Leseliste 26. August 2018 – andere Medien, andere ThemenInstagram Butt, wenn die Queen stirbt, Nazi-Eintopf und die Fahrradstadt Berlin

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Jede Woche liest die Redaktion das Internet leer, um sonntäglich vier Lesestücke empfehlen zu können. Artikel, die interessant, relevant oder gar beides sind – und zum Glück abgespeichert wurden.

Instagram Butt

Jede Ära hat ihre eigenen Körperideale. Lange Zeit waren bei Frauen schlanke Körper wie die von Kate Moss das Ziel vieler Diät- und Fitnesstreibenden. Seit einigen Jahren setzt sich in den Gyms und Cross-Fit-Studios ein neues Schönheitsideal durch, das durch Influencer wie Kim Kardashian in den Mainstream gebracht wurde. Ein voluminöser praller Hintern, bei gleichzeitiger Wespentaille und schlank ausdefiniertem Oberkörper, der sich passenderweise nach seiner größten Werbeplattform benannt hat: Instagram Butt. Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt kaufen Diät-Produkte, Fitnessprodukte, die genau diesen 🍑 (Pfirsich wurde das Emoji-Synonym für Po) versprechen. Dabei hat so ein Körperbau viel mit Veranlagung zu tun und so bleibt für viele nur die letzte Anlaufstelle: die plastische Chirurgie. Über einen Schönheits- und Diätwahn, der weniger die Gesundheit auf dem Zettel hat als vielmehr den Profit.

„The procedure has reportedly skyrocketed in popularity, in spite of the estimated $3,500-$9,000 price tag, potential risks, and weeks of downtime post-surgery. All of this booty demand has helped keep surgical offices humming; the industry group for American plastic surgeons deemed butts the new boobsway back in 2015. “New ASPS stats showed that 2015 was another year of the rear, as procedures focusing on the derriere dominated surgical growth,” according to a release. “Buttock implants were the fastest growing type of cosmetic surgery in 2015, and, overall, there was a buttock procedure every 30 minutes of every day, on average.” In 2017, the group reported that since 2000, butt lift surgeries had increased by 254 percent.“

The Newest Face of Diet Culture Is the Instagram Butt

London Bridge is down

Ob Elizabeth Alexandra Mary den Plan kennt? Weiß die 92-jährige Elizabeth II., welche Hebel in welcher Reihenfolge in Bewegung gesetzt werden, wenn sie stirbt? Die Königin hat in ihrer Amtszeit zahlreiche Regierungen und deren Chefs kommen und gehen sehen, zahllose Krisen in Großbritannien distanziert begleitet und miterlebt, wie sich das Commenwealth immer weiter verändert hat. Weiß sie, was passiert? Ihr Code-Name ist „London Bridge“ – am gleichnamigen Plan wird seit den 1960er-Jahren gearbeitet – alle Details sind ausgearbeitet. Bei der BBC und allen anderen Sendern leuchten spezielle Warnlampen auf. Die Musikauswahl steht. Wer wann wie und von wem informiert wird, ist im Protokoll festgeschrieben. Der Krisenstab tritt zusammen, gleichzeitig beginnen die Vorbereitungen für die Trauerfeier – 10.000 Einladungskarten werden gedruckt. Die nüchterne und dadurch besonders poetische Darstellung der minutiös geplanten Abläufe im Guardian ist nicht nur aufschlussreich, sondern zeichnet auch ein Bild Großbritanniens, wo die Königin und die Monarchie immer noch höchstes Ansehen besitzt, Sicherheit in unsicheren Zeiten verspricht. Immerhin wird Elizabeth II. bestimmt noch miterleben, wie Großbritannien ohne die EU wieder zum buchstäblichen Inselstaat wird und vielleicht sogar, wie Schottland dann doch die Union verlässt. Wer weiß schon, wie es weitergeht. Doch eines Tages – das wissen alle – kommt der Anruf: „London Bridge is down“.

„If you ever hear Haunted Dancehall (Nursery Remix) by Sabres of Paradise on daytime Radio 1, turn the TV on. Something terrible has just happened.”

'London Bridge is down': the secret plan for the days after the Queen’s death

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Bundesarchiv, Bild 133-295 / CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Ein Topf, ein Volk

Eintöpfe sind lecker, gesund, praktisch, ergiebig und günstig. Wussten schon die Nazis und machten sie – in vielen Regionen des Reichs bis dato völlig unbekannt, kein Traditionsessen – zur ideologisch-kulinarischen Chefsache. Schon wenige Monate nach der Übernahme des Landes führten sie den „Eintopfsonntag“ ein. Statt des Bratens also gekochtes Gemüse mit etwaiger Fleischeinlage. Sogar Restaurants waren angehalten, ein günstiges Eintopfgericht zu offerieren, parallel wurde – quasi das eingesparte – Geld für soziale Zwecke eingesammelt. Der Eintopf hatte aber noch eine ganz andere Funktion: Er machte alle gleich. Ein Topf, ein Volk. Und im darauf angezettelten Krieg fußte die Durchhalte-Kampagne „Wir essen Eintopfgericht – keiner darf hungern“ auf dieser Vorarbeit.

„Just as faithful Christians unite in the holy sacrament of the Last Supper in service of their lord and master, so too does the National Socialist Germany celebrate this sacrificial meal as a solemn vow to the unshakeable people’s community.“

The Forgotten Nazi History of One-Pot Meals

Fahrradstadt Berlin

In Berlin passieren ziemlich viele ziemlich schlimme Fahrrad-Unfälle. Dass die Unfälle oft nicht gerade glimpflich ausgehen, liegt ein vielleicht Stückweit an der überdurchschnittlichen Coolness und Eitelkeit der Berliner, was zu einem unterdurchschnittlichen Anteil von Helmträgern unter den Radfahrern führt. Dass die Unfälle so zahlreich sind, liegt hingegen an den vekehrsbaulichen Bedingungen der Hauptstadt. Fehlende Fahrradwege und -spuren, Radspur gleich Busspur, Radspur mitten durch mit Passanten vollstehende Bushaltestellen und Einfädelungsspuren an Kreuzungen, die höchstens Radfahrern mit selbstmörderischen Absichten taugen. Der Tagesspiegel setzt sich in einer medial und grafisch ganz wunderbar aufbereiteten Geschichte in vier Kapiteln mit der Thematik auseinander. Welche Radwege gibt es bereits? Welche sind geplant? Und in welchem Abstand wird ein Radfahrer typischerweise überholt? Trauriges Fazit: Die Hand beim Abbiegen lieber nicht immer ausstrecken.

„Nach langem Warten bekommen wir kaum detailliertere Antworten. Pankow hat leider „keine systematische Übersicht über geplante Radwege“. Treptow-Köpenick antwortet nach mehreren Wochen mit einer Übersicht von 2010.“

radmesser

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Brecon, Julee Cruise und PH17

Zivilisatorische VerrohungFilmkritik: „Donbass“ von Sergei Loznitsa