Futtern ist das neue FeiernVon Streetfoodpartys, Schnippeldiskos und anderen Esstivitäten

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Foto: food fighting via Shutterstock

Es gab Zeiten, da war Essen uncool. So richtig. Kochen können oder sich mit Esskultur auseinanderzusetzen war was für Heimelchen oder Snobs. Es kam dem Zugeständnis ans ewige Spießerdasein gleich. Man verbrachte seine Zeit besser in Clubs. Neuerdings verschiebt sich die Situation. Nicht nur in der Partyhauptstadt Berlin – nämlich längst auch schon in London und New York – geht ein großer Trend um. Essen wird hier nicht als bloße Lebensnotwendigkeit gesehen, sondern als lustig-hedonistisch inszeniertes Event. Foodtruck-Lineups sind hier die neuen DJ-Lineups. Wer fabriziert die besten Dumplings, Better Burger oder Bio-Burritos, statt wer legt die besten Platten auf?

Foodies statt Selfies

Dass etwas beliebt, angesagt, hip ist, kann man ja mal einfach so behaupten. Beleg: die regelrechte Foodporn-Bilderflut in sozialen Netzwerken. Markiert mit #Yummie, #Omnomnom und so weiter. Findet ja irgendwie jeder gut, ein üppiges Pastrami-Sandwich oder einen Ramen-Burger. Bevor in die sizilianischen Arancini oder die im Limettensaft zur Ceviche gegarten Fische aus heimischen Süßwassern gebissen werden darf, müssen sie erst fotografiert werden. „Essen ist ein Lifestylethema“, erklärt Meike Adam, die den Foodblog smamunir betreibt. „Online zeigt man gerne, was man isst.“ Trendforscherin Sabine Koppe erklärt das Phänomen #Foodporn so: „Foodies statt Selfies. Essen hat Talking Value oder wie Carlo Petrini (der Begründer der Slow-Food-Bewegung, d. Red.) es kulturpessimistisch benennt: die Allgegenwärtigkeit oder Pornografie des Essens.“

In der Tat: Kameras sind überall auf den Food-Events, praktischer Weise stellen viele Anbieter ihre Speisen – wie damals das Menü des Tages in der Mensa – quasi als „photo option“ direkt auf den Tresen und wiederholen ihre Zubereitungs-Arbeitsschritte auch mal gerne, wenn das Bild nichts geworden ist (zwei lustige Stilblüten dieser Verquickung von Essen und Fotografie sind das hier bereits vorgestellte You Did Not Eat That! und der Meta-Foodfoto-Tumblr Pictures Of Hipsters Taking Pictures of Food). Essen als Exponat: Fast wirkt es, als nähere man sich über Kameras einem fast unbekannt gewordenen Ding, dem Lebensmittel. Wenn man schon nicht weiß, wie man das Stück perfekt medium rare gegart kriegt, dann wenigstens, mit welchem Instagram-Filter es geil aussieht.

Es war echt und ich war da

These: Die letzte Phase der Digitalisierung und Globalisierung hat vieles noch verfügbarer gemacht, gerade im Bereich Events und Lifestyle. Musste man früher in einen Club, um einen DJ zu sehen, kann man sich heute den „Boiler Room“ oder einen der unzähligen Mix-Podcasts anhören, die es im Internet gibt. Für ein Set von DJ Harvey zwei Tage Urlaub nehmen, um nach Hamburg zu fahren? Kann man, muss man nicht. Für hippe Kleidung - ob die Mütze von HUF, die neueste APC-Jeans oder neue limitierte Air Max - reicht ein Klick im Lieblings-Onlinestore. Dort ist man mittlerweile sogar auf der sichereren Seite, wenn man ein Teil wirklich haben will.

Und Essen? Ist sozusagen die neue Livemusik. Um sagen zu können, ich weiß worum es geht, sollte man vor Ort gewesen sein. Anders wird es schwierig. Essen lässt sich vielleicht digital teilen („schaut mal, was ich gerade omnomnom ...“), aber dann eben nicht wirklich teilen. Noch nicht. Ähnlich wie bei einem Konzert, wo der Großteil der Zuschauer heutzutage lieber durch ein Smartphone-Display schaut, um ja jedem zu zeigen, was man „live“ gesehen hat, verhält es sich mit Essen. Ich war da. Ich habe was Unglaubliches erlebt. Du nicht. Punkt.

