Filter Tapes 021„Dancing In The Sun“ von Wareika

Filter Tapes 021 Cover Julian Priess

Henrik Rabe, Jakob Seidensticker und Florian Schirmacher machen seit 2008 gemeinsam Musik als Wareika und haben kürzlich ihr viertes Album „The Magic Number“ auf dem Label Visionquest veröffentlicht. Zu diesem Anlass haben sie ein exklusives Filter Tape gemacht, das von afrikanischer Musik über Rave bis hin zu Ambient viele Genres abdeckt, die den einzigartigen Sound des Trios beeinflusst haben. Wir sprachen mit Jakob und Henrik unter anderem über Musikproduktion, abgesoffene Studios und arabische Elemente in der elektronischen Clubkultur.

Tracklist

  1. Africa Speaks – The High Life
  2. Mac-Talla Nan Creag – Invocation
  3. Mac-Talla Nan Creag – Caisteal Grugaig
  4. Insanlar – Kime Ne (Ricardo Villalobos Version 2)
  5. DJ Sprinkles – Brenda's $20 Dilemma (Kuniyuki Dub Remix)
  6. Insanlar – Kime Ne (Honest Jon`s Records 016)
  7. Readymade FC – "Rain Dance”
  8. Sun Ra – Heliocentric
  9. Audio Active & Laraji – Hither and Zither
  10. Aphex Twin – Ptolemy

Ihr habt euch in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf als Produzenten, aber auch als Live-Act erarbeitet. Wie würdet ihr eure Rollenaufteilung beschreiben?
Henrik: Das Lustige bei Wareika ist, dass wir live und im Studio sehr unterschiedlich arbeiten. Live singen Jakob und ich so gut wie gar nicht, auch wenn es hier und da mal vorkommen kann. Wir machen aber sonst alle alles. Wir sind Multi-Instrumentalisten und haben auch individuell viel Zeit in Studios verbracht. Produktion und elektronische Klangerzeugung haben uns schon immer interessiert und so arbeiten wir zur Zeit auch in drei Studios, da mittlerweile jeder jetzt sein eigenes hat. Live haben sich einige Routinen etabliert, ich spiele hauptsächlich Gitarre, Synthesizer und Percussion. Florian spielt Percussion und singt und Jakob bedient die MPC und organisiert Effekte und Arrangements. Heißt aber nicht, dass diese Rollenaufteilung in Stein gemeißelt ist. Die Jungs wollen zum Beispiel immer, dass ich mehr singe.

Jakob: Henrik hat einfach irgendwann aufgehört, sein Mikrofon zu den Gigs mitzubringen. Obwohl wir ihm immer sagen, dass er es doch für bestimmte Situationen einpacken soll. Man könnte anders mit dem Publikum interagieren, wenn wir alle Mikros haben.

Wie macht ihr überhaupt Musik? Ihr lebt in unterschiedlichen Städten. Du Jakob in Hamburg, Henrik in Bingen am Rhein.
Jakob: Das fragen alle. Und wir uns auch immer wieder. Manchmal treffen wir uns noch zum Produzieren. Henrik hat ja Kinder, Florian und ich besuchen ihn für ein paar Tage am idyllischen Rhein und machen dann bei ihm im Keller Musik. Dabei versuchen wir so viel wie möglich aufzunehmen, kreativ zu sein, so dass wir für die folgenden Monate mit dem Material weitermachen können. Ansonsten schicken wir uns viele Ideen hin und her. Es muss nicht mehr alles zwangsläufig zu dritt in Echtzeit in einem Studio passieren. Früher dachten wir noch, man verpasst was, wenn man nicht bei jedem einzelnen Schritt dabei ist. Aber mittlerweile vertrauen wir uns einfach. Man überlasst den anderen gerne mal die Arbeit und lässt machen. Notfalls kann man es noch immer ändern (lacht).

