Winter ist auch nicht mehr das, was es mal warÜber Hightech-Schneeerzeuger und Pistenkatzen im Pininfarina-Design

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Firmen wie TechnoAlpin und Prinoth haben mit ihren Entwicklungen den Wintersport ins 21. Jahrhundert gebracht. Ein Besuch in Südtirol und Einblicke in eine Welt, die u.a. aus Schnee eine komplexe Wissenschaft und Wirtschaft gemacht hat.

„Für den Schnee heute können wir ausnahmsweise nichts“, scherzt Patrizia Pircher, Marketing-Chefin von TechnoAlpin mit Sitz in Bozen/Südtirol, als wir in die knatschgelbe Firmenzentrale eintreten. Es ist Ende Januar und selbst für hiesige Verhältnisse unangenehm nasskalt. Es matschschneit ununterbrochen. Das Gebäude ist modern, man sieht Design-Sitzmöbel von Vitra, was für eine Firma, die hauptsächlich Schneekanonen baut, ein bisschen ungewöhnlich erscheint. Es wirkt alles corporate, die Firmenfarbe Gelb dominiert. „Unsere Kunden identifizieren sich stark mit ihrem Beruf. Pistenbullifahrer sind wie LKW-Fahrer. Es besteht Nachfrage nach Jacken und anderem Merchandising. Wir wollen uns sportlich darstellen. Wintersport ist Lifestyle. Es geht ja auch um Spaß.“

Wenn man sich nicht professionell mit Wintersport auseinandersetzt, denkt man, dass sich beim Skifahren im Laufe der letzten Jahrzehnte doch nicht allzu viel getan haben dürfte. Man wartet im Winter auf Schnee, macht den Lift auf und lässt die Touristen die Abfahrten machen. So einfach ist das aber nicht. Die Anforderungen sind andere geworden. Es geht es nicht nur um Klimafragen, sondern auch um viel Technik. Schneeerzeuger, so der hier gewählte Name, arbeiten für den Skifahrer unsichtbar im Hintergrund. Tagsüber flankieren sie relativ unscheinbar die Pisten. Nachts, wenn keiner mehr auf dem Berg ist, beginnen sie ihre Arbeit. Diese Geräte sind für den Erhalt des Wirtschaftsfaktors Wintertourismus zum unersetzlichen Tool geworden. Es wird dauernd geforscht, digitalisiert, vernetzt und optimiert. Sogar mit Produktdesignern wird seit einigen Jahren gearbeitet. Für jemanden, der nicht in den Bergen lebt, ist das alles eine Parallelwelt. „Für einen Außenstehenden sind die Entwicklungen nicht so eindeutig. Es handelt sich im Prinzip weiterhin nur um Druckluft und Wasser, womit wir arbeiten. Aber die Anlagen müssen effizienter werden. Der Bereich der Automatisierung spielt die größte Rolle. Heute geht es nicht mehr um Vollautomatik, sondern um intelligente Anlagen, die selbständig die Schneequalität regeln können. Jedes Skigebiet hat Mikroklimata, da können die Anlagen mittlerweile selbständig bestimmen, dass bspw. zuerst Piste A beschneit wird, weil da zur Zeit die besseren Bedingungen herrschen als auf Piste B.“

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Sieht aus wie eine Science Fiction-Superwaffe, macht aber nur Schnee

Ceci n’est pas Kunstschnee

Denn der hat ja gemeinhin kein gutes Image. Alpine Traditionalisten wettern seit jeher gegen die härtere Textur des Schnees. Es heißt, er wäre gefährlicher. „Wir sagen technischer Schnee und nicht Kunstschnee, weil da ist nichts Künstliches dabei. Es war aber in der Tat ein langer Weg von den Eispisten zu jenen Pisten, die wir heute präparieren können. Der technische Schnee ist kompakt, aber dadurch ist er geeigneter als Naturschnee, wenn er denn gut gemacht ist. Wir haben heute ganz andere Verhältnisse als in den 90er-Jahren. Heute gibt es viel mehr Pisten und viel mehr Skifahrer. Diesen Ansprüchen wird der technische Schnee besser gerecht“, erklärt Pircher. „Man kennt es noch aus den 80er-Jahren. Da gab es am bereits am Nachmittag Hügel auf den Pisten. Das will der Gast heute nicht mehr“, ergänzt Pirchers Kollege Alessandro Rachetti, seines Zeichens Sales Manager für die Märkte in Osteuropa und Russland.

