Martern bis der Arzt kommtFilmkritik: „Silence“ von Martin Scorsese

Garfield

Alle Fotos: © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Martin Scorseses neuer Film Silence spielt im Japan des 17. Jahrhunderts und ist die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Missionsreise. Der Film hingegen ist alles andere als ein Scheitern: Alexander Buchholz ist sich sogar relativ sicher, bereits jetzt den besten Film des Jahres 2017 zu gesehen zu haben.

Direkt zu Beginn von Silence zeigt uns Scorsese bereits ein Bild von der Hölle, in die er seine Protagonisten zu entsenden gedenkt. Pater Ferreira (Liam Neeson) wird am Fuße eines Vulkans, von den Shogunen des Kaisers umringt, dazu gezwungen, die Folter und Exekution derer zu bezeugen, die sich weigern, dem Glauben abzuschwören, den er ihnen gebracht hat.
Wir hören seine Stimme, die den Brief diktiert, der seine Diözese Jahre später erreichen wird und in dem er sich und ganz Japan verloren gibt für das Christentum. Pater Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Garupe (Adam Driver), ehemalige Schüler Ferreiras, können nicht glauben, dass ihr Mentor die Lehren Christies wirklich verleugnet hat und entscheiden sich zu einer Reise in das Herz der Finsternis, um den Vermissten aufzuspüren. Man kommt nicht umhin, an Coppolas Apocalypse Now zu denken, wenn man den beiden Missionaren in den fernöstlichen Dschungel folgt, die dort einen Glaubenskrieg anzetteln – oder eben nur fortführen –, dessen Konsequenzen zuerst die zu spüren bekommen, die ungefragt bekehrt wurden.

Über einen geheimen Seeweg ins Land geschmuggelt, treffen Rodrigues und Garupe schon bald auf eine kleine Gemeinschaft von Bauern. Diese, von Ferreira bekehrt, lebt ihren Glauben im Geheimen und wünschst sich nichts sehnlicher, als jemanden in ihrer Gemeinde zu haben, der ihnen die Sakramente spenden kann. Um nicht von den lokalen Inquisitoren entdeckt zu werden, sind die beiden Missionare gezwungen, sich tagsüber in einer kleinen Hütte zu verstecken. Wo sie schon bald, dem Lagerkoller nah, die Wände hochgehen. Das Unvermeidliche geschieht: Sie fliegen auf und bringen die Glaubensgemeinschaft in höchste Gefahr. Ihre eigentliche Aufgabe ins Auge fassend, teilen sich Rodrigues und Garupe auf, um den Verbleib Ferreiras zu klären und begeben sich so auf ihren jeweiligen eigenen Passionsweg.

Neeson

Tragische Antihelden

„Eine wunderschöne spirituelle Reise!“ hat Variety angeblich in Silence gesehen. Entnimmt man den Infos des deutschen Verleihs, der augenscheinlich allergrößte Mühe hat, Scorseses Film hierzulande irgendwie zu vermarkten und deswegen rührend hilflos Paravents mit Kirschblüten-Motiv verlosen lässt. Wer also sein Hikikomori-Dasein hinter einem dekorativen Wandschirm verbergen will, sollte geschwind eine ausreichend frankierte Postkarte an den Concorde Filmverleih, Luise-Ullrich-Straße 6 in 82031 Grünwald mit der richtigen Antwort auf die Frage „Wie heißt der Regisseur des Films?“ schicken. Einsendeschluss ist der 30. April.
Aber zugegeben: Es ist schon eine sehr undankbare Aufgabe, einen derartig sperrigen Film richtig ins Kino zu bringen, zumal Silence an den US-Kinokassen bereits ziemlich heftig gefloppt ist und auch bei den diesjährigen Oscars vollständig und ungerechtfertigt gesnubbt wurde. Da will man wohl niemanden verschrecken und den Film etwa damit bewerben, dass in seinen zweieinhalb Stunden sehr viel Zeit mit Folterdarstellungen aufgebracht wird.

