Stop! Hammer TimeGrandbrothers im Interview zum Start ihrer „Dilation“-Tour

Grandbrothers Interview Start

Grandbrothers live: Erol Sarp (links) und Lukas Vogel (rechts)

Die Grandbrothers (Lukas Vogel und Erol Sarp) überraschten die Musikwelt im letzten Jahr nicht nur mit ihrem großartigen Debütalbum Dilation. Sie wurden auch für ihre deepen und technisch unorthodoxen Livekonzerte gefeiert, auf der Fusion und im Konzerthaus. Ab Februar gehen Erol und Lukas zum ersten Mal auf Tournee. Das Filter präsentiert die „Dilation“-Tour und sprach mit den beiden Musikern über komplexe Hämmer, die Neoklassik-Schublade und darüber, warum immerzu tanzende Raver auch eine Herausforderung sind.

Im Februar geht ihr auf eure erste Tournee. So lange spielt ihr aber noch gar nicht live. Wie waren eure Erfahrungen bislang?
Erol: Ende März 2015 erschien unser erstes Album „Dilation“. Davor gab es ein paar Konzerte. Aber durch das Album wurden wir professioneller. Dominik (Grötz) vom Label Film Recordings, der sich um unser Management kümmert, war eine große Hilfe. Im vergangenen Sommer kamen dann die ersten Festivals dazu. Wichtig waren das Konzert in der Berliner Emmaus-Ölberg-Kirche im Mai und natürlich unser Release-Konzert im Salon des Amateurs in Düsseldorf. Von da an hat alles Fahrt aufgenommen.

Lukas: Der Aufbau wurde professioneller, die Technik auch. Anfangs sind noch häufiger Sachen abgestürzt. Ich hatte zunächst zwei Rechner auf der Bühne, jetzt habe ich alles auf einem Gerät synchronisieren können. Permanent sind viele kleine Sachen verbessert worden. Später kam auch noch ein eigener Tontechniker dazu.

Erol: Sonst passiert, dass jemand zwei Mikros in den Flügel hängt und denkt: Gut ist. Mit den selbstgebauten Hämmern, die Lukas mit dem Computer und anderen Interfaces ansteuert, ist die Mikrofonierung aber komplexer. Es ist gut, jemanden dabei zu haben, der die Sounds kennt und die Shows mit uns gemeinsam erarbeitet.

Wie seid ihr überhaupt dazu gekommen, so Musik zu machen? Wie ging es los?
Lukas: Wir haben zusammen in Düsseldorf Ton- und Bildtechnik studiert und uns dort kennengelernt. Wir haben viele freie, künstlerische Veranstaltungen am Institut für Musik und Medien besucht und irgendwann sprach mich Erol an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm gemeinsam Musik zu machen. Mit der Zeit kam heraus, dass Erol eher der Instrumentalist ist und ich der Techniker bin. Anfangs war überhaupt nicht klar, wie sich das entwickeln würde. Ich hatte aber Lust zu basteln. Erst haben wir gejammt und mit Live-Sampling gearbeitet. Sounds aus dem Klavier wurden aufgenommen, verfremdet und geloopt. Wir haben uns dazu entschieden, keine Synthesizer zu benutzen und wollten aus dem Klavier so viel wie möglich rausholen. Ich wollte aber Klänge mit dem Piano spielen und nicht nur das aufnehmen, was Erol zuvor gespielt hat. So sind die Hämmerchen entstanden.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Lukas: Es handelt sich um kleine ferngesteuerte Hämmer, die ich frei am Flügel positionieren kann. Die meisten hängen über den Saiten, so können Erol und ich parallel Töne spielen. Es hat ein bisschen was von einem alten Klavierautomaten mit Lochkarten. Mit den Hämmern kann ich aber auch Beats produzieren, indem ich auf das Holzgehäuse oder auf Metall schlage.

Grandbrothers Interview Setup 02

Abgesehen vom technischen Konsens: War euch auch schnell klar, welche Stimmung und Attitüde eure Musik harmonisch gesehen bekommen würde?
Erol: Das war nicht richtig klar. Die ersten Songs sind parallel zur Entwicklung der automatischen Hämmer entstanden. In Düsseldorf gibt es mit Hauschka einen musikalischen Verwandten, aber auch andere Künstler arbeiten mit präparierten Klavieren, indem sie Saiten beispielsweise abkleben. Wir wollten ein bisschen was anderes. Die Idee, das gleiche Instrument parallel und gleichwertig spielen zu können, hat uns von Beginn an fasziniert.

Lukas: Am Anfang waren wir experimenteller. Wir haben Pendel ausprobiert, die über den Saiten schwebten, fast installativ. Mit der Zeit wurde es poppiger. Bei den emotionalen Stücken hat das Publikum zudem intensiver reagiert. Das bestärkte uns, die Sache weiterzuverfolgen. So ganz haben wir das Experiment aber nie aus den Augen verloren.

