Teilen und Herrschen – Sharing is CaringUnderstanding Digital Capitalism II | Teil 4

UDC II Teil 4 Start Bohrmaschine

Die Welt sehen, Nachbarn kennenlernen und dabei Geldbeutel und Ressourcen schonen – das alles verspricht die Shareconomy. Wir untersuchen, warum auf dem Weg vom Sharing zur Economy all die guten Vorsätze auf der Strecke bleiben.

Nachhaltigkeit

Haben wir nicht alle schon einmal darüber nachgedacht, wie die Welt aussähe, wäre sie nur vernünftig geplant? Wenn Autos nicht 90% der Zeit ungenutzt herumstünden, wenn Werkzeuge, Wohnraum, Lebensmittel etc. optimal verteilt und genutzt würden? Und könnte man das nicht ganz einfach über das Internet lösen?

Demgegenüber ist ja das Ziel kapitalistischen Wirtschaftens, möglichst viele Produkte und Dienstleistungen gewinnbringend zu verkaufen – ob diese dann benutzt werden, ist egal. Der Kapitalismus ist Meister darin, neue Bedürfnisse zu generieren, diese dann in Warenform zu befriedigen, nur um gleich das nächste Produkt zu entwickeln. Jedes Jahr ein neues Smartphone soll es sein! Wenn die Werbung nicht greift, dann muss eben eingebaute Obsoleszenz herhalten: Einem Gutachten für Die Grünen aus dem Frühjahr 2013 zufolge geben die Haushalte in Deutschland pro Jahr 101 Milliarden Euro mehr aus als nötig, weil die Haltbarkeit vieler Produkte künstlich reduziert worden ist.

Die Kalifornische Antwort

Kritik an diesem unbegrenzten Wachstum und gesteigerten Konsum haben nicht etwa die Linken erfunden, die ja bis weit in die 70er-Jahre hinein an der „Entwicklung der Produktivkräfte“ durch das Kapital zunächst mal nichts auszusetzen hatten, sondern die kalifornischen Hippies. Selbstverwirklichung, unter anderem durch ökologischen, bewussten Konsum, löste hier die kollektiven Revolutionsvorstellungen der alten Linken ab (mehr dazu demnächst in dieser Reihe). Diese Kritik floss auch in die Kalifornische Ideologie, das mindset des Silicon Valley, ein. In dessen Zentrum steht die Überzeugung, eine bessere Welt mit Hilfe von Kommunikationstechnologien, freiem Markt und erleuchteten Unternehmerpersönlichkeiten erreichen zu können. Die Utopien der Hippies werden durch intelligente Software und Kommunikation über globale Netzwerke verwirklicht.

Nachhaltigkeit im Cyberspace

Die Sharing-Ökonomie nimmt die Kritik an diesem verschwenderischen Kapitalismus auf und verspricht nicht nur eine Schonung der Ressourcen, sondern eine egalitärere Gesellschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Jeremy Rifkin und andere sehen in der Sharing Economy, in den „kollaborativen Commons“ gar den Kapitalismus überwindende Ansätze. Ist also ein vernünftiger, nachhaltiger Kapitalismus möglich, gar schon dabei, sich herauszubilden?

Fairleihen Logo UDC II Teil 4

Fair leihen

Lieblingsbeispiel der Shareconomy-Evangelisten ist die Bohrmaschine, die im Privathaushalt nahezu unbenutzt herumliegt, dabei Platz beansprucht und alle Jubeljahre mal amateurhaft eingesetzt wird. Wie die Bohrmaschine geht es vielen anderen Dingen auch: Kleidung, Spielsachen, Sportgeräte, Gesundheitsprodukte, Bücher, Schallplatten usw.

Fairleihen.de ist eine gemeinnützige und spendenfinanzierte Online-Plattform, die es sich zum Ziel gesetzt hat, genau solche Dinge besser zu nutzen. Derzeit finden sich 1962 unterschiedliche Objekte vom Nassstaubsauger bis zum Biene-Maja-Buch auf der Plattform im Angebot. Zum Vergleich: Ebay listet ca. 800 Millionen Gegenstände. Wie dieser geht es vielen nichtkommerziellen Initiativen: Sie dümpeln in der Bedeutungslosigkeit, wirken amateurhaft, sind weit davon entfernt, eine kritische Masse zu erreichen, bei der der Netzwerkeffekt einsetzen könnte.

Verleih-Business

Was passiert nun, wenn der Betreiber der Seite oder die Anbietenden Geld verlangen für das „Teilen“? Bleibt der positive Effekt für alle Beteiligten nicht erhalten? Weit gefehlt: Sobald mit der Vermietung oder der Vermittlung Geld verdient wird, gerät eben dieses Geld verdienen in den Fokus: je mehr ich verleihe bzw. vermittle, desto besser. Je nach Nachfrage werden weitere Bohrmaschinen angeschafft und umsatzsteigernde Maßnahmen in Angriff genommen: Werbung („Bohr‘ mal wieder“), Rabattaktionen, Erweiterung der Produktpalette, flexible Preise und Gebühren, kurz: die ganze Marketing-Leier. Das Teilen ist zum Verleih-Business geworden.