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Foto: Kochplatten via Shutterstock

„Ein Studio aufzubauen habe ich nie hingekriegt, jetzt produziere ich eben mein eigenes Gemüse.“

Die Verschränkung von Essen und Events verläuft aber schon eine Weile länger. Die boomende DJ-Kultur der Neunziger- und Nullerjahre trieb es weit über die Clubs und Off-Locations hinaus, mitten hinein ins Restaurant. So ziemlich jede Gastronomie, die ihre „Szenigkeit“ unter Beweis stellen wollte, schob von Donnerstag bis Samstag spätestens ab 22 Uhr die Tische beiseite und ließ einen DJ aufspielen – vom Restaurant zum Club war das Thema, das im Hybridkonzept „Clubrestaurants“ à la „Spindler & Klatt“ kulminierte. Aber auch das mittlerweile nicht mehr existente Cookies in Berlin-Mitte eröffnete vor vielen Jahren bereits zum Club ein eigenes Restaurant. Der Frankfurter Ata Macias (DJ und Betreiber des Robert Johnson in Offenbach) kocht ebenfalls und bindet das in seine Konzepte mit ein.

„Ich schaffe mir demnächst einen Garten an. Ein Studio aufzubauen habe ich nie hingekriegt, jetzt produziere ich eben mein eigenes Gemüse“, erklärte er kürzlich in einem Interview mit der Musikzeitschrift Groove. Sein DJ-Kollege Seth Troxler, der sich zuletzt als EDM-Disser hervorgetan hat, eröffnet bald sein zweites Restaurant und will nach dem Auflegen nur noch kochen. In Dortmund findet im September das Food-Festival „Delinale“ statt, bei dem es ein „DJ-Dinner“ geben wird – Lokalmatadoren kommen hinter ihren Decks hervor und stellen sich ans Küchenbrett. „Anstatt Platten aufzulegen, kochen und tischen die DJs Carsten Helmich, Marsen Jules, Philipp Bückle, DJ Dash und Flo Mrzdk ein Menü auf!“, kündigt man an. Auch wird hier ein zweitägiges „Foodcamp“ mit Streetfood-Ständen stattfinden.

Das ähnelt den kulinarischen Partyreihen, die zur Zeit in Berlin boomen und deren Umfang mit den good old Raves (auf denen es außer den ominösen „Fresh Fruits“ und einem minimalen Weingummi-Angebot für die Kaulade eigentlich nie was zu futtern gab) locker mithalten kann: Zum „Street Food Thursday“ in die Markthalle IX in Kreuzberg kommen allwöchentlich bis zu 8.000 Personen, die sich in die langen Schlangen an den Ständen einreihen. An denen gibt es taiwanische Teigtaschen mit langgeschmortem Bauchfleisch, Allgäuer Käsespätzle oder natürlich das Hype-Essen der Stunde, den sogenannten „better burger“. Der kommt mit besserem Fleisch, besserem Brot, hausgemachten Saucen und je nach Anbieter der Märkte gerne einem Extra wie Kimchi, Garnelen oder Austern daher. Der Hamburger, einst Kollektivsymbol für die Globalisierung und die verblüffende Fähigkeit, etwas überall auf der Welt genau gleich schmecken zu lassen, wird bei der Eventreihe „Burgers & Hip hop“ geradezu kultisch verehrt, wenn im Kreuzberger Club „Prince Charles“ diverse Stände zu dicken Beats darum wetteifern, wer die saftigsten Pattys zwischen die fluffigsten Buns befördert. Ein Format mit bis zu 4.000 Gästen im Durchlauf, das jetzt mithilfe von Sponsoren auch international ausgerollt werden soll – wie man es von großen Partyreihen kennt.

Nach Fashion, Musik und Web gibt es bald auch eine Berlin Food Week

Food-Party-Stimmung mit Essen und DJs gibt es auch beim „Bite Club“ an der MS Hoppetosse (neuerdings auch hinter der Platoon Kunsthalle in Mitte) und auf einem der letzten großen Areale des Langdistanz-Feierns, dem RAW-Gelände in Friedrichshain, das Clubs wie den „Suicide Circus“ oder das „Cassiopeia“ beherbergt, gibt es neuerdings Food-Events wie „Beer&Beef“ und den „Village Market“, den zwei gestandene Clubmacher (u.a. Bar 25, Chalet) ausrichten. Im Oktober findet gar die erste „Berlin Food Week“ statt – nach einer Berlin Week für Fashion, Musik und das Web gibt es in der Hauptstadt das Gleiche nun also auch fürs Essen. Fair enough. Fehlt nur noch die lange Nacht der Döner.

