Zum Nachhören: Die Vorträge der Konferenz „Ordnung in und als Bewegung“Tönende Städte, martialischer EBM, öffentliche Soziologie, Selbstauflösung, Szene-Business und die Tür

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Welchen Stellenwert haben Techno(kultur) und elektronische Tanzmusik heute? Wie sieht die wissenschaftliche Betrachtung der „Szene“ aus und was bringt sie hervor?

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Darum ging es bei der Konferenz „Ordnung in und als Bewegung“ im Februar in Dortmund. Einen Tag lang wurde im altehrwürdigen „Tanzcafé Oma Doris“, das in diesen Tagen 40 Jahre alt wird, über elektronische Musik und ihre gesellschaftliche Relevanz gesprochen. Bei uns könnt ihr die Vorträge des Tages nachhören – Techno theoretisch, Disco diskursiv. Auf dem Gruppenbild von oben links nach unten rechts: Timor Kaul, Malte Friedrich, Fabian Lasarzik und Jonas Eickhoff (Organisatoren), Stefan Selke, Christine Preiser, Jan-Michael Kühn und Jochen Bonz.

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Und hier die Vorträge im Einzelnen zum Nachhören:

„Electronic Body Music: Martialisches Übergangsgenre und popkulturelle Reinszenierung totalitär konnotierter Körperästhetiken“ von Timor Kaul

Timor Kaul hat sich deep mit EBM und seinen Körperwelten beschäftigt. Von seinen Wurzeln bis zum Übergang in den Techno und den Gabber, von seiner Abgrenzung gegen die Liederwelt der Alt-68er und seiner Herkunft aus der weißen Arbeiterklasse über den Wandel von Instrumenten- zu Maschinenmusik bis zum Dancefloor der Gegenwart. Und im Speziellen lotet er aus, wo die Grenzwellen-Musik Bilder des Martialischen und Totalitären erzeugt hat. So ziemlich überall: Von Front 242 über DAF (was er in seiner Jugend noch als NDW-Form im Radio präsentiert bekam) bis zu dezidierter Germanness von Bands wie Die Jugend oder Sturmcafe und den sowjetischen Bildästhetiken von Nitzer Ebb. Es handelt sich aus seiner Sicht um „kritische Affirmation“ vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs, um eine De- und Rekontextualisierung. Wie im Punk.

„Techno ist utopische Stadtmusik. Und warum niemand dies hört noch weiß“ von Dr. Malte Friedrich

Stadtforschung ist auch eine Forschung über Imagination und die Vorstellungswelten von Städten, sagt Malte Friedrich. Neben Bildern kann auch Musik diese Vorstellung herbeiführen. In Konzerthäusern, Bars und Clubs entsteht Musik (und eben nicht in der Pampa). Techno ist besonders urban: Detroit, Chicago, Berlin, Düsseldorf, München, London, Manchester. Techno ist auch eine Geschichte von Clubs und von Plattenfirmen, die an diese Clubs angeschlossen sind. Ein Problem aus Friedrichs Sicht: In der Kultursoziologie wird, wenn es um Musik geht, über alles Mögliche selbst gesprochen – über Cover, Bilder, Videos, aber nicht über die Musik selbst. Er hat sich folglich mit Hiphop und Techno beschäftigt mit Hinblick auf ihre Urbanität: Diese Stile sind laut und geräuschhaft wie die Städte, ihre Prinzipien der Montage und Überlagerungen ähneln dem auditiven Stadtraum und der Heterogenität ihrer Kultur. Der Rhythmus der Tanzmusik bringt in der Stadt auf einfachste Art Menschen zusammen. Das befördert urbane Imagination. Techno im Club sei eine Utopie, so Friedrich: ein Nicht-Ort, der sich der Lokalisierung entzieht. Utopie sei aber auch die Vorstellung einer kommenden Gesellschaft. Mit dieser Vorstellung sei allerdings Schluss, sobald die Nacht aufhört und das Licht angeht.

