Hängengeblieben 2015Unser großer Jahresrückblick

Hängengeblieben Illu Start Final

Das Jahr 2015 war in vielerlei Hinsicht speziell. Weniger die großen visionären Highlights als vielmehr zahlreiche Krisen (Euro, Wirtschaft, Flüchtlinge, Griechenland, FIFA, IS-Terror etc.) haben die Welt beschäftigt. Was ist aber dennoch bei uns hängengeblieben? Was waren unsere Glanzlichter, was die Themen, die uns nicht losgelassen haben haben? Was hat uns geärgert und was wurde hart gefeiert? Die Redaktion und die Autoren von Das Filter haben sich an den großen Jahresrückblick gewagt. Keine Charts, keine Nummer 1, sondern ganz unprätentiös (und googlig zeitgemäß) als alphabetische Stichpunktsammlung. Eine Art Glossar, das von Indie-Filmperlen, Naturwein, Donald Trump, großer Kunst, Techniktrends, Popdiskurs bis hin zu besonderen und einzigartigen Momenten einiges parat hält.

A Most Violent Year

Regisseur J.C. Chandor lieferte mit A Most Violent Year gleich zu Beginn des Kinojahres ein Genre-Masterpiece ab. Einzigartig macht den Film vor allem seine große Unberechenbarkeit. Ständig hat man das Gefühl, genau zu wissen, was als nächstes passieren wird: das Licht, die Protagonisten, alles kommt einem bekannt vor, und trotzdem bleibt der Film bis zum Ende überraschend und driftet nie in billige Klischees ab.

Tim Schenkl

A$AP Rocky

A$AP Rocky hat nicht nur nach dem Tod seines Mentors A$AP Yams das Crossover-Album des Jahres hingelegt, er hat auch das Musikbusiness der Gegenwart verstanden. In der Oxford Union erklärt er es.

Benedikt Bentler

Adele

Adele

Wo sind sie? Die großen Stimmen der Popmusik? Die generationsübergreifend Begeisterung auslösen? Die gibt es immer seltener, denn die Musikwelt ist in Zeiten persönlicher, immer besserer alghorithmusbasierter Playlisten und Radios diversifizierter denn je. Aber es gibt sie noch – und Adele ist eine davon. Mit ihrem Album „25“ hat sie binnen weniger Tage sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen, trotz oder gerade weil sie auf jegliche Streaming-Einnahmen verzichtet. Deshalb gibt es an dieser Stelle auch keine Playlist ihres Albums. Auf „25“ liefert die Britin einmal mehr herzzerreißende, aber auch aufbauende Popmusik, dominiert von ihrer Soul-Stimme. Und doch, das merkt man ihr an, ist sie älter geworden, reifer. Kein Alkohol, kein Nikotin mehr, dafür ein Kind. Umso besser, dass sie zurück ist. (siehe auch Musikvideos und Playlist)

Benedikt Bentler

Andrea Pirlo

Andrea Pirlo

Es wäre leicht, diese Zeilen über Andrea Pirlo mit einer Aufzählung über seine italienisch-bärtige Attraktivität, seine Spielintelligenz und Traumpässe, seine traditionelle Interpretation des spieldominierenden Mittelfeldmanns, sein Dasein als Winzer und Philosoph (Titel seiner Biografie: „Ich denke also spiele ich“) und mit den dazugehörigen Spitznamen („der Architekt“, „Italiens Hirn“, „stiller Anführer“) zu füllen. Als Pirlo am 6. Juni 2015 zum letzten Mal im europäischen Fußball für Juventus in Berlin spielte und er – trotz meiner (fußballtypischen) ungerechtfertigten großen Hoffnung – den Favoriten Barcelona nicht besiegen konnte, weinte er. Der Denker mit einer Träne im Gesicht, das war der 5. Akt – die Katastrophe – der Fußballoper. Mit dem Abschied des 36-jährigen Andrea aus der Champions League sind wir nun allein mit den Jungengesichtern von all den Marcos, Marios und Mats'.

Susann Massute

Autos

Google, Apple, Tesla, Faraday. Die Firmen der automobilen Zukunft kommen aus dem kalifornischen Silicon Valley und nicht mehr aus München, Stuttgart oder Turin. Disruption ist das gern zitierte Wort, wenn eine Industrie in ihren Grundfesten erschüttert und umgekrempelt wird. Dabei war die „klassische“ Autoindustrie offensichtlich auch schon ohne pfeilschnelle E-Autos von Elon Musk und autonome Koalaknutschkugeln aus Mountain View derart am Ende, dass nur noch Softwaremanipulation und die vielleicht professionellste Verarschung der Kapitalismusgeschichte versuchen konnten weiter zu helfen. Wie wir wissen, hat alles nichts gebracht. Volkswagening ist eines der interessantesten Neologismen des Jahres geworden und das Interesse der Tech-Branche zeigt vor allem eins. Das Thema Auto scheint noch lange nicht auserzählt und ist derzeit das Ding in der Tech-Industrie überhaupt. Wer hätte das vor ein paar Jahren noch gedacht, als Menschen dachten, Tablets würden die Welt revolutionieren. Was ist aus denen eigentlich geworden?

Ji-Hun Kim

Beats1

Beats1

Zwar bescheinigen die halbjährlichen Erhebungen dem UKW-Radio eine faktisch wachsende Hörerschaft in Deutschland, zumindest gefühlt jedoch ist der klassische Rundfunk mit seinen noch klassischeren Ausspielwegen längst nicht mehr so relevant wie noch vor wenigen Jahren. Das musikalische Überangebot im Netz zwischen Soundcloud und Podcast hat den Medienkonsum umgekrempelt. Da ist es schon etwas skurril, dass es ein Technik-Unternehmen wie Apple 2015 geschafft hat, mit bemerkenswertem Mut die uralte Idee des Radios im Netz neu aufzusetzen. Beats1 heißt der Sender und dudelt auf jedem Gerät, auf dem eine aktuelle Version von iTunes installiert ist. Aus drei Studios – Los Angeles, New York und London – wird zwar kein komplettes Vollprogramm gefahren, die Art und Weise jedoch, wie die DJs die Uridee des Radios (Moderation! Ansprache! Interaktion!) ins Netz gehievt haben, ist – ja, das kann man so sagen – erstaunlich. Das ist nicht pseudo-cool und hip, das ist ehrlich und ernst. Keine Angst vor langen Interviews, den Gästen das Mikro zu überlassen, keine totgeweichspülte Rotation. Frische Ideen, viel Freestyle und doch sehr durchdacht. Fehlen eigentlich nur Nachrichten, Wetter und Verkehr. BBC 6 Music hat Konkurrenz. Wir switchen frohen Mutes hin und her. Und die schwer eingerosteten, deutschen Öffentlich-Rechtlichen sollten hier genau zuhören. Können sie natürlich nicht. Sitzen ja den ganzen Tag in Konferenzen, in denen die Zielgruppe definiert und „geschärft“ wird.

Thaddeus Herrmann

Cemetery of Splendour

Cemetry1
Cemetry2

Apichatpong Weerasethakuls bisher bester Film. Ein Kinoerlebnis wie ein schöner Traum. Voller Poesie, magischer Momente und unaufgeregter Alltäglichkeit.

Tim Schenkl

D'Angelo Live

„Mein Gott, ist der dick geworden“, war der noch erste zynische „musikjournalistische“ Gedanke als Soul-Impressario D’Angelo die Bühne der Berliner Columbiahalle im Februar dieses Jahres betrat. Nix da mehr mit Titanbauch wie zu Voodoo-Zeiten. Und kaum hatte man diesen (beileibe unwichtigen) Gedanken gefasst, war mit dem ersten Beat der fulminanten Band alles instantan aus dem Kopf geblasen. Denn dieses Konzert wurde eines, das sich nicht in Worte fassen lässt, ein Konzert, das einen in den größten Rausch gezogen hat, aus einer Mehrtausender-Allzweckhalle den gemütlichsten und schönsten Raum der Welt gezaubert und bewiesen hat, wie magisch Musik wirklich sein kann. Hier beschäftigte sich keiner mit der Musik, die Musik beschäftigte die Menschen. „Wie im Tunnel“, „ein Trip“ und „ein furioser Ritt“ waren Kommentare, die neben den unzähligen Jubeljauchzern aus dem Umfeld zu hören waren. D’Angelos Konzert war gar so großartig, die Band so unfassbar tight, der Künstler auf einer Aurahöhe mit James Brown, dass der Autor bei dem letzten Song „Untitled (How Does It Feel)“ vor Freude weinen musste. Echt jetzt.