Silence ist ganz Andrew Garfields Film. Pater Rodrigues ist ein weiterer von Scorseses tragischen Antihelden, wie der Taxi Driver Travis Bickle, Raging Bull Jake La Motta oder der Aviator Howard Hughes vor ihm. Und ebenso völlig und umfassend ist auch sein Scheitern. Scorseses Protagonisten wollen häufig „irgendwo rein“, sich über andere erheben, Räume erschließen und dabei Jemand werden. Und nie gelingt es ihnen. Jedenfalls nie so, dass es sie befreien würde. „Es sind Männer, die bei der Konstruktion ihrer (männlichen) Persona ihre Menschlichkeit verfehlen, Menschen, denen das Leben Lektionen erteilt, die sie nicht verstehen, und die in ihren rites de passage unverändert bleiben“, schreibt Georg Seeßlen in seiner endlos unterhaltsamen Scorsese-Monographie über die Beschaffenheit dieser Figuren. Am meisten ähnelt Pater Rodrigues wohl Leonardo DiCaprios Detektiv Teddy Daniels aus Shutter Island. Beide sind von Anfang an auf dem Holzweg, verkennen die wahre Natur ihrer Mission und verstehen nicht, dass sie – Spoiler Alert – Adressaten einer aufwändigen Theateraufführung sind, welche zum Ziel hat, sie zu erlösen, zur Vernunft zu bringen, den Kreuzgang zu ersparen. Dass sie dies nicht annehmen wollen oder können, durchmisst ihre ganze Tragik. Kurz bevor Pater Rodrigues von den Schergen des Stadthalters festgenommen wird, erblickt er sein Antlitz im Spiegel der Wasseroberfläche. Mit wem verwechselt er sich da? Doch nur mit dem Zimmermann aus Nazareth …

Silence

Während Shutter Island eine rechte wilde Hitchcock-Hommage und üppige bebilderte gotische Gruselgeschichte ist, entfaltet Silence ein nüchternes, grimmiges Drama. Dabei beweist der Film hin und wieder durchaus komisches Potential, wenn die Missionare mit den zweifelhaften Früchten ihrer Arbeit konfrontiert werden: Ihr Unterfangen ist übergriffig, arrogant und missbräuchlich und reduziert ihre Anhänger zu Bittstellern. Doch so sehr Rodrigues und Garupe sich bemühen, das Evangelium zu exportieren, ihrer Gemeinde ein neues Vokabular aufzuzwingen, so sehr sorgen sie auch für Missverständnisse und Verwirrung. Die Bauern klammern sich an ihr eigenes Konzept von Erlösung und wollen nicht so recht akzeptieren, dass diese erst im Jenseits auf sie wartet. Silence ist so auch ein Film über die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation: Die Jesuiten kreieren für ihr Kirchenpublikum eine Fiktion, die flüchtiger ist, als gedacht.

Scorsese

Martin Scorsese und Andrew Garfield

Dass Andrew Garfield seine Oscar-Nominierung nicht für diese Rolle, sondern für seinen echten, ganz unironischen Jesus in Mel Gibsons Hacksaw Ridge erhalten hat, darf man getrost als Anzeichen dafür nehmen, dass wir alle seit geraumer Zeit in einem Bizarro-Paralleluniversum leben, in dem gar nichts mehr stimmt.

Überhaupt, wer hat diesen durchgeknallten Fundamentalisten eigentlich wieder reingelassen? Und dass ausgerechnet Scorsese seinen nächsten Film, einen Gangsterstoff mit Robert De Niro, aller Voraussicht nach direkt bei Netflix abliefern muss, interpretiere ich jetzt einfach als ersten Vorboten für die heranziehende Apokalypse. Na, wie auch immer, ich nagle mich hier schon mal fest: Silence = Bester Film 2017! Oder warten wir besser noch auf Kong: Skull Island. Ich meine, habt ihr euch mal den Trailer angesehen? Holy fuck.

Silence
USA/Taiwan/Mexiko 2016
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Jay Cocks u. Martin Scorsese (basierend auf dem Roman von Shūsaku Endō)
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Shin’ya Tsukamoto, Issei Ogata, Yôsuke Kubozuka, Ciarán Hinds
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Thelma Schoonmaker
Musik: Kathryn Kluge u. Kim Allen Kluge
Laufzeit: 161 min
ab dem 2.3.2017 im Kino

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