Plattenkritik: Max Richter - SleepIm Bett mit einem Epos

Max Richter Sleep Cover

Das Konzeptalbum „Sleep“ von Max Richter ist ein achtstündiges Werk, das während der Nacht gehört werden soll. Ji-Hun Kim hat sich dem Epos gewidmet und den Selbstversuch gewagt. Über Schlaflieder, Glücksbärchis und Träume in Haargel-Aquarien.

Als bekannt wurde, dass Max Richter ein acht Stunden langes Schlaflied komponiert hat, war nicht so recht klar, wo und wie man dieses Projekt einordnen sollte. Größenwahn, die thetische Verklanglichung der oft geforderten Entschleunigung in der digitalen Postpostmoderne, Medienkunst oder Verweigerung? Der in Hameln geborene Künstler ist natürlich nicht der erste Komponist, der sich dem Thema „Schlaflied“ widmet. Frédéric Chopin, Maurice Ravel, Ferruccio Busoni, sie alle komponierten ihre Interpretation der berceuse (französisch für Schlaf- oder Wiegenlied). Das bekannteste Stück dieser Gattung jedoch dürfte das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms aus dem Jahr 1868 sein („Guten Abend, gute Nacht“). Brahms selbst soll unter dem Schlafapnoe-Syndrom gelitten haben. Während des Schlafs setzt bei den Betroffenen immer wieder der Atem aus. Dauermüdigkeit und spontane Nickerchen während des Tages sind einige der Beeinträchtigungen, die durch dieses Syndrom entstehen. Einige Musikhistoriker glauben zu wissen, dass Brahms in diesem Wiegenlied seine Krankheit künstlerisch verarbeiten wollte. Genau genommen handelt es sich bei all diesen Klassikern aber eher um Einschlaflieder. Durch das sonore Summen und die einfachen, repetitiven Melodien im Einklang mit den wiegenden Bewegungen im Arm der Mutter sollen Babys besser einschlafen können. Aber auch die Eltern-Kind-Beziehung werde durch solche Rituale gestärkt, erklären Forscher. Schlaf- und Wiegenlieder sind eigentlich so alt wie die Menschheit, sie gibt es in jedem Kulturkreis dieser Welt und sind für Mütter und ihre Babys oft die erste Form der gemeinsamen Kommunikation.

##Gebrauchsmusik
Max Richters Arbeit denkt das Schlaflied weiter. Denn es soll – so die Idee des Komponisten – am Stück die ganze Nacht über gehört werden. Also auch während des Schlafs. Der Komponist gibt quasi eine programmatische Anweisung. Dennoch veröffentlicht das Label Deutsche Grammophon zwei Versionen des Albums. „From Sleep“ ist eine einstündige Kompilation des Originalstücks „Sleep“ – irgendwas muss sich ja auch auf CD oder Vinyl verkaufen lassen. Das komplette „Sleep“ gibt es nämlich nur als Download. Das ist nur konsequent gedacht. In der Nacht permanent Schallplatten zu wenden, würde der ursprünglichen Idee schließlich nicht gerecht.

Also widmet sich der Rezensent der Vorbereitung für eine Listening-Session über Nacht. Acht Stunden und 24 Minuten zählt die Gesamtspielzeit von „Sleep“ und im Vorhinein stellen sich einige Fragen. Wie soll man sich Notizen während des Hörens machen? Wie wird man Passagen, die tief in der Nacht laufen, erinnern? Kann man so ein Album überhaupt dramaturgisch analysieren, wo man doch im wörtlichen Sinne mehr als die Hälfte verpennen wird? Es wird klar, Max Richter will auch Hörkonventionen hinterfragen. Er verfolgt ein Konzept, das an die sogenannte Musique d’ameublement von Erik Satie erinnert. Diese Möbelmusik des französischen Komponisten war bewusst als Gebrauchsmusik gedacht. Musik als nebensächliche Einrichtung, als profaner Gegenstand im Raum. Sie war repetitiv, minimalistisch und gilt heute als Blaupause für die Minimal Music der 1960er-Jahre. Für viele Zeitgenossen Saties war die Möbelmusik ein Affront; der Pragmatismus widersprach dem Konzept des genialischen Künstlertypus, das die europäische Kulturlandschaft bis heute prägt. Aber auch Brian Enos „Ambient 1: Music for Airports“ von 1978 kann diesem Kanon hinzugefügt werden. Eno soll Mitte der 1970er-Jahre einige Stunden am Flughafen Köln/Bonn verbracht haben und von der uninspirierten Soundkulisse genervt gewesen sein. „Music for Airports“ wurde so zum Ambient-Klassiker. Ein funktionaler, architektonischer Soundtrack, der einige Zeit in den 80ern sogar am New Yorker Flughafen LaGuardia fest installiert wurde.

