Auf den Teller statt in die TonneFoodsharing: Immer mehr Menschen teilen Lebensmittel mit anderen

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Bild: Raphael Fellmer

Fast sieben Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll. Dazu zählen „Abfälle“ der Läden, aber auch jene, die in all den privaten Kühlschränken vergammeln. Lebensmittel für rund 22 Milliarden Euro sind das. In ganz Deutschland sind jetzt die Lebensmittelretter unterwegs. Sie wollen die Verschwendung beenden, indem sie beispielsweise einfach Kühlschränke in Hausflure oder Hinterhöfe stellen und Lebensmittel, die Privatpersonen oder auch Läden nicht mehr verbrauchen, anderen zur Verfügung stellen. Die Bewegung wächst. Etwa 8.000 Menschen machen mit. In ganz Deutschland sind auf diese Weise schon fast eine Million Kilogramm unterschiedlicher Lebensmittel gerettet worden.

Berlin an einem kalten Oktobertag: Oscar legt Kohlköpfe in einen der beiden Kühlschränke. Dann noch ein Brot und ein paar Möhren. „Hab ich übrig“, sagt er. Aber die beiden Kühlschränke stehen nicht in seiner Küche, sondern in einer Fahrrad-Remise im Prenzlauer Berg. Oscar, der in Wirklichkeit anders heißt, hat die Lebensmittel auch nicht selbst gekauft, sondern sie aus einem Container gefischt. Der 25-Jährige „containert“ regelmäßig. Und wie geht das? Der Mann mit dem Dreitagebart erzählt, dass er sich mindestens einmal pro Woche am späten Abend auf sein Fahrrad schwingt. Rucksack und Drahtkorb auf dem Gepäckständer. Sein Ziel: die Abfallcontainer zweier Supermärkte. Meistens trifft er dort noch andere, die auch „containern“. An diesem Abend sind die ganz Schnellen schon wieder abgehauen. Oscar lässt sich Zeit. „Man muss ein bisschen wühlen“, sagt er. „Unten liegen die richtig guten Sachen“. Dann zieht er sich Handschuhe an und fängt mit dem Wühlen an. Jogurtbecher fischt er als erstes heraus. „Gestern verfallen und schon landen sie im Müll“, ärgert er sich. Dann holt er noch eingeschweißte Tomaten, ein Netz mit Apfelsinen, Weißkohlköpfe und Zucchini aus der Tonne, Quarkbecher entdeckt er auch noch und sogar eingeschweißtes Vollkornbrot. Oscar füllt seinen Rucksack und fährt weiter zum nächsten Container. Ist das nicht strafbar, was er da macht? „Nö“, sagt der Mann und denkt, dass die Ladenbetreiber auch wissen, was hier in der Dunkelheit abgeht. „Sie sagen nichts, bis jetzt jedenfalls – keine Probleme“.

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Geben und Nehmen: eine Lebensmittelstation von Foodsharing

Foodsharing heißt das Konzept, initiiert von Menschen, die sich Lebensmittelretter nennen und inzwischen in ganz Deutschland ihr Anliegen öffentlich machen: Die Achtung vor Nahrungsmitteln liegt ihnen am Herzen, sie wollen die totale Verschwendung von Lebensmitteln beenden. Vor allem in der jungen Generation komme das gut an, sagt Oscar, einige hundert Retter gäbe es allein in Berlin. Und es werden mehr. Auch die Zahl der öffentlichen Kühlschränke steige. Manche stehen einfach in Hinterhöfen, an der Straße oder in privaten Läden. Das Nehmen und Geben funktioniert. Niemand muss sich registrieren lassen, seinen Namen nennen oder seine Bedürftigkeit nachweisen. Er oder sie nimmt etwas raus oder legt etwas hinein.

Ein paar Regeln gibt es dennoch: keine frischen Sachen, wie etwa übrig gebliebene Torte, kein frischen Fleisch- und Wurstwaren, keine Speisen, in denen Eier verarbeitet wurden. Solche Lebensmittel könnten Gesundheitsrisiken bergen, heißt es auf dem Flyer, der an jedem Kühlschrank klebt.

