Wochenend-WalkmanDiesmal mit Carsten Jost, der Afterhour-Collection von 200 Records und Lake People

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen. Und im Zweifelsfall einfach ein kurzweiliger Zeitvertreib ist.

Carsten Jost - Perishable Tactics Artwork

Carsten Jost – Perishable Tactics

Thaddeus: Das letzte Album von Carsten Jost liegt so lange zurück, dass es als Referenz und Anknüpfungspunkt nichts mehr taugt. Gut so. Es scheint mehr als angemessen, sich dieser Platte hier ganz unvoreingenommen zu widmen. „Perishable Tactics“ wird Ende 2017 als eines der wichtigsten und überzeugendsten House-Statements in allen relevanten Listen auftauchen. Zu recht. House und Techno sind mittlerweile so alt und etabliert, dass die Musik fester Teil der Populärkultur geworden ist, bestimmte Sounds und Drehungen sind klassischer Kanon. Und genau diesen Kanon nimmt David Lieske hier in den Blick. Sein Label „Dial“, das er zusammen mit Lawrence betreibt und wo dieses Album – natürlich – erscheint –, hatte sich diesem Sound von Anfang an verschrieben, vielleicht ganz unbewusst, dafür mit umso bewussteren Umleitungen und Neubauten. Es ist schier unmöglich, den einen wichtigen oder besten Track auf diesem Album zu identifizieren. Die elf Stücke sind vielmehr Fragmente, die die Größe und stille Opulenz der LP gleichmäßig und gleichberechtigt ausmachen. Natürlich werden DJs sich hier bedienen und die für sie passenden Momente aus dem Album-Kontext herauslösen und in ihren eigenen einbauen. Das ist ok, aber auch ein wenig gewalttätig. Es gibt wenige, sehr wenige Alben, die als ikonisches Abbild der Dance Music gelten, die genau diesen Zusammenhalt bieten, der die einzelnen Stücke miteinander verbindet. „Lifestyles Of The Laptop Café“ von James Marcel Stinson gehört dazu. Und irgendwie kann es kein Zufall sein, dass eben jenes Album nun wieder veröffentlicht wurde, genau in dem Moment, in dem auch Josts „Perishable Tactics“ erscheint, eine Platte, bei der genau wie bei Stinson nicht um die Beats als prägendes Element geht, sondern vielmehr um die Stimmung, die von viel mehr Teilchen getragen wird als der pluckernden Bassdrumm und den hüpfenden HiHats. Die Platte ist auch keine technische Meisterleistung, kümmert sich nicht um die Fortschreibung der musikalischen Zukunft mit allerhand Experimenten und Schlagzeilen produzieren Klangentwürfen. Vielmehr konzentriert sich Jost auf Kern und Keimzelle, die die elektronische Tanzmusik zwar nicht erfunden, aber ob perfekt orchestrierter Farben unsterblich gemacht hat. „Perishable Tactics“ ist Soul im wahrsten Sinne des Wortes. In all seiner Verhaltenheit und Rücksicht appelliert jedes Stück mit seinen flüchtigen Melodien und Harmonien an die Seele und das Gute darin. Das ist keine Melancholie, kein Kokettieren, sondern vielmehr eine offenherzige Inszenierung unserer Welt. Eine mitreißende Blaupause, die jede Sekunde Leben besser macht.

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200 records

200 Records – Afterhour Collection

Jan-Peter: Ich bin ja eigentlich nicht so der Afterhour-Typ. Auf meinen ersten Afterhours als Teenieraver war ich immer todmüde und wunderte bis mich stets, wie fit alle um mich herum noch sind. Bis mich jemand aufklärte. Wenn heute Afterhour, dann eher auf die gemütliche Berliner Weise, skip the peaktime und erst zum Sonntags-Kaffeekränzchen los. Mit einigen der Akteure des Labels 200 Records habe ich eine kurze, dafür recht intensive, echte Afterhourphase erlebt. Die Kölner hat das Thema nicht losgelassen. Sie widmen dem Nichtnachhausegehen jetzt eine eigene Backkatalog-Edition, die schlicht und ergreifend „Afterhour Collection“ heißt. Atmosphärisch mit Reference und NMD, klingklangig mit SCSI-9, minimalistisch mit Black Is Beautifuls Klassiker „Alérion“, tief mit Till Krüger. Zwei Stunden abwechslungsreiche Musikgrundlage für eine Party nach der Party. Ob am Wohnzimmertisch, auf dem Kopfhörer in der S6 nach Köln-Hansaring, bei den Breakfastbeats oder wo, wann und wie auch immer.

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Lake People Break The Pattern Walkman

Lake People – Break The Pattern

Benedikt: Um seine Person hat Martin Enke aka Lake People noch nie viel Aufsehen gemacht. Fast schon unscheinbar remixed er sich regelmäßig durch die Tracks der hiesigen House-Elite, veröffentlicht in stiller Regelmäßigkeit den eigenen Output auf Permanent Vacation oder wie auch jetzt wieder bei den Dresdener Qualitätsgaranten von Uncanny Valley. Ich würde behaupten – Achtung steile These –, dass keine House-Party ohne einen Track vergeht, an dem Lake People nicht seine Produzenten- oder Remix-Fingerchen hatte. Wundert aber auch nicht. Die zeitlose Eleganz seiner Musik passt immer und überall, egal ob Warmup, Peaktime oder Afterhour – ein bisschen Mut am Pitchregler vorausgesetzt. Die vier Tracks der neuen EP „Break The Pattern“ stechen da, im gänzlich positiven Sinne – auch gar nicht heraus. Sie ziehen einfach vorbei. Dann wünscht man sich vergeblich die Albumlänge und drückt einfach nochmal auf Play.

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