Von Beelitz nach BrooklynÜber das kulinarische Unbehagen

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Was ist eigentlich mit dem Essen los? Ohne die dazugehörigen Events geht gar nichts mehr. Nicht nur in den Großstädten, auch dort, wo man es am wenigsten erwarten würde. 20.000 Zusagen konnte kürzlich ein „Spargel-Event“ im brandenburgischen Beelitz verbuchen. Die Folge: eine Verlegung in eine größere Location, so wie man es von Rockkonzerten kennt. Food knallt. Wie nichts anderes im Moment. Wer hat nicht schon einmal einen dieser angesagten Streetfood-Märkte mit leerem Magen verlassen, weil es zu voll und überteuert war und sich irgendwie nicht richtig angefühlt hat?

Es gibt kein einziges Argument gegen eine vielfältige, aufregende Esskultur. Ganz im Gegenteil. Dass Quinoa und Chia keine Fremdwörter und Avocados keine Rarität mehr sind, ist ebenso begrüßenswert wie die Dichte von Cafés, die Flat White anbieten, die zunehmende Verbreitung von Craft-Bier oder der Umstand, dass es in Berlin endlich vernünftiges Brot zu kaufen gibt. Veganismus hält längst niemand mehr für eine Krankheit, regional und saisonal werden glücklicherweise immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Kurzum: Das Bewusstsein für Lebensmittel und den Umgang mit ihnen schärft sich immer weiter. Essen erfährt eine neue Wertschätzung, man könnte sogar das Zeitalter einer gänzlich neuen Esskultur proklamieren, wäre da nicht dieses unbehagliche Gefühl, dass Essen längst nicht mehr nur das ist, was es bezeichnet.

Grüne Säfte überall

Auch die Kritik am neuen Hype ums Essen und Trinken hat ihren Gemeinplatz gefunden, mal mehr, mal weniger berechtigt. Gluten und Lactose verkommen zu Schimpfwörtern für trendbewusste Weicheier – ganz zum Leid der tatsächlich Leidenden. Der Ausdruck „To go“ muss für die ewig gleichen Flachwitze herhalten („To go?“ – „Nee, zum mitnehmen.“) und mit der Bestellung von koffeinfreiem Soja-Latte hat man die kritischen Blicke der Kaffeeconnaisseure sicher. Kein Grund zur Besorgnis, an merkwürdigen Essgewohnheiten hat es sicher noch nie gemangelt. Kritisch wird es, wenn Pseudokennertum und Marketing ihre Kräfte vereinen. In Zeiten von Bonusheft und Rauchverbot schenken wir nur zu gerne jedem neuen Gesundheitsrisiko Glauben und greifen pflichtbewusst zum grünen Saft. Allerdings ist auch der Detox-Mythos schon längst widerlegt. Die britische Tageszeitung The Guardian schreibt von einem pseudo-medizinischen Konzept, das lediglich der Verkaufsförderung entsprechender Produkte dient.

Am Ende gilt sowieso immer die Regel „zu viel ist ungesund“, egal wovon. Mal ehrlich, als würde unser Körper darauf nicht eigentlich von selbst kommen.

Vieles, das sich momentan als das Angesagteste in Sachen Essen breit macht, grenzt – Hand aufs Herz – doch an Schwachsinnigkeit und hat mit der viel besungenen ausgewogenen Ernährung oft nur noch wenig zu tun. Wirft man einen Blick nach New York, sieht man noch mehr ungeheure Trends auf uns zukommen. Dabei könnten die dort aktuell gehypten Lebensmittel profaner nicht sein. Der Verzehr von Kale, also Grünkohl, wurde bereits vor zwei Jahren zur Religion erhoben – roh allerdings und nicht so, wie wir ihn in Deutschland kennen. Nun folgt die Knochenbrühe und die New Yorker stehen Schlange. „Hip bis ins Mark“ titelte das SZ Magazin. „Wie soll ich das nur meiner Oma erklären?“ ist die berechtigte Frage.

