Über innovative Hippie-Neandertaler-Techno-RamonesAnimal Collective im Interview

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Alle Fotos: Tom Andrew

Rund 17 Jahre gibt es mittlerweile die ursprünglich aus Baltimore stammende Indie-Band Animal Collective, die aufgrund ihrer Experimentierwut und unkonventionellen Sounds und Songwritings von vielen Kritikern Anfang des Jahrzehnts als Heilsbringer der Popmusik geadelt wurde. Nach vier Jahren Pause erscheint dieser Tage das mittlerweile elfte Album „Painting With“. Und wieder machen Animal Collective alles anders als zuvor. Noah Lennox (Panda Bear), David Portner (Avey Tare) und Brian Weitz (Geologist) haben sich in die Situation von Höhlenmenschen versetzt und versucht, ihre ganz eigene Interpretation eines Ramones-Albums umzusetzen. Wir trafen Noah Lennox (Panda Bear) an einem nasskalten Feierabend in einem Café im Berliner Prenzlauer Berg. Vor vielen Jahren war hier mal eine rauschende Wochentags-Bar. Heute riecht es leicht säuerlich nach frisch gestrichenen Windeln und aufgeschäumter Sojamilch. Die zahlreichen Babys und Kleinkinder machen infernalischen Lärm. Ergo, ein ziemlich entspanntes Setting. Kann losgehen.

Hast du jemals von Cro gehört?
Cro?

Ein deutscher Rapper, der eine Pandamaske trägt …
Ja, den hab ich mal im Fernsehen gesehen, als ich hier in Deutschland im Hotelzimmer durch die Kanäle gezappt habe. Ich fand’s cool. Die Leute sind voll drauf abgegangen.

Denkt man sich nicht: Ich bin doch der wahre Pandabär?
Ach was. Den Namen besitze ich ja nicht. Es ist ja auch kein sonderlich origineller Name.

„Painting With“ ist jetzt euer elftes Album mit Animal Collective. Wie aufregend ist es noch, ein Album aufzunehmen, wenn man es zuvor schon zehnmal gemacht hat?
Es fühlt sich noch immer gleich aufregend an. Wirklich. Es ist einfach spannend mitzuerleben, wie Songs entstehen. Dieses Mal waren wir auch in einem wirklich fancy Studio: unglaubliches Equipment, super Design. Das hat die Aufnahmen noch spannender gemacht.

Ihr habt in den legendären EastWest Studios in Hollywood aufgenommen. Elvis Presley und The Beach Boys haben dort Schallplatten produziert.
Das Studio hat eine verrückte und lange Geschichte. Frank Sinatra hat dort auch schon aufgenommen. Die Architektur und die Akustik waren auf jeden Fall etwas, das wir so noch nicht gesehen haben.

Und dann habt ihr es euch in dem Studio bequem gemacht?
Das haben wir.

Es heißt, ihr hätte euch auf hohe Holzsockel gesetzt und dort den Gesang aufgenommen.
Das war Daves (David Portner/Avey Tare, d. Red.) Idee. Er wollte alle vier Elemente im Studio vereinen. So kam ein Baby-Swimmingpool mit Wasser gefüllt in den Raum. Im Raum wurden Steine und Felsen verteilt für das Element Erde. Kerzen standen für das Feuer und dass wir uns kurz unter die Decke gesetzt haben, sollte wohl die Luft repräsentieren. An den Wänden wurden Projektionen abgespielt. Es klingt verrückt, aber es hat eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen. Es war eine weirde Stimmung. Daves Schwester Abby hat uns Videoloops geschnitten. Eine Art YouTube-Mixtape mit Dinosauriern aus trashigen 80er-B-Movies. Ich mag diese alte Animatronik.

Gar keine Renderings aus dem Computer?
Es gab eine Szene aus „In einem Land vor unserer Zeit“. Die war aber ganz schön traurig. Und einen Ausschnitt aus einem computeranimierten Film, der zeigt, wie der große Meteorit auf die Erde stürzt und die Dinosaurier versuchen, vor riesigen Lavawellen zu fliehen. Ziemlich dramatisch. Mich hat es eher nicht berührt.