Ein neuer wichtiger Markt für die Wintersportindustrie, viele Südtiroler Firmen haben bei der Umsetzung der Winterolympiade in Sochi mitgewirkt und ihre Produkte nach Russland gebracht: „Der technische Schnee erlaubt viel mehr Leuten Ski zu fahren. Man muss nicht mehr so gut fahren können wie früher. Zum einen hat der Carvingski dazu beigetragen, aber auch der technische Schnee von heute. Es ist alles viel einfacher geworden.“ Heutige Schneeerzeuger können unterschiedlichste Schneearten produzieren. Trockener Schnee, nasser Schnee, je nach Wetterbedingungen können die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen. Dazu gehört eine Menge Know How und Erfahrung. Auch, dass je nach Anlass die Ansprüche an den Schnee unterschiedlich ausfallen.

„Im Hochleistungssport wird noch mal ganz anders gearbeitet“, erzählt Patrizia Pircher, „Wenn dort eine Piste präpariert wird, beschneie ich erst so nass wie möglich. Dann wird noch mal Wasser drüber gespritzt. Der Weltcup-Pistenchef von Schladming hat mal gesagt: Wenn die Entwicklung so weiter geht, dann werden wir demnächst Fliesenböden verlegen und keinen Schnee mehr. Im Weltcupsport kann der Schnee also nicht hart genug sein. Da machen alle 60 Läufer die Kurve an der selben Stelle. Da wird in der Tat bewusst eine Eisfläche produziert.“

Hört man den Ausführungen zu, merkt man erst, wie hochkomplex das Thema Schnee sein kann. Ja, eigentlich ist es nur gefrorenes Wasser, aber Wasser, dass heute mit komplexen Pumpensystemen, automatisierten Heizanlagen und smarter Vernetzung zu tun hat. Deshalb sind nicht nur die Produkte wichtig, gerade in den erwähnten neuen Märkten ist Beratung von enormer Bedeutung. Dazu Rachetti: „Wir produzieren schlüsselfertige Produkte, von der Beratung bis zum After Sales Service. Hier in den Alpen ist das Wissen groß, die Betreiber wissen, worum es geht. Bin ich aber in den neuen Märkten, ist die Beratung eine andere. Da ist mehr Basisarbeit nötig. In China muss man erst erklären, was eine richtige Piste ist und wie sie zu funktionieren hat. Vor allem infrastrukturelle Fragen sind wichtig. Wenn man vom osteuropäischen Markt spricht, ist die Situation ähnlich. Man weiß wenig über Wintertourismus. Es wird viel missverstanden. Selbst wenn ich -15 Grad habe, heißt das nicht, dass ich nicht beschneien muss. Wir sehen das von hier, weil die Anlagen alle vernetzt sind und von uns überwacht werden können. Und dann fragen wir nach: Wieso schneien Sie nicht? Oder dass neue Betreiber sich nicht für den Wetterbericht der folgenden Wochen interessieren. Das geht natürlich nicht. Da versuchen wir auszuhelfen. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen und auch zu zeigen, mit der ganzen Sache Geld zu verdienen.“ Manchmal müsse man Kunden aber auch vor sich selbst schützen. „In Moldawien ist mir das passiert. Dort gibt es wirklich keinen Berg. Wenn jemand vor seinem Hotel einen Hang hat und meint eine Piste installieren zu wollen, muss man ihm davon abraten. Auf jeden Fall.“

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Wagner lässt grüßen: Ein typischer Arbeitstag für Pistenraupen und Schneeerzeuger kann beginnen.