Raphael Fellmer

Raphael Fellmer, der Gründer von Lebensmittelretten.de

„Nicht alles zu haben, ist heute cool, sondern der Zugang zu allem“.

Raphael Fellmer ist auch ein Lebensmittelretter. Er hat das Konzept vor zwei Jahren ins Leben gerufen und ist einer der Hauptverantwortlichen, der die Foodsharing-Plattform betreut und weiter entwickelt. Er erzählt von 1.000 Unternehmen - Bio-Läden, Hotels, und Firmen -, die inzwischen mitmachen und regelmäßig Lebensmittel abgeben. „Die Aktivisten holen die Sachen ab, konsumieren sie selbst und verteilen sie weiter, entweder in die Kühlschränke oder wir geben sie weiter an soziale Organisationen, für Obdachlose zum Beispiel“. Auch Bauern hätten sich der Bewegung angeschlossen, Wochenmärkte und natürlich viele Privatpersonen, die ihre eigenen Kühlschränke leeren und die öffentlichen mit den Lebensmitteln füllen. Raphael Fellmer sagt, dass immer mehr Menschen genug haben vom Konsumzwang. Sie denken um. Wegwerfen und ständig konsumieren war gestern, sagt der Lebensmittelretter. „Nicht mehr alles zu haben ist heute cool, sondern der Zugang zu allem“.
Marius Diab ist auch ein Lebensmittelretter. Er organisiert in München die Arbeit der Aktivisten. 500 Menschen machen in der Bayernmetropole schon mit, sagt er. „Wir retten Lebensmittel vor allem nach Großveranstaltungen. Das, was da übrig bleibt, verteilen wir entweder in die drei Kühlschränke, aber auch direkt an Menschen, die es weiter verarbeiten.“ Marius Diab berichtet von Veranstaltungen zum Thema Lebensmittelverschwendung und von Schnippelpartys, bei denen mit den gesammelten Lebensmitteln Essen gekocht wird.
Das Modell macht Schule, überall in Deutschland, der Schweiz und Österreich organisieren Menschen die Rettung von Lebensmitteln. „Es geht um eine andere Haltung gegenüber Nahrungsmitteln, eine andere Einstellung zum täglichen Konsumrausch“, sagt Marius Diab.

Bohrer, Leiter, Bügelbrett

Teilen ist angesagt nicht nur auf dem Lebensmittelsektor. An einigen öffentlichen Plätzen in Berlin haben solche Teiler Regale und Schränke platziert, in denen Bücher liegen. Man kann sie mitnehmen, aber auch neue dazustellen. Und an die Umsonst-Läden in vielen Stadtteilen haben sich die Berliner gewöhnt. „Eine wunderschöne Edelstahlpfanne hab ich geschenkt bekommen“, erzählt Barbara S. Jetzt will die 50-jährige Lehrerin eine Stehlampe in den Laden bringen, die sie eigentlich gar nicht brauche. Oder: An manchen Briefkästen kleben immer öfter kleine Zettel mit aufgemalten oder gedruckten Staubsaugern, Akkubohrern oder Leitern. Soll heißen: Mieter Mayer im 3. Stock verleiht seine große Leiter. Einfach so, weil er sie ja nicht ständig braucht. Im Gegenzug klingelt er dann mal bei Nachbarin Lehmann und leiht sich die Nähmaschine oder das Bügelbrett. Der positive Nebeneffekt: Nachbarn lernen sich kennen durch solche Aktionen, trinken Kaffee zusammen und reden. Außerdem: Soziale Grenzen verschwinden quasi von selbst unter denen, die teilen. Egal ob Lebensmittel und andere Dinge des Alltags. Was die Retter und Teiler eint ist: „Wegwerfen geht uns einfach gegen den Strich“, sagt Raphael Fellmer. Er und seine Mitstreiter wollen anders leben, letztlich eine andere Gesellschaft.

Auch wenn die Deutschen laut einer Spiegel-Studie über die so genannte Share Economy noch keine große Lust am Teilen gefunden zu haben scheinen: Der Anfang ist gemacht.

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