Sauercrowd-Party in der Markthalle IX Kreuzberg

Raspeln im Takt, breaking bread

Die bislang konsequenteste Engführung von Club(sound) und Essen gibt es bei der „Schnippeldisko“, einer Initiative der Slow Food Youth Deutschland, bei der unverbraucht gebliebenes Gemüse zerkleinert und zu Suppen oder Eintöpfen verkocht wird, auch dieses Format hat weltweite Nachahmer gefunden – in Frankreich heißt es „Disco Soupe“, in Korea „Yo Ri Ga Mu“ (Kochen und Musik/Tanzen). Neben Möhren und Kohlköpfen bilden dabei mitunter namhafte DJs das Lineup: Ende letzten Jahres zum Beispiel legten Tiefschwarz und Vincenzo beim „Sauercrowd“ in der bereits genannten Kreuzberger Markthalle IX auf, während die Foodies im Viervierteltakt 500 Kilo Kohl zu Sauerkraut verstampften. Raven gegen die Verschwendung.

„Da kommt man wieder auf ganz basale Rituale und Bräuche zurück wie 'das Brot brechen'“

So viel Evidenz, doch die Frage bleibt: Warum ist das Essen auf einmal Event und so hip geworden? Wieso zieht es insbesondere jüngere Menschen, die bislang im Generalverdacht standen, nur Licht und Ketchup im Kühlschrank zu horten, auf diese Veranstaltungen? Die Gründe sind vielschichtig. Einer ist, dass Essen – nichts Neues – etwas Geselliges, Gemeinschaftliches ist. „Es schafft Zugehörigkeitsgefühl. Da kommt man wieder auf ganz basale Rituale und Bräuche zurück wie 'das Brot brechen', gemeinsam isst es sich am besten, der Esstisch als soziales Lagerfeuer. Essen ist auch Konsens-Begeisterungsthema für Jung und Alt und auch daher so megaerfolgreich“, erklärt uns Trendforscherin Sabine Koppe. „Für Länder wie die Türkei oder Frankreich ist das kein neues Phänomen. Aber für Deutschland ist es ein Meilenstein, fast eine Revolution, dass man sich mit mehr Menschen als nur der Kernfamilie trifft, um gemeinsam zu essen und genießen“, hat Onur Elci beobachtet, einer der Macher der Hamburger Kitchen Guerilla, die ihre szenigen Foodevents – die „Wurstgalerie“ (wir hatten dort mit dem Wurst-Künstler Peter Imhof gesprochen), „Mobiler Biergarten“ oder „Street Food Disco“ heißen - mittlerweile in ganz Deutschland ausrichtet.

Ein familiäres Fest, bei dem die Familie meistens abwesend ist: „Früher war Essen der Mittelpunkt des täglichen, familiären Miteinanders. In Großstädten, in denen sich Food-Trucks und -Events zuerst durchsetzen, fehlt oft die Familie als Bezugspunkt. Hier ersetzt also das fehlende Miteinander zum Beispiel ein Food-Event“, erklärt Jessie Lehnert aus Köln, die mit „Freizeitkonsum“ Veranstaltungen ausrichtet und begleitet. „Natürlich gab es auch vorher Volksfeste, Wurstbuden und Essen als gemeinschaftliches Ereignis. Jedoch war das rustikal und altbacken“, ergänzt Onur Elci. Bei den Events der Kitchen Guerilla wie bei allen anderen genannten darf man hingegen Spaß haben: „Es ist gemeinsames Feiern, aber anderer Art. Natürlich gehen die Leute nach wie vor aus und tanzen. Aber Kochen ist mit Genuss verbunden, was Tanzen und Kneipe nicht unbedingt sein müssen. Da geht es eher darum, auf die Kacke zu hauen.“

Wurstgalerie

Die Wurst als Event-Erlebnis: Wurstgalerie, Berlin

Ein anderes Feiern

Somit ist es auch eine andere Art von Ausgehen: „Gerade für die Generation 30 oder 35 plus, die nun nicht mehr auf die klassische Party rennt, aber trotzdem noch mehr will als nur im Restaurant rumhacken, sind doch solche Food-Events und Partys eine tolle Kombi und Alternative. Da kommt man sich mit Sicherheit nicht so doof vor wie in der Schlange vorm Watergate, weil alle anderen Anfang 20 sind“, vermutet Sabine Koppe. Und auch nicht so doof wie auf den piefigen Varianten dieser Events, den althergebrachten „Kulinarischen Meilen“ und Gourmet-Stadtteil-Festen. Mit deren Krebsschwänze-Weißweinschorlen-Haubenköche-Ästhetik und dem unterkühlten Charme einer Horten Delikatessa des Jahres 1987 haben die neuen Food-Events höchstens gemeinsam, dass hier wie dort das Thema Qualität eine wichtige Rolle spielt – womit sich die Streetfood-Märkte übrigens auch von den Frittiermeilen wie dem „Karneval der Kulturen“ und Co. abgrenzen. Es schmeckt gut und es macht Laune: „Man kann auch mal mit den Fingern essen oder von der vollbesetzten Bierbankkante aus Gerichte probieren, die man so noch nicht gegessen hat. Die Events sind ein Genuss-Spielplatz und bieten für beide Seiten eine Nähe, die man so im Restaurantalltag nicht bekommt“, erklärt Meike Adam.

