Return of the PartykellerReview: Sony GTK-XB7

Sony Return of the Partykeller start

Klein, mobil, dezent und praktisch? Das war mal so bei Bluetooth-Lautsprechern. Diese Boombox macht alles anders und ist dabei vor allem eins: laut.

Erinnert sich noch jemand an das Siemens-Handy SL45 aus dem Jahr 2000? Es war eines der ersten Handys überhaupt, das MP3s abspielen konnte. Damals noch in armseliger Qualität und mit einer austauschbaren Speicherkarte, die gerade mal 32 MB fassen konnte. Aber es war eine Möglichkeit, Musik mobil zu hören. Hätte zu der Zeit jemand gesagt, dass anderthalb Jahrzehnte später der Großteil der Menschen nur noch Musik über Handys hört, wir hätten ihm eine Wegbeschreibung zum nächsten Sanatorium in die Hand gedrückt. Heute, die Zeiten ändern sich, besitzt kaum einer noch eine Stereoanlage. Vinyl-Hype hin oder her. Der mickrige Sound aus Smartphone, Laptop oder Tablet muss also mit Lautsprechern aufgebläht werden. Denn umso kleiner und flacher Geräte sind, desto weniger Resonanzraum steht zur Verfügung, ergo desto schlechter und dünner wird der Klang. Simple Physics. Flache Fernseher kennen das Problem und Hafti-Tracks in der U8 übers Smartphone – man weiß wie „fett“ das klingt. Seit einigen Jahren also dominieren portable Bluetooth-Boxen und Wireless-Systeme das Geschehen. Der Markt hat einige neue Player hervorgebracht. Das mittlerweile zu Apple gehörende Unternehmen Beats ist dabei nur eines von vielen.

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Praktisch: Ein Sensor erkennt, ob der Lautsprecher quer oder hoch aufgestellt wird und passt den Sound an.

Like A Rockstar

Heute sieht man Bluetooth-Boxen im Görlitzer Park, im Englischen Garten und auch am Elbstrand. Viel ist in dem Segment passiert, ihr Sound wurde (selbst für Stereo-Traditionalisten wie mich) immer passabler und man musste lernen zu akzeptieren: Ist halt so. Der Trend ist nicht aufzuhalten und so ganz unpraktisch sind sie nun auch wieder nicht, diese portablen Lautsprecher. Ging es zu Beginn noch darum, Speaker so klein wie möglich zu halten, um die Mobilität in den Vordergrund zu stellen, gibt es mittlerweile immer größere und schwerere Modelle. Ganz ähnlich wie mit Mobiltelefonen, die zu C-Netz-Zeiten riesig anfingen, immer kleiner wurden (Stichwort Nokia 8210) und dann mit dem Smartphone und später Phablets wieder bis zur Unhandlichkeit größer wurden. Sony hat seit einiger Zeit ein in dieser Hinsicht interessantes Gerät im Portfolio. GTK-XB7 nennt sich der Lautsprecher und auch dieser Speaker verbindet sich via Bluetooth mit Smart-Devices. Nun ist der Lautsprecher aber mit seinen Maßen von 33 x 65 x 34 cm alles andere als handlich und mit 12 Kilogramm Gewicht auch richtig schwer. Die Anmutung und Verarbeitung erinnert an eine rustikal, solide Monitorbox, die man von Rockbühnen kennt. Das Ding, wo Heavy-Metal-Gitarristen für ihre flinken Soli immer ihre Füße drauf abstellen. Iggy Pop wirft die Teile bei schlechter Laune auch mal gerne ins Publikum. Eine weitere Besonderheit: Der Speaker verfügt über keine eingebaute Batterie. Heißt, er braucht eine Steckdose für den Betrieb und eignet sich leider nicht für den spontanen Open-Air-Rave. Uneingeschränkte Mobilität? Fehlanzeige.

