Wochenend-WalkmanDiesmal mit The Caretaker, Danny Brown und Chip

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

The Caretaker - Everywhere at the end of time WW

The Caretaker – Everything At The End Of Time

Thaddeus: James Kirby war schon immer größenwahnsinnig. Das war schon ganz zu Beginn klar, damals, in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, als er zusammen mit Andy McGregor das Label „V/VM“ vor den Toren Manchesters gründete und die bizzarsten Tracks auf schlechtes tschechisches Vinyl presste. Und das wurde noch viel klarer, als er unter dem Pseudonym V/VM als Künstler weitermachte, die Mashup-Szene entscheidend prägte und nicht nur Chris De Burgh an das Bitcrusher-Kreuz nagelte. Kirbys Humor war oft genug Grund, sich von ihm zu distanzieren. Unverständliches, sonisches Kauderwelsch, praktisch wöchentlich mit einer neuen Episode im Plattenladen. Das konnte man merkwürdig, ja überflüssig finden, seine Liveshows mit Schweinemaske schlicht und ergreifend dämlich, Kirby aber war das egal. Wer je seine Texte zu den Platten und zum Status Quo der Musikindustrie gelesen hat, weiß, dass man es hier trotz allen entglittenen Experimenten mit einem klugen Kopf zu tun hat. Seine Platten als „The Caretaker“ habe ich immer als Kirbys persönlichen Ausgleich zu all dem Wahnsinn verstanden. Songs, die damals, als die Welt noch schwarz-weiß war, in den Ballrooms an den Piers der britischen Küstenbäder rauf- und runterliefen, mit fast schon archivarischer Detailverliebtheit erst aufnehmen und dann bearbeiten. Wunderschön und mindestens so wichtig, eine Art Gedenkstätte eines längst vergessenen Sounds. Jedes Knistern erzählt hier eine Geschichte. Nach über vier Jahren Pause nimmt Kirby den Caretaker-Faden wieder auf. In den kommenden drei Jahren will er das Projekt mit sechs Alben beenden. Übergreifendes Thema: Demenz. Das passt zu diesem einzigartigen Sound, dessen damalige Protagonisten längst nicht mehr unter uns sind, an die sich kaum jemand erinnert und die vielleicht selbst mit der Krankheit zu kämpfen hatten, sich gar nicht mehr daran erinnern konnten, einst die Stars der Ballsäle gewesen zu sein. „Everything At The End Of Time“ widmet sich, so Kirby, der ersten Phase der Demenz, den ersten Anzeichen des Gedächtnisverlusts. „This stage is most like a beautiful daydream. The glory of old age and recollection. The last of the great days“, schreibt er. Wie bei jeder Caretaker-Platte bislang bleibt auch hier als mögliches Fazit nur eins: großartig.

Danny Brown – Atrocity Exhibition Cover WW 01102016

Danny Brown – Atrocity Exhibition

Ji-Hun: Ich bin mir gar nicht sicher, wann es eigentlich mit HipHop-Acts auf Warp losging. Es müsste Anfang der 00er das Anti Pop Consortium gewesen sein, so weit ich recht erinnere. Aber wen kümmern heute noch Genres, Szenen, wenn in der aufgeweichten Postpostmoderne irgendwie alles Pop ist. Sogar Kendall Jenners Instagram. Nun bringt der Detroiter Danny Brown sein neues Album (und sein viertes insgesamt) bei dem britischen Elektronik-Imperium heraus. Das klappt vielleicht auch deshalb im Vorhinein so gut, weil sich Daniel Dewan Sewell, so Browns bürgerlicher Registratureintrag, um Credibility keine Sorgen mehr machen muss. Zu sehr hat er sich sein ganz eigenes Image innerhalb der aktuellen Rapper-Generation geschaffen. Immer ein bisschen zu viel Chemie intus. Ganz schön klug, autark. Wild, weird, ein bisschen wie einst Busta Rhymes und im Vergleich zu Kanye noch immer ziemlich Straße. „Atrocity Exhibition“ featuret Champagnerklassen-Rapper wie Kendrick Lamar, Earl Sweatshirt, Ab-Soul oder auch 90s-Helden wie B-Real von Cypress Hill. Sonst bleibt die Platte eine fokussierte Eigenregie-Show. 15 knackige Tracks, keine Skits, krautiges Samples, der immer leicht grimy hysterische Flow und am Ende auch ein straightes ästhetisches Statement. Würde Malcolm McLaren noch leben, Danny wäre bestimmt sein Lieblingsrapper.

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Chip Power Up Walkman

Chip – Power Up

Benedikt: Seit einiger Zeit – vielleicht seit Anfang letzten Jahres, genau vermag ich das nicht zu beurteilen – geht’s in der britischen Rap- und Grime-Szene wieder richtig hoch her. Es wird gedisst, gehasst und angesagt, auf einem musikalischen und lyrischen Niveau, das man sowohl westlich wie östlich der Insel vergeblich sucht. Chip agiert hier als Herausforderer, kein Blatt vorm Mund in keine Richtung: Bugzy Malone, Yungen, Tinie Tempah (und sein DJ), Musikindustrie, Festival-Veranstalter, Labels – nach unzähligen Disstracks abseits von Alben bekommen nun auch auf „Power up“ alle ihr Fett weg. Das wirkt nur überheblich, wenn man außer Acht lässt, dass Chip trotz seiner 25 Jahre schon seit mehr als einer halben Dekade zu den Großen im Grime gehört. Er kämpft zurecht um das Grime-Zepter, mit einem sehr klassischen Stil, der sich – anders als zum Beispiel bei Bugzy Malone – keine Sekunde dem US-Rap anbiedert und so einen geringeren Weg des Widerstands ins Ohr des Hörers sucht. Nein, Chip fordert, aber ohne zu überfordern oder gar zu langweilen. Das so Grime-typische Wechselspiel zwischen Flow und Beat, die ständigen Twists, fesseln das Ohr an die Lippen des jungen Rappers aus Tottenham. Ein Clubbanger wie „Style Dat“ ist da nur Garnitur. Meinetwegen darf das Grime-Zepter gern an Chip gehen.

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Songs über FotografieEine unerwartete Playlist vom Techno-Produzenten Lapien

Leseliste: 02. Oktober 2016 – andere Medien, andere ThemenMusikmachen, Musk & Mars, täglich Phantasialand und der Snowden-Spielfilm