Ji-Hun Kim

Donald Trump

Donald Trump war schon immer mehr als Multimilliardär: stets in den Medien präsent, erfolgreicher Autor, schlechter Schauspieler (!), Unternehmer natürlich. Und seit neuestem ein möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Aber was hat den guten Bekannten und Unterstützer der Clintons, den einstigen Irakkrieggegner, den Mann, der George W. Bush für den schlechtesten aller US-Präsidenten hielt, den Demokraten, ja was hat ihn geritten? Er fordert ein Einreiseverbot für Muslime nebst Muslimen-Kartei, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko und glaubt nicht an den Klimawandel. Aber kann man ihm das abnehmen? Nein. Ich bin mir sicher, Donald Trump sitzt abends in seinem New Yorker Tower, der ihm ja auch als Wohnsitz dient, und lacht sich über die USA kaputt. Dieser Mann ist zu intelligent, als dass er sich seines eigenen Populismus, seines Demagogendaseins nicht bewusst wäre. Und er ist auf bestem Wege, den Republikanern den gesamten Wahlkampf zu versauen, indem er geschickt stumpfe Parolen und die Diskreditierung seiner Konkurrenten kombiniert. Mittlerweile schreibt ja schon die BBC: „Is Donald Trump a Democratic secret agent?“ Wundern würde es nicht.

Benedikt Bentler

Drake

Drake

Wrote this shit on a bumpy flight on a summer night / Flying over Chattanooga, out here trying to spread the movement / Back in the city, shit is getting brutal / These kids’ll hit your noodle then take a girl to the movies / They’ve been dropping out on both sides / We ain’t in it, we just ghost ride / And your absence is very concerning / It’s like you went on vacation with no plan of returning / But these ain’t the girls from Brampton, this ain’t that local action / The haters just bringing me and my people closer actually / What happened to the things you niggas said was supposed to happen?

Drake <3

Emeka Ogboh

Der in Berlin lebende nigerianische Künstler Emeka Ogboh hat für die Kunst-Biennale in Venedig das „Deutschlandlied“ in zehn verschiedenen afrikanischen Sprachen für seine Klanginstallation „The Song of the Germans“ neu einsingen lassen und präsentierte das Ergebnis in den Giardini. Worked on so many levels.

Tim Schenkl

Fremdenhass vs. Willkommenskultur

2015 hat sich die Bevölkerung dieses Landes von ihrer schönsten und ihrer hässlichsten Seite gezeigt. Die einen engagieren sich, betreuen Geflüchtete, geben Deutschunterricht, starten Spendenkampagnen. Die anderen marschieren bei PEGIDA, wählen AFD oder zünden Flüchtlingsheime an. Das kleine Dorf in Ostwestfalen, dem ich entstamme, hat bis jetzt um die 80 Flüchtlinge aufgenommen. Bei jedem Telefonat in die Heimat frage ich nach: „Und wie läuft’s mit den Flüchtlingen?“ Anfangs dominierten Sorge und leichte Überforderung. Mittlerweile hat sich das geändert, „toll“ höre ich jetzt regelmäßig. Dann erzählt Papa sich halb tot lachend, wie er vor kurzem bei einer syrischen Familie zum Essen eingeladen wurde, nachdem er sich um deren TV-Anschluss gekümmert hat, und dass er mit der Vielzahl der Speisen und Saucen bei gleichzeitig viel zu kleinem Teller völlig überfordert war. Zumal Verständigung quasi nicht möglich ist. Wow, denke ich dann. Selbst im superkonservativen (!) Ostwestfalen werden die zugezogenen Flüchtlinge mittlerweile als Bereicherung angesehen oder zumindest akzeptiert. Weil die Involvierten plötzlich merken, was für einen bedeutungsvollen Job sie haben. Weil man sich kennenlernt. Und so absurd das klingen mag: Weil Ängste abgebaut werden. Nun wird darüber diskutiert, ob nicht auch der Nachbarort Flüchtlinge aufnehmen könne. Die Idee ist auf rigorose Ablehnung gestoßen. Trotz der positiven Erfahrungen in drei Kilometern Entfernung. Es ist doch noch ein weiter Weg bis zur tatsächlichen Willkommenskultur.

Benedikt Bentler

Harun Farocki „Serious Games“

Harun Farockis Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Kriegsmaschinerie „Serious Games“, die im Hamburger Bahnhof zu sehen war, und sein gemeinsames Video-Projekt mit Antje Ehmann mit dem selbsterklärenden Titel „Labour in a Single Shot“ machten schmerzhaft deutlich, wie schwer der Verlust des genialen Filmemachers und Künstlers wiegt.

Tim Schenkl

Hoverboard

2015 war das große Hoverboard-Jahr. Zum einen, weil im zweiten Teil der Back-to-the-Future-Saga Marty McFly am 21. Oktober 2015 auf eine Welt mit selbsttrocknenden Jacken, Hologrammen, Super-Nikes und eben Hoverboards trifft. Zum anderen, weil „echte“ Hoverboards 2015 ein ziemliches Thema geworden sind. Hoverboards nennt man mittlerweile jene lenkerlosen Mini-Segways, mit denen Justin Bieber durch seine zahllosen gelangweilten Instagrams flitzt – haben also mit den fliegenden Surfbrettern aus dem Zemeckis-Film nichts zu tun. Ein regelrechter Boom entwickelte sich seither um die E-Boards, die in ihrer Bewegungseleganz sogar Michael Jacksons Moonwalk blöd aussehen lassen. Und auch einen ersten berühmten Hoverboard-Kriminellen gibt es im Internet. Den englischen „Lucozade Thief“, ein Hoverboarder, der seelenruhig in einen Supermarkt fährt und wenige Zeit später eine Palette seiner Lieblingslimonade auf dem Arm wieder heraus bugsiert. Ohne zu bezahlen, versteht sich. Dass der Vorfall auf CCTV aufgenommen wurde, ist in England auch klar. Wann kommt eigentliche der erste große Heist-Movie mit Hoverboards? So im Stile von „Gefährliche Brandung“. Das wäre fein. Nur leider hat das Hoverboard jetzt schon mit Imageproblemen zu kämpfen. In Massen ohne große Sicherheitsstandards irgendwo in China hergestellt, neigen die Gefährte offenbar zur Explosion, Aussetzern und anderen Unzuverlässigkeiten. Amazon musste daher 15.000 Hoverboards kurz vorm Weihnachtsgeschäft aus dem Verkehr ziehen. Einfach zu gefährlich diese Dinger. Ein Horror für jeden TÜV-Beamten und jede Helikopter-Mami. Und das alles bevor der richtige Hype erst losgeht. Ist es nun ein Rohrkrepierer oder die Zukunft des Joggens? Bei den ersten E-Autos haben bekanntlich die meisten auch nur gelacht.

