Nichts NoiseReview: Sony MDR 1000 X

Sony MDR 1000 X Musikexpress II

Kopfhörer vom japanischen Traditionsunternehmen Sony waren mal eine große Sache. Im Studio und auf den Scheiteln der größten DJs. Sie sind es wieder.

Kaum ein Segment im Technikmarkt wurde in den vergangenen Jahren so mächtig durchgeschüttelt wie das der Kopfhörer. Neue Headphone-Marken wie Beats, Ultrasone, Libratone und viele mehr wollten den Platzhirschen Sony, AKG und Sennheiser Terroir streitig machen – und schafften es auch. Der Einzug von Connectivity-Funktionen wie Bluetooth wurde von vielen Herstellern verschlafen, Designwünsche junger Kunden und ihre Lifestylevorlieben wurden verkannt. Dabei war gerade Sony im Kopfhörer-Business mal the way to go. Nicht nur wegen der Erfindung des Walk- und später des Discman. Der MDR-V700DJ zum Beispiel ist eine DJ-Ikone und hat mit dem Sennheiser HD-25 in den Neunziger- und Nullerjahren das Bild der DJ-Booths schlichtweg definiert. Auch ich habe jahrelang mit einem Sony-Kopfhörer (MDR V500) aufgelegt. Er funktioniert immer noch einwandfrei, wenn auch äußerlich ganz schön abgeranzt. Aber dafür kann er nichts.

Sony hat seit einiger Zeit einen neuen Highend-Kopfhörer im Portfolio. Der MDR 1000 X ist kein DJ-Kopfhörer. Von dieser Zielgruppe hat sich das Unternehmen, glaube ich, vollends verabschiedet, was schade ist. Er erinnert vom Design her mit seinen asymmetrisch-ovalen Muscheln aber an den Studio-Klassiker MDR 7506, der seinerzeit ebenfalls oft in DJ-Kanzeln zu sehen war. Der 1000 X ist ein kabelloser Kopfhörer mit aktivem Noise Cancelling und beackert damit ein Segment, das von Firmen wie Bose in den letzten Jahren definiert wurde. Die Kernzielgruppe hier: Gelackter Vielflieger-Business-Typ, der auf Interkontinentalflügen mal entspannen will und sich die First nicht leisten kann. Weil: Da gibt es die Bose bei allen großen Airlines in der Regel dazu. Ich fand diese Typen mit den Noise-Cancelling-Headphones immer suspekt, die Geräte sahen auch immer seltsam aus. Protzig wie ein Audi RS6. Das Device von Sony indes überrascht mit einem dezenten, heritage-bewussten Design. Kein kläffendes Logo, die Kopfhörermuscheln mit weichem Leder bezogen. Eine sanfte, wertige Haptik. Sieht toll aus. Ich gebe diesem Gerät eine Chance.

Kopfhörer nachts an die Steckdose, damit man einen Tag oder zwei Musik hören kann? Bitch, please … da kann man auch Tennisbälle aus Salzteig backen. Dachte ich.

Fremdeln

Wer einmal einen Langstreckenflug mit NC-Headphones absolviert hat (ich hatte einmal das Glück), weiß, wie angenehm es ist, das Dauerbrummen des Flugzeugs ein wenig ausblenden zu können. Sonst haben mir die Use Cases nie sonderlich eingeleuchtet. Als alter Verfechter des geschlossenen DJ-Kopfhörers kam mir ohnehin nichts anderes auf den Tisch. Und wieso sollte man ein zusätzliches Gerät mit Batterie und Stromversorgung neben Smartphone, Laptop, Tablet, Fahrradlicht und Vaporizer haben, wenn das Prinzip ohne doch so zuverlässig und gut seit über hundert Jahren funktioniert hat? Ich mag Kabel. Sie sind konkret, dezidiert, eindeutig. Sie müssen im Kampf um freiliegende Frequenzen und Bluetooth-Zugriffsrechte bei verschiedenen Abspielgeräten nicht ihre Ellbogen ausfahren. Und wenn die Verbindung wackelig ist, macht man halt ein neues dran. Kopfhörer nachts an die Steckdose, damit man einen Tag oder zwei Musik hören kann? Bitch, please … da kann man auch Tennisbälle aus Salzteig backen. Dachte ich.

