Spickzettel und SonganalysenIsan über ihr neues Album „Glass Bird Movement“

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Robin Saville (links) und Antony Ryan (rechts). Alle Fotos: Martin Masai Andersen

Nach sechs Jahren Pause veröffentlichen Robin Saville und Antony Ryan endlich wieder Musik. „Glass Bird Movement“ markiert das 20-jährige Bandjubiläum und schließt dabei nahtlos an den Sound an, mit dem die Band den Electronica-Sound der frühen Nuller-Jahre entscheidend geprägt, wenn nicht sogar mit erfunden hat. Zeitlose Musik altert nicht.

Eine krispe Telefonleitung kann den Charme, den Robin Saville und Antony Ryan im echten Leben versprühen, genauso wenig abbilden wie eine Videokonferenz in 4K. Mit Isan muss man auf dem Sofa sitzen, wenn man über Musik spricht, sonst lässt man es am besten. Ein Experiment: Für Das Filter haben sich die beiden Musiker ihr neues Album nochmal angehört und die Entstehungsgeschichte der Tracks aus ihrer Erinnerung aufgeschrieben. Oder Anekdoten, wie der eine Sound zum anderen kam. Dabei geholfen haben ihnen kleinen Notizzettel, auf denen sie immer wenn es darum geht, eine neue Platte abzuschließen, Stichworte zu den einzelnen Stücken notieren, um so über die Reihenfolge zu entscheiden. Über Lokomotiven, Dieselmotoren, Spielzeug, pelzige Freunde, Geheimnisse hinter der Brandung und den Zilpzalp, einen wirklich toll tschirpenden Vogel.

Cuckoo Down

„Mehrere Stücke auf dem Album basieren auf Tape-Loops. Diese Bandschleifen verhalten sich ein bisschen so wie Film: Man hat nicht alles im Griff und weiß erst am Ende, was nun wirklich herauskommt. Das ist nicht immer das, was man wollte, aber oft genug genau das, was dem Track noch fehlte, etwas, worauf man selber nie gekommen wäre.

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„Several of the tracks on the album started with tape-loops, and this is one of them. Working with tape-loops is a bit like working with film, a part of the process is out of your hands and you never quite know what you’re going to get at the end. Sometimes it’s not what you want, but surprisingly often it’s exactly what you didn’t realise you needed.“

Lace Murex

„Eine ganz frühe Version dieses Stücks hieß ‚Rest in Untruth‘ – eine ganz einfache Sequenz aus Akkorden, die süßlich beginnt, gen Ende aber irgendwie ungemütlich wird: so wie das Leben. Das Stück ist unter einem Haufen Noise ziemlich verbuddelt, u.a. unter einer langen Field Recording, die von einer Windturbine in Dänemark stammt, gleich neben einem Ökodorf. Was wie ein Höllenhund klingt (ungefähr ab der dritten Minute), ist nur das Echo der Maschinenteile im Masten der Anlage. Es sind genau diese kleinen glücklichen Momente während der Produktion, die über das Schicksal eines Tracks bei uns entscheiden.“

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„The original sketch for this was called “Rest in Untruth” - a simple chord sequence that starts sweetly but ends a bit uncomfortably, a bit of a reflection on the phases of life really. It’s quite buried under a lot of noise, including a long field recording made next to an electricity-generating wind turbine at an eco-village in Denmark that was just “dropped” randomly onto the mix. What sounds like the bark of some kind of dog from hell (around 3 minutes in) is just the reverberation of the positioning gears in the windmill shaft - this is the kind of small but serendipitous event that sometimes makes or breaks a track for us.“

Parley Glove

„Kann gut sein, dass das der älteste Track des Albums ist. Oft genug wissen wir selber nicht, wie sich Stücke zusammenfügen; hier ist das definitiv so, obwohl die Ausgangsbasis schon die Hintergrundgeräusche sind. Die Bassline klingt, als wolle sie abhauen, ihr aber nicht recht gelingt. Auch mit drin: Aufnahmen des Zilpzalps, auch Laubsänger genannt. Teil der Percussion ist das Geräusch eines Elektrozauns.“

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„This might be the oldest track on the album. A lot of the time we aren’t really sure how the tracks come together and this is definitely one of those times, although it all seems to be born out of background noise. The bassline seems to want to go away somewhere else entirely, but never quite manages. And there are recordings of chiff-chaffs and an electric fence making up part of the percussion in there too.“

Glass Bird Movement

„Das Stück begann mit ein paar Loops und einer handgespielten Melodie auf dem OP-1-Synthesizer von Teenage Engineering: 107 bpm! Wir haben uns diese Elemente immer wieder zugespielt bis zu irgendwie lebendig genug geworden waren und die Räumlichkeit des Stücks bewegten. Wer unsere frühen Platten kennt, erinnert vielleicht das Artwork unseres lieben Freundes Carl Harris, bei dem es oft um mechanisches und sich bewegendes Spielzeug ging. Dieses Stück hier klingt ein bisschen so, wie dieses Spielzeug funktioniert.“

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„This started life as a series of maybe four loops and a hand-played melody on Teenage Engineering’s OP-1, at 107bpm. We passed it back and forth until those parts sound like they have become animated somehow, moving around the space inside the track. Some of our early artwork (by our old friend Carl Harris) was based on the idea of mechanical, moving toys - this track has that kind of feel to it.“