Ji-Hun Kim

Illustration in Krisenzeiten

Illustration-Gewalt

v.l.n.r. Charlie-Hebdo Ausgabe nach den Anschlägen im Januar, The New Yorker Cover Januar 2015, Joann Sfar, Jean Jullien

Es gibt kaum Worte für die grausamen Attentate, die das Jahr 2015 – schon gleich zu Beginn in Paris – prägten. Gleichermaßen verstörend und fragwürdig erscheinen voyeuristische Fotografien von Opfern und solche Bilder, die eigentlich nur Platzhalter sind – wie das leere Ankunftsterminal in Düsseldorf für den Germanwings-Flug 9525 am 24. März 2015. Wo Worte fehlen und Fotografien fehl am Platz sind, gewinnt die Illustration an Kraft. Wenige, kräftige Striche, bei denen vermutlich nicht lang überlegt wurde, zeigen einen weinenden Mohamed unter dem Titel „Tout est pardonné“ (Alles ist vergeben), lassen den Eiffelturm als Friedenssymbol erscheinen. Jean Jullien, ein französischer Illustrator, der sich schon nach dem Angriff auf die Charlie-Hebdo-Redaktion grafisch äußerte und Urheber des Friedens-Eiffelturms ist, berichtete von dem seltsamen Gefühl, ein so gewaltiges und hunderttausendfach geteiltes Symbol erschaffen zu haben. „It’s like giving birth to something and watching it develop a life of its own. You just have to learn to let go and see what it becomes.“

Susann Massute

Jamie-XX-GIF

Jamie xx

Einst war Jamie xx vor allem Teil einer Indie-Band namens The xx. Eine Band, die übrigens der gleichen Musikschule entspringt wie Hot Chip, Burial oder Four Tet. Von The xx aus erarbeitete sich Jamie xx einen Ruf als begnadeter Remixer. Und jetzt darf er sich auf die Fahne schreiben, das Sommeralbum 2015 abgeliefert zu haben. Nicht? Dann hat er mit „I Know There’s Gonna Be (Good Times)“ Seite an Seite mit Young Thug und Popcaan zumindest den Hit zum Sommeranfang geliefert – geradezu totgespielt wurde der Song. Dabei hat „In Colour“ so viel mehr zu bieten. Jamie xx schafft den Spagat zwischen Rave und Pop, ohne sich in die ein oder andere Richtung anzubiedern. Bester Beweis: der Album-Opener „Gosh“.

Benedikt Bentler

Justin Trudeau

Angela Merkel auf dem Time-Cover hin oder her. Der wahre politische Lichtblick des Jahres kommt aus Kanada und heißt Justin Trudeau. Gerade mal zwei Monate ist der 43-jährige Justin Trudeau im Amt des kanadischen Premierministers und schaffte in der Zeit einen neuen Typus Politiker, den man sich bis dahin nicht hätte erträumen können. Ja, Trudeau sieht starmäßig gut aus, war früher mal Snowboard-Lehrer und würde sich auch in Wes-Anderson-Filmen blendend machen. Er hat (natürlich) eine wundervolle Ehefrau, die er seit Kindheitstagen kennt und drei bildhübsche Kinder. Boulevardmedien haben in Trudeau schnell den „sexiest politician alive“ gefunden. Aber allen Oberflächlichkeiten und Medientauglichkeiten zum Trotz. Unter Trudeau wurde seitdem das diverseste und emanzipierteste Parlament aller Zeiten (nicht nur wegen des Frauenanteils von 50%) vereidigt, Marijuana legalisiert, Flüchtlinge unter standing ovations im Parlament erst eingeladen und dann persönlich am Flughafen begrüßt.

Dazu bezeichnet er sich selber als einen überzeugten Feministen und seine laxe Erklärung für all sein Handeln lautet: Weil es 2015 ist. Oft bekam ich hier zu hören, das sei doch bestimmt wieder irgendein Hippie, der von Realpolitik keine Ahnung hat. Stimmt nicht. Justins Vater Pierre Trudeau war von 1968-1979 und von 1980-1984 ebenfalls Premierminister Kanadas und Richard Nixon soll 1972 einen Toast auf den damals vier Monate alten Justin gesprochen haben: „Auf den zukünftigen Premierminister Kanadas!“ Ein Politiker qua Geburt, der auch in der Lage ist, in komplizierten Zeiten die richtigen Worte zu finden:

„There’s a sense that maybe we’ve reached the end of progress, that maybe it’s the new normal that the quality of life is going to go down for the next generation. Well, I refuse to accept that. And I refuse to allow that to happen.”

Ji-Hun Kim

Kanye West bei den Brit Awards

Von Kanye West kann man ja halten, was man will, aber dieser Auftritt war einfach ein einziges großes „Fuck You“ an fast alle Anwesenden im Saal und an den TV-Geräten. Richtig so. Noch mehr solcher Auftritte und ich glaube auch, dass Kanye „The Greatest Living Rock Star On The Planet“ ist.

Tim Schenkl

Kendrick Lamar

Kendrick Lamar hat’s geschafft. Auf den iPod und in die Bestenliste von Barack Obama zum Beispiel. Sein diesjähriges Album „To Pimp a Butterfly“ ist ein moralischer wie musikalischer New-School-Klassiker, der sich wenig an der Gegenwart orientiert. Ein zeitloses Album, das Nostalgiker das Westcoast-Symbol mit den Fingern formen lässt und jüngere Generationen zum Tanzen bringt, wie mit dem Song „I“. Zu gern würde man Kendrick Lamar zitieren, seine Genialität anhand ein paar Lines zeigen. Allein, keine Zeile kommt ohne ihren Kontext aus. Zu komplex, zu groß ist das Bild, das der junge Mann aus Compton von der US-amerikanischen Gesellschaft zeichnet. Dass Kendrick Everybody’s Darling der amerikanischen HipHop-Szene wurde, ist aber nicht nur seinen lyrischen Fähigkeiten, seiner scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse und seinem komplexen Flow geschuldet. In Interviews und in der Kunst gibt er sich witzig und vor allem bescheiden, eben wie jemand, der nicht vergessen hat, woher er kommt. Und das hat im Show-off-Business Nr. 1 Seltenheitswert. Seltenheitswert hat übrigens auch die Anzahl seiner Nominierungen für die Grammys im kommenden Februar: Elf Mal hat er die Chance, den kleinen goldenen Plattenspieler mit nach Hause zu nehmen. Mehr Nominierungen in einer Nacht hatte bisher nur Michael Jackson. Nas hatte vollkommen Recht, als er schon vor dem Release zu TPAB sagte: „There is no way he can mess it up.“

Benedikt Bentler

Kendrick Lamar

Kunst & Nationalismus in Istanbul

Istanbul

Anfang September sitzen wir auf einer der vielen Dachterrassen Istanbuls. In der Abendsonne diskutieren wir die kuratorische Strategie der gerade eröffneten Kunstbiennale, als unten auf der Straße eine mit Nationalfahnen ausgestattete Zusammenrottung junger Männer aufzieht und Parolen gegen den pro-kurdischen Teil der Bevölkerung skandiert. Es sind nicht allzu viele Menschen. Nachdem die Gruppe weitergezogen ist, nehmen wir die Diskussion wieder auf. „Ein bisschen wie in der Weimarer Republik“, sagt noch jemand. Über Ed Atkins’ neue Arbeit sind wir uns einig, sie ist wirklich sehr gut. In dieser Nacht werden wir noch weiteren Gruppen mit Fahnen und Sprechchören begegnen. In vielen Städten des Landes werden Parteizentralen der Oppositionspartei angegriffen werden und auch die Redaktionsräume einer liberalen Zeitung. Wenn wir in den folgenden Tagen mit unseren türkisfarbenen Biennale-Guides die Ausstellungsorte der Stadt ablaufen, können wir manchmal das Tränengas riechen, mit dem die Polizei Versammlungen auflöst, die sich gegen den nationalen Taumel formiert haben. Über den Atatürk Airport führen Fluchtrouten. Auf dem Weg zurück überfliegen wir die Zäune um Ungarn. Es ist 2015 und nicht mal Kunsttouristen werden von der Weltlage noch in Ruhe gelassen.