Waren die Dinosaurier ein Zufall?
Wir haben darüber zuvor diskutiert. Wir wollten dieses Rohe, Primitive in der Musik entdecken. Stete Rhythmen und klobige, einfältige Dinge haben uns beschäftigt. Wir wollten Musik machen wie Höhlenmenschen.

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Animal Collective, „Painting With“, erscheint auf Domino.

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Das Album heißt „Painting With“. Welche Rolle spielt die Kunst bei dir? Man sagt, du wärst farbenblind.
Das stimmt, ist aber nicht schlimm. Ich kann bestimmte Grün- und Rottöne nicht unterscheiden. Lila und blau, grau und blau – da hab ich manchmal Probleme mit.

Ist es also schwieriger für dich, mit den anderen über Farben zu reden?
Ein wenig. Der musikalische Fachjargon ist aber das größere Problem. Den beherrschen wir nämlich alle nicht. Auch wenn ich mich jetzt als musikalischer Idiot oute: Wenn mir jemand sagt: „Spiel mal ein D auf der Gitarre,“ dann kann ich das nicht. Ich weiß nur, dass die höchste und tiefste Saite ein E ist. Auf einem Klavier finde ich das C und kann von da an die anderen Noten abzählen. Das ist einfacher.

Wenn man so hört, wie Ihr Musik macht – Seid ihr eigentlich Hippies?
Nein. Ich meine, Hippies haben heute eine ziemlich schlechte Reputation. Auch wenn sie viele Werte vertraten, die ich durchaus unterstütze und teils sogar großartig finde. Heute verbindet man damit aber oft stinkige Schnorrer, die sich um nichts kümmern und total abfucken. In diesem Kontext wahrgenommen zu werden, fände ich jetzt nicht sonderlich prickelnd.

So negativ meinte ich das mit den Hippies auch nicht. Aber lass uns über den Produktionsprozess sprechen. Ihr lebt über die Welt verteilt. Du in Lissabon, der Rest in den USA. Wie entstehen da Songs, wenn man nicht jede Woche im Proberaum abhängt? Tauscht man so lange Demotapes aus, bis man beschließt: Jetzt geht’s ins Studio?
Dieses Album haben wir im letzten Januar angefangen. Im Sommer davor hatte ich mit Dave erste Gespräche über das Projekt. Wir sprachen wie erwähnt viel über Höhlenmenschen, Dinosaurier, die erste Ramones-Platte. Ich wollte so etwas wie eine Techno-Neandertaler-Platte. Das waren Themen, die immer wieder auftauchten.

Wie ging’s weiter?
Ich schrieb die ersten Songs. Ende Februar tauschten wir erste Demos aus. Im April, Mai sind wir nach Nashville, haben Konzerte gespielt und weiter an den Liedern gefeilt. Danach ging es ins Studio nach LA für drei Wochen. Das Mixing fand kurze Zeit darauf in Paris statt.

Alles lief also perfekt nach Plan?
Ja, es war ziemlich smooth und superschnell. Vielleicht das schnellste Album, das wir je gemacht haben.

Ist es für dich irritierend, mit deinem Soloprojekt Panda Bear unterwegs zu sein, auf einer Tour jeden Abend deine Lieder zu singen und parallel Songs für Animal Collective zu schreiben?
Absolut!

Animal Collective Bandfoto rot

v.l.n.r.: Brian Weitz (Geologist), David Portner (Avey Tare) und Noah Lennox (Panda Bear)

Wann entscheidest du: Das ist jetzt ein Song für die Band.
Am Anfang muss ich wissen, in welche Richtung es geht. Sonst zerreißen die Projekte eine Songidee. Mach ich was für die Band, sind es eher Basics, die wir dann gemeinsam ausarbeiten. Es muss flexibel sein, damit die anderen Mitglieder etwas damit anfangen und auch ihren Beitrag dazu leisten können. Man sieht, wie so was zu einer gemeinsamen Band-Sache wird. Manchmal macht man aber auch einen Song für sich und merkt, dass er mit der Band viel besser funktioniert. Umgekehrt genauso.

