Filter Tapes 023„East by Eastwest“ von Nene Hatun

Filter Tapes 23 Start Illustration

Für unser Filter Tape mit der Illuminaten- oder auch Michael-Jordan-Laufnummer konnten wir die türkische Künstlerin und Pianistin Nene Hatun (bürgerlich Beste Aydin) gewinnen. Nene hat in Izmir, Tel Aviv und Stuttgart Klavier studiert und widmet sich seit einiger Zeit von Berlin aus ihrer ganz eigenen Interpretation moderner Elektronik. Für ihr Filter Tape hat sie eine so spezielle wie persönliche Musikmischung kuratiert. Von Arvo Pärt, über Musique Concrète, Drone, Ambient, Abstrakt-Experimentellem, traditionellen orientalischen Klängen bis hin zu bretthartem, industriellem Techno. Das muss man so fantastisch erstmal können. Wir sprachen mit Nene über ihren langen musikalischen Weg, Fremdsein in Neukölln, die Komplexität der türkischen Musik und Klassik, die man unbedingt gehört haben sollte.

Tracklist

  1. Arvo Pärt: Variations For The Healing Of Arinushka / Luke Fowler: Public Sculpture At Klinikum / John Giorno: Give It To Me Baby
  2. Audio Arts: Accent For A Start
  3. Nuances: Her Daughter And The 7:30 Train / African Head Charge: Dervish Chant
  4. Nene Hatun: Nina's Lullaby
  5. aTelecine: Puget / Fadimoutou Wallet Inamoud: Ahimana
  6. Delia Derbyshire: Falling
  7. Cut Hands: Black Mamba
  8. Emptyset: Order
  9. Tomohiko Sagae: DSPS1 / Aert: The Underground
  10. MDS51: Machine Mortelle

Liebe Nene, vielen Dank für dein Filter Tape. Erzähl uns ein bisschen über die Idee deines Mixtapes.
Ich habe mich durch ein paar Filter Tapes gehört und mir gefiel das Konzept dahinter sehr gut. Ich wollte Genres repräsentieren, denen ich mich verbunden fühle. Es ist der Versuch, all diese Einflüsse in eine Geschichte zu packen. Das Kopfkino, das sich bei mir abspielt, wiederzugeben. Aber auch eine persönliche, musikalische, historische Linie zu ziehen.

Wie hast du den Mix aufgenommen?
Zuhause mit Ableton. Bislang habe ich nur live gespielt und Auflegen ist für mich noch relativ neu. Seitdem ich eine Residency beim Berlin Community Radio habe, ändert sich das.

In dem Filter Tape sind klassische Kompositionen von Arvo Pärt zu hören, orientalische Sounds, bis hin zu Industrial und Techno. Eine ungewöhnliche Mischung.
Für mich gibt es keine vorgeschriebenen Genregrenzen. Entweder Musik bewegt mich oder spricht mich intellektuell an, im Idealfall beides. Westliche klassische Musik beschäftigt mich indes am längsten. Ich bin damit aufgewachsen, ging mit 13 in ein Konservatorium in Izmir, bis ich schließlich mit 25 meinen Masterabschluss am Klavier in Stuttgart gemacht habe. Eine ziemlich lange Zeit also. So was verlernt man nicht mehr. Momentan suche ich aber nach dem Einfachen. Ich möchte zu den Wurzeln der Klänge und Musik, dorthin, wo es nicht um Konzerthallen und die Trennung zwischen Musikern und Publikum geht. Klassische Musik ist anspruchsvoll und intellektuell, das macht die Angelegenheit kompetitiv, aber auch komplizierter für beide Seiten. Wieso einem ein Künstler viel bedeutet, hat doch viel mit dem eigenen sozialen Hintergrund zu tun und wie die Ohren im Laufe der Zeit trainiert wurden. Eine emotionale Verbindung zur Musik aufzubauen, spielt dabei bestimmt auch eine wichtige Rolle.

Was inspiriert dich als Künstlerin?
Eine Frau zu sehen, die Musik macht, inspiriert mich immer.

Nene Hatun Portrait 01 Filter Tapes 023

Nene Hatun ist dein Künstlername. Wenn man den googelt, findet man heraus, dass es eine türkische Aktivistin und Feministin aus dem 19. Jahrhundert mit dem gleichen Namen gibt. Was ist die Geschichte hinter dieser Namensverwechslung?
Das werde ich oft gefragt. Ich liebe diesen Namen einfach. Auf Türkisch bedeutet er so viel wie „Dame Großmutter“. Nene Hatun war eine Freiheitskämpferin zu der Zeit, als das ottomanische Reich unterging und auch Russland, England und Griechenland Territorialansprüche hegten. In der heutigen Türkei herrschte damals also überall Krieg. Die Gegend, in der sie lebte, wurde von Russland angegriffen. Sie verlor ihren Ehemann und ihre Kinder und hat für die Freiheit gekämpft. Heute müssen das Leute noch immer tun, was ich seltsam und zugleich traurig finde. Auch ich habe meine kleinen Kämpfe gehabt. Als türkisches Mädchen alleine in Deutschland zu leben, mit der elektronischen Musik anzufangen, sich eine musikalische Identität aufzubauen. Nene Hatuns Namen zu nehmen, hat mir irgendwie Kraft gegeben.