Henrik: Ich weiß nicht, wie es den andern beiden geht. Aber ich genieße es, Freiräume zu haben und nicht alles zu dritt absprechen zu müssen. Allein, was man bei einer einzigen Hi-Hat an Parametern zur Möglichkeit hat – Wenn man das alles ausdiskutiert, dann wird es hart. Ich vergleiche das gerne mit dem Malen eines Bilds. Wenn jeder wild drauf los malt, macht man dem anderen sein Motiv auch mal kaputt. Dann malt der eine ein Auto und der andere setzt einfach eine Kuh obendrauf. Ich finde es angenehmer, wenn man das Ganze wie eine Collage denkt. Dann hat Jakob was gemalt, ich auch, dann legen wir unsere Sachen beieinander und zusammen ergibt das einen Baum. Florian malt dann ein paar Vögelchen dazu. So arbeiten wir mittlerweile immer mehr. Ich mag das.

Wareika Bandfoto

von links: Henrik Rabe, Florian Schirmacher und Jakob Seidensticker

Ihr habt aber zuvor auch ein gemeinsames Studio gehabt?
Henrik: Ja, in Hamburg, das ist aber schon ziemlich lange her. Damals haben wir eigentlich immer zusammen Musik gemacht. Bis uns das Studio abgesoffen ist.

Abgesoffen?
Jakob: Wir haben mal in Kanada auf dem Mutek gespielt. Als wir danach zurückgekommen sind, stand das Studio einen guten Meter unter Wasser. Das war ein Schock. Eines der schlimmsten Momente meines Lebens. Uns hatte niemand etwas davon erzählt. Gitarren schwammen wie Enten im Wasser. Das Studio war nahe der Speicherstadt. Das Wasser wurde durch das Hochwasser durch die Toiletten gedrückt. Es kam einfach überall heraus. Die Qualität des Wassers war, man kann es sich vorstellen, auch nicht die beste.

Henrik: Mutter Natur hat uns quasi auf die Sprünge geholfen, voneinander loszulassen. Vielleicht war das ganz gut so. Es hatte etwas Befreiendes.

Ihr habt gerade euer neues Album „The Magic Number“ veröffentlicht. Hattet ihr da ein Konzept?
Henrik: Wir produzieren ja nie mit der Absicht, auf einem bestimmten Label veröffentlichen zu wollen. Da kommt viel aus dem Bauch und es ist zum Glück auch immer völlig unkontrolliert, was dabei rauskommt. Ein Teil des Albums basiert auf einer Livesession, die wir bei mir aufgenommen haben. Das hört man. Es gibt viel Klavier, Schlagzeug, Bass.

Jakob: Vor allem am Anfang und am Ende.

Henrik: Der Rest ist Stück für Stück dazu gekommen. Es ist endlich mal wieder ein klassisches Album, im Sinne von Collage, geworden. Aus Stücken, die für sich stehen und alle auf Vinyl releast werden könnten. Anders als „Harmonie Park“ ist es kein Konzeptalbum geworden.

Jakob: Ja, die Produktion ging wirklich schnell. Die Male zuvor haben wir viel mehr bei einzelnen Passagen rumgenörgelt und diskutiert. Es war diesmal viel unverkrampfter.

Henrik: Ich finde es angenehm, auch mal kein Konzept zu haben. Es wirkt sonst immer gleich überfrachtet.

Ihr seid aber, gerade wenn man euch im Clubkontext einordnet, durchaus unorthodox.
Henrik: Beim Musik machen geht es ums Fühlen. Da spielt Techno oft gar keine Rolle. Am Ende wird es etwas Tanzbares, weil wir alle darauf stehen. Das ist aber gar nicht vorgegeben. Ich könnte mir vorstellen, auch mal ein leicht seltsam klingendes HipHop-Album aufzunehmen – mit den Jungs dürfte das aber unwahrscheinlich sein (lacht).

Jakob: Florian wünscht sich seit langem auch, ein Blues-Album zu machen. Es ist alles offen.