Featuritis

Der MDR 1000 X kommt in einem schwarzen Etui. Das ist nicht ganz so classy wie der Kopfhörer selbst, aber okay. Der Lieferumfang: ein Mini-Klinkenkabel (ja, er kann glücklicherweise analog), USB-Adapter und ein Flugzeugadapter. Das Etui-Design ist unterdessen mäßig durchdacht. Wieso man keine Mesh-Innentasche für die mitgelieferten Kabel vernäht und stattdessen außen eine blickdichte Yoga-Strumpfhose, ist mir rätselhaft. Beult nur unschön aus, macht keinen stabilen Eindruck und wirkt, als würde man seinen Rhythmische-Sportgymnastik-Anzug aus der Grundschule wieder anziehen. Drinnen wäre genug Platz gewesen. Eigentlich Erdnüsse, doch an derart kostspielige Gadgets (350 Euro Straßenpreis) kann man durchaus den Anspruch auf Perfektion erheben.

Sony MDR 1000 X Musikexpress I

Immer noch Skepsis. Auch weil hier wieder Featuritis und Spec-Senegalesisch einen anmaunzen wie eine Horde Istanbuler Straßenkatzen. So wären hier zum Beispiel: Die S-Master HX-Technologie, die Verzerrungen eliminieren und HiRes-Files besser abspielen soll. Die DSEE HX (Digital Sound Enhancement Engine) soll digitale Kompressionsdateien (MP3, AAC etc.) im Nachhinein aufbereiten und verbessern. Die Membran ist aus LCP, einem Flüssigkristallpolymer. Dazu gibt es weitere digitale Funktionen wie aptX (eine Technologie von Qualcomm, genau, die mit den Smartphone-CPUs) und LDAC. Weiß der Hausmeister, was das alles bedeutet. Man musste ja – ich bin gebrandmarkt – in den letzten Jahren schon sehr viele „Soundverbesserer“ aushalten. Brüll-Features bei Smartphones oder Bluetooth-Boxen, die nichts anderes außer Verschlimmbesserung im Sinn hatten. Der Feature-Loudness-Wahnsinn der vergangenen Jahre mit seinen unzähligen, vermeintlichen Erfindungen war aber ehrlich gesagt in etwa so fortschrittlich und ergebnisreich wie ein Homöopathen-Kongress. Ich war richtiggehend beleidigt, was einem von Beats und Co. in der Vergangenheit vorgesetzt wurde.

Herr Haedicke

Ich verweise ja unter Freunden immer wieder auf Herrn Haedicke, der während meines Studiums die Phonothek der musikwissenschaftlichen Institutsbibliothek an der HU Berlin betreute. Ein intelligenter, kauziger Mann, der es leider nie in die Lehre geschafft hat. Typ alter Ostrocker (die mit den kurzen Haaren), passioniertester Kettenraucher („Ich fahr nie mehr Zug! Drei Stunden ohne Rauchen? Ohne mich!“) und eine Art Mentor, was mein Wissen um Elektroakustik und Technik anbetrifft. Er reparierte mir kaputte Kopfhörer, wir rauchten gemeinsam gedrehte Zigaretten (konnte er perfekt und binnen weniger Sekunden), tranken handwarmen Filterkaffee und er erzählte mir nahezu in Rage, was er von der Luxus-HiFi-Industrie hielt: „Heilerde auf Lautsprechern und vergoldete Kabel für 3.000 Euro? Wer so was glaubt, ist Esoteriker! Haben Sie schon mal Strom gesehen, der durch ein 3.000-Euro-Kabel schneller fließt als durch ein Kupferkabel?“ Sah ich genauso. Gute Musik und vor allem gut produzierte klingt überall gut. Fertig. Ein Hoch auf die gute alte Stereoanlage.