Bonbons für Männer

Die Firma Prinoth sitzt im knapp 70 km entfernten Ort Sterzing. Ihre Produkte beschäftigen sich ebenfalls mit Schnee, allerdings geht es nicht um seine Erzeugung sondern um Pistenfahrzeuge, die Tag für Tag fräsen und präparieren. Seit 50 Jahren ist Prinoth im Geschäft und wurde 2000 von der Firma Leitner übernommen. Werner Amort ist Vorstandsvorsitzender der Prinoth AG. Ein akkurat gekleideter Mann mit ruhigem aber strengem Ausdruck. Sein weißes Hemd ist dezent mit seinen Initialen WA bestickt. Prinoth hat früh damit begonnen, Design in die Produkte zu integrieren. Seit vielen Jahren arbeitet man mit dem renommierten italienischen Autodesigner Pininfarina zusammen. Die Fahrzeuge selbst tragen Namen wie Neuer Leitwolf, Bison X, Everest oder Beast. Mit dicken PS-Zahlen jenseits der 500er-Grenze werden die Produkte beworben. Man spricht eine bestimmte Klientel an. Männlich, hemdsärmelig, robust und stark. Männer, die bei kräftigen Maschinen auch mal einen martialischen Brunftschrei rauslassen. Wieso werden aber Fahrzeuge von renommierten Studios designt, obwohl auch sie, ähnlich wie die Schneeerzeuger im Hintergrund arbeiten? Im Dunkeln, im Verborgenen und die Menschen sie nur selten zu Gesicht bekommen? „Es geht um Emotionen. Wie es bei Design nun mal ist. Bei Autos ist es nichts Anderes. Die Emotionen kommen vom Fahrer. Die sind stolz darauf, eine Prinoth zu fahren, weil sie eben die schönsten sind“, erklärt Amort die Firmenphilosophie nicht ohne Stolz.

Ob die Pistenraupen-Fahrer wie das Kind seien, das an der Supermarktkette die Mutter so lange auf den Schokoriegel anbettelt, bis diese klein beigibt? „Das kann man so vergleichen“, quittiert der Prinoth-Boss mit einem Lächeln.

Pistenfahrzeuge von heute haben sportliche Sitze von Recaro, farbige Displays und USB-Anschlüsse. Aber nicht nur die Technik hat sich modernisiert; auch die Produkte der Südtiroler Firma müssen sich den wandelnden Anforderungen des Wintersports stellen. „Wir mussten in der jüngeren Vergangenheit viel in Forschung und Entwicklung investieren. Der Bison X ist eine Maschine, die rein für Funparks genutzt wird. So ein Fahrzeug muss leichter, wendiger, mehr Spielraum am Schild und an der Fräse haben, um die ganzen Rampen bauen zu können. Auf den Trend mussten wir reagieren. Die Pisten sind breiter geworden und weniger steil. Durch das Carven geht es nicht mehr um die möglichst schnelle Abfahrt. Das Niveau der Skifahrer ist dadurch aber auch gesunken. Das merkt man durchaus.“ Auch für Prinoth sind die sogenannten neuen Märkte von großer Bedeutung. In Sochi würden „gut 100 Prozent“ der Wettkampfstätten mit Fahrzeugen der Firma präpariert. „Wir erhoffen uns, dass nach Sochi der Investitionsschub in Russland größer wird. Im Ural wie im Kaukasus gibt es Gebiete, die gerade erschlossen werden und sehr interessant sind. Asien ist genauso ein Zukunftsmarkt. Südkorea, China. Für die nächsten Winterspiele in Korea haben wir schon erste Kontakte. Da kann man schon von Zukunftsmärkten reden. In China allerdings haben wir uns ein stärkeres Wachstumspotential erhofft, als es momentan der Fall ist.“

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Da zuckt die Angst und das Testosteron: Im Angesicht einer Prinoth

Jenseits des Schnees

Trotz aller neuen Märkte ist der Wintertourismus kein rasant wachsender Markt. Es gibt keine zweistelligen Zuwachsraten. Öffnet eine Piste in Osteuropa, macht woanders eine zu, weil es dort mit der Zeit vielleicht einfach zu warm geworden ist. Daher setzen Firmen wie Prinoth und TechnoAlpin auf Diversifizierung. So werden Raupenfahrzeuge aus Südtirol mittlerweile auch in der Forstwirtschaft, Waldrodung oder Rohstofferkundung in Afrika eingesetzt. Bei TechnoAlpin gibt es Geräte zur Staubbindung für Minenarbeiten oder große Abbruchbaustellen. Aber auch erste Feuerlöschgeräte werden entwickelt. Im Zentrum steht immer die Wasserzerstäubung. Neueste Idee der TechnoAlpin-Gründer ist eine Schneekammer für Wellness-Bereiche. Eine Art riesiger Kühlschrank, der mit frisch produziertem Schnee gefüllt wird. Für die Abkühlung nach der Sauna. Oder die private Schneeballschlacht eines reichen Scheichs in Dubai. Wer weiß das schon?

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