Couchsurfing Logo UDC II Teil 4

Couch surfen

Die Online-Plattform Couchsurfing wurde bereits 2003 von Casey Fenton gegründet. Ziel war es, Privat-Übernachtungen zu vermitteln, wobei es vornehmlich darum gehen sollte, Freundschaften zwischen Menschen auf Reisen und einheimischen Gastgebern zu ermöglichen. Zunächst als gemeinnütziger Verein angemeldet, wurde 2011 die Unternehmensform geändert und offiziell ein gewinnorientiertes Unternehmen daraus. Laut Sam Houston, ehemaliger „Community Manager“ bei Couchsurfing, finanziert sich die Firma seit Neustem durch Werbung und die Verifizierung von Nutzern. Die eigentliche Vermittlung von Übernachtungsplätzen (ca. 4 Millionen pro Jahr) ist dagegen nach wie vor kostenlos. Zum Vergleich: AirBnB vermittelt ca. 182 Millionen Übernachtungen jährlich.

airbnb logo

AirBnB

Mit drei aufblasbaren Luftmatratzen plus Frühstück beginnt die Legende von AirBnB (airbed & breakfast). Die beiden Gründer breiteten anlässlich einer Designkonferenz in San Francisco – alle Hotels waren ausgebucht – kurzerhand drei Luftmatratzen im Wohnzimmer aus und vermieteten die Schlafplätze für 80 Dollar die Nacht.

Erst im nächsten Schritt wurde aus der eilig zusammengestückelten Website eine skalierbare Vermittlungs-Plattform: Anbieter von privaten Übernachtungsplätzen und Übernachtungsgäste finden hier zueinander. Die Algorithmen der Plattform helfen dabei, die richtigen Übereinstimmungen zu finden, in einem Geschäftsmodell, das leicht skalierbar und weltweit funktioniert. Spätestens seit 2011 Ashton Kutcher in AirBnB investierte, geriet das Start-up in den weltweiten Fokus. Heute ist die Firma angeblich 25,5 Milliarden US-Dollar wert und damit mehr als viele Hotelketten, obwohl sie über keine einzige Immobilie verfügt.

Plattform-Logik

AirBnB und andere Vermittlungs-Plattformen erhalten für ihre Vermittlungsleistung zwar nur einen geringen Anteil der Umsatzes, bei AirBnB sind das derzeit 3% der Mietsumme von den Vermietern und zwischen 6 und 12% der Mietsumme von den Mietern. Die Gebühren können so niedrig sein, weil AirBnB extrem niedrige Fixkosten hat. Diese beschränken sich auf Versicherung, Gastgebergarantie, Kundendienst sowie die Erstellung professioneller Fotos, ein Service, der in den meisten Metropolen kostenlos angeboten wird.

Jede weitere Vermietung eines bereits eingestellten Objekts ist für die Plattform mit minimalen Kosten verbunden. Die horizontale Skalierbarkeit des Services ist enorm – nichts skaliert besser als Online-Anwendungen: mehr Server und mehr Bandbreite genügen. Das hat zur Folge, dass Start-ups wie das erst 2008 gegründete AirBnB innerhalb weniger Jahre internationale Hotelketten herausfordern, ein- und sogar überholen können: Das nennt man dann Disruption einer bestehenden Branche, die nicht weiß, wie ihr geschieht.

It’s Not Sharing, It’s Rent

AirBnB gilt als Paradebeispiel einer erfolgreichen Plattform der Sharing Economy. Was AirBnB tatsächlich macht, ist die Vermittlung von Mikro-Mietverhältnissen. „It’s not sharing, it’s rent,“ meinte schon der Autor Adam Booth. Die Hotel-Reservierungs-Plattform HRS würde auch niemand zur Sharing Economy zählen! Und die Amateur-Vermieter verdienen kräftig mit – so werden z.B. in San Francisco im Schnitt 111 Dollar für eine AirBnB-Übernachtung fällig.