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Leonardo’s Formula

„Eine Isan-Tradition: Wenn wir Stücke für eine neue Platte zusammenstellen, schreiben wir Stichworte zu den Tracks auf Notizzettel. Beschreibend, Tempi-Angaben, ganz lockere Assoziationen. Dann schieben wir nur noch die Zettel hin und her, um die Reihenfolge festzulegen. Dieses Stück hier ist benannt nach Leonardo Da Vinci und seiner Formel, mit der er das Wachstum von Bäumen abbildet. Wie sich Fraktale bilden und entwickeln, ist etwas, was für uns denTrack gut beschreibt. Und schon jetzt eines der Lieblingsstücke bei Konzerten, für uns jedenfalls.“

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„When we are compiling tracks for a new record we have a tradition in Isan where we have a scrap of paper for each track and on that piece of paper we write notes about the track - first impressions, tempo and mood, and just word-association. It helps us choose the running order to be able to move the individual scraps of paper around. This track is named after Leonardo da Vinci’s formula describing the growth patterns of trees since we felt the track had an aspect of fractal branching to it. It’s already a bit of a live favourite (for us).“

Every Since And Then

„Ähnlich wie ‚Lace Murex‘ ist der Track ein ein kleines bisschen trauriger Blick auf die Verstrickungen, die das Leben manchmal bereithält. Wir haben versucht, diese gewisse Larmoyanz der Akkorde mit Rauschen, Percussion und ein paar freundlicheren Sounds etwas zu kaschieren. Immer, wenn dieser Chor-ähnliche Sound einsetzt, müssen wir an ‚Blake’s 7‘ denken, eine SciFi-Serie, in den 80er-Jahren in England im Fernsehen lief.“

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„Another slightly sad reflection on some of the paths life takes us down sometimes, Like Lace Murex we try and bury the weight of the slightly maudlin chord sequence under layers of noise and percussion and some prettier elements. The choral-sounding pad reminded us of the theme tune to an 80’s British sci-fi TV series called “Blake’s 7“.“

Napier Deltic

„Es beginnt mit dem Geräusch, das ein uralter Oszillator beim Anschalten von sich gibt und der dann gestimmt wird. Vielleicht ist dieses Stimmen sowieso das, worum es uns bei diesen Stück geht: Fühlt sich an, als sollte es eigentlich gar nicht funktionieren. Der Name stammt von dem gleichnamigen britischen Dieselmotors, der in Schiffen und Loks zum Einsatz kam. Der Track klingt ein bisschen wie eine Lokomotive.“

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„This begins with the sound of an ancient test oscillator being switched on and tuned in. Maybe actually this track is all about tuning for us, there’s a feeling that it shouldn’t really work. It’s named after a particularly successful make of British diesel train engine as we felt it had a somewhat locomotive feel.“

Rattling Downhill

„Zum morgendlichen Kaffee standen schon zahlreiche LittleBits von Korg auf dem Tisch, alles irgendwie miteinander verbunden mit einem chaotischen Haufen von Kabeln. Der kleine Synthesizer kann sich nur vier Noten im Sequenzer merken, also haben wir immer mehr dieser kleinen Loops übereinander geschichtet, bis wir das Gefühl hatten, dass das angemessen aus den Fugen geraten war. So wie ein führerloser Zug.“

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„This started over morning coffee and pile of LittleBits Korg synth gadgets connected with a mess of wires. The kit has only a 4-step sequencer, so this track is built on layers of simple 4-note loops - we piled them on top of each other until it seemed to have the slightly out-of-control energy of runaway train.“

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Slow Rings

„Unsere Musik wird ja oft als freundlich und kindlich beschrieben. Manchmal ist uns das ein wenig zu einfach, bei diesem Track hier lassen wir das aber gelten. Dennoch: Auch hier brodelt hinter den Kulissen etwas, wir empfinden das zumindest so. Vielleicht die Brandung am Meer. Und vielleicht verbirgt sich etwas unter diesen Wellen.“

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„We are often described as playing gentle, childlike melodies. Sometimes that seems a little simplistic to us, but on this track maybe it’s a fair comment. Even so, to our ears there’s a lot of churning conflict going on behind the tune - the track seems to represent crashing surf as it approaches the end, and maybe something else hidden beneath those waves.“

Risefallsleep

Auch dieses Stück begann mit einem einfachen Loop aus dem OP-1. In einigen Kulturen ist es ja Usus, Lebensmittel zu vergraben und so lange zu warten, bis sie fermentieren oder sich schon zersetzen und so zu einer Delikatesse werden. Wir arbeiten nach einem ganz ähnlichen Prinzip. Auch wir vergraben unsere Musik unter dicken Schichten von Tonbandgeräuschen, um den eigentlich ganz einfachen Sounds Tiefe und Komplexität zu verleihen.“

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„Another track that started out as simple 4-track loop on the OP-1. Some cultures bury their food in the soil or sand and leave it to ferment or decompose to the point where it becomes a precious delicacy… we try to do the same by burying our tracks under layers of dust and tape noise to bring depth and complexity to otherwise simple sounds.“

Linnæus

„Im Hintergrund hört man den Verkehr, der auf einer regennassen Straße vorbeifließt. Das Studiofenster war offen, als wir mit der Arbeit an diesem Track begannen. Ein Isan-Track, wie er im Buche steht. Aber auch eine unbeabsichtigte Elegie für einen kleinen pelzigen Freund der Band.“

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„The background noise on this track is the sound of traffic on a rainy road, coming through the studio window during the first recordings. A very “Isan” sounding piece, this is an inadvertent elegy for a small furry friend of the band.“

Isan, Glass Bird Movement, ist bei Morr Music erschienen. Erst vor wenigen Monaten hat die Band auf Das Filter einen wundervollen Mix mit alten Tracks premiert.

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