Heißt es dann im Proberaum: Komm, lass' mal mit dem Song, nimm ihn lieber für Panda Bear?
Das passiert nicht. Was aber passieren kann ist, dass wir drei Wochen auf Tournee sind und nach dem achten Abend ein neues Lied noch immer beschissen klingt. Dann schmeißen wir ihn raus.

Bei „Painting With“ dreht sich viel um den Gesang. Das erinnerte mich an dein Vocal-Feature für das letzte Daft-Punk-Album, wo deine Parts nur von Vocoder-Chords und einem minimalen Beat begleitet werden. Bei „Centipede Hz“ klang alles bombastischer – verzerrte Rockgitarren, breite Flächen. Diesmal sind es ein Beat, eine Bassline und Vocalspuren.
Dieser Ansatz hat „Painting With“ definitiv geprägt.

Wie ist es, mit Gesang Songs zu schreiben?
Bei uns ist es Tradition, erstmal alle Ideen zusammen zu schmeißen. Mit der Zeit kristallisiert sich eine Handvoll heraus, die dabei bleiben. Ich hatte die erste Ramones-Platte erwähnt. Kurze Songs, kurzes Album. Ich wollte ein Album, das maximal 35 Minuten lang ist. Das haben wir fast geschafft. Außerdem wollten wir ein konstantes Energielevel halten. Durch den Höhlenmensch-Ansatz ist der Gesangsfokus hinzu gekommen. Unsere Stimmen, also Davids und meine, funktionieren nur gemeinsam. Fällt eine weg, bricht die gesamte Melodie zusammen. Es war interessant zu sehen, wie man aus zwei Stimmen eine ganz eigenständige macht. Die Art wie da zwei Personen zusammenkommen.

Ich fragte mich, ob ihr Fans von Barbershop-Musik wie den Four Freshmen seid. Die sollen ja auch die Beach Boys beeinflusst haben.
Total. Kennst du The Free Design?

Nein, aber offenbar sollte ich.
Check die mal. Während der Gesangsaufnahmen habe ich oft an The Free Design denken müssen. Tolle Orchestrierung, immer hüpfend und mit viel Gesang.

Wieso hat es Vokalmusik heute so schwer im Pop?
Gute Frage. Dabei sind Stimmen ein so kraftvoller Sound. Es ist schade, dass es eine so kleine Rolle spielt.

Auch wenn man fairerweise sagen müsste, dass es in den 90ern viele Boy- und Girlgroups gab.
Aber auch da stand immer einer im Vordergrund und der Rest hat nur im Hintergrund herum getan. Egal ob N’Sync oder Backstreet Boys. Wenn der eine fertig mit seinem Part war, kam der nächste nach vorne. Aber in der Tat, es handelt sich wohl um ein noch unerforschtes Territorium in der Popmusik.

Ihr habt mit John Cale zusammengearbeitet. Wie war das?
Daves Schwester Abby hatte zuvor schon mit John Cale zu tun. Sie hat Projektionen für seine Liveshows gemacht, daher kannten sie sich. Eines Tages saßen wir im Studio und waren mit einem Sound unzufrieden, einem Gong, der aber so wie er war nicht recht passte. Irgendwann ist dann John mit seiner Viola rein. Während er da war, hat er ein bisschen was eingespielt und verschiedene Dinge kommentiert. „Pitcht die Spur runter. Benutzt dafür einen Ringoszillator.“ Er hat den Song quasi noch mal nachgepfeffert.

War das aufregend?
Sagen wir mal so. Klar, ist es unglaublich spannend, was John Cale alles schon erlebt hat. Er war bei The Velvet Underground, hing mit Andy Warhol ab. Aber hey, am Ende ist er nur ein Dude, wie jeder andere von uns auch.

Manchmal ist es für die Beteiligten eine schwierige Angelegenheit, wenn man zum ersten Mal im Studio kollaboriert. Wie war das bei dir und Daft Punk eigentlich?
Es war konzentriert. Als ich mit denen im Studio saß, habe ich eigentlich die ganze Zeit nur daran gedacht, es nicht zu ruinieren. Ich wollte so ein Großprojekt echt nicht verkacken und irgendwie nur lebendig wieder rauskommen.

