Der anarchistische ClownFilmkritik: „Toni Erdmann“

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Maren Ades dritter Spielfilm Toni Erdmann begeisterte beim diesjährigen Filmfestival in Cannes die Kritiker. Jetzt startet der Film in den deutschen Kinos.

Anlässlich einer Diskussionsveranstaltung während der Berlinale 2016 unterstellte der Regisseur Christoph Hochhäusler in seinem Blog dem deutschen Film ein „protestantisches Problem“. An handwerklichen Fähigkeiten, Geld und Talent würde es den Filmemachern nicht fehlen, jedoch an Mut anzuecken und an einer Portion gefährlicher Wildheit – für zu bescheiden hält er die hiesige Filmkultur.
Mit Toni Erdmann soll nun endlich alles anders werden. Maren Ades dritter Spielfilm lief in diesem Jahr im Wettbewerb des Cannes Filmfestivals – das gelang zum letzten Mal Wim Wenders 2008 mit Palermo Shooting –, und sowohl die deutsche als auch die internationale Filmkritik überschlug sich mit Lobeshymnen. Wild und komisch, originell bis ins Absurde, ein Triumph der Leichtigkeit – solche Huldigungen lassen selbst die größten Skeptiker aktuellen deutschen Filmschaffens aufhorchen. Und auch wenn der Film bei der offiziellen Preisverleihung überraschenderweise leer ausging, so wurde er doch mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet.

##Ein Film über Humor
Der erste Trailer zum Film ließ viele Beobachter dann leicht ratlos zurück. Hatte es nicht geheißen, Maren Ade habe eine Komödie gedreht? Die Bilder orientierten sich jedoch keinesfalls an der leuchtenden Hochglanzästhetik vieler Hollywood-Komödien und erinnerten eher am typisch tristen Look der Berliner Schule. Und so richtig etwas zum Lachen gab es dort eigentlich auch nicht.
Eine Komödie im klassischen Sinn ist Toni Erdmann mit Sicherheit auch nicht geworden. Die Regisseurin selbst bezeichnet ihr Werk als einen Film über Humor.
Die Grundstruktur, die Toni Erdmann zugrunde liegt, kennt man bereits aus unzähligen anderen Filmen wie „Big Daddy“ (1999), „About a Boy“ (2002) und „Kokowääh“ (2011): Ein erwachsener Protagonist ist gefangen in seiner Alltagswelt. Plötzlich tritt ein Kind in sein Leben und stellt sie komplett auf den Kopf. Nach anfänglichen Widerständen nähern sich die Beiden an und der erwachsene Protagonist lernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Maren Ade bedient sich dieses bewährten Prinzips und dreht es auf links. Ihr Film handelt von einer jungen Karrierefrau, deren Leben von ihrem infantilen Vater auf den Kopf gestellt wird.
Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin. Bald soll sie eine neue Stelle in Shanghai antreten. Vorher muss sie jedoch noch einem deutschen Unternehmen in Bukarest dabei helfen, möglichst geräuschlos einige Teile der Produktion auszulagern. In ihrem von Männern dominierten Arbeitsalltag muss sie täglich aufs Neue ihre Toughness unter Beweis stellen. Ihr häufig ziemlich skrupelloses Verhalten rechtfertigt sie vor sich selbst, indem sie sich einredet, eigentlich nur die Drecksarbeit für ihre zu feigen Auftraggeber zu machen.

Zum Leben bleibt kaum Zeit in dieser Welt, in der selbst ein Geburtstags-Brunch zur Team-Building-Maßnahme wird und der Arbeitskollege schon aus rein pragmatischen Gründen als Sexualpartner herhalten muss.

Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) ist von einem ganz anderen Schlag. Der alleine mit seinem Hund lebende Musiklehrer beobachtet Ines’ Karriere mit Stolz und Besorgnis – wobei Letztere deutlich überwiegt. Als sein Hund stirbt, entschließt sich der Alt-68er, seiner Tochter in Rumänien einen spontanen Besuch abzustatten, um sie daran zu erinnern, dass das Leben aus mehr als Team-Meetings, langweiligen Empfängen und Business-Lunches besteht.

