Amerikanische UtopieFilmkritik: „Fast & Furious 7“

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Alle Fotos: Universal Pictures.

Mitten während der Dreharbeiten von Fast & Furious 7 verunglückte der Schauspieler Paul Walker tödlich. Nach diversen Nachdrehs und mit Hilfe einiger technischer Tricks kommt der siebte Teil der erfolgreichen Reihe nun in die deutschen Kinos.

Als sich vor vierzehn Jahren Paul Walker alias Undercover-Cop Brian O’Connor in der illegalen Autorenn-Szene von L.A. zum Start einfand, wurde er anfangs verlacht von den Latinos, Asiaten und Schwarzen, die dort ihr halsbrecherisches Spiel trieben und sowohl die schönen Frauen an ihrer Seite als auch die Lachgaseinspritzung unter der Motorhaube hatten. Er wolle als Preis ihren Respekt, verkündete O’Connor den Versammelten. Im Folgenden musste er beweisen, nicht bloß das Weißbrot vom FBI zu sein.

Die Rassenbeziehungen im Amerika des 21. Jahrhunderts waren immer Subtext der Furious-Reihe, der Arbeitstitel des ersten Teils lautete nicht rein zufällig Race Wars. Mit dem Sequel lieferte John Singleton einen im New-Black-Cinema geerdeten Nachfolger und mit jedem weiteren Film wuchs das multi-ethnische Team um Brian O’Connor und Dom Torretto (Vin Diesel).
Im Jahr 2013 verunglückte Hauptdarsteller Walker vor Fertigstellung des siebten Teils tödlich. Jetzt hat es der Film aber trotzdem in die Kinos geschafft und bietet einen Plot um ein digitales Überwachungssystem in der Hand eines Warlords und dazu noch einen alten Bekannten, Jason Statham, der auf Rache sinnt. Daneben findet man die bewährten Zutaten: zahllose Bikinihosen und allerlei schnelle Autos, markige Sprüche, Prügeleien und wahre Männerfreundschaften. Als Neuzugang wuselt Action-Ikone Kurt Russell als offenbar higher Geheimdienstchef durchs Geschehen und darf mit Dom Torretto über belgisches Bier und Corona fachsimpeln.

Jason Statham

Bloß kein Stillstand

Seine Überladenheit und der scheinbar ständige Verweis auf Stereotypen gereichen Furious 7 nicht zum Nachteil, man muss der Reihe vielmehr bedingungslos dankbar sein für ihren Willen zur Überzeichnung, zur Oberfläche und zum Klischee. Amerika war seit eh und je mit einer demokratischen Intuition gesegnet, die die Konflikte der verschiedenen Ethnien als verhandelbar erkannte und die darauf hoffen ließ, dass sich die Beziehungen irgendwann normalisieren könnten. Dies tritt weniger in kleinteiligen kulturwissenschaftlichen Debatten als in der alltäglichen Praxis – im amerikanischen Leben – zu Tage: Man denke nur an den Schluss von Fast & Furious 6, als sich das gesamte Team zum uramerikanischen Barbecue einfindet. Anstatt sich auf einen hypersensiblen Umgangston zu versteifen, lässt man Rassenklischees ungebremst miteinander kollidieren. Das Aneinanderschweißen der verschiedenen Figuren trotz anfangs unüberbrückbar erscheinender Differenzen ist wichtiger als eine möglichst politisch-korrekte Darstellung im Stillstand.

Im Möglichkeitsbereich eines Exploitation-Streifens weicht die Überzeichnung unbemerkt einer Differenzierung. O’Connor ist mehr als ein weißer Posterboy, er geht für seine Freunde und seine Latina-Liebe sogar in die Illegalität und gibt seine bürgerliche Existenz auf. Südstaaten-Rapper Ludacris als Tej entwickelt sich im Verlauf der Reihe vom Host von illegalen Rennen zum Technik- und Internetspezialisten. Tyrese Gibson darf gleichermaßen über den weißen O’Connor spotten, wie sich seine eigene Höhenangst eingestehen. Und dann ist da noch Letty Ortiz (Michelle Rodriguez) — mitnichten bloß hispanischer Love-Interest von Torretto. Sie schlägt ihre Rennkonkurrenten mit Leichtigkeit und es gelingt ihr in einer großartigen Actionsequenz, O'Connor mit dem Heckspoiler ihres Autos von einem über die Klippe stürzenden Bus zu retten.

Vin Diesel

Utopie einer post-rassischen Gesellschaft

Neben seiner politischen Komponente ist die Konsequenz, mit der Furious 7 sein genretypisches Material ausbeutet, für einen jugendfreien Actionfilm eine wahre Wohltat. Als Bond-Verbeugung werden ein paar Partyschönheiten komplett goldgefärbt, O’Connor und Toretto dürfen eine sündhaft teure Luxuskarre durch drei Dubaier Hochhaustürme crashen, unterwegs legen sie noch eine Kunstgalerie in Scherben. Torretto möchte dem Grabstein seiner fälschlicherweise totgesagten Letty mit dem Vorschlaghammer zu Leibe rücken und Dwayne „The Rock“ Johnson muss ihn zum Schluss unter einer Platte Stahlbeton bergen, die er mit Leichtigkeit von dem Verwundeten entfernt. Das alles vermengt sich vor einem donnerndem Pop-Soundtrack zu einem bunten Actionreigen.
Das Franchise startete in den frühen 2000er-Jahren, als sich Amerika tatsächlich im Begriff sah, eine post-rassische Gesellschaft zu werden. Es war die Zeit, in der Tiger Woods im klassisch-bourgeoisen Weißen-Sport Golf unangefochtener Spitzenreiter wurde und Dr. Dre ausgerechnet einen „White Boy“ namens Eminem zum Schützling erhob. Nach den Ereignissen in Ferguson und anderswo scheint die sich damals abzeichnende Normalisierung zwischen den amerikanischen Ethnien wieder weit entfernt. Doch Furious 7 entlässt den Zuschauer mit einem Funken Hoffnung: Er habe keine Freunde, sondern Familie, sagt Dom Torretto über das pan-amerikanische Team an seiner Seite. In Furious 7 besinnt sich Amerika auf seine Stärke, aus deutlichen Widersprüchen verhältnismäßig lebenswerte Wirklichkeit zu gestalten. Ein achter Teil der Fast & Furious-Reihe ist übrigens auch schon in Planung.

Fast & Furious 7
USA 2015
Regie: James Wan
Drehbuch: Chris Morgan
Darsteller: Vin Diesel, Paul Walker, Michelle Rodriguez, Jason Statham, Dwayne "The Rock" Johnson, Ludacris
Kamera: Marc Spicer, Stephen F. Windon
Musik: Brian Tyler
Laufzeit: 137 min
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