Wenn Steve Jobs das wüssteReview: das neue 12" MacBook von Apple

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Netbook, Laptop, Zukunft? Yo!

Apple bringt ein Netbook auf den Markt. Unfassbar dünn, leicht und klein. Echt? Sind Netbooks nicht eigentlich verboten in Cupertino?

Steve Jobs bashte das kleine Laptop Anfang 2010 bei der Vorstellung des iPad. Knapp fünfeinhalb Jahre ist das nun her. Seitdem ist viel passiert: Jobs ist tot, in Cupertino weht ein anderer Wind und die Technik hat einen verdammt großen Schritt nach vorne gemacht. Einen so großen Schritt, dass man bei Apple davon ausgeht, dass die Zeit für ein Netbook jetzt wirklich gekommen ist. Mit gutem Display und – aus Apples Sicht – ebensolcher Software. Und mit langer Batterielaufzeit. Nur eines ist das neue MacBook nicht, was Netbooks immer waren: preiswert. Aber womit haben wir es hier überhaupt zu tun?

Das MacBook war in Apples Technik-Geschichte mal das Einsteiger-Gerät. Mit eher bescheidenen Specs und in den ersten Jahren sogar noch mit Kunststoff-Gehäuse. Die waren nicht so richtig der Bringer und je länger die Plastikbomber im Einsatz waren, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, irgendwann Risse im Chassis mit Gaffa kleben zu müssen. Heute bietet Apple nur noch Laptops aus Aluminium an. Und so ist das neue MacBook alles andere als ein Einsteiger-Gerät, sondern eher ein Blick in die Zukunft.

Das MacBook ist die dritte Laptop-Klasse in Apples Lineup. Das beginnt mit dem Air, dem „Einsteiger“-Gerät, erhältlich mit einem 11"- oder 13"-Display. Gute Geräte. Relativ leicht, relativ kompakt, mit guter Tastatur und einer mehr oder weniger soliden Ausstattung, sowohl außen (Anschlüsse! Wichtiges Thema!) als auch innen. Dieses MacBook Air ist jedoch größer, als es eigentlich sein müsste. Um die Displays herum thront ein Rahmen, der ungefähr von Berlin bis Potsdam reicht. Außerdem ist das Display nicht so hoch aufgelöst wie bei Apples anderer Laptop-Kategorie, dem MacBook Pro. Dort – von einer Konfiguration mal abgesehen – sind Retina-Displays verbaut. Kennt man vom iPhone. Und wer tagtäglich vor so einer Kiste hockt, weiß irgendwann jeden einzelnen Pixel zu schätzen. Vor allem dann, wenn man aus bestimmten Gründen plötzlich wieder auf einen Low-Res-Screen wechseln muss. Die Augen gewöhnen sich sehr schnell an die Pixel-Flut und brüllen dann nur noch „Mach das weg, wir kriegen Krebs“ in die Richtung des Nutzers.

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Unten: MacBook Pro (15"), mittig: MacBook Air (13"), oben: MacBook (12")

„Passt in Hurley Reyes' Gesäßtasche“

Zwischen diesen beiden Arten von Rechnern sitzt jetzt das MacBook. Kein Pro, kein Air, einfach MacBook. Es ist dünner und leichter als alle anderen Notebooks mit dem Apfel. Tatsächlich wiegt es nur 920 Gramm. Das ist kaum mehr als das erste iPad, bei dessen Vorstellung Steve Jobs das Netbook verbal meuchelte. Es hat ein 12"-Display mit Retina-Auflösung, eine vollwertige Tastatur (die hatten viele Netbooks früher nicht) und ist tatsächlich so unfassbar klein und handlich, dass es locker in die Gesäßtasche von Hurley Reyes aus Lost passen würde. Wo ist denn da der Haken? Der, bzw. die waren schnell ausgemacht: Erstens der Preis von 1.449 bzw. 1.799 Euro. Zweitens die Performance, die man dafür vermeintlich bekommt und drittens die Tatsache, dass sich Apple dazu entschieden hat, dem mobilen Rechner nur einen Anschluss zu spendieren. Einen komplett neuen noch dazu: USB C. Der wird zwar mittelfristig zum Standard werden und bringt viele Vorteile mit, im Moment jedoch schneidet er den gesamten heimischen Park von Zubehör – Festplatten, SD-Karten, Monitore – von der Welt ab. Einige Komponenten sogar unwiderruflich. Auch solche, die Apple einst voller Stolz selbst eingeführt hat.