Wareika, The Magic Number LP Cover

Wareika, The Magic Number, ist auf Visionquest erschienen.

Seid ihr eigentlich Jazzer?
Jakob: Ja!

Henrik: Auch.

Was noch?
Henrik: Es gibt ja den schwierigen Begriff der Weltmusik. Aber eine Vierviertel-Bassdrum ist für mich auch Weltmusik. Mich interessieren andere Musikkulturen. Zur Zeit beschäftige ich mich mit arabischer Musik. Da gibt es total viel zu entdecken. Mir geht es gar nicht ums Nachspielen. Die Ideen werden aber anders, frischer und unkonventioneller. Jazz, Klassik, HipHop interessiert uns alle. Wir sind Alleshörer, die aber immer auf der Suche sind.

Was interessiert dich an arabischer Musik?
Henrik: Ich mag, dass die Musik keine Akkordwechsel kennt. Musik mit Akkordwechseln finde ich soundtechnisch schwieriger unter Kontrolle zu bringen. Ich stehe auf den hypnotischen Charakter von elektronischer Musik. Orientalische und arabische Musik passt super dazu. Die spielt sich in der Regel auf einem Grundton ab. Es geht weniger um Harmonien als um Melodien. Die Rhythmen sind spannend und es gibt Intervalle, die man hier gar nicht kennt. Wir in Europa kennen ja sehr wenig von der Kultur, ich denke aber, dass es gerade mit elektronischer Musik viele Überschneidungen gibt. Bei afrikanischer Musik ist es genauso. Aber das muss man ja niemandem mehr erklären.

Euer Filter Tape fängt ja auch exotisch an. Wie habt ihr das Mixtage gemacht und welche Rolle hat Weltmusik dabei gespielt?
Jakob: Den haben wir irgendwie alle gemacht, deshalb wirkt er an einigen Stellen auch aneinander gestückelt. Es macht aber trotzdem als ganzes Sinn. Henrik hatte das erste Stück rausgesucht. Jene Passage, die mit „The High Life“ von Africa Speaks beginnt. Florian hat den Part in der Mitte gemixt, gegen Ende habe ich übernommen mit unter anderem Sun Ra und Aphex Twin. Es stellt ganz gut unsere Einflüsse dar. Das ist Musik, die uns alle beschäftigt, auch wenn wir keine Musik machen.

Genre-Bending als Konzept?
Henrik: Auch nur deshalb, weil wir so viele Einflüsse haben. Das fühlt sich eben gut an.

Welche Rolle spielt der Rave noch in eurer Musik?
Henrik: Kürzlich haben wir in Vilnius gespielt und da gab es zwei DJs, die unfassbare Sachen aufgelegt haben. Vieles war noch unveröffentlicht und ich fragte immerzu: Was ist das? Der eine DJ hat beispielsweise mit einem Kumpel in Uganda Sounds aufgenommen und daraus dann einen Mix gemacht. Abgefahren. Abende können immer noch inspirierend und überraschend sein. Dann tanzt man auch noch drei Stunden und wenn du wieder im Studio bist, erinnerst du dich an diese Stimmung.

Jakob: Die waren wirklich gut. Ich habe mich immer wieder gefragt, was das überhaupt für Musik ist. So was kann wirklich noch inspirieren. Unsere Musik findet aber weitestgehend im Clubkontext statt. Wir hätten uns mit Wareika auch früher schon in eine Liveband-Richtung entwickeln können, haben uns aber bewusst dagegen entschieden. Das Hypnotische ist uns wichtig, dafür ist der Club noch immer die beste Plattform.

Für dieses Filter Tape gestaltete Julian Priess das Artwork. Die Aufgabe: Während der Zeit des Tape-Hörens ein Bild assoziieren, finden, ausdenken und umsetzen. Auch Mixtapes haben passende Bilder verdient. Vielen Dank, Julian!

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