Leseliste: 3. Mai 2015 - andere Medien, andere ThemenÜber Douglas Coupland, Live-Mastering, Menschenverachtung und großartige TV-Debatten

Mary Go Wild Amsterdam

Platten und Bücher gibts bei Mary Go Wild in Amsterdam.

Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

Douglas Coupland und das Ende der Subkultur

Dies ist der bunt schimmernde Kopf von Douglas Coupland. Nun ist es immer zu begrüßen, wenn bunte Köpfe in unseren Innenstädten einfach so herumstehen, so wie Couplands in Vancouver. Bunt ist besser als nur grau. Aber wieso, weshalb und warum: Das sind Fragen, die sich Künstler zwar tagaus, tagein stellen, deren Antworten jedoch außerhalb des Künstler-Egos keine Rolle spielen. Wer den Freiraum hat, so etwas zu erschaffen, der tut es. Abseits der angeblich so klassischen Jobs. Früher nannte man dies „Bohème“, und heute? Kann man sich in der heutigen Zeit überhaupt noch von der „Gesellschaft“ abgrenzen? Etwas anderes tun, und so zwar nicht zwingend seinen Protest zum Ausdruck bringen, aber immerhin der Welt beweisen kann: Es geht auch anders? Coupland sagt: nein. Denn das Tempo, in der sich die Welt da draußen ändert und entwickelt, killt die Subkultur. Die ist längst aufgesogen vom Mainstream, das Netz macht es möglich. In seinem überaus klugen Aufsatz für „Texte zur Kunst“ ruft er die neue Gesellschaftsschicht des „blank collar“ aus. Und die, die den tragen, müssen umdenken. Utopie war gestern.

„Das Dumme ist, dass die wirkliche Welt, der die Menschen entkommen wollen, sich so schnell ändert, dass wir nicht mehr sicher sind, wovor wir uns ins Bohème-Leben flüchten.“

Bohemia = Utopia?

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Foto: Fleisch via Shutterstock

Hochtechnologie und Menschenhandel

Wir wissen: Die Fleischindustrie ist ein tierverachtendes System. Wir wissen: Menschen verachtet es auch. Nix Neues. Wir kennen die heimlich gefilmten Bilder, seit Jahrzehnten. Wenn jedoch selbst der ortsverwurzelte Teppich- und Tapetenhändler im Geburtsort von Das-Filter-Redakteur Jan-Peter Wulf Teil dieses Systems zu sein scheint, indem er überteuerte, unsanierte, schimmlige Wohnungen an osteuropäische Fleischmalocher vermietet, dann wird schnell klar: Nix da mit abgeschottetem System unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es mischen viele mit, es verdienen viele richtig gutes Geld daran, nicht nur „die Holländer“ oder „die Dänen“, die hier ihre Firmen platziert haben, wie man vor Ort gerne abwiegelt. Ein noch in der Gegend lebender Freund kann bestätigen, dass diese Vermietungspraxis kein Einzelfall, sondern gang und gäbe ist. Manche wohnen gar nicht, sondern hausen im Wald: Ein grauenhafter Bericht aus der niedersächsischen Schein-Idylle. Antihumanismus, wie ihn kein Dardenne-Film kennt. Ein Bericht, für den Autorin Anne Kunze den Herbert-Riehl-Heyse-Preis verliehen bekommen hat.

„Hier gibt's mehr Viecher als Menschen in der Dichte. Und auch mehr Scheiße. Das färbt wahrscheinlich im Kopf ab.“

Die Schlachtordnung

Masn Live

Doppelte Lautstärke, gleicher Schalldruck, die Zukunft des Live-Sounds

Wenn die Polizei aufgrund von Ruhestörung vor der Tür steht, gilt die Party eigentlich als gelungen. Noch cooler wäre es allerdings, die Lautstärke erhöhen zu können, ohne dass die Nachbarn davon überhaupt etwas mitbekommen: mehr Lautstärke, gleichbleibender Schalldruck. Der Mastering-Engineer Xergio Córdoba macht es möglich, durch eine eigens entwickelte und seit neuestem patentierte Form des Live-Masterings. Erste Tests waren wohl ziemlich erfolgreich, wie der Spanier im Gespräch mit VICE berichtet. Mal abwarten.

„Wir waren uns unseres Erfolgs bewusst, als wir Bass-Frequenzen erzeugen konnten, die mächtiger wirkten, als sie eigentlich waren. Wir haben es geschafft, die Lautstärke zu verdoppeln und dabei den Dezibel-Wert beizubehalten. “

Dieser Typ hat ein System entwickelt, mit dem du die Musik richtig aufdrehen kannst, ohne deine Nachbarn zu nerven

Medhi Hasan Thomas Friedman

Die besten TV-Debatten der Welt

Ganz ehrlich: Talks und Debatten im deutschen Fernsehen sind für die Tonne – und zwar grundsätzlich. Das unterirdische Niveau wird einem bewusst, wenn man sich eine Folge von Head to Head angesehen hat, der Debattier-Sendung von Mehdi Hasan im englischen Al Jazeera. Der britische Top-Journalist lädt sich stets hochkarätige Gäste ein und geht ganz grundsätzliche, aber schwierige Themen an: Hassen arabische Männer Frauen? Ist die EU gescheitert? Macht das Internet uns freier? – mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Oder eben hier: Sind die USA eine Kraft für das Gute in der Welt? Zu Gast ist kein geringerer als NYT-Journalist und dreifacher Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman. Diskutiert wird übrigens immer im berühmten Debate Chamber der Oxford Union.

„Was ich nicht verstehe: Warum kann die US-Regierung ohne große Diskussion drei Billionen Dollar in den Irakkrieg investieren, nicht aber in saubere Energie?“

Is the US a force for good in the world?

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Mark Ronson, I Start Counting und Jamie xx

„Beethoven hat in meinen elektronischen Produktionen nichts zu suchen“Pianist und Produzent Francesco Tristano im Interview