Ein restauratorisches MeisterwerkRain Dogs „There Be Monsters“ bringt Elektronika in die Zukunft

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„There Be Monsters“ heißt das neue Album von Samuel Evans. Düstere Aussichten, die der britische Produzent aber in hell strahlende Sample-Miniaturen verpackt, mit der genau richtigen Portion Sehnsucht zwischen den Beats. Die 16 Stücke der Platte sind als Ganzes betrachtet ein restauratorisches Meisterwerk, das der Elektronika der späten 90er- und frühen Nuller-Jahre einen neuen, modernen Anstrich verpasst. Wie das funktioniert, hat Rain Dog von der Pike auf gelernt.

„Technologie hat mich schon immer interessiert.“ Sagt Samuel Evans und meint eigentlich: Manchmal kommt eben alles anders, als man denkt. Die Sache mit der Musik wäre ihm eigentlich nie in den Sinn gekommen: Komponieren, Produzieren, Platten machen. Obwohl er schon als Kind Instrumente spielte und Freude an Musik hatte, wollte er Maler werden, ging in Nordengland zur Kunsthochschule, begann sein Studium, lief alles nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Aber Dinge, die einem fremd sind, werden dann besonders schnell beherrschbar, wenn man sich ihnen auf einem Weg nähert, der vertraut ist, Sicherheit bietet. Und wenn man wissen will, was ein Computer so alles kann, macht man mit ihm Musik. Und so ging Rain Dog los.

Malerei und Musik liegen ohnehin nicht so weit auseinander. Kreativität und Präzision, Gefühle und deren Umsetzung, Emphase und Kontrolle: All das hängt zusammen, sind unterschiedliche Komponenten, die auf das gleiche Ziel einzahlen. „Ich habe mich intensiv mit dem Malen von Portraits auseinandergesetzt, gleichzeitig aber auch mit sehr detaillierten technischen Zeichnungen. Beides Dinge, bei denen es auf jede Nuance ankommt. Ich merkte dann aber sehr schnell, dass ich mich in der Musik besser aufgehoben fühlte. Die Technik hat mir dabei geholfen, kreativ zu sein. Während ich in der Malerei die Technik erst hätte erlernen müssen, um meine Kreativität wirklich ausleben zu können.“

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Wäre Rain Dog nun ein Bild, dann würde es in keine Galerie passen. Zu groß. Evans’ Musik, die über nur wenige Stationen (zwei, drei Soundcloud-Uploads und ein paar Links) ihren Weg zum Berliner Label Project Mooncircle fand, verbindet all das, was in der elektronischen Musik in den letzten 20 Jahren eine Rolle gespielt hat, auf eine sehr freie und assoziative Art. Rain Dog atmet HipHop genau wie Drum and Bass. House, R’n’B, anything broken, Ambient und vor allem Electronica, also die Hymnen, zu denen man meistens nur kopfnickte und nicht tanzte. Rein in den Speicher, gut umrühren, fertig. Klingt belanglos, ist aber genial, vor allem auf „There Be Monsters“, dem zweiten Album von Evans. Eine Platte, um die es lange nicht sonderlich gut stand. Dass sie nun wirklich erschienen ist, ist ein Glücksfall für alle Beteiligten. Das Persönliche machte Evans einen Strich durch die Rechnung. Die Details spielen hier keine Rolle, der Neuberliner berichtet dennoch ganz offen und ohne Scham über die vergangenen drei Jahre, in denen er diverse Entwürfe, Zusammenstellungen und einzelne Tracks immer wieder in der Schublade verschwinden ließ, sogar Rain Dog als Projektnamen streichen wollte, um einen klaren Schnitt machen und danach hoffentlich neu beginnen zu können. Doch dann fügte sich doch noch alles zusammen.

