Artenschutz mit über 50% Vol.Reportage: Die „Scotch Malt Whisky Society“ in Edinburgh bewahrt die Tradition fassweise

oyster flavoured wine gums

Whisky ist nicht gleich Whisky. Das wissen Auskenner genauso wie diejenigen, die nur oder lieber Bier trinken: Es gibt ja auch geschmackliche Unterschiede zwischen Beck’s und Schultheiss, zumindest redet man sich die gerne ein. Der Konkurrenzdruck unter den Konzernen, die hinter den Destillerien stehen, steht dem der Brauereien in nichts nach – ein Massenmarkt will bedient, überzeugt und schlussendlich für sich gewonnen werden. Das hat Konsequenzen: Im hochgezüchteten Produktionsbetrieb gehen die Nuancen verloren, geschmackliche Kleinode werden immer seltener, Verbundenheit zu einer Marke oder eine Destillerie ist also kaum noch mehr als Augenwischerei. Es sei denn, man ist Mitglied in der „Scotch Malt Whisky Society“ (SMWS). Hier wird das bernsteinfarbene Gold fassweise – und nur fassweise – gekauft, in Flaschen abgefüllt und an Connaisseure weltweit abgegeben. Was sich für die Destillerien nicht mehr lohnt, ist für Whiskyfans das, was den Katholiken der „Urbi et orbi“ des Papstes ist, knallt nur besser, genau wie die gesamte Darreichung. Aus Edinburgh, der Heimat der SMWS, berichtet Jan-Peter Wulf.

Als Getränkeschreiberling ist man des Öfteren auf Fachveranstaltungen zugegen, deren Anlass die Vorstellung und das gemeinsame Probieren eines Getränks ist. Was für Außenstehende charmant und irgendwie so gar nicht nach Arbeit klingt, läuft in der Regel recht schematisch ab. Besonders, wenn das Getränk eine Spirituose und ganz besonders dann, wenn es ein Whisky ist. Whisky ist ein big business, der Markt ist groß und dermaßen kompetitiv, dass sich jede Marke, jedes Produkt durch eindeutige Eigenschaften abzugrenzen intendiert: Wir sind die ersten, die mit Verfahren X destillierten, wir sind die einzigen, die noch nach der alten Y-Methode herstellen, dies ist der einzige Whisky, der nicht nur in A-, B- und C-Fässern lagert, sondern am Ende noch in Fass D kommt und so weiter. Das gilt auch für Geruch und Geschmack: Platz für eigene Interpretationen bleibt bei Marken-Tastings kaum. Es stehen der Regel stehen vier, fünf kleine, so genannte Nosing-Gläser vor den anwesenden Gästen aus Presse, Influencertum und Gastronomie.

Während die Gläser an die Nase gehoben und der Schluck in den Mund genommen wird, erklärt zeitgleich der „Markenbotschafter“, manchmal ist es auch der „Master Destiller“ und nicht selten beides in Personalunion, was man da gerade riecht oder schmeckt. Und das riecht oder schmeckt man dann meistens auch. Es ist ja gut gemeint, und natürlich sind die offiziellen „tasting notes“ mit Toffee, reifen roten Früchten, Vanille, Eiche, Holzkohle, leicht metallischen Anklängen und Co. von Profis erstellt worden. Aber es ist so, als sitze man im Kino, und während der Protagonist auf der Leinwand mit dem Auto in die blutrote Abendsonne fährt, erklärt der Filmkritiker auf dem Nebenplatz dir, dass das jetzt eine Farbdramaturgie sei und gleich bestimmt etwas die gesamte Narration Wendendes passiere. Oder dass der Reißschwenk die innere Zerrüttung der tragischen Heldin widerspiegelt. Würde man so jemandem neben sich nicht die Fresse polieren wollen?