Vom Genuss zum Verbot

In den letzten Jahren war mit „einseitiger Ernährung“ noch der übermäßige Fast-Food-Konsum gemeint, mittlerweile lässt sich daraus auch eine Warnung vor Detox und anderen heilversprechenden Ernährungsweisen lesen. Saftkur-Fotos mit dem Hashtag #gönndir kündigen das Ende von bewusster Ernährung und erst recht von Genuss an. Sie bezeugen vielmehr: Der freiwillige Zwang zum Verzicht ist mittlerweile so stilisiert, dass man den Irrsinn gar nicht mehr bemerkt. Glutenverzicht ist plötzlich hip, Zöliakie hin oder her. Fünf Millionen #glutenfree-Bilder auf Instagram kommen schließlich nicht von ungefähr.

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Was heute noch gesund ist, gehört morgen vielleicht schon zu den Krebserregern und was heute schon von gestern ist, wird morgen als neuer Trend ausgerufen. Bestes Bespiel sind die Paleoaner, die nun den Vegetariern erklären, wie man sich wirklich richtig ernährt. (Für 119€ kann man z.B. auf der Berliner Paleo Convention mehr erfahren.) Gerade noch bestätigen unzählige Studien die gesundheitsfördernden Effekte von Fleischverzicht und nun sollen wir uns wieder wie die Steinzeitmenschen ernähren. Da kann man sich tatsächlich schon mal wundern. Wie viele absurde Essensmoden müssen wir eigentlich über uns ergehen lassen? Wem, zwischen all den Hobby-Ernährungswissenschaftlern und Marketingprofis, kann man eigentlich glauben? Und wo bleibt das Lustprinzip? Dass Ernährung einmal etwas mit einem körperlichen Bedürfnis zu tun hatte, scheint in Zeiten der Überthematisierung in Vergessenheit geraten zu sein.

So lange es Essen gibt, wird es ganz sicher auch Foodtrends geben. Was in den 90ern Atkins-, Glyx- oder Kohlsuppen-Diät hieß, ist heute der freiwillige Verzicht auf Weizen, Milchprodukte, Zucker, oder auf was man sonst alles so verzichten kann. Sicher mögen diese Ernährungsweisen unterschiedliche Ziele haben, vielleicht ist alles aber nur eine Frage der Bezeichnung. Wer noch vor einiger Zeit seine bzw. ihre Ernährung zwecks Gewichtsverlust oder zum Erreichen der sogenannten Bikinifigur umstellte (wer würde das heute schon zugeben?), tut dies heute selbstverständlich für das ganzheitliche Wohlbefinden. Und doch haben wir es immer noch mit Diäten zu tun, nur möchte das keiner mehr so nennen. „Ich bin auf Diät“ hat man sicher mindestens so lange nicht mehr gehört wie „Ich habe mich auf mein Bauchgefühl verlassen“. Dabei wäre es doch eine so viel gesündere Aussage, denn sie impliziert, dass es um ein vorübergehendes, vom Normalzustand abweichendes Essverhalten handelt.

Heute jedoch ist die Art, wie wir uns ernähren, Teil eines großen Ganzen, einer Lebensphilosophie. Sie stiftet nicht zuletzt auch Identität, ganz im Sinne der neuen Besserbürgerlichkeit, wie Matthias Stolz sie im „Zeit Magazin“ beschreibt. „Es geht nicht um die Suche nach dem Richtigen, sondern nach dem Besonderen.“ Man zeigt heute gerne, wie und was man isst. So wie man gerne zeigt, welch geschmackvolle Einrichtung man besitzt oder wie viele Kilometer heute laufen war. Wichtig ist, dass man es anders macht als die anderen. „Du bist, was du isst“ war allerdings noch nie so bedeutungsvoll und bedeutungslos zur gleichen Zeit. Es fällt zunehmend schwer, zwischen Ernsthaftigkeit und Etikettenschwindel zu unterscheiden.

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Streetfood kommt selten allein

Nicht alle Foodtrends stehen im Zeichen des Gesundheitswahns. Entgegen der Verzichtkultur lässt sich auch eine neue Form des Exzesses beobachten, denn Essen gehört plötzlich überall dazu. Damals, in der Oberstufe, ließ der snobistische Französischlehrer noch genussvoll verlauten: „Wissen Sie, Essen ist der Sex des Alters.“ Indes ist längst bekannt: Futtern ist das neue Feiern. Hierzu lassen sich zwei Überlegungen anstellen: Aus irgendwelchen Gründen ist entweder das Essen so wahnsinnig geil geworden, oder wir, die essen statt ausgehen, begeben uns schon in jungen Jahren in die schöne neue Bürgerlichkeit.

