Plattenkritik: Jóhann Jóhannsson - Prisoners (OST)Hollywood meets Geysir-Melancholie

Prisoners OST Full

Er ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Islands. Jetzt hat er für den Thriller „Prisoners“ von Regisseur Denis Villeneuve den Soundtrack vorgelegt.

Es ist nicht die erste Filmvertonung, mit der der 44-jährige Isländer betraut wurde. Im Gegenteil: Musik zum Bewegtbild ist seit jeher ein festes Standbein des Komponisten. „Prisoners“ jedoch ist der erste wirklich große Film, den Jóhannsson vertont hat. Seit 1999 macht er Musik, zunächst als Teil des „Apparat Organ Quartet“, einem kruden Ensemble mit mindestens ebenso krudem Output zwischen Kunst-Performance und elektronischen Versatzstücken. Da war es eine Überraschung, als Jóhannsson 2002 für das viel beachtete Londoner Label „Touch“ das Album „Englabörn“ vorlegte, auf dem sich der Isländer mit minimalen Mitteln der orchestralen Weite widmete und so ordentlich Eindruck machte. Interessanterweise in einem Umfeld, das auf die von subtiler Dramatik einerseits und endloser Elegie getragenen Komposition gar nicht vorbereitet schien. „Touch“, das Label, das u.a. vom Grafikdesigner und Fotografen Jon Wotzencroft betrieben wird, hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon Verbindungen zu Island und auch zum Metier Soundtrack; musikalisch war es aber eher eine Sammlung von Obskuritäten: Vor allem Field Recordings und allerhand Noisiges zählten zur Diskografie.

Johann Johannsson

Soundtracks sind generell keine einfache Sache, zumindest dann, wenn die Musik für einen Film extra komponiert wird. Was auf der Leinwand vielleicht noch gut funktioniert, verkümmert ausgeklammert und abgeschottet von den jeweiligen Szenen oftmals zur belanglosen Tonspur. Die kurzen Stücke, einzig und allein dazu da, einen ganz bestimmten Moment zu vertonen oder einer der Personen im Film ein musikalisches, immer wiederkehrendes Thema zu verpassen, eine Art klingende Visitenkarte also, entfalten auf Album-Länge nur selten einen kohärenten Anreiz, zerfasern, wirken skizzenhaft, unausgegoren und so nicht wirklich brauchbar für den heimischen Gebrauch. Bei Jóhannsson ist das nie ein Problem, so auch nicht bei „Prisoners“. Auch wenn das Prinzip natürlich das gleiche ist: Kurze, episodische Stücke, insgesamt 16 Variationen weniger Themen. Und doch hält der Komponist alles wie auf wundersame Weise zusammen. Er kennt seit jeher aus mit musikalischen Miniaturen, der nötige Kit kommt aus der Strahlkraft von Jóhannssons Kompositionen. In denen treffen Licht und Dunkel in einzigartiger Weise aufeinander.

Jóhannssons Musik ist wie das Licht am Ende des Tunnels. Eher ein mystisches Versprechen als reine Komposition, in der oft die unterschiedlichsten Welten aufeinanderprallen. Eine besondere Geschichte steckt sowieso hinter jedem Werk. So erzählte er beispielsweise 2006 auf dem Album „IBM 1401, A User's Manual“ (4AD) ein Stück Technikgeschichte, die er fast noch selbst miterlebt hatte. Sein Vater war der erste Ingenieur auf Island, der Zugang zu besagtem IBM-Computer hatte und federführend für dessen Bedienung, aber auch seine Wartung zuständig war. Auf dem heimischen Dachboden fand Jóhannsson dann eines Tages die Schulungsunterlagen seines Vaters, inklusive vieler persönlicher Aufzeichnungen und einer alten Schallplatte von IBM, auf denen unterschiedliche Wartungsschritte als eine Art Hörbuch aufgesprochen waren. Jóhannsson verbindet Samples dieser Platte mit seiner eigenen Komposition und nimmt uns mit in ein Teil Familiengeschichte, das eigentlich das Fotoalbum nie verlassen hätte.

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Und auch wenn die Musik in diesem aktuellen Fall natürlich keine expliziten persönlichen Bezüge aufweist, Jóhannsson ist hier ganz der Lieferant, der Dirigent des im Adagio geübten Streichorchesters, der Mikrofonierer der mitunter spröden instrumentalen Geräuschkulisse. Und doch ist es Jóhannsson durch und durch. Der Soundtrack übt die gleiche Faszination aus seine „regulären“ Alben, auch wenn er die mittlerweile viel zu selten veröffentlicht. Ja, es ist mollig. Mitunter auch bedrohlich. Dabei aber nie abstoßend oder zu sehr fordernd im kompositorischen Sinne. Damit steht Jóhannsson nach wie vor fast allein auf weiter Flur. Weil man ihm beides abnimmt. Das Ernsthafte, das Angekommensein in Hollywood, und nach wie vor die Edgyness, seine Vergangenheit in der isländischen Kunst- und Performance-Szene, seine Liebe zur Elektronik. Komponieren kann er wie wie kein Zweiter. Jóhannsson könnte der nächste Hans Zimmer werden. Verdient hätte er es. Und die Tonspuren der Hollywood-Filme sowieso.

Jóhann Jóhannsson, Prisoners (OST), ist auf Water Tower/NTOV erschienen.

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