Christian Blumberg

Lieferdienste

Die Plakatflächen in der Berliner U-Bahn sind zurzeit fast ausnahmslos von Lieferdiensten belegt. Würden die alle erfolgreich wirtschaften, könnte eigentlich niemand die Plakate sehen, weil alle nur noch zu Hause bleiben und sich rund um die Uhr essen bestellen. Es herrscht Lieferdienstkrieg: Restaurants lassen liefern (und verdienen kaum Geld daran, das nur nebenbei), Supermärkte, Startups, die die Lebensmittel zusammenstellen und dann in den vierten Stock hochtragen lassen. Weil alles einzeln geliefert und verpackt wird, ist das weder besonders wirtschaftlich im Sinne optimaler Allokation noch umweltfreundlich, selbst wenn in der Kiste alles aus der Region ist. Aber es ist bequem, es sorgt für Abwechslung und zurzeit, weil eben alle mit allen im Konkurrenzkampf stehen, auch recht günstig, Rabattgutscheine werden en gros rausgehauen. Andersrum geht´s übrigens auch: Heyride ist ein Lieferdienst, der Menschen per Taxi auf Restaurantkosten ins Restaurant bringt.

Jan-Peter Wulf

Little Simz

Mit 21 Jahren hat Little Simz bereits vier Mixtapes, noch mehr EPs und seit diesem Jahr auch ein Debütalbum draußen. Man könnte Simbi Ajikawoz einfach in die Conscious-Rap-Ecke stellen und läge damit inhaltlich gar nicht so falsch, eigentlich will man das aber gar nicht. Komplexe Flows, aggressive Aussprache, Gespitte auf ungeraden, oft düsteren Beats – musikalisch ist „A Curious Tale of Trials + Persons“ eben nicht der typische Concious-Sound. Außerdem zeichnet sich die junge Britin durch ihre sprachliche Direktheit aus. Ihre Aussagen in bedeutungsschwere Metaphern hüllen? Braucht sie gar nicht. Sie hat auch so genug zu erzählen. Britischer Rap, oder zumindest Rap aus London, zeichnet sich durch seine Nähe zum eigenen Alltag aus. Ganz anders als die in Moet badenden Kollegen aus den USA kennen die meisten britischen Künstler nämlich noch das „wahre, harte Leben“. Will heißen: Auch für sie ist eine Wohnung in London kaum bezahlbar. Man erkennt sich und das eigene Leben in Little Simz Tracks durchaus wieder. Das ist bei Nicki Minaj nicht der Fall. Leider.

Benedikt Bentler

Liveticker

Liveticker

Wer ihn erfunden bzw. den ersten geschrieben hat, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass der Liveticker seit den frühen Nuller-Jahren eine immer wichtigere Rolle im Journalismus spielt, natürlich online, dem einzigen zukunftsträchtigen Ausspielweg für Informationen. Es scheint möglich, dass die Tech-Branche die Keimzelle des Livetickers war, konkret die großen Pressekonferenzen von Apple, von denen die damals noch junge Techblogging-Szene im Minutentakt querliegende Halbsätze, nicht durchdachte Kommentare und verwackelte Bilder absetzte und in ein rudimentär zusammengeklöppeltes Interface kippte, um allen Fangirls und Fanboys das Gefühl zu geben, live dabei zu sein. Mittlerweile gehört der Liveticker zum guten Ton des Online-Journalismus, auch und gerade bei Mainstream-Medien. Doch die Anlässe sind oft furchtbar und alles andere als geeignet für diese Art des hektischen und unreflektierten Schreibens: Katastrophen, Anschläge. Aber es gilt nach wie vor die Prämisse: Wer zuerst veröffentlicht, hat gewonnen. Es wird zu viel getickert.

Natürlich hat sich die Verfügbarkeit von und die Erwartung an Information mit dem Internet im Allgemeinen und den sozialen Netzwerken im Besonderen grundlegend geändert. Die Hemmschwelle, sich mit bestimmten Dingen, wie oberflächlich auch immer, zu beschäftigen, ist gesunken. Es wird einfach in die Timeline gespült. Das ist gut. Nicht gut ist hingegen, dass damit auch eine Neudefinition des Begriffs „Nachricht“ per se einherging, gerade bei den etablierten Medien. Es ist nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders den Weggang eines Trainers bei einem Fußballklub per Push-Benachrichtigung auf Smartwatches zu schieben. Und es sollte auch keine Liveticker geben, wenn es faktisch nichts oder so gut wie nichts zu berichten gibt. Und genau das ist oft genug der Fall. Mutmaßungen, Wiederholungen, die Einbindung anderer Quellen wie Twitter. Zeit schinden. Wir wollen alle zeitnah und aktuell mit wichtigen Informationen versorgt werden, oft genug, nein, in 99,9 Prozent der Fälle, ist eine halbwegs solide recherchierte Zusammenfassung der Ereignisse aber die bessere Lösung. Das gilt für Online genauso wie für das Fernsehen. Nicht jede Schalte lohnt die Kosten für die Satellitenverbindung. Vor ein paar Jahren, da streikten die Belegschaft von New Yorker McDonalds-Filialen. Erster Gedanke: Da schreibt die New York Times doch bestimmt einen Ticker zu. Taten die Kollegen nicht. Heute wäre das vielleicht anders.

Thaddeus Herrmann

Louie (Season 5)

Nachdem in der großartigen vierten Staffel so gut wie gar nicht mehr gelacht wurde, rückt Regisseur, Drehbuchautor, Cutter und Hauptdarsteller Louie C.K. in den aktuellen Folgen die dramatischen Elemente etwas mehr in den Hintergrund und setzt wieder verstärkt auf seine eigentliche Kernkompetenz: Comedy. Doch ein Gag-Feuerwerk bietet sich dem Zuschauer natürlich auch in dieser Staffel nicht, es gibt lediglich wieder ein paar mehr befreiende Lacher, die einen Louies Martyrium, welches er Leben nennt, leichter ertragen lassen. Besonders toll ist die Doppelfolge „The Road“, in der Louie erst von einem von Jim Florentine gespielten Komiker-Kollegen terrorisiert wird und sich dann irgendwann die Frage zu stellen beginnt, ob wirklich die anderen sein Problem sind oder ob nicht doch er selbst sein größter Feind ist.

Tim Schenkl

Meek Mill – Dreams Worth More Than Money

Wird das Album zum Klassiker? Keine Ahnung, wahrscheinlich eher nicht, aber wie Meek Mill auf „Lord Knows“ über einem Sample von Mozarts Requiem abgeht, ist einfach groß. Ebenso genial: der Track „Classic“ mit einem Beat vom „A Milli“-Produzenten Bangladesh und der gemeinsame Song aus besseren Zeiten mit Drake „R.I.C.O.“.

Tim Schenkl

The First Bad Man

Miranda July

Worum es in Miranda Julys erstem Roman, „The First Bad Man”, geht, müsst ihr woanders lesen. Denn ich brauche jedes der folgenden Zeichen um zu schreiben, warum es das beste Buch des Jahres ist. Cheryl Glickman, die Protagonistin der Erzählung, ist die Art Person, mit der man sich nicht umgeben möchte und die doch irgendwie ist, wie wir selbst. Sie personifiziert das Ultraskurrile im Stinknormalen. Die privatesten Gedanken, die heimlichen Neurosen, unsere intimen Ordnungen und die Art, wie wir Dinge tun, wenn wir allein sind – wir alle haben uns schon einmal in unserem eigenen Freak-Sein ertappt. Miranda July trifft diese Momente auf den Punkt: in Cheryls pedantischen Gedankengängen, in den unbeholfenen Dialogen und in den absurden Beschreibungen unerfüllten Begehrens. Und das alles ohne die üblichen Stereotype. Ihr dürft mir gerne vorwerfen, das Buch wäre schon genug gehypt worden. Das ist es und zwar völlig zurecht. Einziges Manko: der wirklich fiese Titel der deutschen Übersetzung.