Wie war dein Leben in Stuttgart?
Stuttgart ist eine kleine Stadt, wo man mit 20 nicht viel machen kann. Ich habe den ganzen Tag geübt, Deutsch gelernt und meine Freunde zur Familie gemacht.

Jetzt in Berlin, hat die Stadt deinen Sound beeinflusst?
Ja, und wie!

„Mit westlicher und orientalischer Musik zu experimentieren ist spannend, kann aber desaströs in die Hose gehen.“

Wenn man wie du in der Türkei aufgewachsen ist und nun in Neukölln lebt: Wie lebt es sich mit so einer großen türkischen Community? Wie türkisch fühlt es sich für dich in Kreuzberg und Neukölln an?
Das ist schon ziemlich verrückt. Es kann toll sein, aber auch ziemlich ätzend. Auf der Oberfläche sind Dinge wie Lebensmittel einkaufen natürlich großartig. Das fühlt sich fast wie zuhause an. Aber wenn es ein bisschen in die Tiefe geht, ist mir aufgefallen, dass einige ganz gerne auch mal voreingenommen sind und plötzlich anfangen Deutsch miteinander zu reden, damit man sie nicht mehr versteht, wenn über einen gesprochen wird. Es ist also kompliziert, hat aber auch schon tolle emotionale Momente gebracht.

Schmeckt hier das türkische Essen wirklich so wie in der Türkei?
Auf gar keinen Fall!

Dinge, die du dennoch vermisst?
Die Sonne, das Meer, meine Eltern und meinen Bruder.

Wie machst du eigentlich Musik?
Ich sperre mich für Wochen in meinem Zimmer ein, werde ziemlich antisozial und komme erst dann raus, wenn ich fertig bin.

Du benutzt viele orientalische Melodien und Harmonien in deiner Musik. Wie würdest jemandem die Eigenschaften erklären, der davon keine Ahnung hat?
Traditionelle türkische Musik arbeitet mit Mikrointervallen. In der westlichen Musik wird die Oktave in Halbtöne unterteilt, in der türkischen sind die Unterteilungen viel detaillierter. Türkische Musik dreht sich weniger um Harmonien, es geht mehr ums Unisono und sie kann ganz schön kompliziert werden. Es gibt um die 600 Tonleitern, wovon 40 regelmäßig genutzt werden. Auch die Rhythmen sind prinzipiell komplexer. Sie sind viel asymmetrischer als im Westen.

Was reizt dich daran, beide Welten miteinander zu kombinieren?
Bei beiden handelt es sich um kraftvolle Konzepte. Aber darin liegt die Gefahr. Damit zu experimentieren, kann desaströs in die Hose gehen. Dabei die richtigen Verbindungen zu finden, reizt mich aber.

Nene Hatun Portrait 02 Filter Tapes 023

Was sind die alltäglichen Missverständnisse bezüglich der orientalischen Musik?
Leute mögen zu schnell Sachen nicht, die sie nicht kennen und nicht verstehen. Ein Gefühl für eine Musik zu entwickeln, passiert oder eben auch nicht. Sich damit dennoch mal auseinanderzusetzen, wie die Musik gemacht wird, was da passiert, würde viele Vorurteile abschaffen.

Du warst Teil des Incubator-Projekts von Berlin Community Radio. Was ist da genau passiert?
Ich habe gesehen, dass sie ein Förderprogramm für neue Talente gestartet haben. Ich habe mich beworben und habe Glück gehabt.

Was hast du dabei gelernt? Was hat dir die Förderung gebracht?
Es war toll. Ich habe durch BCR angefangen zu mixen und aufzulegen. Anfangs war ich da total nervös, mittlerweile klappt es ganz gut und ich kann gar nicht mehr aufhören. Außerdem durfte ich Zeit im Studio verbringen, was mir viel gebracht hat und einen Ableton-Kurs habe ich auch bekommen.

Du als Pianistin – welche Stücke würdest du einem Außenstehenden empfehlen, um in die Materie reinzukommen?
Bach, Chopin, Debussy, Brahms, Rachmaninow und Ravel zum Warmwerden. Danach Bartók, Messiaen, Prokofjew, Scriabin und Berg.

Und wenn es um Orchestermusik geht?
Bach, Mahler, Strawinsky, Stockhausen und Ligeti. Ich mag diese Klangfarben, die Kreativität und das Kraftvolle.

Nene Hatun Portrait 03 Filter Tapes 023

Für dieses Filter Tape gestalteten Johanna Goldmann und Gustl Nguyen das Artwork. Die Aufgabe: Während der Zeit des Tape-Hörens ein Bild assoziieren, finden, ausdenken und umsetzen. Auch Mixtapes haben passende Bilder verdient. Vielen Dank, Johanna und Gustl!

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