Wochenend-WalkmanDiesmal mit Public Service Broadcasting, Porter Ricks und Broken Social Scene

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen.

Public Service Broadcasting Every Valley Artwork

Public Service Broadcasting – Every Valley

Thaddeus: Das ist schon ein Glücksfall. Da entdeckt man durch Zufall eine Band am Strand, hört deren Platten in den folgenden Wochen rauf und runter, und dann kommt auch schon ein neues Album; das dritte, wenn man den epochalen Mitschnitt aus der Brixton Academy und eine Remix-Sammlung weglässt. PSB sind zunächst mal eine klassische Indie-Band, die natürlich wie jede andere Indie-Band anno 2017 auch längst nicht mehr nur Gitarre, Bass und Schlagzeug spielt. Feine Songs, fein produziert, mit dem richtigen Gespür für Melodien, die auch in Stadien funktionieren, das Fundament der Tracks ist aber klein und bescheiden. PSB sind eine Instrumental-Band. Der „Gesang“ kommt in Form von Samples aus historischen Dokumentationen und gibt den thematischen Rahmen der Alben vor. Mal der Weltraum, mal Großbritannien während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Art der Geschichtlichkeit trifft bei mir ästhetisch ins Schwarze: Ich bin Fan. Das neue Album nimmt die Waliser Kohleindustrie in den Blick, plattgemacht von Margaret Thatcher in den 1980ern. Schwieriges Thema und natürlich ist es auch nicht die erste Platte zu diesem Thema. Aber auch hier gilt: Die Samples haben derartig Kraft, dass es irgendwann auch egal ist, was uns dort eigentlich erzählt und berichtet wird. Die Krise der Kohle ist ja eh nur ein Aspekt der Story – das Persönliche der Menschen zählt viel mehr. Ungewöhnlich bzw. neu ist jedoch, dass sich auf „Every Valley“ auch Songs mit „richtigen“ Sängerinnen und Sängern finden. Wie ich das finden soll, weiß ich noch nicht. Das Album scheint einen Richtungswechsel der Band zu markieren. Die Songs scheinen generell durchwirkt von einer neuen Herangehensweise, die leisen Passagen klingen noch stiller, die lauten massiver. Wie sich der digitale Folk der historischen Samples mit dem zeitgenössischen Folk am Mikrofon versteht, bleibt für den Moment unbeantwortet. Tendenz: nicht so wirklich gut. Weil PSB mit den vergangenen Platten eine angenehme Distanz zwischen sich und der Musik geschaffen hatten. Die bricht hier weg. Aber: Wenn am Ende des Platte der Männerchor der Bergarbeiter singt – kein Sample, extra aufgenommen – dann muss man halt doch wieder eine kleine Träne wegdrücken.

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Porta Ricks Anguilla Electrica Walkman

Porter Ricks – Anguilla Electrica

Benedikt: Heute kommt ja eigentlich kein ernstzunehmendes Techno-Album mehr ohne aufbrechenden Ambient aus, ein Stück Stille für mehr Drama, der einem vermeintlichen Spannungsbogen dienende Twist. Das brauchen Porter Ricks, die Dub-Techno-Jungs Thomas Köner und Andy Mellwig, nicht. „Anguilla Electrica“ ist das erste Album seit 1999 und es klingt, als gäbe es diese zwei Dekaden große Lücke zwischen ihren damaligen Releases beim Basic-Channel-Sublabel Chain Reaction und dem Comeback auf Tresor gar nicht. Das ist gleichermaßen toll und oll. Toll, denn Dub-Techno können die beiden immer noch: In der Mitte die Kickdrum. Drumherum ziehen Synthesizer und modulare, verwaschene Geräuschwelten mal enge, dann wieder weite Kreise in den sandigen Untergrund. Allgegenwärtig: jede Menge Hall. Nie wird das einzelne Element wirklich greifbar, weil alles gleichsam nah und fern, laut und leise ist. Oll, weil Dub-Techno hier so klingt wie Dub-Techno immer klang und wohl auch immer klingen wird. Aber in dieser Konsequenz liegt eben auch genau der Charme, den eine solche Platte im Jahr 2017 entfalten kann.

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Broken Social Scene Hug of Thunder Cover

Broken Social Scene – Hug of Thunder

Ji-Hun: Good News: Das erste Album der kanadischen Band Broken Social Scene seit sieben Jahren. Gerade, wenn man bedenkt, dass das Kollektiv um Kevin Drew und Brendan Canning in den Jahren 2001 bis 2005 gleich drei Alben herausgebracht hat, die Broken Social Scene zur Rettung für Indie-Rock machten, ist das eine Ewigkeit. Erinnern wir uns kurz zurück. Anfang der Nuller-Jahre ertrank die Welt in Gitarrenmusik. Aber um ehrlich zu sein, sind nur wenige Dinge wirklich gut gealtert. Wer hört heute noch The Rakes oder Kaiser Chiefs? Broken Social Scene waren damals schon anders. Immer ein bisschen mehr Hippie als die schnöselige Konkurrenz. Die kanadische Idee des Kollektivs, dass jeder mitmachen kann, der Lust hat und was kann, brachte nachhaltige Spektakel zustande. Künstlerkarrieren wie die von Feist, Arcade Fire und Metric hätte es ohne BSS vielleicht nie gegeben. Nachdem das Vorgänger-Album „Forgiveness Rock“ von Tourtoise-Mastermind John McEntire produziert wurde, waren diesmal Joe Chiccarelli und Shawn Everett auf der anderen Seite des Aufnahmeraums. Dennoch ist der Sound von „Hug of Thunder“ vom ersten Akkord an vertraut, wenn auch die Frequenzen mittiger und knackiger gemischt worden sind und auch die typischen, energischen Crescendo-Ausbrüche moderater gehalten werden. Kann gut sein, dass „Hug of Thunder“ nicht das beste Album der Band-Historie ist. Es ist aber ein sehr gutes trotz allem. Zumal es vor wenigen Jahren ja noch hieß, Broken Social Scene wollten sich auflösen. Da macht man als Fan mindestens drei Kreuze.

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