Dieser Kapitalismus funktioniert nicht?Understanding Digital Capitalism II | Teil 1

UDC II Teil 1 Start Dagobert

Good News. Unsere erfolgreiche Themenreihe »Understanding Digital Capitalism« wird in diesem Jahr fortgesetzt. In dem ersten Teil der zweiten Staffel beschäftigt sich unser Autor Timo Daum noch mal intensiv mit dem Terminus Kapitalismus. Wieso funktioniert der Kapitalismus nicht? Was hat es mit dem sogenannten Post-Kapitalismus auf sich? Welche Rolle sollte heute Kapitalismuskritik spielen, und was bedeutet „funktionieren“ überhaupt in diesem Zusammenhang?

Life After Capitalism?

Paul Mason, Technologie-Experte des britischen Guardian und einer der kompetentesten Autoren im Bereich Technologie und Gesellschaft kommt in seinem gerade erschienenen Buch „Post-Kapitalismus“ zu dem Schluss: „Dieser Kapitalismus funktioniert nicht.“ Er konstatiert mit Blick auf die Finanzkrise: „Spätestens seit 2008 stottert der Motor.“ Und er fragt, ob „wir eine der üblichen Krisen oder den Anbruch einer postkapitalistischen Ordnung“ erleben.
Der Autor entscheidet sich für Letzteres. Durch die Digitalisierung gerate der Kapitalismus an seine Grenzen. Mason zufolge stellt sich heraus, dass die Informationstechnologien nicht zu einem „neuartigen, stabilen Kapitalismus“ taugen, im Gegenteil. Das digitale Zeitalter führe zu Zersetzung von Markmechanismen, Aushöhlung von Eigentumsrechten und zerstöre die Beziehung zwischen Einkommen, Arbeit und Profit.

Paul Mason steht nicht allein mit seiner Diagnose. Auch Jeremy Rifkin, mit dem sich diese Reihe schon beschäftigt hat, sieht ein Ende des Kapitalismus nahen: Das Internet der Dinge, die Shareconomy und die allgemeine Verfügbarkeit digitaler Güter führen ihm zufolge dazu, dass der Kapitalismus quasi automatisch übergeht in etwas Neues, das er „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ nennt. Und Nick Srnicek und Alex Williams konstatieren in ihrem furiosen Manifest „Inventing the Future“: „Neoliberalism isn’t working” und gehen dann dazu über, gleich über „life after capitalism“ zu philosophieren.

Was heißt überhaupt „funktionieren“?

Was heißt hier aber, der Kapitalismus funktioniert nicht mehr? Heißt das, der Kapitalismus ist kaputt, wir brauchen einen neuen? Eine Kaffeemaschine z.B. funktioniert, tut ihren Dienst, ist mehr oder weniger funktional, bis sie irgendwann kaputt geht, nicht mehr funktioniert. Ist das gemeint mit Nicht-Funktionieren? Wohl eher nicht. Masons Feststellung Impliziert doch aber, dass der Kapitalismus in der Vergangenheit mal stabil gewesen sei, und Marktmechanismen, Eigentumsrechte und Arbeit funktioniert hätten. Aber stimmt das denn?

Eine Katastrophe, die funktioniert

Rational war der Kapitalismus noch nie. Die Globalisierung „ist nicht wie eine Naturkatastrophe, ist aber menschengemacht, wenngleich nicht geplant“, so Rüdiger Safranski. Man muss sich nur auf unserem Planeten umschauen, der demnächst erstickt an den Treibhausgasen, einen Blick auf die Gräuel des 20. Jahrhunderts werfen – Kriege, Elend, Skrupellosigkeit überall. Safranski bringt das Paradox der funktionalen Dysfunktionalität des Kapitalismus auf den Punkt:

„Die Prozesse sind im Einzelnen rational und im Ganzen unvernünftig.“

Oder aber „es funktioniert“ meint so etwas wie „Nordkorea funktioniert“, oder „Saudi-Arabien funktioniert“: Politische Systeme, die in vielerlei Hinsicht dysfunktional und trotzdem über einen langen Zeitraum stabil sind. Oder das öffentlich rechtliche Rundfunk-System: funktioniert nicht gemessen an seinem Bildungsauftrag, an Qualitätskriterien, am gesundem Menschenverstand – hält sich aber hartnäckig als funktionierendes System von Pfründen, Macht und Geld.