Für Kavita Meelu, Macherin von „Burgers & Hip hop“ und Mitbetreiberin des „Street Food Thursday“, ist diese Lockerheit einer der Gründe, warum die Food-Events so gut funktionieren. Wenn die in Birmingham und London aufgewachsene Neu-Berlinerin in ein Restaurant der Stadt geht, frage sie sich oft, warum auf ihrem Tisch vier Weingläser und siebenteiliges Besteck stehen, wozu man eine weiße Tischdecke aufgezogen habe und sie sich fühlen müsse, als sei sie in den Achtzigern in Frankreich gelandet. Hipster-Köche tragen einen Bart, Tattoos und vielleicht verrückten Schmuck, aber rein gar nichts von seiner Persönlichkeit finde sich im Restaurant wieder, erklärte sie kürzlich in einem Interview mit einer gastronomischen Fachzeitschrift. Von der Persönlichkeit jüngerer Gäste tut es das in solchen Restaurants sicher auch nicht - deswegen gehen die lieber auf Street Food Events futtern.

Und während Köche sonst in einer abgeschlossenen Küche eines steifen Restaurants werkeln, werden sie dort langsam zu neuen Stars. Nein, noch gibt es keinen Jamie Oliver der Straßenküche (wobei er sich als selbst ernannter „Naked Chef“ dicht an dieser Welt verortet), aber das Foodtruck- und Stände-Lineup wird in sozialen Netzwerken so angepriesen wie das DJ-Aufgebot eines manches Open-Airs. Und nicht nur hier zeigt sich das popkulturelle Potential der neuen Food-Mania.

Sotol

Soso. Mezcal ist der neue Tequila. Auf dem Bild zu sehen: Dasylirien, daraus wird Sotol gewonnen, der neue Mezcal. Ziemlich schwer zu kriegen.

Food-Pop

Um eine Form der Popkultur zu erschaffen, bedarf es auch immer einer Liga von Nerds, Kennern und Experten. Heutzutage kann man durchaus soziokulturell damit punkten, wenn man sagt: „India Pale Ale ist das neue Augustiner“, und schnell hat man einige aufmerksame Augenpaare an seinen Lippen kleben. Oder wenn man sich damit distinguiert, nur noch Single-Origin-Yirgacheffe zu trinken, siebzehn Tonic-Sorten zu kennen, Pastrami sowieso und ausschließlich an der Lower East Side zu essen und müde zu lächeln, wenn jemand von seinem ersten bánh-mì erzählt, hingegen das Wort Chimichurri nicht lustig zu finden, sondern es zum Anlass für eine sehr ernste Diskussion über dessen Oreganogehalt zu führen.

Wie bei der Musik lieben Menschen Geschichten hinter Dingen. Wie bei einem guten Album kann das Hintergrundwissen zu einem Produkt, zum Hersteller oder zur Geschichte eines Essens eine Menge zum Erlebnis beitragen. Und ganz ehrlich: Vielleicht hat man (also die Allgemeinheit) davon auch mehr als jede Underground-Resistance-Fehlpressung runterbeten zu können – vielleicht ist Essen anschlussfähiger? Eines kann man den genannten Foodevents nämlich bislang nicht vorwerfen: exklusiv im schlechtesten Sinne zu sein. Kommst hier nicht rein gibt es hier nicht, das Publikum ist – mal mehr, mal weniger – bunt gemischt. Das kann man den meisten elektronischen Events nun nicht behaupten. Wenn Futtern das neue Feiern ist, dann ist es heute zumindest auch so demokratisch wie es einst das Feiern war – auch, weil meist jeder Foodstand-Anbieter den gleichen Platz und die gleiche Größe hat, die vietnamesische Mutti genauso wie der aufstrebende Jungkoch aus dem Trendladen sowieso.

Es wird lecker

Wie wird sich das weiterentwickeln? Hat es eine Tendenz zum Hype? Natürlich, und wenn man sich, wie in Berlin, mittlerweile von Donnerstag bis Sonntag auf Foodevents „durchfeiern“ kann, tendiert das Ganze langsam in Richtung Sättigung im wahrsten Sinne des Wortes. Hat es eine Tendenz zur Überbewertung? Natürlich, und manchmal schmeckt es auch gar nicht so gut, trotz bekritzelter Schiefertafel und Handmade-Design, viel Williamsburg-Feeling, Puderzucker auf den Burgerbrötchen, exotischen Zutaten und kreativen Namen. Aber im Rückblick war auch nicht jedes Feierwochenende mehr als geht so, manchmal sogar richtig kacke. Dafür wird die nächste Party die beste. Bestimmt.

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