Bleiben wir kurz im Kino. Es gibt einen Film, der sich recht schön das Gegenteil des soeben Beschriebenen, nämlich einen intuitiven Zugang zum Thema Whisky zum Thema gemacht hat: „The Angel's Share“ aus dem Jahr 2012 von Ken Loach, dem Humanisten unter den britischen Filmemachern. In diesem Film stellt Protagonist Robbie, ein Glasgower Working-Class-Lad durch und durch, der immer wieder mit der Justiz in Konflikt gerät, bei einem Destillerie-Besuch fest, dass er Whisky gut riechen und schmecken kann. Und zwar richtig gut, ohne Anleitung, ohne Verkostungsnotizen, einfach Nase und Mund nach entdeckt er ein Getränk, mit dem er und seine prekäre Peergroup nie in Berührung kamen, sie trinken vor allem die klebrigsüße Limonade Irn-Bru (das wahre schottische Nationalgetränk, das beliebter ist als Cola). Eine leer getrunkene Flasche der leuchtend orangefarbenen Limo wird Robbie am Ende den Weg in eine bessere Zukunft bahnen.

Willkommen bei den Single-Cask-Nerds

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen industriell protokolliertem So-schmeckt-das und vogelfreiem Entdecke-die-Möglichkeiten befindet sich das, was die „Scotch Malt Whisky Society“ macht. Ein Name, der nach Tartan-Röcken, nach brennendem Kamin und nach älteren Herren klingt, die sich vor ihrem Glas versammeln und schweineteuren Single Malt degustieren. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine globale und ziemlich moderne Community aus über 25.000 Mitgliedern in derzeit 18 Ländern von den USA bis Japan. Die „SMWS“ ist ein weltweiter Verbund von Whiskyfans, der nicht nur ältere Herren anspricht, sondern quer durch die Gesellschaften verteilt ist, in London zum Beispiel sind die Hälfte der Mitglieder Frauen. Den Unterschied zu den zahlreichen Whiskyclubs, die es auch in Deutschland gibt, macht, dass die Society ihre eigenen Whiskys hat und ausschließlich an ihre Mitglieder verkauft, die es also sonst nirgendwo zu kaufen gibt. So nämlich ist das Ganze in den frühen 1980er-Jahren in Edinburgh entstanden: Die Whiskynerds brachen auf eigene Faust in die berühmte Destillerie-Gegend im Norden des Landes, die Speyside, auf, kauften bei Glenfarclas – dort hatte man Connections – ein Fass und brachten es mit dem eigenen Fahrzeug in die Hauptstadt, um dann quasi „straight from the barrel“ zu trinken.

flaschen

Zahlen und verspielte, assoziative Namen zieren die Flaschen der Scotch Malt Whisky Society.

Man muss wissen: Es war eine Zeit, in der Whisky gerade kein big business war und die Branche ziemlich am Boden lag. Die Rezession auf der Insel hatte auch die in den 1960er- und 1970er-Jahren noch boomende Whiskybranche erreicht, es wurde fusioniert und vermischt. Single Malts aus einem einzelnen Whisky, auf die Kenner schwören, waren so gut wie nicht zu kriegen. Und Single Casks, Whiskys aus einem einzigen Fass, schon mal gar nicht. Aber in Edinburgh, bei diesen Whiskynerds, die ab Werk kauften, da gab es die. Als die Zeitungen begannen, über den kleinen Kreis in der schottischen Hauptstadt zu berichten, wollten immer mehr Menschen dabei sein. Geboren war die Society, die heute ein richtig großes Unternehmen ist.

Hochprozentige Unikate

Die SMWS ist, wenn man so will, ein Fassmanagement- und Fassverkaufsunternehmen: Die Society kauft nämlich weiterhin einzelne Fässer von Destillerien ab, lagert sie in ihren eigenen Warehouses oder füllt den Inhalt in ein anderes Fass um, um besondere geschmackliche Nuancen zu erzeugen. Vermischt werden Fässer – abgesehen von einem einzigen Blend, den es im riesigen Programm der Society gibt – aber nicht. Auch auf die Herabsetzung auf Trinkstärke durch Wasserzugabe, auf Kältefilterung und die Zugabe von Karamell für farbliche Stabilität – typische Verfahren der Industrie – verzichtet man. Ergebnis sind hochprozentige Unikate meist jenseits der 50% Vol., die auch wirklich Unikate sind und bleiben: Ist ein Fass leer, sind alle Flaschen weg, die man aus diesem Fass füllen konnte (in der Regel 200 bis 500 Stück), dann ist dieser Whisky Geschichte. Nicht wieder zu kriegen. Das steht konträr zur Massenproduktion und ist auch der Grund, warum dieses ungewöhnliche Modell überhaupt funktioniert. Denn weil man nicht selbst herstellt, ist man auf die Kooperation mit Destillerien angewiesen, die teilweise im harten globalen Wettbewerb miteinander stehen. Das ist nur möglich, weil ein einzelnes Fass für große Destillerien ungefähr so viel ist wie eine Palette Pilsbier für Bitburger – ziemlich wenig – und so manche Destillerie gar keine eigenen Marken mehr führt, sondern nur noch im Dienste einer anderen brennt.

