Ausprobiert: Tidal, der neue Streaming-Dienst von Jay ZEin bisschen HighEnd gefällig?

Tidal lead

Jay Z ist nicht nur Musiker, sondern vor allem auch Unternehmer. Erst vor kurzem hat er den Musik-Streaming-Anbieter Aspiro gekauft. Der ist in den USA unter der Marke Tidal aktiv, in Deutschland als WiMP. Jetzt ist Tidal auch in Deutschland verfügbar. Und bekommt weltweit ein neues Konzept. Das wurde gestern in New York vorgestellt. Mit vielen prominenten Gästen.

Madonna war da, Kanye West, Nicki Minaj, Jack White, Alicia Keys und Daft Punk, Arcade Fire und Beyoncé. Nicht nur, um der Launch-Party die entsprechende Portion Glamour zu verpassen, sondern vor allem, um das Konzept von Tidal zu veranschaulichen, mit dem Jay Z den Kampf gegen die Konkurrenz von Spotify, Rdio, Deezer und natürlich auch Beats Music aufnehmen will. 56 Millionen US-Dollar hat der Musiker für Tidal bezahlt, einen Dienst, der bis gestern lediglich 17.000 zahlende Nutzerinnen und Nutzer hatte. Rechnet man die europäischen WiMP-Abos dazu, kommt das Unternehmen auf rund 512.000 Kunden. Um der Plattform mehr Ansehen und Akzeptanz zu verleihen, können Musikerinnen und Musiker Anteile des Unternehmens erwerben. So will Jay Z erstens sicherstellen, dass deren Musik langfristig für das Streaming zur Verfügung steht und zweitens ein Zeichen in Sachen zukünftiger Struktur der Musikindustrie setzen. Wer Dinge selbst in die Hand nimmt, bestimmt die Regeln.

Tidal und WiMP ließen sich von Anfang an nur kostenpflichtig nutzen. Anders als Spotify oder Rdio bot der Service kein für den Nutzer kostenloses und durch die Einspielung von Werbung finanziertes Modell an. Tidal gar setzte von Anfang an ausschließlich auf das Streaming von FLAC-Dateien und verzichtete komplett auch mehr oder weniger hart komprimierte MP3s. Das kostete entsprechend extra: 20 US-Dollar pro Monat. Ein Nischenangebot mit digitalem Wohlfühlcharakter. Auch WiMP bietet diese unkomprimierten Files an, kann jedoch für zehn Euro auch „klassisch“ genutzt werden, also in MP3-Qualität.

Tidal 02

Schluss mit der Umsonst-Kultur

Genau die bietet nun auch Tidal an, ebenfalls für die handelsüblichen zehn Euro pro Monat. Abgerechnet wird allerdings in US-Dollar, auch in Deutschland. Wer Tidal HiFi, also das verlustfreie Streaming, nutzen will, zahlt 20 Dollar. Allerdings weicht das Unternehmen eines der größten anfänglichen Versprechen gleich wieder auf: Musik muss sich für die Urheber lohnen. So zahlte der Anbieter bis gestern die doppelten Tantieme, weil alle Streams HighEnd waren. Mit der heutigen Einführung des preiswerteren Abos werden auch die Tantieme für die entsprechenden Abrufe halbiert. Dass das 10-Euro-Modell für Tidal lebensnotwendig ist, scheint außer Frage. Auch wenn die Zahl der Abschlüsse kostenpflichtiger Abos im Streaming-Markt steigt, reicht dem Gros der Nutzerinnen und Nutzer oftmals das Umsonst-Modell. Dafür nimmt man gerne das Einspielen von Werbung in Kauf.

Wimp wird Tidal klein

Aus WiMP wird Tidal: Zwar läuft WiMP derzeit noch eigenständig, neue Accounts lassen sich aber nur noch bei Tidal erstellen, wie dieses Banner auf der WiMP-Website verrät.

Genau dieser Umsonst-Kultur will Jay Z den Kampf ansagen. Und dafür braucht er Madonna, Daft Punk und Co.: Flagge zeigen, Stars verpflichten. Ob es ihm gelingt, den Service damit in der Außenwirkung interessanter zu machen und Kundschaft zu gewinnen, bleibt abzuwarten. Und ob das alles nur eine groß angelegte Hoax ist, ebenfalls. Denn welche Rolle die Labels in diesem neuen Service spielen, ist vollkommen unklar, auch wenn von den Majors bereits zahlreiche Statements vorliegen: Glückwunsch, mehr Konkurrenz belebt das Geschäft.

Und wie funktioniert Tidal nun? Das kann jeder ausprobieren, den ersten Monat gibt es umsonst, auch mit verlustfreiem Streaming. Technisch funktioniert es einwandfrei, zumindest auf dem iPhone. Die App ist elegant und gut strukturiert. Im Zentrum des Angebots stehen Playlisten. Auf die ist Tidal ganz besonders stolz, sollen sie doch umfangreicher zur Verfügung stehen als bei anderen Services und besser kuratiert sein. Das sei mal dahingestellt. In der Web-App fühlt man sich hingegen nicht sonderlich wohl. Die ist unübersichtlich und dort, wo es so etwas wie Design gibt, sieht es aus wie Spotify. Wichtig: Das verlustfreie Streaming in der Browser-Version wird nur unter Google Chrome unterstützt. Das Angebot in Deutschland scheint ok. Die meisten Suchanfragen führten zum Erfolg, einige wenige nicht. Alles findet man in diesem digitalen Dschungel ja sowieso nicht, auch nicht bei Tidal. Daran wird auch Jay Z nichts ändern können. Aber dann doch vielleicht zumindest an unseren vermeintlich verdorbenen Hörgewohnheiten? Ein Test mit FLAC-Dateien, die wir via AirPlay auf einen 480 Euro teuren drahtlosen Lautsprecher streamten, lieferte zwar gute Ergebnisse, einen wirklich großen Unterschied zum regulären MP3 gab es dabei jedoch nicht zu hören. Das ändert sich schnell, wenn man Kopfhörer verwendet. Die Nachricht des Tages: MP3s sind einfach scheiße.

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