Vanessa Oberin

Musikvideos

Fragt man heute die alte, mit Sicherheit verbitterte Dame MTV, wer Schuld an ihrem Untergang gewesen ist, dann dürfte die garstige Antwort kommen: YouTube. Das Onlinevideo hat Ende des vergangenen Jahrzehnts das gute alte Musikvideo auf die Belastungsprobe gestellt. Erst mit höllisch schlecht aufgelösten Handy-Videos, die jeder selber machen konnte. Dann hat sich keiner mehr für Musikvideos interessiert, was zur Folge hatte, dass sie immer beschissener wurden. Dann wurde moniert, dass die ganze Demokratisierung der Produktionsmittel keine ordentlichen Budgets für musikalische Kurzfilme mehr bringt und schließlich war mit langsamen Internetverbindungen und schlechten Displays das Streamen von hochauflösendem Videomaterial ohnehin eine schwierige Angelegenheit. Zumindest für Menschen, die ein Mindestmaß an videophilen Anstand mitbrachten. 2015 sind diese technischen Hürden passé. Jedes neue Smartphone hat mehr Pixel als ein üblicher HD-Fenseher und dieses Jahr haben zahlreiche Mainstream-Clips gezeigt, dass das Thema Musikclip wieder Strahlkraft haben und dass man wieder klotzen darf – mit allen Registern, die man vom modernen Blockbuster-Kino kennt. Es geht nicht mehr nur ums Viral-Potential (wie noch bei Gangnam Style) oder die superkluge, kreative DIY-Lowbudgetidee (wie bei OK Go). Es darf wieder erzählt, geknallt und gezaubert werden. Sei es das starbesetzte Feminismus-Spektakel „Bad Blood“ von Taylor Swift, der epische Compton-Film zu Kendrick Lamars „Alright“ von Colin Tilley, Rihannas „Bitch Better Have My Money“ und natürlich auch das monochrome „Hello“ von Adele, das einfach mal in üppigen analogen 70mm (IMAX) gedreht wurde. Wieso? Vielleicht weil man’s kann. Anders als zu Hochzeiten des Musikclips in den 90/00ern als die Gondrys, Cunninghams und Jonzes dieser Welt, das Musikvideo als Vehikel für ihre visuelle Kunst nutzten, sind die Clips von 2015 zum Großteil schlichtweg einfach nur Musikvideos, ohne großes Kunstlergedöns, da können noch so viele James Turrell schreien, wenn Drakes „Hotline Bling“ läuft. Dafür sind sie endlich wieder hollywoodesk verschwenderisch und cineastisch veranlagt. Vielleicht waren es auch einfach genug Webcams und GoPros über die letzten Jahre.

Ji-Hun Kim

Nazis (1/2) – Der totale Rausch

Nazis (2/2) – The Man In The High Castle

Der totale Rausch

Wer in den Krieg zieht, braucht einen verlässlichen Dealer. Zum Drogenkonsum und -missbrauch im Dritten Reich hat Norman Ohler in diesem Jahr das kluge und solide recherchierte Buch „Der Totale Rausch“ vorgelegt. Gerade letzteres ist dabei wichtig. Denn dass Wehrmacht und Luftwaffe in ihrem verbrecherischen und mörderischen Angriffskrieg über weite Strecken praktisch dauerhaft druff war, wissen wir. Auch der Rückzug war anders nicht zu ertragen und zu bewerkstelligen. Pervitin hieß der Wachmacher in Tablettenform, Methamphetamin, also Crystal in reiner Form. German engineering ohne osteuropäische Panscherei der Jetztzeit. Ohlers Blick geht jedoch weiter. Welchen Stellenwert Pervitin bereits vor dem Krieg in Deutschland hatte, welche Rolle die lokale chemische Industrie im globalen Drogenhandel hatte sind nur zwei von vielen Aspekten, die der Autor dazu nutzt, ein umfassendes Bild des Drogenkonsums im faschistischen Deutschland zu zeichnen. Und dann ist da schließlich noch die Führungsriege der NSDAP, allen voran Hitler selbst. Junkie durch und durch, zwischen Naturmedizin und Chemo-Keule, angefixt und unter Dauerversorgung durch seinen Leibarzt. Lesenswert.

Thaddeus Herrmann

The Man In The High Castle Final

Hätten die Nazis also die richtigen Drogen geschluckt, hätte es unter Umständen auch anders ausgehen können, ein Szenario, das Philip K. Dick in seinem dystopischen Roman „The Man In The High Castle“ schon 1962 verarbeitet hat: Japan und Deutschland teilen sich als Siegermächte die Welt und auch die USA. Die „Fernseh“-Adaption von Amazon ist eine der besten Serien 2015. Dunkel und dringlich erzählt, gewinnen die Bilder, die Dick in seinem Buch entwirft, in der tatsächlichen Visualisierung noch an Gewicht. SS-Uniformen in der grünen, kleinbürgerlichen Suburb in New Jersey, Hakenkreuze am Time Square, Rebellen, Anschläge, ein totkranker Hitler und die Furcht vor dem Dritten Weltkrieg, verpackt in professionell fotografiertes und choreographiertes Serienformat. Der schmale Grat zwischen Faszination und Ekel.

Thaddeus Herrmann

Netzneutralität

Du willst HD-Streaming? Einmal zur Kasse bitte. Du willst Torrents nutzen? Sorry, nur im ISDN-Tempo. Ach, du brauchst eine garantierte Mindestgeschwindigkeit, weil du beruflich große Datenmengen hoch- und runterladen musst? Dann nimm doch den doppelt so teuren Business-Tarif. Klingt nach Alptraum, könnte aber passieren. Der Grundstein dafür wurde am 27.10.2015 gelegt, als sich das EU-Parlament mehrheitlich dafür entschied, die Netzneutralität, die Gleichbehandlung von Datenpaketen im Internet, aufzuweichen. Statt sie – wie in den USA – festzuschreiben, wurde den Netzanbietern die Möglichkeit eröffnet, den Stream meines HD-Pornos zu verlangsamen und deinen Netflix-Stream zu beschleunigen. Weil du extra zahlst. Oder Netflix. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer: Wer einen neuen Service an den Start bringen möchte, muss dann demnächst wahrscheinlich erstmal das Kapital für die Internet-Maut mitbringen. Vielleicht wurde der eh schon schwachen Start-up-Kultur Europas am 27.10.2015 der Todesstoß gegeben. Jetzt liegt es an der Bundesnetzagentur und an euch, dies zumindest für Deutschland zu verhindern.

Benedikt Bentler

Nike vs. Adidas

Nike vs Adidas

U1, Kottbusser Tor, ein ganz normaler Tag im Berliner Sommer 2015. Der Blick wandert über die Füße der Mitfahrer und Sitznachbarn. Links neben mir: Nike Air Max, orange-grün. Gegenüber nochmal ein Paar, grau und lila. Daneben ein Paar Nike Free, die typisch eingekerbte Sohle, und rechts ein Mädel in Strumpfhose und irgendwie zu groß geratenen Air Force One. Und rechts neben mir? Tz, ein Paar Nike Roshe Run. Und während ich gerade denke, dass der Nike Air Huarache den meisten wohl doch zu extravagant aussieht, latscht mir ein Riese in Air Jordans über den linken Fuß. Aua. Nike ist überall, vorbei sind die Zeiten als es einen Basketball-Star namens Michael Jordan brauchte, um das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Die Marke aus Oregon ist zum Selbstläufer geworden. Da muss die Konkurrenz schon große Geschütze auffahren, um nicht ganz zu verlieren. Tut sie auch. Adidas hat sich Kanye West ins Boot geholt. Zwar sieht man den Yeezy nur selten bis nie (kein Wunder, teuer und hässlich), aber zumindest der Superstar mit markanter Spitze durfte 2015 sein kleines Comeback in Hipster-Kreisen feiern. Wer gestern noch Nike Free trug, trägt heute vielleicht schon ZX Flux und der rote Neo macht dem schwarz-weißen Air-Force-One-Einerlei Konkurrenz. Wird 2016 eher ein Jahr für Adidas? Begrüßen würde ich es nicht. Zu sehr vermisse ich Helden meiner Skatejugend auf den Straßen: Etnies, Supra, DC, Globe und C1rca. Wo seid ihr?