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Der Stein des Anstoß: der USB-C-Anschluss. Die nötige Adapter-Schlacht wird viel schlechte Laune produzieren. Hier nochmal expliziter:

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Ich wohne in der Cloud. Und du?

Es gibt eine Tradition bei Apple, und die heißt: „Cut the chord“, das Kabel abschneiden. Außer für die Stromversorgung (da wiederum sind andere Hersteller weiter) soll man seine Geräte eigentlich gar nicht mehr einstöpseln müssen. Es gibt doch die Cloud. Das ist ein tolles Versprechen, so lange die entsprechende Bandbreite zur Verfügung steht und kein Server abgeschmiert ist. Genau das ist aber die Prämisse, mit der hier vor den Usern gewedelt wird. Und wer wirklich seine externen Geräte anschließen will, der kaufe bitte Adapter. Apple bietet derer drei an. Für 19 Euro gibt es USB-Neu auf USB-Alt und für 89 Euro gibt es jeweils noch HDMI oder VGA dazu. Kein Thunderbolt, kein Display-Port (tschüss, großes Cinema-Display), kein Foto-Import von der SD-Karte. Schade eigentlich. Und toll für die Industrie, die mit solchen Kabeln und Adaptern ihr Geld verdient. Denn wer gibt ernsthaft 90 Euro für einen Adapter aus? Danke. Da möchte man sich glatt vor der Kantine auf dem Apple-Campus anketten und in den Hungerstreik treten. Im Moment jedoch sind außer einigen Kickstarter-Projekten für kompakte Docking-Stationen kaum wirklich nützliche Dinge in Sicht. Das ist dann auch der einzige Grund, warum das MacBook bis auf weiteres eher bescheidene soziale Kontakte mit anderen Schaltkreisen haben wird und den Rechner-Kauf mehr zu einer Art Investition in die Zukunft macht. Und wer kann heute schon einschätzen, wie diese aussieht? Wenn ich sage „einziger Grund“, dann meine ich das auch so. Denn der Computer an sich – autark und kabellos – ist eine verdammt attraktive Kiste. Warum das so ist? Kommt jetzt.

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Da ist zum einen die neue Tastatur. Apple – These, die ich gerne und jederzeit verteidigen werde – baut aktuell die besten Laptop-Keyboards. Und erfindet für das MacBook mal eben ein neues. Weil – angeblich – das Gehäuse zu dünn ist für die traditionelle Bauweise. Mit einer „Butterfly“-Mechanik (so eine Marketing-Abteilung hätte ich auch gerne zu meiner Verfügung), um das gleiche solide Feedback beim Tippen zu gewährleisten. Das ist am Anfang furchtbar frustrierend. Nicht weil sich die Tastatur nicht gut beim Schreiben anfühlt, sondern weil die Tasten trotz deutlich kleinerem Chassis faktisch größer geworden und leicht verrückt sind. Nach zwei, drei Tagen gewöhnt man sich aber daran und die Fehler reduzieren sich wieder auf normales Niveau. Der Anschlag ist härter, aber das fühlt sich eigentlich sogar ganz gut an. Und dann ist da das neue Trackpad. Mit „Force Touch“. Was das bedeutet? Das Trackpad klickt nicht mehr. Vielmehr wird dieser Klick nun durch einen kleinen Elektromagneten quasi emuliert. Ist der Rechner ausgeschaltet, klickt das Trackpad gar nicht, ist es an, dann vibriert der Magnet. So kann der Computer auch unterscheiden, ob man nun eher sanft oder stark klickt, und kann den Druck in unterschiedliche Befehle übersetzen. Ein starker Klick auf eine Adresse öffnet beispielsweise automatisch eine Vorschau der Karten-App. Oberflächlich praktisch, viel besser aber ist die Technik dahinter. Eine Technik, die Apple schrittweise in allen Rechnern verbauen wird.