Sea Change

Einmal angemacht, verbindet sich der MDR 1000 X schnell und reibungslos via Bluetooth mit meinem Smartphone. Ich will’s mir nicht verbocken und überlege lange, was ich hören will. Sollen die ganzen DSEE-S-Master-LDACs doch zeigen, was sie drauf haben. Die Entscheidung fällt auf eine meiner absoluten Lieblings-Produktionen. „Sea Change“ von Beck aus dem Jahr 2002. Die wohl beste Arbeit des Produzenten Nigel Godrich (Radiohead, Travis). Ein perfekt klingendes Album mit komplexen Surround-Effekten und reichhaltigen Arrangements. Das Noise Cancelling senkt den Außenschall erheblich, und da ist er schon: der Tunnel, das warme HiFi-Loch. Ich höre Sounds in einer Räumlichkeit, die ich so von meinen bisherigen Kopfhörer noch nicht kannte. Alles hat plötzlich seinen Platz. Synthesizer rauschen über die Schädeldecke, Gitarrenpickings erklingen erst im Ohr und plötzlich wieder weit weg. Die Vocals werden sehr transparent, crisp und haptisch dargestellt. Stereo macht hier großen Spaß. Auch wenn ich die Platte eigentlich auswendig kenne, höre ich sie diesmal neu und mit großem Genuss. Couch, Augen zu, abtauchen. Jetzt noch ein Ofen. Das Klangbild ist elegant und ausgewogen. Bässe und Höhen werden nicht überanstrengt und es werden auch keine Trap-EDM-Backpfeifen verteilt. Recht so. Die rechte Ohrmuschel ist zugleich Touchcontroller. Tippt man zweimal drauf startet bzw. pausiert die Musik. Ein Wisch mit dem Finger nach oben oder unten kontrolliert die Lautstärke, Titel werden mit horizontalen Wischbewegungen geskippt. Es klappt erstaunlich gut, wenn auch nicht immer. Sogar Anrufe können entgegen genommen werden und das integrierte Mikrofon, das eigentlich für die Rauschunterdrückung zuständig ist, fungiert dann als Freisprecher. Daran gewöhnt man sich schnell und es ist sogar – zugegebenermaßen – praktisch.

Sony MDR 1000 X Finger

Asozial

Nachdem die erste Aufregung verflogen ist, wird die Playlist der zu hören wollenden Alben immer länger. LoFi, DIY, Punk, Hardcore und Techno landen so gut wie gar nicht drauf. Irgendwie will sich das nicht anlassen. Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle schon eher, wieso auch immer. Auch Miles Davis, Chet Baker und Pink Floyd. Musik für Saab-Fahrer-Architekten. Was ist da los mit mir? Bei den Philharmonikern sehe ich nicht nur die Sharoun-Architektur vor mir und die austarierte Positionierung der Instrumentengruppen. Ich höre auch das Einatmen der Bläser und das Säuseln von Simon Rattle, als würde er soufflieren. Ein bisschen wie bei Glenn Gould. So allmählich erkenne ich den Nutzen. Was für ein intimer und filigraner Zugang zur Musik, denke ich noch nach einigen Stunden, als meine Freundin sich vor mich stellt und wild winkt. Sie hat mich eine Weile gerufen, ich habe sie nicht gehört, obwohl ich nur leise Carsten Nicolai gehört habe. Sind wir fertig? Darf ich weiter hören? Auch das eine Qualität, die sich mit diesem Kopfhörer auftut. Isolation. Im Büro kriege ich kaum noch was mit. Ist für Mitmenschen wirklich stressig, kann man verstehen. Kann beizeiten aber recht angenehm anmuten in dieser persönlichen Soundblase. Gegen zu viel Abkapselung – das Risiko wurde bedacht – gibt es Funktionen. Legt man beispielsweise die Handfläche auf die rechte Ohrmuschel, wird das Mikrofonsignal reingespielt und man hört die Außenwelt wieder. Zudem gibt es die Funktion „Ambient Sound“. Hiermit kann man den Filter minimieren beziehungsweise anpassen. Zum Beispiel so, dass Stimmen trotz Cancelling besser erkannt werden. Sei es, um Bahnansagen trotz Musik zu verstehen oder eben im Büro, falls die Kollegen wieder was von einem wollen und man nicht mehr wie der letzte Asi dastehen will. Es gibt ja auch Gründe, wieso man im Büro arbeitet.