Benedikt Bentler

Oh Year!

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Am 14.04.2014 ging Das Filter online und so gab es im April 2015 den ersten Filter-Geburtstag zu feiern. Bis zu diesem Zeitpunkt blickten wir zurück auf rund 750 Geschichten, Reportagen, Interviews, Reviews, 13 Filter Tapes, 50 Auf-dem-Weg-Kolumnen, 16 Katzen-GIFs und ein paar tausend Social-Freunde mehr. Neben Filter Tapes live, einer Filter-Torte und vielen schönen Gästen damals im April gibt es auch heute noch das gedruckte Best-Of-Magazin zum Anschauen auf Issuu.

Susann Massute

PINE A64

Pine A64

Vor 20 Jahren kam der damalige Superdeluxe-Desktop-PC Power Macintosh 9500 von Apple auf den Markt. Er hatte seinerzeit einen 132 MHz-Prozessor, 16 MB RAM, wog 17 kg und kostete 5.300 Dollar. Dieses Jahr wurde der Computer Pine A64 erfolgreich auf Kickstarter auf den Weg gebracht. Mit einem 1,2 GHz-CPU (also fast zehnmal so schnell wie der Mac anno 1995), 512 MB RAM Arbeitsspeicher (32 mal so viel) und einem Gewicht von gerade mal 46 Gramm (eine halbe Tafel Schokolade). Der Preis für den Rechner, der 2016 erscheinen wird: 15 Dollar. 15 Dollar für einen funktionstüchtigen, vollwertigen Computer. Das sind weniger als drei Schachteln Zigaretten, weniger als ein Kilo Käse, weniger als eine Flasche Wodka, weniger als ein Standard-Postboost bei Facebook, weniger als ein gutes Schnitzel in Berlin, weniger als ein Knöllchen wegen Falschparkens und auch weniger als die Mindestbestellmenge beim Pizzabringdienst. Irgendwo fand 2015 dann wohl doch noch statt.

Ji-Hun Kim

Playlist

Zu welchem Zeitpunkt haben wir uns eigentlich davon überzeugen lassen, für das vielleicht wichtigste Kulturgut, die Musik, nicht mehr selber zu bluten? Was musste passieren, damit selbst die Menschen, die den ganzen Tag nicht müde werden zu betonen, welch tragende Rolle Musik in ihrem Leben spielt, keine Kraft mehr dafür haben, in ihrem schier unendlich großen Archiv ein Album zu finden, mit dem man nicht nur einfach so gerne 45 Minuten verbringen möchte, sondern auch noch gut zu dem passt, was man gerade tun muss? Wo kommt dieser neue Drang zur Bequemlichkeit her? Und warum macht man es nicht wie früher? Wenn es nicht deep sein soll, sondern einfach nur rieseln. Früher hieß die Playlist Radio. Hätte einem der DJ so Sprüche an den Kopf geknallt, wie heute Playlisten benannt werden, hätte man einfach den Sender gewechselt. Aber genau so funktionieren Playlisten heute. Lieblos zusammengestoppelte Sammlungen mit Clickbait-Überschriften wie „Einfach unwiderstehlicher Rap zum Mitsingen“ oder „R&B für die Feiertage“. Auf CD gepresst, würde man solche Compilations nicht einmal an der Tankstelle für 2,99 Euro mitnehmen, auch dann nicht, wenn man gerade einen Bierdeckel braucht. Mit anderen Worten: Welche kulturelle Membran haben die Streaming-Dienste so rissig werden lassen, dass wir allen Ernstes das den Algorithmen überlassen, was früher noch eine Herzensangelegenheit war, über die gestritten wurde, woran Freundschaften zerbrachen und neue entstanden? Ist das die späte Rache der digitalen Revolution, die immer nur zum Ziel hatte, uns in rhythmisch mitschwimmende Partikel eines ominösen Ganzen zu transformieren? Die Playlist ist das neue Album. Das wird auch Adele noch merken. Oder aber sie hat es als einzige schon gemerkt und sich deshalb gegen Streaming entschieden (siehe Adele). to be continued.

Thaddeus Herrmann

Rentner-Rave

Die Gleichung Popkultur = Jugendkultur gilt schon lange nicht mehr. Nicht, wenn Rolling-Stones-Fans Politiker werden oder frühere Lagwagon-Fans Mathelehrer. Das wirkt sich gezwungenermaßen auch auf die Event-Kultur aus. Immer mehr Festivals üben sich in Anti-Demokratie, wenn es darum geht, V.I.P.-Pakete für Preise im vierstelligen Bereich zu schnüren, in denen dann Glamping (was für ein Schimpfwort), Zugang zu exklusiven Areas, Empfangssekt und Yoga-Stunden angeboten werden. Festivals von heute sind eine Mehrklassengesellschaft geworden. Unten das junge, arme Schüler- und Studentenpack, der Plebs; und auf den V.I.P-Seats die reichen, alten „Musikfans“, denen der Heckmeck und Stress eines mehrtägigen Festivals zu viel geworden ist. Ganz sein lassen will man es ja doch nicht. Aber ehrlich: Dosenbier, Ravioli, Igluzelt ohne Isomatte, geht gar nicht mehr. So ist der Zwang der ewigen Jugend und Coolness.

So liegen auch Dixie-freie Komfort-Raves neuerdings voll im Trend.

Das Nachtdigital kaperte zum erstmaligen Nachtiville ein holländisches Center Parcs, um im beheizten tropischen Wellenbad und mit Sauna in den Bungalows die Gegenthese zum staubigen, improvisierten Open-Air auf der Grünfläche um die Ecke zu zelebrieren. Auch englische Festivals wie das Bloc setzen auf die Unterbringung im Butlin’s, dem britischen Working-Class-Pendant zum Center Parcs, um für mehrere Tage mit bestem Lineup die Hupe zu drücken. Überhaupt scheint Musik als alleiniges Vehikel für große Events nicht mehr zu reichen. Einige Festivals in den USA verknüpfen mittlerweile Raves mit Tech-Konferenzen. Viele kommen mit der nachhaltigen Erhol-Esoschiene (Wellness, Ayurveda, Massagen, veganes Essen, Kita, Green Smoothies). Andere Formate wie „Pure & Crafted“ bringen Rock mit Streetfood, Bread and Butter und hochglanzpolierten Hipster-Bikern zusammen. Kontexte werden heute wie bei Playlists (siehe Playlists) unmusikalisch hergestellt. Diese Aufzählung ist nicht per se als Kritik zu verstehen. Komfortables Feiern ist eine großartige Sache, so lange es nicht zu Snobismen führt. Das ist in Schicki-Micki-Läden mit persönlichem Schampusfach nicht anders. Aber wir sollten uns vielleicht jetzt schon fragen, wohin diese Trends führen und wie wir in 20, 30 Jahren feiern wollen. Rødhad im Disneyland mit Enkelkind? AIDA-Kreuzfahrt mit Giegling-Labelnight? Wieso eigentlich nicht?

Ji-Hun Kim

hängengeblieben 2015 renterrave gif

Sagen dürfen/Kommentarkultur im Netz

Kommentarkultur

Sie sind rassistisch, homophob, hassen Frauen, Journalisten, Politiker oder einfach alle. Sie besudeln die Kommentarspalten der Onlinemedien und die sozialen Netzwerke mit unreflektiertem Stammtischgerede, mit Hasskommentaren und verdrehten Fakten. In einem Land, in dem kaum eine Meinung – ja nicht einmal die der NPD – verboten ist, pochen diese Menschen auf „Das wird man wird ja wohl noch sagen dürfen.“ Allem Anschein nach hat die Population der Hetzer, Wichtigtuer und Trolle 2015 ihren Höchststand erreicht. Ein trauriger Rekord. Ihr wollt gehört werden? Dann lernt bitte erst einmal die Grundsätze des Zusammenlebens – und am besten auch gleich die Rechtschreibung. Wenn dann auch noch diejenigen, die tatsächlich etwas zu sagen haben, sagen wir z.B. Thomas de Maizière, lernen, diesen Boden nicht auch noch mit rhetorischen Ausflügen à la „Flüchtlinge fahren Taxi” zu nähren, brauchen unsere Browser 2016 vielleicht auch keinen HateBlock.

