Blinzeln verboten!Filmkritik: „Don’t Blink – Robert Frank“

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Alle Fotos: © Grandfilm

„The Americans“ von Robert Frank zählt zu den bedeutendsten Fotobüchern des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist ein Dokumentarfilm erschienen, der sich auch intensiv mit dem filmischen Werk des Amerikaners mit Schweizer Wurzeln auseinandersetzt. Julia Freiboth hat sich Don’t Blink – Robert Frank angesehen.

Robert Frank gilt als der ultimative Fotograf der Beat-Generation. Der Bilderkosmos des in New York und in dem kanadischen Küstenort Mabou lebenden Künstlers erstreckt sich von der Bleecker Street über die segregierten Südstaaten der 1950er-Jahre bis in die peruanische Wüste. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Cover des Albums „Exile on Main St“ der Rolling Stones, über die er auch den Dokumentarfilm Cocksucker Blues drehte. Dieser blieb jedoch unveröffentlicht, da die Bandmitglieder ein Einreiseverbot in die USA fürchteten – zu radikal, zu wild zeigt der Film ihre Exzesse. Nun wird Frank selbst in den Fokus genommen: Die US-amerikanische Cutterin und Filmemacherin Laura Israel hat ein eindrückliches Porträt über die 92-jährige Fotoikone gedreht.

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Der 1924 in Zürich geborene Fotograf in zweiter Generation wanderte mit 23 in die Vereinigten Staaten aus und verdiente sein erstes Geld beim New Yorker Magazin Harper’s Bazaar mit klassischen Modeaufnahmen. Doch Frank zog es aus dem Studio hinaus auf die tobenden Straßen New Yorks. Dort fand er seinen unverkennbaren fotografischen Stil und brachte die Leica-Kamera zum Zwinkern. Sein Motto: Scharf stellen und abdrücken, bevor der Moment verfliegt. Schnell hatte er Erfolg, reiste nach Peru und Europa, arbeitete für diverse Magazine und lernte Kollegen wie Louis Faurer, Walker Evans, Elliott Erwitt und Edward Steichen kennen. Mit Hilfe eines Stipendiums fuhr er 1955 neun Monate quer durch die USA. 30 Staaten, 767 Filmrollen und 27.000 Fotos kondensierte er zu dem kanonischen Fotobuch „The Americans“. Die 83 eindrücklichen Schwarz-Weiss-Fotografien des Bandes zeigen ein desolates Land abseits des offiziellen Post-War-Optimismus’ der 1950er-Jahre.

Die Kritik unterstellte Frank damals Amerikahass. Heute gilt „The Americans“ als ein poetischer Meilenstein. Das Fotobuch wurde in x-ter Auflage nachgedruckt und ist in die Kunstgeschichte eingegangen. Legendär ist auch die Einleitung vom Beat-Autoren Jack Kerouac:

„The humor, the sadness, the EVERYTHING-ness and Americanness of these pictures! […] To Robert Frank I now give this message: You got eyes.“

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Super 8 – Lebendige Bilder

Zusammen mit dem Künstler Alfred Leslie und seinen Freunden Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Gregory Corso, Delphine Seyrig und dem Jazzmusiker David Amram drehte Robert Frank 1959 seinen ersten Kurzfilm Pull My Daisy. Das Voiceover und die Drehbuchvorlage stammen von Jack Kerouac. Es folgten viele weitere persönliche No- bis Low-Budget-Filmprojekte, die skurrile Charaktere, Freunde und Franks eigene Familie – seine früh verstorbenen Kinder Andrea und Pablo sowie seine zweite Frau June Leaf – in den Vordergrund rücken. Außerdem arbeitete er mit Patti Smith, Sam Shepard und Jonas Mekas zusammen.

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Laura Israels Film zeigt Robert Franks einzigartiges, zum Teil noch wenig bekanntes Oeuvre – schon allein deshalb ist Don’t Blink – Robert Frank sehenswert. Der Filmemacherin gelingt es in beeindruckender Art und Weise, Frank als Persönlichkeit zu fassen: Der in frühen Interviews manchmal schroff und herablassend wirkende Fotograf lacht, witzelt, erzählt Anekdoten, ist offen und kontaktfreudig. Franks unglaubliche künstlerische Energie fängt der Dokumentarfilm auch formal ein: In 82 teilweise fast schon hektischen Minuten springt er wild zwischen Schwarz-Weiß- und Farb-Aufnahmen, Fotografien, Videos und Filmen, Archiv- und Amateuraufnahmen mit verregneter Linse, zerkratzten Negativen, Bildern-im-Bild, Schrifttafeln und Film-im-Film-Sequenzen hin und her – ein heterogenes All-Over-Chaos zur Musik von Tom Waits, Bob Dylan, den White Stripes und Patti Smith. Einen kleinen Kamera-Gastbeitrag gibt es vom oscarnominierten Star-DoP Ed Lachman (Carol, The Virgin Suicides). Ein angemessener Rahmen für Robert Frank, der eigentlich in keinen Rahmen passen will.

Don’t Blink – Robert Frank
USA/Kanada 2015
Regie: Laura Israel
Schnitt: Alex Bingham
Kamera: Lisa Rinzler, Ed Lachman
Musik: The White Stripes, Patti Smith, Tom Waits, Charles Mingus, New Order, The Kills u.a.
Laufzeit: 82 min
ab dem 13.4.2017 im Kino

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