Leseliste 26. November 2017 – andere Medien, andere ThemenSpotify-Tantiemchen, Twitter, Hocken als Haltung und überlebte Todessprünge

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Man kann nicht alle interessanten Texte finden, die die ganze Woche über publiziert werden, geschweige denn lesen. Immer sonntags stellt die Redaktion an dieser Stelle vier bemerkenswerte Artikel vor, die über unsere Displays geflimmert sind und dabei zum Glück abgespeichert wurden.

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Spotify: Umsatz rauf, Tantiemen runter

Musikstreaming haben viele von uns liebgewonnen, manch einer würde lieber seinen Handyvertrag kündigen, als das Premium-Abo. Bei Spotify jedenfalls läuft es ganz gut. Wurde der Dienst vor zwei Jahren noch mit acht Milliarden Dollar bewertet, waren es in der jüngsten Finanzierungsrunde schon dreizehn Milliarden. Der Umsatz steigt und man munkelt schon, der Börsengang könnte bald kommen. Das blöde und mitunter bizarre ist: Der einzelne Stream verliert an Wert. Vor zwei Jahren bekam der (US-)Künstler noch mehr fürs Abspielen seines Songs als heute, schuld ist der Ausschüttungsmechanismus. Bei Digital Music News hat man sich Phänomen im Detail angeschaut.

„Spotify seems to be countering this accusation by pointing to increased overall royalty payments. But a closer look at the math shows that Spotify may be paying more — but is also taking a lot more. All of which means that Spotify (and its shareholders, which include major labels) are cutting costs on per-stream payouts.“

Spotify Artist Payments Are Declining In 2017, Data Shows

Twitter neu denken

Farhad Manjoo fordert in der New York Times ein radikales Umdenken bei Twitter, um der zunehmenden Radikalität der Plattform endlich ergebnisorientiert zu begegnen. Dass der „Kurznachrichtendienst“, wie Twitter hierzulande immer noch gerne genannt wird, dringend reformbedürftig ist, steht außer Frage – in keinem Netzwerk wird so offen und beharrlich gehetzt, beleidigt und manipuliert; die Reaktionen des Managements sind verhalten bis faktisch nicht existent: Twitter ist ein digitaler Moloch. Aber wie könnte man dieses System aufräumen, neu aufstellen, besser machen? Manjoo identifiziert den egalitären Anspruch als Kern des Problems der Plattform, auf der jedes Konto zunächst gleichberechtigt die 280 Zeichen in alle Richtungen abfeuern darf. Ein neues Bewertungssystem, das nicht allein auf Algorithmen und händischem Nachsteuern beruht, sondern vielmehr von den Community selbst, könnte das Ruder rumreißen.

„Twitter should begin to think of itself, and its users, as a community, and it should look to the community for determining the rights of people on the platform.“

Twitter, It’s Time to End Your Anything-Goes Paradise

Die Hocke – eine archaische Haltung

Dass Sitzen das neue Rauchen sei, das weiß mittlerweile jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre. Viele physische Beschwerden lassen sich auf Bewegungsmangel und das unbewegte Verharren auf Bürostühlen und Sofas zurückführen. Viel weniger bekannt ist jedoch, dass das Sitzen eine zutiefst menschliche, archaische Pose ersetzte – nämlich das Hocken. An sich sei es nämlich die gesündere Art sich zu erholen, zu gebären oder die Toilette zu benutzen. In anderen Teilen der Welt ist das Hocken natürlich noch viel mehr Teil des Alltags, sei es beim Beten, Kochen oder gemeinsamen Essen. Im Westen ist diese Haltung jedoch negativ konnotiert, sie wird als primitiv angesehen. (Die etwas verächtliche Bezeichnung der „Russenhocke“ im Deutschen veranschaulicht das gut.) Rosie Spinks Artikel auf Quartzy erklärt neben der kulturellen Dimension auch die physiologische – und warum der Westen vergaß zu hocken.

On the whole, squatting is seen as an undignified and uncomfortable posture—one we avoid entirely. At best, we might undertake it during Crossfit, pilates or while lifting at the gym but only partially and often with weights (a repetitive maneuver that’s hard to imagine being useful 2.5 million years ago).

The forgotten art of squatting is a revelation for bodies ruined by sitting

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Foto via pexels

Sprung in ein neues Leben

Sie ist nicht nur ein kalifornisches Wahrzeichen, sie ist auch ein Ort, an dem sich Menschen umbringen: Rund 1.600 Menschen sind bis heute von der Golden Gate gesprungen, rund 65 Meter in die Tiefe, mit der Absicht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Mindestens zweimal hat das nicht geklappt. Dieser Beitrag schreibt zusammen, warum zwei Männer, einer 1985, einer 2000, von der Brücke sprangen. Was zuvor schief gelaufen war, was sie dachten, als sie in der Luft waren (beide bereuten den Sprung augenblicklich), wie sie gerettet wurden – in einem Fall möglicherweise durch eine Seekuh – und wie es dann für sie weiterging.

"I saw my hands leave the bridge," he recalled. "I knew at that moment, that I really, really messed up. Everything could have been better, I could change things. And I was falling. I couldn't change that."

Second Chances: I survived jumping off the Golden Gate Bridge

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Martyn Heyne, Alvvays und NHK yx Koyxen

Rewind: Klassiker, neu gehörtBurial – Untrue (2007)