Vanessa Oberin

Smartwatches

Wir wissen immer noch nicht genau, was wir mit ihnen wirklich tun sollen. Wie sie unser Leben besser machen können. Und doch ist die Smartwatch das Wearable des Jahres. Fitness-Tracker? Fast schon oldschool. Zu oldschool, um das ewige Zukunftsversprechen der Technik-Branche zu transportieren. Es gibt die unterschiedlichsten Marktforschungen dazu, wie viele smarte Armbanduhren 2015 verkauft wurden. Fakt ist: Im Straßenbild, im Büro und bei Freunden und Bekannten sieht man sie selten bis gar nicht. Das ist eigentlich auch keine große Überraschung. Denn der tatsächliche Mehrwert ist – unabhängig von der zu Grunde liegenden Plattform – sehr überschaubar. Die, die die Uhren verkaufen, versprechen einem das Grüne vom Himmel, haben praktisch jedoch wenig anzubieten. Noch tut eine Smartwatch kaum mehr, als uns Informationen, die auf den Telefonen auflaufen, noch schneller zugänglich zu machen. Wenn denn das Display beim Heben der Hand anspringt bzw. der Akku noch voll ist. Das ist kein Mehrwert, keine Verbesserung in unserem immer stärker von Apps und Medien getakteten Leben. Das ist vielmehr der Beweis, dass es auch 2015 noch Technik gibt, die in den klitzekleinsten Kinderschuhen steckt und nicht recht wachsen will. Was ist also eine Smartwatch 2015? Für die meisten einfach eine Uhr. Wenn die cool aussieht, dann ist das cool, mehr aber auch nicht. Und die allerwenigsten werden die eine Anwendung gefunden haben, auf die sie nie mehr verzichten wollen. Das reicht aber nicht, um den Hype zu rechtfertigen. Die Smartwatch ist der Beweis dafür, dass Wearables noch nicht bereit sind für unsere Körper, vor allem aber auch nicht für unsere Seelen. Das wird dauern. Und langfristig vielleicht sogar unser Handgelenk einfach als „Arbeitsplatz“ überspringen werden. Scheitern wird das Prinzip dennoch nicht. Wir sind nur einfach ein bisschen früh dran. Das ist in Sachen Zukunft eigentlich nie verkehrt.

Thaddeus Herrmann

Star Wars

Hängengeblieben 2015 Star Wars Duschkopf

Eines der großen Gründungsmythen der Star-Wars-Saga ist, dass George Lucas beim allerersten Film auf sein Regisseur-Honorar verzichtet, dafür aber die Rechte fürs Merchandising erhalten hat. Man kann sagen, George Lucas hat das Merchandising erfunden. Spielzeug, Kooperationen mit Lego, Videospiele, Bettwäsche. Man lernte schnell: Mit der Marke Star Wars lässt sich so ziemlich alles verkaufen. Das muss sich Disney auch gedacht haben, als man Lucasfilms (und damit alles was mit Star Wars zu tun hat) im Herbst 2012 für vier Milliarden Dollar übernahm. Und da dieses Jahr mit „Star Wars: The Force Awakens“ die lang ersehnte Episode VII angelaufen ist, gibt es gerade nichts, was man nicht mit Star Wars in Verbindung bringt. High Heels mit Lichtschwert-Stilettos, Darth-Vader-Helme als Duschköpfe (er heult dann während der Körperpflege), Stickeralben in Supermärkten, Google Easter Eggs und Minispiele, Mascara und Schminke („Entscheide dich für die helle oder dunkle Seite.“), Eiscreme oder Todesstern-Deckenlampen. Disney empfindet scheinbar Druck, die kostspielige Summe von vier Mrd. so schnell wie möglich mit unzählbaren Lizenzdeals wieder einzuspielen. In Zeiten von Eurokrise, internationalem Terror, globalen Flüchtlingswellen und Krieg, kann sich die Welt wenigstens auf Star Wars einigen. Heute sagt man auch alternativlos dazu. Jedi oder Sith? Ist doch auch egal. Der Hype und die Hysterie lässt indes alle Zweifler verstummen. Es gab faktisch marketingtechnisch noch nie ein so großes Blockbuster-Event. Alle drehen durch, dabei kommen erst noch weitere Filme. Wie soll das noch gesteigert werden, Mister Disney? Man fragt sich nur, was Archäologen und Paläontologen denken, wenn sie in Millionen Jahren die Millionen Tonnen versteinerten Star-Wars-Plastikschrott ausbuddeln und analysieren. „Was müssen das bloß für Menschen gewesen sein? Wofür stehen sie? Woran haben sie geglaubt? Seltsam dieses 21. Jahrhundert …“

Ji-Hun Kim

Richie Hawtin

Techno

Richie Hawtin hat dem Techno den 2015er-Arsch gerettet. Mit einem Album, das eigentlich genauso klingt, wie Hawtin zu seinen besten Zeiten, also durch und durch retro ist. Techno hat schon seit vielen Jahren keine andere Qualität mehr und ob dieses Hängenbleiben auf dem eigenen Mythos, von dem niemand mehr weiß, was der eigentlich beinhaltet, überhaupt etwas bedeutet, vielleicht sogar etwas Positives, weiß auch niemand. Hawtin also. Für viele ein verhasster Dumm- und Klugschwätzer, Konzept-Heini, der Meister der heißen Luft, Sektenoberhaupt, der immer das besonders toll und – Achtung! – future findet, wo es das meiste Geld im angeschlossenen Werbe-Deal zu verdienen gibt. Es gab eine Zeit, da war Bollern der Heilsbringer. Weil die Musik so miserabel war, dass sie in ihrer vermeintlichen Radikalität dennoch so fehlerhaft und angreifbar war, dass man sie feiern und lieben konnte. Heute wird komplett ohne Fehler gebollert. Alles klingt kacke gleich und die, die sich früher nie zum Bollern herabgelassen hätten, sind die schlimmsten Bollerer in ganz Bollerhausen. Hawtin bollert auch. Aber bekommt es irgendwie hin, dieses Bollern hintenrum grandios so zu entbollern, dass das neue Bollern so klingt wie altes Bollern. Techno bollert also wieder. Und ist damit mehr Zukunft als Retro. Hawtins Sake hat also offenbar sehr gut bebollert. Äh: geballert.

Thaddeus Herrmann

Tim Burton im Max Ernst Museum

Erstmalig in Deutschland zeigte in diesem Jahr das Max Ernst Museum in Brühl das zeichnerische Werk des US-amerikanischen Star-Regisseurs Tim Burton. Witzig, morbide und extrem fantasievoll.

Tim Schenkl

Trauer: Mr. Spock und Mr. Steed

Nimoy

Es gibt Schauspieler, die werden ihr ganzes Leben auf eine Rolle reduziert. Leonard Nimoy und Patrick Macnee sind solche Schauspieler, Mr. Spock und Mr. Steed genau solche Rollen. Zwei Gentlemen durch und durch, wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen. Der eine Vulkanier, der andere Geheimagent. Randfiguren ihrer ganz eigenen filmischen Gesellschaften. Leonard Nimoy starb am 27. Februar, Patrick Macnee am 25. Juni. Ob sich die Wege der beiden je gekreuzt haben? An der Seite von Peter Falk in Columbo gaben sie beide hervorragende Figuren ab. Mrs. Peel, we are no longer needed.