Ist nicht vielmehr das Gegenteil der Fall: Der Kapitalismus funktioniert hervorragend, er war noch nie so tief in Individuen und Gesellschaft weltweit über alle kulturellen Grenzen hinweg verankert wie heute. Die ganze Welt benutzt Google und Facebook (fast), und der unbedingte Wille und gleichzeitig der Zwang mitzumachen, sind universell geworden. Es gibt Krisen – die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Griechenlandkrise – und allesamt werden sie erfolgreich gemanagt. Die Merkel-Raute steht geradezu für ein Manövrieren innerhalb von Sachzwängen; aber mit dem Einverständnis der Mehrheitsgesellschaft, der Einsicht in das kleinere Übel, die Realpolitik der weniger schlimmen Option.

Post-Kapitalismus durch Information

Masons Versuch ist nur der jüngste in einer langen Reihe von Versuchen, das Ende des Kapitalismus auszumachen, dem technologische Veränderungen den Garaus machen. Angefangen bei Daniel Bells The Coming of Post-Industrial Society aus den 70er-Jahren, haben zahllose Autoren immer wieder Anstrengungen unternommen, den Übergang von der kapitalistischen Gesellschaft zu etwas Neuem auszubuchstabieren.

Dabei kommen die einflussreichsten Interpretationen des Post-Kapitalismus von Neo-Konservativen, die eine utopische Informationsgesellschaft entwerfen, die quasi natürlich durch den vernünftigen Umgang mit Informationstechnologien eine ökologischere, gerechtere Lösung für die Widersprüche des industriellen Kapitalismus bereithält: das globale Dorf Marshal McLuhans, das Universum der Technischen Bilder Vilém Flussers, die post-kapitalistische creative society Floridas und zuallererst die Informations- und Wissensgesellschaft Daniel Bells – verschiedene Namen für ein- und dasselbe: Soziale Antagonismen lösen sich auf, werden obsolet und abgelöst durch eine demokratischere, egalitärere Gesellschaft. Frei flottierende Information und und geteiltes Wissen bilden die Basis nachhaltigen Wachstums und allgemeinen Wohlstands.

Schon Bells „postindustrielle Gesellschaft“ war und ist durch Merkmale gekennzeichnet, die allesamt auch bei Mason auftauchen: der Übergang von Warenproduktion zur Produktion von informationellen Dienstleistungen, Steigerung des Anteils von Wissens-Arbeit an der Arbeit insgesamt, die Verwendung theoretischen Wissens als unmittelbarem Produktionsfaktor und dem Auftauchen neuer Eigentums- und Nutzungsformen in der digitalen Informationsökonomie.

Was ist eigentlich Kapital?

Die Informationsgesellschaft oder der Post-Industrialismus ist da, aber heißt das auch automatisch, der Kapitalismus ist zu Ende? Verwechseln die genannten Autoren vielleicht eine bestimmte historische Etappe mit dem Kapitalismus überhaupt?

Marx beginnt seine Analyse des Kapitals nicht mit dem Produktionsprozess, nicht mit der Arbeit oder ihrer Ausbeutung durch Kapitalisten.

Er fängt an mit der Ware und ihrem Tauschwert, Abstraktionen, die ein gesellschaftliches Verhältnis ausdrücken, das wiederum den Dingen zugeschrieben wird: der Fetischismus der Waren. Und er nennt sein Opus Magnus Kapital. Und Kapital ist zunächst einmal nichts anderes als Geld, das mehr Geld produziert: G-G. Weil „Geld heckendes Geld“ – Kapital immer noch der Motor und die Essenz des Ganzen sind. Das ist viel weiter gefasst, als Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Produktion von Waren, die auf dem Markt verkauft werden, dort einen Preis erzielen, der dem Durchschnittsquantum abstrakter Arbeit entspricht, der in der einzelnen Ware vergegenständlicht ist.