tasting

Wer ein Tasting bei der SMWS mitmacht, erlebt auch Ausflüge in Rum- und Cognacgefilde

Mit 134 verschiedenen Destillerien hat man über die dreieinhalb Jahrzehnte des Bestehens schon zusammengearbeitet. Welche Destillerien es sind, schreibt man nur in kodierter Form auf das Etikett: Die Zahl oben links auf den Flaschen nennt vor dem Punkt die Destillerie-Nummer (in der Reihenfolge der Zusammenarbeit) und hinter dem Punkt, um das wievielte Fass aus dieser Destillerie es sich handelt. Nummer eins vor dem Punkt ist folglich Glenfarclas, wo einst das erste Fass erstanden wurde. Natürlich hat sich jemand schon die Arbeit gemacht, dieses System zu dekodieren und so kann auch der Laie oder gefährlich Halbwissende feststellen: Die haben ja echt schon fast mit jedem zusammengearbeitet. Auch Fässer von Destillerien, die es heute gar nicht mehr gibt, kommen in den Onlineshop der SMWS. Natürlich zu einem entsprechend stattlichen Preis.

Poetik und Pantonefächer

Das alles ist aber eigentlich nebensächlich. Denn im Kern geht es bei den Whiskys der SMWS darum, Geschmackswelten individuell zu entdecken. Whisky kann bekanntlich von frisch und blumig bis hardcoretorfig schmecken, das Spektrum ist breit und tief, wer sich so gar nicht auskennt, steht wie der Ochs vorm Berg. Hier kommen zwei Hilfsmittel ins Spiel, die dem Geniesser helfen sollen, aus der Vielfalt etwas für sich zu finden: die assoziativen Verkostungsnotizen auf den Flaschen und der „Pantonefächer“. Zuerst die Verkostungsnotizen: Die stehen vorne auf den Flaschen und sind nicht so breitbeinig wie herkömmliche Whisky-Etikettentexte, sondern geben sich fast poetisch.

We found ourselves sitting on the grass in a glade of a pine forest enjoying dark chocolate-dipped cherries, caramelized pineapple with chocolate nougat ice cream and raspberry sauce. On the palate at first plenty of five spice and curry powder soon followed by banana French toast consisting of smoked bacon, chilli labneh and tamarind caramel. Water brought out more intense aromas of spice with a hint of herbs. Whilst on the taste now a dry woodiness to begin with; soon replaced by sweetness with the tangy aftertaste of chilli lime popcorn making it a comforting but at the same time slightly challenging experience.

Cask No. 9.113, „Chili Lime Popcorn“

chililime

Passt gut zu Austern, die mit einem Spritzer Tequila gepimpt wurden: Chili Lime Popcorn (Mitte)

Achtung, Stinktierunfall

Auch die Namen, die die societyeigenen Tastingpanels, in denen Musiker, Autoren, Naturwissenschaftler oder Köche sitzen, den Flaschen geben, sind ulkig bis ein Schlag ins Gesicht der konservativen Whiskybranche: „Oyster flavoured wine gums“ (dahinter verbirgt sich übrigens ein Fass aus der Laphroaig-Destillerie) oder „whisky flavoured condoms & skunk road-kill“ sind echte Ansagen. „Whisky sollte nicht etwas sein, vor dem man Angst hat, es soll Spaß machen und gemeinschaftlich sein“, sagt Laura Roberts, Brand Managerin, in ausgeprägt schottischem Akzent. Auch wenn das manchmal zu Irritationen führt, vor allem in den nichtenglischsprachigen Societyländern, die manche Notizen für ihre Mitglieder lokalisieren. „Kondom mit Whiskygeschmack und überfahrenes Stinktier“ – wer möchte da nicht zum Glas greifen? Zweites Hilfsmittel ist der „Pantonefächer“, ein Fächer mit zwölf farblich voneinander abgegrenzten Geschmacksrichtungen. Sie reichen von „young & spiritely“ mit Aromen wie Rhabarber, Dosenmandarinen, „flying saucer“ (das sind diese Brause-Oblaten-Ufos) und Muskelsalbe über „deep, rich & dried fruits“ mit Hackfleisch-Pies, gesalzenem Karamell und verbranntem Toffee bis zu „heavily peated“ mit Feuerwehrmann-Handschuhen, Kaminruß, Zigarrenstummel und geräucherter Makrele. „Wir wollen Diskussionen anregen“, kommentiert Laura. Vielleicht sehen wir so etwas ja häufiger in Zukunft: Ein Bier, auf dem „schmeckt wie McRib-Sauce und Dachstuhlbrand“ steht statt Rauchbier, das wäre doch ganz funky.