„Öffentliche Soziologie als Samplingkultur“ von Prof. Stefan Selke

Stefan Selke beschäftigt sich als Wissenschaftler nicht nur mit der „öffentlichen Soziologie“, er hat diesen Begriff auch selbst geprägt. Raus mit der Sozialwissenschaft aus den Denkburgen, rein in die Welt, ist sein Motto. Die Zeit sei reif für Öffnung, findet er, weil Probleme vor Disziplingrenzen nicht halt machen. Die Rückkopplung in die Gesellschaft, die es in Ethnologie und Anthropologie schon länger gibt, findet jetzt auch in seinem Fach statt: In Science Slams, durch Schreiben für den Feuilleton, aber auch durch erweiterte Dialoge mit neuen Publika. Über Soziologie spricht er deshalb vor Börsianern, mischt und sampelt Methoden, setzt auf Engagement und Beteiligung im Stile der „combat sociology“ von Bourdieu und Co. Mittels Montagetechnologien wird öffentliche Soziologie dramaturgisch, narrativ und entwickelt eine erzählerische Wahrheit. Nicht immer lupenrein wissenschaftlich, dafür relevant. Eine Einführung ins Thema.

„Eingang machen – Türsteher und die Performanz der Grenze“ von Christine Preiser

Christine Preiser hat für ihre Dissertation die Türen von verschiedenen Clubs besucht und beobachtet. Das Betreten des Clubgeländes, das Öffnen der Tür ist nicht der Eingang, sondern der Türsteher. Er ist die Tür, der Kontrollposten: Wer kommt überhaupt rein? Was kommt rein? Schlangenbildung, so hat sie festgestellt, ist eine „formale Antithese“, eine letzte Strukturierung, bis es zur Auflösung in der Masse auf dem Dancefloor im Club kommt. Stammgäste fungieren als erweiterte Unterstützer (holen Essen, helfen in Konfliktsituationen) und natürlich darf sie nicht fehlen: die Gästeliste und ihre Ordnung.

„Subjekt-Auflösungen und Subjekt-Werdungen. Dynamiken des Selbst in der Techno Music Culture“ von Dr. Jochen Bonz

Jochen Bonz beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit Techno aus kulturwissenschaftlicher Perspektive und verwendet dafür sowohl ethnologische als auch psychoanalytische (lacanianische) Tools. Techno ist zum einen eine Subkultur und zum anderen Begehren. Techno ist Subjektauflösung, Musik, in der man sich verliert, eine Herauslösung aus der symbolischen Ordnung, eine „Jouissance“ in Anlehnung an Roland Barthes, so Bonz. Der Raum für die Subjektauflösung bietet aber nicht nur Eskapismus, sondern auch Möglichkeiten der Selbstvergewisserung und Selbstwahrnehmung. Dieses ästhetische Empfinden lasse sich ins Kulturelle und Soziale vergrößern: Im Club kann man viel über den Umgang miteinander, über Offenheit und Wohlwollen lernen. Er nennt es „miteinander Chillen“ im ursprünglichen Sinne. Und noch heute, so sein Fazit, gebe es in der Techno-Musikkritik eine „Haltung der Begeisterung“, wohingegen in vielen anderen Musikrichtungen Skepsis und Distanz die Kritik bestimmen.

„Die post-traditionale Vergemeinschaftung zwischen Szene, Szenewirtschaft und Subkultur“ von Jan-Michael Kühn

Post-traditionale Vergemeinschaftung ist ein Erklärungsangebot, wie wir uns heute im Gegensatz zu früher zusammentun. Früher fix, stabil, Familie, Stände, Nachbarschaft, heute zum Beispiel durch Szenen als Zugangsform. Das, woraus wir unseren sozialen Sinn bilden, ist von Herkunft losgelöst, basiert auf eigenen und freien Entscheidungen und das Finden von Likeminds, zum Beispiel beim Klettern, beim Gaming oder beim Musikmachen. Szenen sind lockere Netzwerke, sind verführungsbasiert nach Lustprinzip: Es geht um Liebe und Leidenschaft. Ihr Nutzen wird hinterfragt: Was bringt es mir, macht es mir Spaß? Kühns Kritik: Diese Szene-Perspektive ist zu allgemein, weil Szenen zu fragil sind und weil Erwerbsorientierung einzieht. Er hat es an der Berliner Technoszene untersucht, in der mit Events, Bookings, Tracks und Auflegen Geld verdient wird. Die kommerzielle Dimension widerspreche der Dimension der Verführung, ergänze sie aber auch. Es komme darauf an, Kommerzialität in Einklang zu bringen mit der Leidenschaftlichkeit. Techno hat eine szenebasierte Form der Wirtschaftlichkeit hervorgebracht, die Szenewirtschaft. Mehr dazu in unserem Gespräch mit Jan-Michael Kühn.

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