21st Century Retrokeule

Via NFC, Blueooth oder auch klassischen Audioeingang können Soundquellen verbunden werden. Ein USB-Port ermöglicht das Abspielen von Flash-Speichern, aber auch das Smartphone kann darüber aufgeladen werden. Dazu hat Sony eine App (SongPal) entwickelt, über die Playlisten gespielt werden, aber auch sogenannte DJ-Effekte (für Profis ist das nichts) abgefeuert werden können. Man fühlt sich an alte Monacor-Mischpulte aus den 80ern erinnert, die mit Kirmes-Soundeffekten ausgestattet wurden und überhaupt ist der Lautsprecher schrill, alles andere als dezent und bringt das Konzept des guten alten, holzvertäfelten Partykellers zurück ins 21. Jahrhundert. Ein Knopf verspricht Extra Bass und wenn einmal eingeschaltet und die LED-Beleuchtung für zackige Visualisierungen sorgt, ist klar, dass hier die Zielgruppe keine distinguierten Jazzer sind, sondern der junge EDM-Hörer im Fokus steht. User, die über keine großen Budgets verfügen, aber dennoch klanglich Aufmerksamkeit suchen. Man fühlt sich an getunte VW Golfs aus den 90ern erinnert, die mit Subwoofer-Röhren im Kofferraum über die A40 im Ruhrgebiet schepperten, nur ohne Auto. Die ganze Angelegenheit ist also sympathisch prollig und schafft eine Produktkategorie, die ziemlich unique ist, aber auch eine Menge Spaß verspricht. Denn 470 Watt Ausgangsleistung haben das Potential nicht nur dem Nachbarn gehörig auf den Zeiger zu gehen.

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„I'm your father – Nooo!“ Oldschool-Stereo-DJ-Anlage im Hintergrund. Zeitgemäßes Party beschallen mit YouTube inkl. Lightshow vorn.

Stilvorgaben

Der Genre-Test beweist das. Besonders wohl fühlt sich der Speaker bei zeitgenössischen Mainstream-Hochglanz-Danceproduktionen, deren Frequenzspektren wie eine Snowboard-Halfpipe aussehen: viel Bass, viele Höhen und wenig Mitten. Mit dem Extra Bass klingt das Ganze noch wuchtiger und schon wieder kommt die Assoziation des Partykellers oder der Gartenlauben-Party, die man so lange nicht mehr erlebt hat (was eigentlich schade ist). Aber auch aktuelle Trap-Beats, Drake, A$AP Whatever und Kanye West schlagen sich erstaunlich gut. Denn auch die verfügen über ein ähnliches Halfpipe-Klangbild. Man traut sich daheim gar nicht das Teil voll aufzureißen, wohl auch, um sich nicht vollends beim Nachbarn zu blamieren, wenn der Tester seine heimlichen Lieblingstracks von Swedish House Mafia oder Zedd anschmeißt. Die Trauer steigt indes mit jeder Sekunde, wenn man feststellt, dass man die Box doch nicht in den Görli schleppen kann, um den Frisbee-Spielern in der Kuhle den passenden Soundtrack zur Verfügung zu stellen. Aber was soll’s. Ältere Produktionen oder auch Musik, die mittenlastiger formuliert ist, bekommen ihre Probleme. Die Mitten werden bei getretenem Gaspedal schnell indifferent. Sei es bei HipHop von The Pharcyde, Daft Punks „Homework“, Indie-Rock wie Sonic Youth oder auch Erbsenzähler-Metal wie Dillinger Escape Plan.

Mettigel & Doppelkorn

Heute ist es mit Speakern aber auch wie mit Sneakern. Es gibt für jeden Anlass ein eigenes Produkt. Der Sony GTK-XB7 ist mit seiner permanenten Lightshow nichts fürs dezent-distinguierte Candle Light Dinner und auch nichts für Debussy oder Mahler. Dafür wird jede spontane Hausfete einen guten und treuen Freund finden und das spätabendliche, allbekannte YouTube-Video-DJing zu einer hörbaren und vor allem tanzbaren Angelegenheit machen. Jeder weiß, wie schlecht heuer die meisten WG-Partys klingen. Dafür ist das hier die Lösung, auch zu dem passablen Straßenpreis von 320 Euro. Der Kasten setzt nämlich genau da an, wenn die meisten Bose, Jawbone, JBL, UE und Beats-Pillen aus dem letzten Loch pfeifen. Und es ist wie im Leben selbst. Jeden Tag Champagner trinken ist langweilig, wenn unterdessen der 2-Kilo-Mettigel und sechs Kästen Bier plus Doppelkorn auf ihre stilgerechte Vernichtung warten. That’s the shit. Und allein dafür gehört Sony ein saftiger, kumpeliger Klaps auf die Schulter verpasst.

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