Wochenend-WalkmanDiesmal mit Serph, The Smoke Clears und How To Dress Well

WWalkman-24092016-gif

Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

Serph Plus Ultra Cover WW 24092016

Serph – PLUS ULTRA

Ji-Hun: Wenn man einen Künstler erst durch ein Greatest-Hits-Album kennenlernt. Ist man dann eigentlich uncool? Nicht mehr auf der Höhe der Zeit? Komplett raus aus der Hypemaschine? Fragen, die mich als Musikjournalisten immer häufiger bewegen, auch weil allzu viele Trends, Megathemen und Popdiskurse der Gegenwart mich irgendwie nicht mehr so richtig berühren. Akzeptieren wir das als gegeben und nicht wirklich änderbar. Umso schöner ist es, wenn man sich doch wieder im Positiven brillant überraschen lassen darf. So tauchte nun vor einiger Zeit der japanische Künstler Serph in meiner Rotation auf. Man weiß redlich wenig über den guten Mann, wohl aber, dass er auch unter den Pseudonymen Reliq und N-qia Sounds produziert und seit 2009 schon sechs Alben veröffentlicht hat. Den Großteil davon auf dem Label noble. PLUS ULTRA ist Serphs erste umfassende Werkschau, allerdings hat er an alle Stücke nochmal Hand angelegt und die kleinen Elektronik-Edelsteine noch einmal fein säuberlich poliert und neu arrangiert. Heraus kommt ein wundersam-schön klingender Elektronik-Langspieler mit Aphex Twin’scher Hyperaktivität, krispelnden Samples, jazzigen Drums und jenem musikalischen Duktus, den man nur aus Japan kennt – diese fantastische, videogamig-daddelige, an Nintendo-Epen erinnernde, optimistische Ausstrahlung mit Sakamoto-Klavier, glasklaren Dur-Harmonien und fehlender Scheu vor Orchestralität. Ein Highlight, eben weil es so direkt, offenarmig, im Guten Sinne naiv ist. Darüber hinaus aber auch wirklich virtuos-musikalisch. Davon dürfen sich viele düsterverkopfte hiesige Künstler gerne eine Scheibe abtrennen. Muss ja nicht immer so todernst sein.

Album auf Bandcamp

The Smoke Clears - Artwork - WWalkman

The Smoke Clears – s/t

Thaddeus: Was mich anfangs an der Musik von John Daly faszinierte, führte irgendwann dazu, das ich mich nach einer Weile wieder vom Output des irischen Produzenten abwandte. Sein sehr dichtes und üppiges, oftmals in die extreme Langsamkeit diskoider Reminiszenzen gepresstes Sound Design perlte mehr und mehr von mir ab. Zu gleichförmig, zumindest auf Dauer. Einmal aus dem Sinn, erschien es mir, als würde Daly ohnehin weniger veröffentlichen, was wohl nicht ganz stimmte. So verpasste ich sein erstes Album als „The Smoke Clears“ komplett, als er es 2013 veröffentlichte. Passiert mir nicht noch einmal. Zumal Daly hier, auf dem zweiten Album des Projekts, alles gut durchgelüftet hat und noch luftiger arrangiert. Die hier versammelten acht Tracks sind ganz eindeutig eine Hommage an die (mal wieder) gute, alte Zeit, in der Electro der Mittelpunkt der Welt war und langsam, aber doch beherzt Schritt für Schritt technofiziert wurde. Diese Einfachheit steht Daly ausgesprochen gut. Große und mitreißende Tracks, die eigentlich ganz klein und bescheiden daherkommen. Mit nur wenigen Elementen gelingt es Daly, sehr nachdrückliche Geschichten zu erzählen. Keine leichte Aufgabe: Bei so eindeutigem und reduziertem Fokus hat man wenig, woran man sich festhalten kann. Hier möchte ich mich an jeden einzelnen Sound klammern. Für immer. Oder zumindest bis zum nächsten Album von The Smoke Clears.

Album bei iTunes

How To Dress Well Care Cover Walkman

How To Dress Well – Care

Benedikt: Es geht um die große Liebe, das Suchen nach jener in Zeiten der Egomanie, in Zeiten wo man weniger für andere da ist, als viel mehr für deren Facebook- und Instagram-Stream, und das Miteinander durch einen Tunnel stattfindet, dessen Eingänge gerade mal fünf Zoll messen. Allzu viel passt da nicht durch. Die Worte groß, die Bilder kitschig – bei HTDW also alles wie gehabt? Nicht im geringsten. Nie klang Tom Krell heller, poppiger, eingängiger. Die Melancholie (böse Zungen würden sagen: Weinerlichkeit) macht einer neuen Leichtfüßigkeit Platz. Beschwingt schlagen die Produktionen mal den Weg in Richtung Softrock, dann in Electronica oder Disco ein. Während „The Ruins“ an FKA Twigs denken lässt, klingt „Anxious“ nach Glitzer-Pop, der seine Wurzeln in 80ern geschlagen hat. Viel weniger vorsichtig als bisher wagt sich How To Dress Well aus seiner R’n’B-Höhle und scheint plötzlich festzustellen welch großartige Musik es da draußen unter der Sonne so gibt und gab. Für HTDW-Verhältnisse hat sich Tom Krell auf seiner neuen LP geradezu freudig ausgetobt. „‚Care‘ soll Vergnügen bereiten“, sagt der Künstler selbst – Mission accomplished.

Album bei iTunes

Plattenkritik: Planetary Assault Systems – Arc AngelWeltraum eben

Leseliste: 25. September 2016 – andere Medien, andere ThemenNevermind, das Samsung-Debakel, Disco Top 100 und die Stadt auf Rock'n'Roll