Thaddeus Herrmann

macnee

TTIP

Während sich alle wie die Schneekönige freuen, dass die Weltklimakonferenz so toll verlaufen ist und man schon in fünf Jahren mit den Ergebnissen an die Arbeit geht, wird das Thema Freihandelsabkommen (TTIP mit den USA, CETA mit Kanada) sozusagen an der Öffentlichkeit vorbeigeschleust. Was heißt Öffentlichkeit: Selbst der streitbare Bundestagspräsident Lammert, dessen unsägliche Kommentare zu den Aktionen des „Zentrums für Politische Schönheit“ noch übel nachschmecken, forderte mehr Transparenz ein. Die SPD winkte kurz vor der Weihnachtspause TTIP durch, als habe es genau dagegen nicht am 10. Oktober die größte Demo seit zehn Jahren in diesem Land gegeben. Nur der Wunsch der Kanzlerin, das Thema bis Ende 2015 unter Dach und Fach zu bringen, muss wohl auf Ostern verschoben werden. Dass sich mit den Abkommen die gesamte Ökonomie von innen nach außen kehren wird (und das ist nicht nur bildlich zum Kotzen), und dass das einem Großteil der Bevölkerung zuwider ist, das ist quasi egal. Kurz: TTIP ist ein Verbrechen.

Jan-Peter Wulf

Un monde sans femmes

Richard Brodys Artikel im New Yorker zur Neuen Welle innerhalb des französischen Kinos erschien bereits im Januar 2014. Ich habe es erst 2015 geschafft, die von ihm gepriesenen Filme alle zu sehen. Wenig hat mich wirklich überzeugt, doch Guillaume Bracs wunderbarer Film Un monde sans femmes (2012) war für mich die vielleicht schönste Entdeckung des Jahres und dazu der Film, den ich 2015 am häufigsten gesehen habe. Toll ist auch der einige Zeit vorher entstandene Kurzfilm Le Naufragé, in dem der großartige Vincent Macaigne den trotteligen Romantiker Sylvain aus dem kleinen Küstenstädtchen im Norden Frankreichs zum ersten Mal spielt.

Tim Schenkl

Vin Naturel

Naturwein, das klingt schon ein bisschen komisch. „Vin Naturel“ ist der deutlich schönere Begriff, so wie „Cuvée“ besser klingt als „Verschnitt“. So oder so: Komisch schmecken tut es in jedem Fall, da ist wenig dran zu beschönigen. Mit klassischen Wein-Aromen hat der Naturwein nicht viel am Hut. Essig, vergorener Apfel, Joghurt, Sauerkraut, Kuhstall – das sind typische Geruchs- und Geschmacksbilder. Die Weine sehen nicht selten orangefarben und trüb aus. Sie gären nach, oft ploppt es, wenn man eine Flasche aufreißt. Alles Dinge, die den Normal-Winzer dazu bewegen würden, die Flüssigkeit zu entsorgen. Und doch hat sich mittlerweile eine große Fanschar im Bereich des Naturweins gebildet. Eben weil diese biodynamisch hergestellten Produkte der gängigen Weinwelt ein Stück weit den Stinkefinger zeigen. Und beweisen, was geschmacklich möglich ist, wenn man Dinge nicht zu Tode schwefelt, sondern sich weiterentwickeln lässt. Den Hipster-Bonus kassieren sie natürlich auch ein.

Jan-Peter Wulf

Vinyl

Wer Vinyl will, muss warten. Eine der größten Erkenntnisse des Jahres 2015. Mal eben eine Schallplatte pressen lassen geht schon lange nicht mehr. Produktionskapazitäten? Ausgereizt, bitte hinten anstellen! Das Blatt scheint sich nun jedoch zu wenden. Eine deutsche Firma wagt das, was bislang trotz steigender Verkäufe als unwirtschaftlich galt: die Entwicklung neuer Pressautomaten. Newbilt heißt das Unternehmen und bietet für rund 160.000 US-Dollar die Maschine an. Die ersten Exemplare gehen nach Detroit, wo der Sänger der White Stripes in seinem Plattenladen „Third Man Records“ zukünftig nicht nur Vinyl verkaufen, sondern auch herstellen will. In einer Art „offenen Küche“, alles einsehbar und zu beobachten von den Platten-Junkies.

Thaddeus Herrmann

Newbilt

Wu-Tang Clan

Wu-Tang-Clan-Album

Das Wu-Tang-Konzert dieses Jahr in der Berliner Arena war wohl das langweiligste und beschissenste Rap-Konzert des Jahres. Wie bei einem FC Barcelona, der zum Testspiel nach Panama fährt und mit Method Man, RZA, GZA und Raekwon die wichtigen Leistungsträger einfach zuhause lässt. Geht ja um nichts. Man hat besseres zu tun. Dabei ist Berlin – prinzipiell finde ich es ja gut, das Hauptstadtgehype auch mal runterzukochen – nicht Bielefeld. Anyway. Dem Wu-Tang Clan ist neben dem Performance-Fail des Jahres aber auch das Musikprodukt des Jahres gelungen. „Once Upon A Time In Shaolin“ ist das erste Album des Clans seit langem mit allen noch lebenden Ur-Mitgliedern und kommt als Unikat. Für rund 1,8 Mio. Euro ging das in einer üppigen Schmuckschatulle verpackte Album an einen wohlhabenden Kunden, der sich in bester Hollywoodmanier auch noch als Martin Shkreli (32) herausstellte: der meist gehasste Mann der Welt, wie das Internet oft krakeelte. Shkreli ist der Geschäftsführer von Turing Pharmaceuticals. Jenem Pharmakonzern, der den Preis für das Medikament Daraprim im Herbst von 13,50 $ auf 750 $ erhöhte. Das kam nicht so gut an. Dass Shkreli nun auch noch im Besitz des einzigartigen Wu-Tang-Albums ist, kam unter HipHop-Fans auch nicht so gut an. Der Jungmillionär, der angeblich auch schon eine VISA-Karte von Kurt Cobain für viel Geld ersteigert haben soll, meinte, er wolle den richtigen Zeitpunkt abwarten, die Platte zu hören. Vielleicht irgendwann mit Taylor Swift zusammen. Wäre ihm da nicht kurz darauf der FBI reingegrätscht, der Martin Shkreli im Dezember festnahm. Ihm werden unlautere Geschäftsmethoden aus seiner Zeit als Hedge-Fonds-Manager vorgeworfen. So könnte im Fall einer längeren Haftstrafe „Once Upon A Time In Shaolin“ nicht nur das teuerste Album sein, sondern auch jenes mit den wenigsten Plays überhaupt. Ist ein Album überhaupt ein Album, wenn es nicht gespielt wird?

Ji-Hun Kim

Zugezogen Maskulin

Zugezogen Maskulin

Ende 2014 zeichnete sich mit dem Comeback-Album der Antilopen Gang, das gleichzeitig ihr offizielles Kommerz-Debüt sein sollte, bereits ab, dass Rap aus der linken Ecke 2015 wieder größer werden wird. Wurde es auch, jeder erinnert sich sofort an K.I.Z., die mit „Hurra, die Welt geht unter“ im Sommer endlich ihren ganz großen Durchbruch feierten. Nicht vergessen sollte man allerdings Zugezogen Maskulin, deren Album „Alles brennt“ im Januar bereits die gleichen Themen behandelte. Unbequem und maximal pointiert haben sich Grim und Testo an gesellschaftlichen Themen wie Flüchtlingskrise, Krieg, Rassismus, Yuppietum und Drogenkonsum abgearbeitet – genau wie K.I.Z. es im Sommer taten. Aber als Quasi-Newcomer haben sie damit die wahren Lorbeeren verdient. Ich freu mich schon aufs nächste Release.

Benedikt Bentler

„Zzzzz“

Ankommen, runterschalten, besser werden and Chill. Auf ein gutes 2016.

Das Filter Team

Hängengeblieben 2015 GIF

Review und Verlosung: PAX 2Das iPhone unter den Vaporizern

Mix der Woche: Martyn HeyneBraten for Breakfast – Christmas Special