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Trinken nach Farben: Der Fächer der SMWS hilft beim Einordnen.

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Das „Kaleidoskop“, die Whiskybar der Society in der City von Edinburgh

Die Society macht auch Events in Deutschland

In der Berliner „Bar am Steinplatz“, einer von derzeit nur sieben Partnerbars in Deutschland (und, Nachtrag 9. Oktober, zur „Hotelbar des Jahres“ gekürt), gibt es eine – naturgemäß ständig wechselnde – Auswahl der SMWS-Whiskys. Sie passen hier gut rein, denn Barchef Christian Gentemann listet bei seinen Cocktails auch keine Zutaten auf, sondern beschreibt ihren Geschmack auf der Karte assoziativ (ganz nebenbei hat er kürzlich sämtliche Gins bis auf einen knorrigen deutschen Doppelwacholder rausgeworfen). Möchte ein Gast einen der Whiskys probieren, händigt er den Fächer aus – der ist die Karte. „Das kommt gut an bei den Gästen, weil es was zum Interagieren ist, nicht die typische Art der Bestellung“, erklärt der Barchef. Eine gute Gelegenheit zur Interaktion bieten auch die regelmäßigen Tasting-Events, die auch für Nichtmitglieder offen sind und von den deutschen Markenbotschaftern in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Nürnberg abgehalten werden. Auch die laufen etwas anders ab als bei Standard-Tastings der Industrie, wo in der Regel vom jüngsten Produkt des Hauses bis zum am längsten gelagerten fortgeschritten wird. Peter Eichhorn, Journalist, Stadtführer, Kenner jeglicher Getränkekategorie und langjähriges SMWS-Mitglied, richtet diese Tastings in Berlin aus und berichtet, dass er gerne die gängige Reihenfolge durcheinander werfe. Da darf schon mal mit einem Torf-Klopper angefangen werden und am Ende ein frischer Junger stehen. Dadurch verändere sich der Geschmack mitunter völlig, neue Aromen kommen zum Vorschein, erklärt er. Er träumt davon, der Berliner SMWS-Community irgendwann einen Whisky präsentieren zu können, den es dann nur für lokale Mitglieder gibt.

Schlecht stehen die Chancen für eine solche „Extrawurst“ (der Society ist glatt zuzutrauen, dass sie sich das als Namen auf die Flasche packt) nicht. Denn in Edinburgh wirft man neuerdings einen verstärkten Blick auf den deutschen Markt und will die Mitgliederzahl von derzeit 550 deutlich erhöhen. Bis 2015 wurde Deutschland von den Niederlanden gemanagt, wo man seinerzeit ein Franchise hatte, das Territorium lief nebenbei. Jetzt aber, verrät man uns beim Besuch in der schmucken Zentrale in Edinburgh, dem Societyhaus „The Vaults“, in dem tatsächlich ein Kaminfeuer lodert, ist die Auswahl im deutschen Onlineshop der Society genauso groß wie in UK und bietet neben Whiskys aus Schottland auch irische, japanische und US-Bourbon sowie Single Casks aus Rum- und Cognac-Häusern. Eine ganze Menge zu probieren also. Wer mitprobieren mag: Die einfache Mitgliedschaft kostet 65 Pfund im Jahr.

Mehr Informationen hier.

Jan-Peter Wulfs Reise und diverse Drams wurden von der SMWS organisiert und bezahlt. Über den Inhalt des Beitrags entscheidet ausschließlich die Redaktion.

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