Stimmt es, dass Stewart Copeland von The Police ein großer Einfluss für dich ist.
Ich habe die Band schon als kleiner Junge gehört. Ich mag seine Art Schlagzeug zu spielen. Er kommt ja vom Reggae und hat diese Elemente kongenial mit Rock verbunden. Bei Rock hast du oft: Bassdrum, Snare, Bassdrum, Snare. Wohingegen bei Reggae es genau andersherum ist und die HiHat viel von der Rhythmik ausmacht. Diese Elemente interessieren mich auch bei meinem Spiel. Es erzeugt einfach ein anderes Gefühl. Das Thema lässt mich nicht los.

Diskutiert ihr oft darüber, wie innovativ eure Arbeit ist bzw. zu sein hat?
Mich bewegt die Idee von Musik vielmehr als andere Facetten. Ich möchte Musik machen, die sich zumindest für mich neu anfühlt. Mein Plan ist nicht, auf irgendeinen Sound eine Trademark zu haben. Aber ich möchte neue Klänge für mich entdecken. Stile und Elemente zusammenbringen, die ich so noch nicht gehört habe. Das ist der Grund, wieso ich Musik mache. Also ja, das ist ein big deal. Man muss sich raus wagen, seine Komfortzone verlassen.

Du lebst seit über zehn Jahren in Lissabon. Inwiefern hast du damals deine Komfortzone verlassen?
Nach all der Zeit fühle ich mich geschätzt zu 20 Prozent portugiesisch.

Deine Frau ist Modedesignerin und ihr habt auch schon zusammen Kollektionen gestaltet.
Das stimmt. Allerdings: Wir arbeiten nicht so gut zusammen wie wir zusammen leben (lacht). Wir reden aber über die Sachen, die sie macht. Ich gebe in der Regel Feedback, ob ich etwas cool finde oder nicht.

Interessiert dich Mode?
Ein wenig. Aber nicht offensichtlich. Eher noch das Kochen. Ich mag die Prozesse dabei, und es hat viel vom Musik machen.

Animal Collective Bandfoto 2

Kochen und Musik?
Es geht um die richtigen Zutaten, die sind wichtig. Und darum, wie man etwas würzt. Wie in der Musik, da muss man auch eine Balance zwischen all den Nuancen finden.

Dann die Erfahrung. Umso länger du kochst, desto besser wirst du.
Absolut. Aber es geht auch um die Entdeckung und neue Kontexte.

Im Vergleich zur Musik habe ich aber das Gefühl, dass ich beim Kochen noch immer besser werden kann. Beim Klavier indes fallen mir mittlerweile Stücke schwer, die ich mit 11 auswendig konnte. Geht es dir ähnlich? Bist du schon an deine musikalischen Grenzen gekommen?
Es gibt Momente, in denen ich denke: Da geht nichts weiter. Dann muss man es entweder aussitzen oder die Idee in den Müll werfen und von vorne anfangen.

Wie würdest das kreative Leben in Lissabon beschreiben? Viele junge Leute verlassen die Stadt wegen der hohen Arbeitslosigkeit. Wirtschaftlich ist es um Portugal auch nicht so gut gestellt.
Lissabon ist aber trotz alledem noch immer vielfältig. Dort leben Menschen aus der ganzen Welt, was die Stadt so großartig macht. Es existieren viele Szenen und Communities, daher passieren viele kleine Dinge parallel. Die dortige Popmusik ist ziemlich speziell und portugiesisch geprägt. Dann wiederum gibt es viele Kinder von afrikanischen Immigranten, die ihre eigene Popmusik und Einflüsse mitbringen. Da entstehen zur Zeit interessante Sounds, die auch über die Stadtgrenzen hinweg bekannt sind.

Noah, unsere Zeit ist leider schon um. Ich hätte gerne mit dir über portugiesisches Essen gesprochen.
Ja schade. Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Video zu „Golden Gal“

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