Vom Vlog zum Blockbuster

Evans erstes Album, „Two Words“, veröffentlicht 2014, war etwas zusammengestückelt. Sagt der Künstler selbst und erinnert sich, wie plötzlich alles ganz schnell gehen musste mit der Platte, die vielleicht noch ein wenig mehr Zeit gebraucht hätte. „Two Words“ ist einer von diesen irren Trips, denen man gar nicht anmerkt, wie irre sie eigentlich sind. Hektisch, schnelle Wechsel, sehr kleinteilig – aber doch zusammengehalten von einem wärmenden Mantel des Pops, mit vielen Versatzstücken angereichert, die eine sofortige Identifikation ermöglichen. Musik, die in ihrer Modernität unglaublich gut auf YouTube passt, zu all den aufgeblasenen Vlogs mit ihren effekthaschenden Drohnenflügen, epischen Sonnenuntergängen und vorgegaukelter Intimität zwischen Publikum und Machern. Musik, die einem das Gefühl gibt, sie schon zu kennen, die Vertrautheit schafft, die man aber schon beim nächsten Video wieder vergessen hat. „There Be Monsters“ hingegen löst das Versprechen des Nahe-dran-Seins tatsächlich ein. Es ist ein bisschen so, als hätte Evans nach einer Sammlung von Kurzgeschichten nun einen Roman geschrieben. Stringent und packend erzählt. Das Prinzip hingegen ist immer noch das gleiche: Rain Dog ist wie die längste Perlenkette der Welt, nur dass jede Perle eine kleine musikalische Explosion ist.

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Es menschelt. Heftigst.

Rain Dog liebt Sampling. In einem fast schon antiquierten Sinn. Schnipsel aus Filmen, Field Recordings, viel Sprache. Diese Fundstücke stellt Evans oft plakativ an den Bühnenrand seiner Tracks. Ein alter Trick, der – leider – aktuell immer mehr in Vergessenheit gerät. Das Offensichtliche gilt vielerorts als nicht anspruchsvoll genug. Kümmert Rain Dog nicht. Ohne die Herkunft dieser identitätsstiftenden Fetzen recherchiert zu haben, ist der Effekt offenkundig. Hier spricht etwas zu einem, hier hat man das Gefühl, irgendwo Mäuschen spielen zu dürfen oder auch in etwas hineinzuplatzen, wo man eigentlich gar nichts zu suchen hat. Es menschelt. Heftigst. Und wie sich die Tracks so also schon an der Oberfläche als beste neue Freunde empfehlen, denen die Geschichten nie ausgehen, so sehr wecken die anderen Sounds, die Melodien und die Basslines Erinnerungen an eine Zeit, in der es okay war, sich mit ganz kleinen Elementen an wirklich großen musikalischen Entwürfen zu versuchen. Natürlich sind die Beats auf „There Be Monsters“ sehr modern, alles ist wahnsinnig gut produziert und gemischt, dahinter jedoch entpuppt sich vieles als schüchtern und leise, manchmal auch naiv und unsicher. Wessen Herz lange schon nicht mehr wohlig aufgegangen ist, sollte Rain Dog hören.

Evans wuchs mit einer wilden Mischung aus Musik auf. Blues. Heavy Metal. Jazz. Vor allem aber: Es war immer laut, sehr laut. Den eigentlich ja weiten Weg von „Queens Of The Stone Age“ zu elektronischer Musik muss man heute zum Glück nicht mehr erklären, die handwerkliche Hektik von damals findet sich aber immer noch in der Musik von Rain Dog. „Ich kann einfach nicht mit Loops arbeiten, bewundere jeden, der es fertig bringt, auf dieser Basis einen Spannungsbogen zu erzeugen. Lukid ist so ein Produzent, dem das gelingt. Ich versuche das immer wieder, vielleicht würde ich auch einen Deephouse-Track hinbekommen, 4/4 spielen in meiner Musik ja durchaus eine Rolle. Aber ich bin schnell gelangweilt von Wiederholungen, suche den Bruch, wechsle die Richtung. Mit Techno komme ist aber dennoch gut klar. Also zum Teil jedenfalls.“ Da passt es ins Bild, dass Evans seine Musik nicht wirklich als clubtauglich erachtet. Auch Konzerte will er zum neuen Album lieber nicht spielen. Die würden ja doch wieder nur im Clubs stattfinden.

Und: Er will auch nicht den üblichen Techno-Trickbetrüger geben, der hochkonzentriert auf den Bildschirm starrt und ab und zu am Controller dreht. „Die Tracks des neuen Album haben zum Teil über 80 Spuren. Aber ich habe doch nur zwei Hände. Wie soll das gehen?“ Samuel Evans wird etwas einfallen. Zur nächsten Platte oder zur übernächsten. Denn: „Technologie hat mich schon immer interessiert.“

Rain Dog, There Be Monsters, ist auf Project Mooncircle erschienen.

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