Gerade in der aufmerksamkeitsgestörten Gesellschaft von heute, in der jeder Post bei Instagram, YouTube und Snapchat nach Attention schreit, jeder im Mittelpunkt stehen kann und vermeintlich auch jeder ein Star ist: In Zeiten wie diesen ist es interessant, dass ein renommierter und preisgekrönter Komponist wie Max Richter eigentlich das wünscht, was landläufig der gesellschaftliche Todesstoß für jeden Kreativen ist. Ob im Kino, Theater oder Club. Schläft der Rezipient ein, konnte das Dargebotene nur schlecht und vor allem ganz schön langweilig gewesen sein.

##0 Uhr 30 – Gleiches Ambiente
Die Playlist mit seinen 31 Stücken ist vorbereitet. Die Lampe am Nachttisch brennt. Es ist eigentlich zu früh zum schlafen gehen. Bücher und Magazine, die seit Ewigkeiten gelesen werden wollen, liegen vorbereitet neben dem Bett. Eine Flasche Wasser ebenso. Die Stimmung erinnert an Jugendherbergsaufenthalte in Tweenietagen, wo man versuchte, gemeinsam die letzte Nacht durchzumachen. Man wusste nie, womit man sich beschäftigen sollte, die Zeit verging langsam, die letzten Stunden am frühen Morgen waren besonders zäh. Man hing aufgekratzt auf den Etagenbetten ab, spielte Karten oder erzählte sich die ersten Sexwitze. Wie naiv und einfach die Welt ohne Alkohol, Drogen und Partys doch noch war – geht es mir durch den Kopf. Das erste Stück „Dream 1 (before the wind blows it all away)“ beginnt. Ein gefühlt ewig gespielter Piano-Loop, schwere Akkorde, einlullend. Man fragt sich derweil, ob das Wort einlullen und das englische Wort für Schlaflied lullaby den selben Ursprung haben. Muss wohl so sein. Die Musik ist keine, der man konzentriert zuhört oder der man folgen könnte. Es gibt keine Songschemata, wenn auch Motive eine wichtige Rolle spielen. Dafür gibt es breite, sämige, ambiente Flächen, die sich metaphorisch nochmal über die Bettdecke legen. Das erste Magazin ist durchgeblättert, der Kopf leicht ermüdet, durch die Klänge von Richter und seinen Musikern auch ein bisschen vernebelt. Es stellt sich nicht mehr die Frage, das wievielte Stück jetzt schon läuft oder welches bis dahin vielleicht ein besonders gutes gewesen sein mag. Dafür fühlt man mit den Streichern mit. Wie anstrengend es für die Arme sein muss, 15 Minuten lang einen einzigen Ton im zartesten Legato zu intonieren.

Max Richter - Sleep - full

0:45. Das Buch in den Händen wird immer schwerer, die Augen lesen Wörter, die gar nicht gedruckt wurden. Die Musik hat den Raum endgültig eingenommen. Die Atmosphäre ist nicht nur weich und sanft. Die Musik klingt auch ungewiss, angespannt, nicht düster, aber lichtlos, ganz wie die Nacht eben. Anders als bei der urmütterlichen Wärme, wird hier die kalte Realität da draußen nicht ausgeblendet. „Träume sind ja auch nicht immer nur die Glücksbärchis“, denk ich mir. „Was für ein alberner Vergleich“, in der Sekunde darauf. Das Licht ist aus. Die Augen zu, der Körper auf die Seite gelegt.

