Wochenend-WalkmanDiesmal mit Karen Gwyer, House of Feelings und der Mondscheinsonate im Remix

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen.

Karen Gwyer Rembo Cover WW19082017

Karen Gwyer – Rembo

Ji-Hun: Seit längerem habe ich mir vorgenommen, mal wieder ein Techno-Album in den Walkman zu packen, so richtig angelassen hat sich das aber nicht. Entweder war die Musik dann kein richtiger Techno oder man hatte doch nicht so richtig Bock. Daher kommt mir das vor einigen Wochen erschienene Album von Karen Gwyer ziemlich zupass. Die in Iowa geborene und heute in London lebende Künstlerin hat mit „Rembo“ ein ganz wunderbares Maschinen-Album gemacht. Heute ist ja Techno, der aus dem Laptop kommt, so verdächtig wie ein langbärtiger Imam an einem texanischen Airport. „Echte“ Synths, kühlschrankgroße Doepfer-Modularsysteme, darunter brauchst du gar nicht anzufangen. Ob das Ergebnis dabei nun musikalisch oder nicht war, schien viele Boiler-Room-Ravejünger nicht interessiert zu haben. Das ist bei „Rembo“ – heilige Bassdrum sei Dank – nicht der Fall. Hier gibt es Rauschen und Lo-Fi, lässt sich aber auch goutieren, ohne einen permanent nach analogen Fehlerklangquellen suchen zu lassen. Die Arrangements sind dezent und gut dosiert, die Tracks haben eine persönliche Strahlkraft und bleiben angenehm tanzbar. Dass Karen Gwyer den Zirkus auch nicht ganz so ernst nimmt beweist die großartige Trackbetitelung: Why Is There a Long Line in Front of the Factory? The Workers Are on Strike – oder auch: Why Does Your Father Look so Nervous? He’s Been Teaching Me to Drive. Wie subtil Kritik doch sein kann. Gut so.

Album bei iTunes

House of Feelings Last Chance EP Walkman 20170819

House of Feelings – Last Chance EP

Benedikt: Wenn alles irgendwie scheiße ist, wenn gar nichts mehr geht und erst recht in keine Richtung, wenn nur Musik und Tanz der Resignation etwas entgegensetzen können, und das nicht einmal inhaltlich, dann ist man bei House of Feelings an der richtigen Adresse. House of Feelings kommen aus New York, ihr Sound wird getragen vom Songwriting Matty Fasanos und der Produktion von Dale Eisinger, wechselndes Personal am Mikrofon. „Last Chance“ beginnt als treibendes House-Werk, weil die Kombo aber als Band funktioniert, angereichert mit ordentlich Epos und Referenzen bis weit in die 80er. Im Laufe der Spielzeit entpuppt sich die EP als komprimierte Sammlung musikalischer Ideen. Nicht weil es der Produktion an Detailarbeit mangelt, sondern weil die Songs weil nur zwei acht Songs überhaupt die Fünf-Minuten-Marke überschreiten. Das großartige Stück „Hurt Me“ (feat. GABI) hätte gern gedehnt werden dürfen. Dass es an genau der Stelle endet, an der ein lupenreiner Dance-Track seinen Höhepunkt erreicht hätte, passt allerdings auch wieder zur eingangs erwähnten Attitüde. Richtig ausgebreitet wird dafür der Track „It’ll Cost You“. Nichts ist umsonst, jeder bleibt allein und du hast auch schon besser ausgehen – vorgetragen in sauber artikulierten Lyrics auf einem Sound trotziger Euphorie. Eine Platte, die nirgends besser hinpasst, als in den grauen Sommertag.

Album bei Bancdamp

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V/A – Re:works – Piano

Thaddeus: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann aus diesen Klassik-Remixen doch nochmal was wird. Die Ausbeute der vergangenen Jahre ist bescheiden, oft auch ein bisschen gruselig, aber da die Symbiose aus „ernster“ Musik und dem Club-Stolpern ja konsequent en vogue bleibt, wird ja wohl irgendwann, irgendwo mal eine gute Platte bei abfallen. Diese hier vielleicht. Producer wie Appleblim, Dusty Kid, Third Son oder Lixo durften sich im Decca-Archiv bedienen; im Klavier-Archiv, um genau zu sein. Werke von Satie, Bach, Pachelbel und Debussy werden hier neu interpretiert, Gassenhauer inklusive: „Gymnopédies“ und „Mondscheinsonate“. Das ist – überraschenderweise – mitunter gar nicht schlecht, weil hier nicht einfach Beats draufgeklatscht und abgetranct wird. Auch wenn die 4/4 mitunter schon viervierteln. Selbst Dusty Kids Version der Mondscheinsonate mumpft dabei stellenweise vorbildlich, dass man die käsige Melodie fast, aber nur fast, ausblenden kann. In Gänze habe ich das Album noch nicht gehört, ob das überhaupt möglich ist, wird das Wochenende zeigen.

Album bei iTunes

Ghost MachineWie die Toten die NSA töten können

Leseliste 20. August 2017 – andere Medien, andere ThemenWhite Power Music, Cro, Drogenpolitik und Trump-Caligula