MacBook

  • Prozessor: 1,1 GHz Intel Core M
  • Display: 12" (2.304 x 1.440 Pixel)
  • 8 GB RAM
  • 256 GB Speicher
  • WiFi: a/b/g/n/ac
  • Bluetooth 4.0
  • 1 x USB-C, 1 x Kopfhörer
  • 1.449 Euro
  • erhältlich in silber, grau oder gold

bei Amazon kaufen

MacBook Pressebild

Bild: Apple

MacBook

  • Prozessor: 1,2 GHz Intel Core M
  • Display: 12" (2.304 x 1.440 Pixel)
  • 8 GB RAM
  • 512 GB Speicher
  • WiFi: a/b/g/n/ac
  • Bluetooth 4.0
  • 1 x USB-C, 1 x Kopfhörer
  • 1.799 Euro
  • erhältlich in silber, grau oder gold

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Und dann ist da die Performance. Die ist auf den ersten Blick alles andere als verheißungsvoll: 1,1 GHz bzw. 1.2 GHz ist der Prozessor schnell, im Turbo-Modus 2,4 bzw. 2,6 GHz. Dazu kommt eine integrierte Grafikkarte von Intel. Da bekommt man schon ein bisschen Angst. Und so dauert auf dem neuen MacBook auch alles einen kleinen Tick länger. Geschenkt. Warum man sich bei Apple für so einen Prozessor entschieden hat, ist klar: Das MacBook ist der erste mobile Rechner aus Cupertino, der komplett ohne Lüfter auskommt. Und wer beispielsweise mit einem älteren MacBook Air arbeitet, weiß, wie schnell die anspringen können, wenn man die HD-Party auf YouTube feiern will. Oder bei Amazon Instant Video mal einen Film schaut. Hier bleibt alles... still. Wird nicht mal besonders warm, das MacBook. Wer schon zum Frühstück komplexe Videoschnitt-Fingerübungen macht und beim Lunch den 128 Audiospuren großen Remix angeht, wird mit dem MacBook bestimmt keine große Freude haben, aber das versteht sich erstens irgendwie sowieso von selbst und wäre zweitens auf einem 12"-Bildschirm auch die Pest.

Das MacBook ist auch eine Reaktion darauf, wie sich unser Umgang mit Software mit der Zeit verändert hat.

Es hängt wirklich davon ab, was man mit dem Rechner tut und tun will. Und was tun „wir“ denn mit unseren Computern? Schreiben, gucken, hören. Es hängt aber auch davon, welche Programme man dafür einsetzt. Wer mit Safari im Netz unterwegs ist, kommt zum Beispiel deutlich besser ans Ziel als Fans von Googles Browser. Das gilt für andere App-Kategorien mit Sicherheit genauso. Für mich war das MacBook während meiner zweiwöchentlichen Testphase ein ziemlich perfekter Begleiter. Denn für Bildbearbeitung braucht man kein aufgeplustertes Photoshop mehr und für das Schreiben von Texten keine Macros von Microsoft Word. So ist das MacBook nicht nur das in Hardware gegossene Cloud-Versprechen, sondern auch eine ganz faktische Reaktion darauf, wie sich der Umgang mit Software in den vergangenen Jahren geändert hat. Dass das alles in diese kleine Kiste passt und dabei so vorzüglich funktioniert, bleibt mir so lange ein Rätsel, bis ich auf mein Telefon schaue und denke: ja, klar.

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Es gibt ja diesen noch relativ neuen, ganz famosen Science-Fiction-Roman von Leif Randt, Planet Magnon. Das Tolle an Randts Zukunft ist die Tatsache, dass er unsere zukünftige Gegenwart sehr unscharf und fast verwaschen beschreibt; nachvollziehbar. Keine klar definierte Utopie mit wilder Andersartigkeit, sondern eigentlich ganz nah an der Jetztzeit dran. Dieser neue Laptop ist ein bisschen wie das Buch. Es ist und bleibt ein Computer zum Mitrumtragen. Und doch ist alles anders. Irgendwie vertraut, aber eben auch ein Hinweis darauf, dass nichts bleibt, wie es ist. In ein paar Jahren werden alle Laptops so dünn sein, dabei noch mehr Leistung bringen, noch viel länger nicht an die Steckdose müssen, wenn es die dann überhaupt noch gibt. Die Batterie im MacBook hält übrigens ewig, zumindest gefühlt. Und genauso gefühlt kommt uns die Zukunft mit diesem Stück Technik wieder ein bisschen näher. Wer Randt gelesen hat, weiß, dass der Himmel in der Zukunft mitunter in merkwürdigen Farben leuchtet, Drogen anders sind und das Reisen von Planet zu Planet sehr komfortabel sein kann. Das MacBook passt da sehr gut rein.

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