Sorry Folks: Immer noch Kapitalismus

Haben wir es immer noch mit Kapitalismus zu tun? Definiert man Kapitalismus als „Kapitalisten beuten Arbeiter aus, die in der Fabrik Waren herstellen, die auf dem Markt verkauft werden, dabei durch ihre Arbeit den Tauschwert der Waren erhöhen durch die in ihnen vergegenständlichte Arbeitsquanta etc.“ – dann vielleicht nicht. Mit anderen Worten: machen wird den industriellen Kapitalismus mit seiner tayloristischen Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, der in materiellen Gütern vergegenständlichten abstrakten Arbeit zum Kriterium, dann vielleicht nicht mehr.

Die Historizität des industriellen Kapitalismus zeichnet sich so langsam ab. Man könnte ihn angesichts der rasanten digitalen Transformation als Vorgeschichte eines Digitalen Kapitalismus bezeichnen, dessen Ausbildung wir heuer Zeugen sind: Das Kapital hat neue Wege gefunden und findet sie täglich neu, um aus Geld mehr Geld zu machen, selbst mit dem paradoxen wunderlichen Ding, das da digitale Information heißt, diesem Zwitter aus Ware und Dienstleistung, Allgemeingut und Privatbesitz.

„Boy, have we patented it!”

Die Aufgabe für Kapitalismuskritik heute ist eine zweifache: einerseits Gewissheiten über Bord werfen, die in ihrer Gültigkeit beschränkt sind auf die historische Phase des industriellen Kapitalismus. Und andererseits eine Antwort auf folgende Frage finden:

Wenn allgemein verfügbares Wissen in digitaler Form ins Zentrum aller ökonomischen Aktivität gerät – wie schafft es das Kapital dann, das immer noch privat auszubeuten?

Steve Jobs Bemerkung bei der Vorstellung des iPhones im Jahre 2007 verweist genau auf diesen Kernpunkt kapitalistischen Wirtschaftens: die private Aneignung allgemeinen Wissens, öffentlicher Forschungsergebnisse sowie deren profitable Sicherung über Patente und das Design der Plattformen zu deren Vermarktung. Mark Fliegauf hat am Beispiel des iPhones von Apple aufgezeigt, dass dessen Schlüsseltechnologien letztlich Ergebnisse staatlich organisierter Forschung und Entwicklung sind (siehe: Die Traumfabrik Silicon Valley).

Das Kapital ist heute stärker als je darauf angewiesen, die politische Sphäre zu überzeugen, die Voraussetzungen seiner Verwertung zu garantieren. Die Gewinner des digitalen Kapitalismus sind Meister darin, sich die Commons, öffentlich zugängliches Wissen, anzueignen und zu re-privatisieren. Neu verpackt als digitale Waren und Dienstleistungen werden Geschäftsmodelle daraus, die vor kurzem noch undenkbar waren.

Ausblick auf die Reihe

Der zweite Teil der Staffel der Reihe „Understanding Digital Capitalism“ wird in 14 Tagen fortgesetzt mit einem Artikel zum Kapitalismus der Plattformen. Im weiteren Verlauf setzen wir uns mit der „Shareconomy“ auseinander, werfen einen Blick in die „umzäunten Gärten“ der App-Stores und schauen uns einen disruptiven Mobilitätsdienstleister genauer an: Uber. In den folgenden Artikeln wenden wir uns der Arbeit im Digitalen Kapitalismus zu: Was ist aus Holm Friebes und Sascha Lobos digitaler Bohème geworden, wie sieht die digitale Arbeitswelt heute so aus, und was macht das mit uns allen?

Zum Schluss wird es um juristischen Konstrukte und Auseinandersetzungen um Rechte und ihre Ausbeutung gehen, Wir werfen einen Blick auf die Geschichte und Aktualität von Urheber- und Verwertungsrechten, die im informationellen Kapitalismus immer wichtiger werden.

Nick Srnicek and Alex Williams, Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work, Verso 2015
Paul Mason: Dieser Kapitalismus funktioniert nicht. Über den Unterschied zwischen Zigaretten und Musikdateien, Le Monde Diplomatique April 2016.
Paul Mason: PostCapitalism. A Guide to our Future, London 2015
Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?, Hanser 2003
Daniel Bell: The Coming of Post-Industrial Society, Basic Books 1973
Holm Friebe und Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit: Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, Heyne 2006
Richard Florida: The Rise Of The Creative Class: And How It's Transforming Work, Leisure, Community And Everyday Life, New York 2002
Steve Jobs stellt das iPhone vor

Zur Übersicht aller bisherigen Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

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