Screenshot inside airbnb

Screenshot: Inside Airbnb

Zweckentfremdung

AirBnB und anderen Portalen wird vorgeworfen, nicht nur die Hotelbranche, sondern insbesondere den Markt für Mietwohnungen in Großstädten zu disruptieren. Vermieter und Mieter bieten immer häufiger de facto Ferien-Apartments über die Plattform an, diese fehlen dann auf dem regulären Mietmarkt. Der Nachfragedruck auf den Mietmarkt steigt, was wiederum erhöhte Mieten nach sich zieht.
Mieter können versuchen, die höheren Mieten durch AirBnB-Untervermietung wieder hereinzuholen, und der Teufelskreis ist perfekt. Vielschichtige, negative Auswirkungen auf Wohnquartiere sind die Folge. Dazu kommen noch gewerbliche Vermieter, die im großen Stil die Plattform nutzen, dabei Vorschriften umgehen und Steuern sparen. Der emsigste Anbieter in Berlin („Frank und Florian“) hat sage und schreibe 40 Objekte bei AirBnB gelistet, 10% aller Nutzer bieten mehr als ein Inserat an.

Regulierung

Seit Mai 2014 ist es in Berlin zwar gesetzlich verboten, eine Mietwohnung ohne Genehmigung als Ferienwohnung zu vermieten (Stichwort: »Zweckentfremdungsverbot«), allerdings ist die Dunkelziffer wohl noch immer sehr hoch. Versuche von institutioneller Seite mit Verboten und Kontrollen gegenzusteuern brauchen Zeit, bis sie verabschiedet werden und ihre Wirkung entfalten können. Tatsächlich ist die Zahl komplett vermieteter Wohnungen von 11.000 im Februar 2016 auf rund 6.700 im März gesunken. Der Anteil von ganzen Wohnungen – eher als bei einzelnen Zimmern ein Indiz für kommerziellen Betrieb, insbesondere bei mehreren Angeboten pro Vermieter – hat sich von 21 auf 15% verringert Vor zwei Jahren waren es noch 30%.

Funktioniert das Zweckentfremdungsverbot also?

AGB-Politics

Demgegenüber berichtete Die Zeit, AirBnB habe von sich aus vielen Anbietern angesichts massiver Kritik an der Zweckentfremdung von Wohnraum gekündigt. „Wir behalten uns das Recht vor, Inhalte nach eigenem Ermessen ganz oder teilweise zu entfernen, wenn sie gegen die Richtlinien oder die Nutzungsbedingungen von AirBnB verstoßen oder aus anderen Gründen entfernt werden müssen,“ heißt es dazu in den AGB. AirBnB führt die Kündigungen süffisant auf „Entscheidungen automatisierter Systeme“ zurück, so Die Zeit weiter. So geht Regulierung! Die Plattform AirBnB selbst kann einfach aufgrund weit gefasster AGB jederzeit Vermieter und Mieter von der Plattform ausschließen, wie wohl aus Image-Gründen in Berlin geschehen. Behördliche Regulationsbestrebungen sehen dagegen alt aus.

Mit einer Wohnung kann man einen Menschen geradeso erschlagen wie mit einer Axt (Heinrich Zille)

Aus dem Sharing-Gedanken ist also das nächste große (kapitalistische) Ding geworden. Wir alle werden zu Mikro-Unternehmern einer egalitären, die Ressourcen schonenden kollaborativen Ökonomie – so das Credo der Shareconomy. Und das unter Beibehaltung von Privatbesitz, Warenproduktion, Profitorientierung und freiem Markt.

Doch Teilen heißt noch lange nicht Teilhabe, denn: „Wer kein Geld besitzt, hat eben auch keinen Zugang zum Sharing,“ wie der Philosoph Byung-Chul Han sagt. Und weiter: „AirBnB, der Community Marktplatz, der jedes Zuhause in ein Hotel verwandelt, ökonomisiert sogar die Gastfreundschaft und das System gegenseitiger Bewertungen ist zu einem panoptischen Kontrollmechanismus geworden.“
In Anlehnung an Zille könnte man sagen: Mit einer Bewertung kann man einen Menschen geradeso erschlagen wie mit einer Wohnung.
Noch einmal Byung-Chul Han: „Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich.“

In zwei Wochen gehen wir der Frage nach, ob die Auto-Branche auch zur Plattform wird, und wagen einen Ausblick in die post-fordistische Mobilitäts-Ökonomie.

Tom Slee: Deins ist Meins. Die unbequemen Wahrheiten der Sharing Economy. München 2016
Brigitte Kratzwald: AirBnB, ein Gemeinschaftsgarten? Warum Silicon Valley und Massenmedien “Sharing” nicht verstehen.
Byung-Chul Han: Warum heute keine Revolution möglich ist
Stefan Schridde, Christian Kreiß, Janis Winzer: Geplante Obsoleszenz. Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, 21. März 2013.
Reinhard Loske: Aufwachen, bitte. Überlasst die Sharing-Ökonomie nicht den Internetriesen
Tagesspiegel: Streit um Ferienwohnungen in Berlin
Inside AirBnB Adding Data to the Debate
Adam Booth: The Sharing-Economy, the Future of Jobs, and Postcapitalism

Zur Übersicht aller bisherigen Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

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