Die Eventkultur, die sich um die ständig neuen kulinarischen Trends rankt, lässt daran zweifeln, ob wir eigentlich noch wissen, was wir da tun und warum überhaupt. Streetfood ist das Wort der Stunde – und kommt selten allein. In letzter Zeit tun sich neben Futtern & Feiern noch eine Menge weiterer Allianzen auf. Wenn Modebloggerinnen die Sommerkollektion eines neuen Berliner Labels bewerben, geht das natürlich am besten mithilfe eines Ice Cream Markets. Die Berlin Food Art Week und das Foodart – Streetfood & Art Festival zelebrieren die Verbindung von Kunst und Kulinaria. Auch die berüchtigte Spargel International stand im Zeichen des Win-Win. In Beelitz, dort wo das begehrte Gemüse wächst und die ehemaligen Heilstätten eine attraktive Kulisse bieten, sollten Spargelvariationen jenseits von Sauce Hollandaise angeboten werden, von Köchen und Köchinnen aus aller Welt. Das Festival im politischen Gewand hatte aber laut rbb vor allem die Vermarktung exklusiver Wohnungen zum Ziel.

Beelitz Facebook

Bild: Facebook

Der künftige „Kreativkomplex“ Refugium Beelitz in Kooperation mit dem Contemporary Food Lab spekulierte darauf, mit den ernährungs- und trendbewussten Großstädtern auch potenzielle Wohnungsinteressenten anzulocken. Das Marketingtool erwies sich jedoch als ein wenig zu erfolgreich und so hatte das Food-Festival auf Facebook knapp 20 000 Zusagen erhalten. Zunächst wurde ein Ticketverkauf eingerichtet, dann das ganze Festival abgeblasen; man befürchtete, es würden zu viele auf gut Glück vorbeikommen und die Sicherheit gefährden. Zwei Wochen nach dem angesetzten Termin fand das Ganze dann doch noch auf dem Berliner Arena Gelände statt, nur kommen wollten dann nicht mehr so viele.

Essen ist schon lange nicht mehr nur Ernährung. Es ist Haltung, Zugehörigkeit, Programm und, nicht zu vergessen, Marketingtool, denn Streetfood ist Publikumsmagnet.

Dass man bei diesem Thema schnell vom Weg abkommt, mag in der Natur der Sache liegen. Denn alles, was die Vorsilbe „Food-“ trägt, hat nicht zwangsläufig etwas mit Essen zu tun. Food-Festival und Foodstagram sind – nicht nur, aber auch – vielmehr Mittel zur Selbstdarstellung und sozialen Abgrenzung. Sonst wäre es nicht so wichtig, möglichst öffentlichkeitswirklich daran teilzunehmen oder darüber zu posten. Essen ist schon lange nicht mehr nur Ernährung. Es ist Haltung, Zugehörigkeit, Programm und, nicht zu vergessen, Marketingtool, denn Streetfood ist Publikumsmagnet. Schade nur, dass das, was heute als Streetfood betitelt wird, mit der ursprünglich namensgebenden Esskultur oft wenig zu tun hat, vor allem in puncto Erschwinglichkeit. Was also mit Begeisterung für die neue blühende und bunte Foodszene angefangen hat, endet schon bald in gähnender Langeweile über die ewig gleichen Maschen. Allerspätestens dann, wenn sich selbst eine Brauerei wie Beck’s an neuen Sorten versucht, denen in den letzten Jahren von Craft-Beer-Brauern zu neuer Popularität verholfen wurde. Dabei lohnt es sich weiterhin, zu differenzieren. Zwischen dem Bestreben, den Genuss zurückzubringen und dem künstlichen Hype, der uns eine überteuerte Streetfood-Neuheit nach der anderen aufschwatzen will.

Dennoch, bei aller Absurdität und allem Irrsinn: Der derzeitige Food-Wahn vermag vielleicht doch wenigstens aufzuzeigen, dass Essen immer essentielles Bedürfnis, Bestandteil des sozialen Lebens und kulturelles Gut bleiben wird. Und das ist dann doch beruhigend, denkt man an In-Vitro-Fleisch und andere kulinarische Zukunftszenarien.

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