Der neue Sony ist in seiner Erscheinung sympathisch unaufgeregt und unmodern. Er tut so, als würde er das hier schon eine Ewigkeit machen. Man wünscht sich wieder einen alten Discman, um das bestmögliche Inputsignal reinspielen zu können.

Quiet is the new loud

Die Etymologie des Worts Lautsprecher sagt ja bereits, dass hier etwas laut gemacht wird. Konventionelle Kopfhörer funktionieren nicht anders: Sie müssen die Umgebungskulisse mit ihrem Output überklingen. Das ist bei NC-Headphones eine andere Angelegenheit, weil zuvor eine Art Vakuum geschaffen wird. Es hat eine Weile gedauert, bis das vollends bei mir angekommen ist. Denn plötzlich macht auch in der Großstadt leise, ambiente Musik viel mehr Sinn. Nicht, dass man das nicht daheim mit guten Studiomonitoren auch hinbekäme. Aber zu Hause bei mir sind die U1 und der Görlitzer Park auf Anschlag. Bei offenen Fenstern muss man dagegen erstmal anstinken. Das bedeutet auch, dass man die bequemen und relativ leichten Kopfhörer lange tragen kann, ohne dass die Ohren zu schnell durch zu hohe Lautstärke ermüden. Kennt jeder, dieses Brummen, DJs können wochenends ein Lied davon singen. Oder damit einen Track produzieren.

Aber alles Noise Cancelling bringt nichts, wenn der Sound nicht gut ist. Der jedoch ist, wie oben bereits angedeutet, wirklich ausgezeichnet. Der MDR 1000 X ist für mich ein kleines Meisterwerk. Erstens, weil es mir als temporärem Technikpessimisten bewiesen hat, dass es offenbar doch so etwas wie echten Fortschritt im Bereich Consumer Audio gibt. Zweitens, weil es sich zudem um ein ausgewogenes und gut gestaltetes Design-Stück handelt – haben Sie mal Modelle von Bowers & Wilkins gesehen? Und drittens, weil es mir einen neuen Zugang zum persönlichen Musikhören verschafft hat. Weil man plötzlich das Stühleknirschen von Martha Argerich wahrnimmt und sich das Hören von komplexen Produktionen als großartige Erfahrung erweist. Gerade jene, die elegant mit dem Headroom arbeiten, machen besonders viel Spaß. Es bedeutet aber auch, dass mediokre Produktionen schneller als solche entlarvt werden. Der MDR 1000 X ist kein Freund von Billboard-Kompressionswürsten. Das können andere besser, denn sie wurden dafür gemacht. Der neue Sony ist indes in seiner Erscheinung sympathisch unaufgeregt und unmodern. Er tut so, als würde er das hier schon eine Ewigkeit machen. Man wünscht sich wieder einen alten Discman herbei, um das bestmögliche Inputsignal reinspielen zu können. Man spürt hier den alten Geist des Traditionsunternehmens. Als in den 1980er-Jahren der Sony-Vizepräsident, gelernte Komponist und Dirigent Norio Oga dafür sorgte, dass die CD genauso lang ist wie die 74 Minuten lange Aufnahme der 9. Sinfonie Beethovens unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler. Musikliebende, audiophile Nerds.

Es bleiben dennoch ein paar Fragen. Wie gut wird so ein High-Tech-Produkt halten im Vergleich zu meinen fast 25 Jahre alten AKG-Studio-Headphones? Was, wenn der Akku irgendwann schlapp macht, taugt das dann noch was? Wie wird sich so ein Device auf meinen Musikgeschmack auswirken, wenn man keine Lust mehr auf Mono-House und LoFi-Laptop-Folk bekommt? Saab und Bang-und-Olufsen-Anlage mit Bewegungsmelder-CD-Player kaufen, wirklich? Und wie gut funktioniert Noise Cancelling eigentlich beim Auflegen? Es würde doch so viel Sinn machen. Demnächst habe ich wieder einen Gig. Ich werde es ausprobieren. Wenn’s gut klappt, dann könnte Sony doch über einen neuen DJ-Kopfhörer nachdenken.

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