Wäre euer musikalischer Ansatz mit irgendeinem anderen Instrument vorstellbar?
Lukas: Ein Flügel bietet eben viel Angriffsfläche. Allein wegen der Größe. Man kommt von überall an die Saiten und die Mechanik ran. Das geht selbst bei einem normalen Klavier nicht. Eine Orgel wäre noch viel größer. Aber da wird der Sound durch einen Luftstrom produziert, man könnte gar nicht so viel manipulieren wie beim Klavier. Außerdem hat es eine besondere Geschichte, da war es spannend, eine eigene Interpretation des Instruments zu definieren.

Erol: Das Klavier war auch deshalb naheliegend, weil wir beide das Instrument gelernt haben. Die Uni war als Ort ebenfalls wichtig. In fast jedem Raum stand ein Flügel, wir konnten uns einfach hinsetzen und ewig Dinge ausprobieren. Das war schon eine besondere Situation. Das merken wir jetzt erst, weil wir nicht mehr studieren und es gar nicht so leicht ist, einen Raum mit Flügel für Proben oder Ähnliches zu bekommen. An der Hochschule haben wir uns einen Steinway-Flügel gesucht und uns einfach mal eine Woche lang eingeschlossen. Ich finde es ebenfalls interessant, mit den Konventionen des Klaviers zu brechen. Gerade weil es eine vorgefertigte Vorstellung von Klavier vor allem in Bezug auf klassische Musik gibt. Andere Kontexte schaffen, dennoch Klassik zitieren, aber zugleich auch Clubmusik machen.

Ihr seid aber nicht mit eigenem Flügel auf Tournee.
Erol: Nein. Es muss vor Ort einer zur Verfügung gestellt werden. Das limitiert natürlich die bespielbaren Örtlichkeiten. Kleine Clubs oder Locations mit Treppen fallen da oft schon im Vorfeld raus. Dafür spielen wir häufiger in Konzerthäusern oder Kirchen. Orte, an denen es in der Regel sowieso einen Flügel gibt.

Kurz werden die Soundchecks nicht sein.
Lukas: Wir sind mit der Zeit zum Glück schneller geworden und brauchen rund eine Stunde für den Aufbau. Bei Festivals hat man noch weniger Zeit, da muss man den Flügel schon vorher präparieren.

Erol: Mittlerweile sitzen die Handgriffe besser. Am Anfang war alles wackelig. Es gab keine richtigen Transportboxen, es wurde alles in irgendwelche Koffer geschmissen. Jetzt ist das Setup kompakter und durchdachter. Das Witzige ist, dass wir uns nach wie vor gerne Zeit lassen, wenn kein Zeitdruck da ist. Heißt es also: „Ihr habt eine Stunde für den Soundcheck“, dann bekommen wir das hin. Wenn wir aber schon um 12 Uhr da sind und theoretisch bis 18 Uhr aufbauen können, dann nutzen wir die Zeit auch aus.

Grandbrothers Interview Hammer 03
Grandbrothers Interview Technik 04

Heißt, dass ein Konzert mit kurzem Soundcheck anders klingt, als eins, an dem ihr euch Zeit lassen konntet?
Lukas: Das sind am Ende eher Nuancen. Wahrscheinlich macht das gar keinen großen Unterschied (lacht).

Von den technischen Routinen abgesehen, was lernt man noch vom Livespielen? Ihr wart ja auf Techno-Festivals wie auf Orchesterbühnen unterwegs.
Erol: Wir haben im vergangenen Jahr auf der Fusion gespielt, das war eine spannende Erfahrung. Da waren natürlich viele Raver und auch wenn wir zuvor schon in Clubs gespielt haben, war es eine Bestandsprobe zu sehen, wie ein Tanzpublikum auf unsere Musik reagiert. Wir haben die Setlist angepasst. Das Ergebnis war wunderbar. Die Leute haben getanzt, es war eine gute Atmosphäre. Wobei man auf der Fusion ja irgendwie immer tanzt (lacht). Bei bestuhlten Konzerten passen wir unser Programm natürlich auch an. Da gibt es dann weniger Kracher. Häufig fangen wir flächig, repetitiv und minimal an und gucken, wie der Abend sich entwickelt. Oft kommen Leute nach dem Konzert, schauen sich unser Setup an, stellen Fragen und wir kommen ins Gespräch. Es ist interessant zu hören, wie andere Menschen die Musik wahrgenommen und verstanden haben.

Ich habe von Musikern wie Brandt Brauer Frick, Nils Frahm oder auch Hauschka gehört, dass man mit so einem musikalischen Ansatz gerne mal von Szenen vereinnahmt wird. Gerade von der klassischen Musik.
Lukas: Das kam eher von den Journalisten, die uns in die Neo-Klassik-Schublade gepackt haben.

Neo-Klassik ist für einige auch ein Reizwort.
Lukas: Uns tangiert das eigentlich nicht so sehr. Ich finde aber, dass unsere Musik damit nicht viel zu tun hat. Zumal wir viele Club- und Elektronikmomente haben.