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##Botschafter des Widersinns
Schon bei Maren Ades letztem Film „Alle anderen“ (2009) waren einige Stimmen zu vernehmen, die der Regisseurin vorwarfen, auf der Leinwand vor allem Szenen zu reproduzieren, die zumindest die Zuschauer ihrer Generation nur allzu gut aus ihrem eigenen Leben kennen. Eine Identifikation mit den Charakteren würde dem Kinopublikum ein wenig zu leicht gemacht, da einem das Gesehene sofort vertraut vorkomme und man ständig denken müsse: „Ja genau, kenn ich!“ Doch wollen wir im Kino wirklich bereits Bekanntes noch einmal nacherleben, sollten wir uns nicht eigentlich von dem Unbekannten, dem Gefährlichen, dem Wilden faszinieren lassen?
Auch in Toni Erdmann wird dem Publikum die Identifikation mit den Protagonisten nicht gerade schwer gemacht. Es wird sich wohl kaum ein Zuschauer finden lassen, der nicht entweder mit der gestressten Karrierefrau oder mit ihrem mit Unverständnis auf die rast- und herzlose moderne Arbeitswelt blickenden Vater mitfühlen kann. Und auch die Scham, die Ines empfindet, als sie sich dazu gezwungen sieht, ihre leibliche und ihre Business-Familie zusammenzuführen, kennen wir aus unseren eigenen Leben nur allzu gut. Doch dann kommt Toni Erdmann ins Spiel! Und auch wenn er wahrscheinlich nicht, wie man anhand einiger Lobpreisungen des deutschen Feuilletons vermuten könnte, das deutsche Kino im Alleingang retten wird, so macht er Maren Ades Film doch zu etwas absolut Besonderem.

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Toni Erdmann ist Winfrieds Alter-Ego, in das er sich stürzt, nachdem sein Spontanbesuch bei seiner Tochter zum Desaster geworden ist. Toni trägt ein windschiefes Gebiss, eine Perücke und glitzernde Seidenanzüge und ist stets mit einem Furzkissen bewaffnet. Er behauptet, gut mit dem ehemaligen Boris-Becker-Manager Ion Tiriac bekannt zu sein und als Coach für Ines’ deutschen Auftraggeber zu arbeiten. Im Umgang mit Ines, die auf Toni zum ersten Mal unverhofft bei einem Restaurantbesuch mit Freundinnen trifft, fällt dieser so lange nicht aus seiner Rolle, bis Ines irgendwann entnervt damit beginnt, sein Spiel mitzuspielen und entdeckt, dass sie nicht nur knallharte Business-Frau, sondern eben auch Tochter ihres Vaters ist.

Toni Erdmann, der daherkommt wie eine Mischung aus Peter Sellers und Rudi Dutschke, ist ein anarchistischer Clown, ein Botschafter des Widersinns und eine der tollsten Filmfiguren des internationalen Kinos der letzten Jahre.

Dem ehemaligen Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne Peter Simonischek und der Regisseurin Maren Ade gelingt es, einen Charakter zu erschaffen, der sowohl glaubwürdig und authentisch als auch originell und unberechenbar ist – und darüber hinaus immer wieder einfach wahnsinnig witzig. Dem Film die deutsche Bescheidenheit, das Protestantische, auszutreiben, gelingt auch ihm nicht komplett, doch wenn Toni Erdmann im Bild zu sehen ist, denkt man zumindest nicht einmal: „Ja genau, kenn ich!“

Toni Erdmann
D 2016
Regie & Drehbuch: Maren Ade
Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell, Ingrid Bisu
Schnitt: Heike Parplies
Kamera: Patrick Orth
Laufzeit: 162 min
ab dem 14.7.2016 im Kino

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