Wochenend-WalkmanDiesmal mit Nadia Reid, Holly Herndon, Archy Marshall

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Drei Alben, drei Tipps, drei Meinungen. In unserer samstäglichen Filter-Kolumne wirft die Redaktion Musik in die Runde, die erwähnenswert ist. Weil sie neu ist, plötzlich wieder relevant, gerade entdeckt oder nie vergessen.

WWalkman - Nadia Reid

Nadia Reid – Listen To Formation, Look For The Signs

Thaddeus: Toll, total toll. Das Debütalbum der Neuseeländerin gibt es offenbar schon etwas länger, ist dieser Tage aber mit viel Indie-Tamtam erneut veröffentlicht worden. Und auch wenn ich mich in diesem Genre eigentlich überhaupt nicht auskenne, höre ich viele Dinge heraus, die mich geprägt haben. „Reaching Through“ zum Beispiel ist hinten Jesus & Mary Chain, vorne Mazzy Star, nur eben nicht so ätherisch, sondern mit mutig mybloddyvalentineten Streichern und eingebauter „Just Like Honey“-Gitarrenarbeit. Das so zu vergleichen, ist unfair, aber vielleicht sind Nadias Referenzen ja ähnlich gelagert. Wer weiß. Alles sehr kohärent, sehr dicht und doch genau richtig luftig. Nie nervend, Sound und Stimme gut austariert und vor allem: gutes Songwriting. Nicht ganz unwichtig bei diesen ominösen, weil so falsch kategorisierten Singer/Songwritern.

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Holly Herndon Platform WW 12122015

Holly Herndon – Platform

Ji-Hun: Sobald der Dezember losgeht, startet der alljährliche Listenwahnsinn. Und von den zahllosen Jahresendcharts verärgern mich seit einiger Zeit die Polls von Resident Advisor am meisten. Denn die Listen über die besten DJs und Live Acts des Jahres sind nicht nur eine Zurschaustellung vermeintlicher Populäritätswerte, sondern bestimmen mittlerweile auch maßgeblich das internationale Booking-Business mit. Wer in den Poll-Charts drin ist (eine höhere Platzierung bedeutet zugleich einen höheren Marktwert), braucht sich in der Regel über die anstehende Club- und Festivalsaison, ausreichend Auftritte und demnach auch Geld keine Gedanken zu machen. Auch ein Grund, wieso alle Festivals mittlerweile die gleichen Line-ups haben. Nur: Unter den Top 40 Live Acts gibt es keine einzige Frau. In den Top 100 DJs sind gerade mal acht Frauen zu finden. Die höchste Platzierung nimmt hier Nina Kraviz mit Rang 20 ein. Irgendwie schleicht sich gar das Gefühl ein, dass mit dem globalen Boom von EDM, Boiler Room und Techno-Festivals der vergangenen Jahre die Situation noch viel schlimmer geworden ist. Als würden Frauen per se keine Musik machen. Als wären Laurel Halo, Xosar, Lady Blacktronika und viele andere großartige Künstlerinnen gar nicht existent. Oder eben auch Holly Herndon. Die Musikerin hat mit „Platform“ dieses Jahr ein wunderbares, sperriges und fortschrittliches Album veröffentlicht. Aber auch sie spielt im Zirkel der exklusiven Männer keine Rolle. Wenigstens (und ein Stück weit überraschend) hat Thump das Album zum besten des Jahres gekürt. Allerdings wissen wir alle, dass mit Tonträgern und Streams heute so gut wie nichts verdient werden kann. Leute, ehrlich: Es muss sich was ändern. Es ist 2015 und nicht 1940. Wenn das so weitergeht, dann ist das nicht mehr meine Musik.

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Archy Marshall King Krule A New Place 2 Drown

Archy Marshall – A New Place 2 Drown

Benedikt: Archy Samuel Marshall ist einer der interessantesten Künstler der letzten Jahre. Kennste nicht? Kennste doch. Bekannter ist der Rotschopf, Jahrgang 94, nämlich unter seinen Künstlernamen King Krule. Zugegeben: Mit seinem Debütalbum „6 Feet Beneath the Moon“ (2013) bin ich nie so ganz warm geworden. Stimme und Gitarre, verzerrt und dominierend. Das ist auf der neuen Platte anders. Die Gitarre dürfte während der Produktion eingestaubt sein und auch King Krules Stimme steht nicht mehr als die eines Gitarre spielenden Frontsängers im Rampenlicht. Stattdessen ist sie (nur noch) gleichberechtigte Spur in einem Teppich aus ungeraden, knisternden Beats und zögerlichen Synthieflächen und Melodien. Im Ergebnis erklingt eine Art bleischwerer Half-Time-HipHop, undefinierbar crossover, aber mindestens spannend. „A New Place 2 Drown“ ist übrigens keine Solo-LP, sondern Seite an Seite mit dem älteren Bruder Jack entstanden. Genau wie der zugehörige Kurzfilm, dem die Platte als Soundtrack dient, und das über 200 Seiten starke Buch voller Skizzen, Fotos und Texten der beiden Brüder. Familie Marshall im Ausverkauf oder wertvoller Einblick in eine Künstlerfamilie? Entscheidet selbst.

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Filter Tapes 019„A Perfect Warm-up“ von Daniel W. Best

Leseliste 13. Dezember 2015 – andere Medien, andere ThemenAltbauplatte, Hörbücher, Lesbos und Scott Weiland