichte des Scheiterns, ein Roadmovie in eine gemeinsame Vergangenheit, die es nie gab. Ein Stoff, der für die ruhige und zurückhaltende Regie von Thomas Arslan wie geschaffen scheint. Ob sich der Film lohnt, weiß Tim Schenkl.

Thomas Arslan ist kein Mann der großen Worte und Gesten, das absolute Gegenteil eines Angeber-Regisseurs. Seine Filme sind ruhige, geradezu schlichte Porträts von Menschen und Orten und wollen auch genau dies sein, nicht mehr, nicht weniger. In ihrer Bescheidenheit und Konzentration auf den Augenblick liegt ihre große Stärke. Manchen mag dies nicht genügen, doch in den Momenten, wo Arslans filmischer Re­duk­ti­o­nis­mus voll aufgeht, muss man wohl von künstlerischer Perfektion sprechen.

Einen solchen perfekten Moment findet man in Helle Nächte nach ungefähr 60 Minuten: Die Kamera filmt unbewegt durch die Frontscheibe eines Jeeps. Mehrere Minuten windet sich das Auto eine unebene Straße in den Bergen Norwegens hinauf. Kein Gespräch, keine Musik ist zu vernehmen, lediglich der Motor und das Geräusch der Reifen auf dem schottrigen Untergrund. Langsam zieht dichter Nebel auf, bis das Bild am Ende fast komplett in diesem aufzugehen scheint. Hier wird eigentlich fast nichts erzählt und dann doch alles. Solche kraftvollen und außergewöhnlichen Szenen sucht man in Helle Nächte sonst aber leider vergeblich.

Georg Friedrich

Instant-Kaffee und Frank Sinatra

Der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) lebt in Berlin. Er ist Mitte vierzig und teilt sich eine Wohnung mit seiner Freundin, einer Journalistin, die kurz vor einem längeren Auslandsaufenthalt in Washington steht. In seinem Verhalten erinnert Michael stark an die Vätergeneration der 1940er- und 1950er-Jahre, die die traumatischen Erfahrungen des Krieges häufig still in sich hineinfraß. Seine große innere Wut kommt jedoch immer wieder auch an die Oberfläche. Er kann verletzend und ungerecht sein.
Zumindest scheint er sich seines eigenen Fehlverhaltens jedoch bewusst zu sein, was daran zu erkennen ist, dass er wiederholt, wenn auch sehr zaghaft, versucht, sich zu entschuldigen, das Gespräch mit seinen Mitmenschen zu suchen, Vergangenes ungeschehen zu machen.

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Als er vom Tod seines Vaters erfährt, beschließt er, in den Norden Norwegens zu fahren, wo dieser seine letzten Jahre im selbstgewählten Exil verbracht hat. Durch das plötzliche Ableben des Vaters bleiben Michael und seiner Schwester die Chance zur Versöhnung mit diesem versagt. Auf seiner Reise wird Michael von seinem 14-jährigen Sohn Luis begleitet, der mit seiner Mutter weit von Berlin entfernt in der Provinz lebt. Luis erscheint mit seinen schulterlangen Haaren und in seinen riesigen Turnschuhen wie ein normaler Teenager voller verklemmter Ungelenkheit und jugendlicher Hybris. Auch in ihm brodelt eine starke Wut, die jedoch über die typische „Teen Angst“ hinaus geht und sich gegen seinen Vater richtet, der, wie Luis es in einer Szene ausdrückt, sich einst über Jahre nicht hat sehen lassen.

Als die beiden an dem Haus des Vaters/Großvaters ankommen, lernt der Zuschauer nicht nur, dass dieser auf Instant-Kaffee und Frank Sinatras Konzeptalbum „In the Wee Small Hours“ stand, sondern auch, dass Michael in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, der ebenfalls Bauingenieur war. Nachdem die beiden die wichtigsten Formalitäten erledigt haben, macht Michael seinem Sohn den Vorschlag, den Aufenthalt zu verlängern und gemeinsam einen Trip in die Natur Norwegens zu unternehmen. Nach anfänglichem Widerstand willigt Luis letztlich ein.

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Mit Im Schatten (2010) hat Thomas Arslan bewiesen, dass er dazu in der Lage ist, sich dem Genrefilm erfolgreich anzunähern, ohne dabei seine eigene Identität als Autorenfilmer aufzugeben. Dieser Spagat gelingt in Helle Nächte deutlich weniger gut. Als Zuschauer sehnt man sich geradezu nach Augenblicken, in denen Arslan, wie in Der schöne Tag (2001) oder Ferien (2007), einfach mal „nichts“ erzählt. Selbst wenn die Protagonisten schweigen, was sie durchaus häufiger tun, versteht man immer sofort, warum dies gerade passiert. Während Arslan in seinen früheren Arbeiten den Zuschauern häufig die Kompetenz zusprach, die Bilder auf der Leinwand ohne offensichtliche Führung der Regie selbst interpretieren zu können, geht er in Helle Nächte deutlich autoritärer vor.
Darüber hinaus gelingt es dem Regisseur auch nicht, einer altbekannten Situation, dem Vater-Sohn-Konflikt, einen interessanten, vielleicht sogar neuen Aspekt hinzuzufügen. Alles dreht sich im Kreis, scheint Arslan sagen zu wollen: Wie der Vater, so der Sohn.
So lässt einen Helle Nächte am Ende eher enttäuscht zurück, wenn es da nicht diese eine geniale Szene im Nebel gäbe, die für einiges entschädigt.

Helle Nächte
Deutschland/Norwegen 2017
Regie: Thomas Arslan
Darsteller: Georg Friedrich, Tristan Göbel, Marie Leuenberger, Hanna Karlberg

Screenings während der Berlinale:
So, 19.02., 21:45: Friedrichstadt-Palast

Kinostart: noch nicht bekannt

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