4:30. Kurz aufwachen, aufstehen, ins Bad. Richtig ruhig habe ich bis dahin nicht geschlafen. Die Töne, die im Hintergrund laufen, erscheinen einem mittlerweile sehr vertraut und bekannt. Ob die Playlist falsch eingestellt wurde und versehentlich das gleiche Stück zweimal läuft? Seltsam das Gefühl des erneuten Einschlafens. Intuitiv will ich die Musik ausmachen, muss mich aber zurückhalten. Man ist zwar den Kreuzberger Straßenlärm gewöhnt, aber nicht diese Musikkulisse.

ca. 6:25. Es ist hell, die Musik läuft immer noch. So spät kann es also noch gar nicht sein. Ich versuche mich an die Träume zu erinnern – klappt nicht. Was ich aber erinnere ist, dass alle Träume wie von einem dicken, klebrigen Kleister überleimt wurden. Als hätten sich die Traumhandlungen in einem riesigen Aquarium voller Haargel abgespielt. Die Flächen der Musik haben sich wie ein amerikanischer Frühstücksaufstrich (Erdnussbutter mit Nutella und Marshmallow Fluff) einmal quer über den ganzen Kopf verteilt.

ca. 7:30. Nochmaliges Aufwachen. Die Musik hat aufgehört. Plötzliche Stille kann manchmal der größte Lärm sein. Zwischen Aufwachen und Halbtraum befinde ich mich in einem weiß gekachelten Schlaflabor. Der Doktor kommt rein und fragt: „Und? Wie haben Sie geschlafen? Wie fühlen Sie sich?“ „Ach, Herr Doktor“, antworte ich, „Ich weiß es nicht genau. Irgendwie fühl ich mich gerädert.“ „Das ist ganz normal“, erwidert der Doktor, „würden sie bei einer erneuten Testrunde wieder teilnehmen wollen?“ „Vielleicht, Herr Doktor. Aber nicht so bald.“

Die Nacht mit „Sleep“ hängt nach. Die Aufgaben des Tages gehen langsamer von der Hand als sonst. Anders als bei anderen Alben, kann ich den Kollegen auch gar nicht so richtig kommunizieren, wie ich das alles fand. Ich fühle mich wie Johannes Brahms. Möchte ich Max Richter danken, dass er so ein Mammutwerk angegangen ist? Ihm dazu gratulieren, dass er das wahrscheinlich längste Schlaflied der Geschichte geschrieben hat? Warum nicht. Kann ich ihm zugleich böse sein, dass er mir meinen wohlverdienten und einstudierten Schlaf so zermürbt hat? Leider nicht, da bin ich selbst schuld. Man kann es ja auch sein lassen.

Jeder wird seine ganz eigenen, persönlichen Erfahrungen mit „Sleep“ machen, aber die wenigsten werden danach sagen: „Das 21. Stück des Albums musst du dir unbedingt anhören.“ Man stellt aber auch fest, wie intim und privat der Schlaf eigentlich ist. Was für ein Geschenk es ist, ihn jede Nacht in seiner eigenen Wohnung, in seinem eigenen Bett haben zu dürfen. Jene Nacht habe ich sozusagen mit Max Richter verbracht. Ich habe seine musikalische Interpretation seines Schlafs gehört. Kein Mensch kann den Schlaf des anderen schlafen. Daher bleiben die Fragen: War dieser Schlaf nun fremdbestimmt? Oder wieso fühlte es sich wie ein Fremdkörper an? Würde ich anders über die Musik denken, hätte ich sie an einem anderen Tag gehört? Was hätte ich dann geträumt?

So bald plane ich nicht, das Experiment zu wiederholen, da ist der Halbtraum ganz Realität. Aber sollte Musik nicht etwas sein, das man zu jeder Tageszeit und in möglichst vielen Momenten hören will? Sprich, der Anspruch auf Universalität? „Sleep“ ist nämlich auch keine funktionale, psychoakustische Meditationsmusik. Nichts, dass man nachts im TV-Homeshopping kaufen will – „Holen Sie sich jetzt den perfekten Schlaf nach Hause. Mit der 8-CD-Box „Sleep“ exklusiv bei Time Life gehören Schlafprobleme der Vergangenheit an!“ Selten war Musik so großartig (Konzept, Idee, Sound, Form, Ästhetik) und Fragen hinterlassend zugleich. Seitdem verfolgt mich aber ein großer Wunsch. Auf dem Cover prangt ein riesiger Vollmond. Dorthin möchte ich gerne mal fliegen. Für diesen Weltraumflug müsste Max Richter die Musik komponieren. Ich bin mir sicher, es wird die schönste Reise meines Lebens.

Sleep

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