Erol: Durch Musiker wie Ólafur Arnalds und Nils Frahm hat der Sound eine viel größere Aufmerksamkeit bekommen. Und wenn jemand Klavier mit Elektronik verbindet, dann sind die Referenzen heutzutage eben eindeutig. Aber zu sagen, wir wollen damit nichts zu tun haben, möchten wir auch nicht. Unsere neuen Nummern, an denen wir zur Zeit arbeiten, entwickeln sich von dem Neo-Klassik-Sound aber immer weiter weg. Es wird weniger flächig, weniger klassisch.

Grandbrothers Interview Erol 05

Was erwartet uns da?
Erol: Vor Weihnachten waren wir eine Woche im Studio und arbeiten seitdem peu à peu an dem Nachfolger von „Dilation“. Wir haben überhaupt keinen Zeitplan oder Druck. Es sind bislang viele tolle Ideen entstanden. Mal schauen, was während der Tour noch passiert. Danach werden wir uns zusammensetzen und uns einen genaueren Plan machen. Vielleicht kommt es noch dieses Jahr oder Anfang nächsten Jahres heraus.

Was meint ihr mit weniger flächig, weniger Neo-Klassik?
Lukas: Die neuen Songs klingen kompakter, tanzbarer. Effekte und Elektronik stehen ein wenig mehr im Vordergrund. Da wird sich noch einiges entwickeln. Wir wollen auch neue Sachen ausprobieren. Es dürfte alles reifer und ausproduzierter werden.

Wird es Streicherensembles oder Bläser geben?
Lukas: Irgendwann werden wir mit dem Konzept an unsere Grenzen kommen und auch damit brechen müssen. Es darf sich nicht tot spielen. Momentan sehen wir das aber noch nicht. Da steckt noch viel drin, puristisch nur mit Flügel-Sounds zu arbeiten.

Erol: Das Sampling, die verfremdeten Synth-ähnlichen Sounds, die das Publikum oft gar nicht dem Flügel zuschreibt, spielen gerade eine wichtige Rolle. Es kommen immer neue Effekte hinzu. Wir merken, dass wir reflektierter und detaillierter an die Kompositionen rangehen.

Welche Rolle spielt Improvisation?
Erol: Ich finde wichtig, dass es vor allem auch bei Konzerten Freiräume dafür gibt. Mich interessiert es nicht, jeden Abend routiniert dasselbe zu spielen. Ich möchte spontan die Stimmung wechseln können. Von Dur auf Moll. Lukas kann auf die Wechsel reagieren. Das hält das Spielen lebendig. Wir haben im Klavierunterricht beide viel Jazz gelernt, da gehört Improvisation ohnehin dazu. Es braucht einfach eine gute Mischung.

Grandbrothers Interview Stage 07

Was erhofft ihr euch von der Tournee?
Erol: Geld … (lacht)

Lukas: Und mindestens 1.000 neue Facebook-Fans.

Erol: Wir freuen uns, dass wir das erste Mal so lange am Stück unterwegs sind. Sonst waren es maximal zwei Konzerte hintereinander.

Lukas: Einfach die Erfahrung machen, mit den Jungs eine Tournee zu bestreiten. Das kennen wir noch nicht. Und zu hoffen, dass es nicht ätzend wird und wir uns nicht auf den Sack gehen (lacht). Ich erwarte aber, dass es eine geile Zeit wird.

Gibt es darüber hinaus Kollaborationen oder Projekte, an denen ihr arbeitet?
Erol: Es wird Remixe von unseren Stücken geben, die wir alle super finden.

Lukas: Und wir überlegen, irgendwann mal was mit einer Sängerin oder Sänger auszuprobieren. Da gibt es erste Gespräche, aber mit wem und überhaupt, dazu können wir noch nichts sagen.

Das Filter präsentiert: Grandbrothers Dilation Tour 2016

07.02.2016 Frankfurt, Mousonturm
08.02.2016 Innsbruck (AT), Treibhaus
10.02.2016 Leipzig, Horns Erben
11.02.2016 Hamburg, Kampnagel
12.02.2016 Dresden, Tonne
13.02.2016 Nürnberg, Neues Museum
14.02.2016 Zürich (CH), Exil
15.02.2016 Baden (CH), Stanzerei
16.02.2016 Amsterdam (NL), Paradiso
18.02.2016 Köln, Stadtgarten
19.02.2016 Erfurt, Franz Mehlhose
22.02.2016 Warschau (PL), Pardon, To Tu
27.02.2016 Manchester (UK), Burgess Foundation
28.02.2016 Bristol (UK), The Lantern
29.02.2016 Norwich (UK), Norwich Arts Centre
01.03.2016 London (UK), Vortex
02.03.2016 Prag (CZ), Palac Akropolis
12.04.2016 Berlin, Volksbühne

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