Die Traumfabrik Silicon ValleyUnderstanding Digital Capitalism | Teil 6

UDC 11 Startbild

Das Tal, in dem das Bits-und-Bytes-Gold vergraben liegt? Der große Schatz, das „next big thing“ unserer digitalen Welt? Das Silicon Valley steht sinnbildlich für kreative Unternehmen, die es mit Hardware und Software, mit Suchmaschinen und Social Media zur Weltmarktführerschaft gebracht haben. Timo Daum hat sich das Tal genauer angeschaut, sowohl geografisch als auch historisch. Und entlarvt so manchen Mythos.

„Go west!“ Das war der Schlachtruf der Goldsucher, die um 1850 nach Kalifornien strömten. Hier findet der große Treck gen Westen seine geografische Grenze – weiter westlich geht nicht. „Go west!“ lautet seitdem das Motto aller Abenteurer, Siedler und Entrepreneure. Im Norden Kaliforniens, östlich von San Francisco, liegt das Silizium-Tal, Projektionsfläche für technologisch-unternehmerische Träume und steter Quell digitaler Verheißungen. Beliebtes Fotomotiv im Silicon Valley sind mangels reizvollerer Sehenswürdigkeiten gerne Garagen: die von Hewlett-Packard, die von Apple. Kleine überdachte Auto-Abstellplätze in Suburbia, in denen College-Studenten an Maschinen und Software basteln und dabei Weltfirmen gründen – einfach weil sie so gute Programmierer und Geschäftsmänner sind. So in etwa lautet der Mythos dieser ansonsten recht tristen Gegend. Der ehemalige Chefredakteur des Springer-Blattes „Die Welt“, Christoph Keese, spricht von einer „einzigartigen Kultur […], die sich in rasender Geschwindigkeit zur Leitkultur (!) des digitalen Zeitalters entwickelt.“

Ein Tal, das keines ist

Was macht diese kleine Region östlich von San Francisco so besonders? Es ist gar kein Tal, eher eine leicht ansteigende Hügelkette, die sich bis San Jose im Osten erstreckt. Und architektonisch ist die Gegend auch eher enttäuschend. Die ca. 4.000 Quadratkilometer sehen aus wie der Gewerbepark einer schwäbischen Kleinstadt, ausgedehnt auf einer knapp fünf Mal so großen Fläche wie Berlin. Andrew Keen nennt das Silicon Valley ein „reality distortion field“. Damit beschreibt er die Fähigkeit des Silicon Valley, die Realität zu verzerren, Phantasmen aufzubauen, Banales unwiderstehlich wirken zu lassen. Laut Keen war Apple-Gründer Steve Jobs ein Meister darin, dem Publikum ein X für ein U vorzumachen. Schauen wir uns das mal genauer an.

Google Fahrrad

Google mit Fahrrad oder die Banalität des Imperiums. Foto: Eva Lia Reinegger

Ursprünglich als Name für die hier angesiedelte Halbleiterindustrie geprägt, wird „Silicon Valley" heute auf alle High-Tech-Firmen in der Region angewendet, die mittlerweile überwiegend Software und digitale Dienste bereitstellen. Viele der weltgrößten High-Tech-Firmen sind hier angesiedelt: Apple, Cisco, Hewlett-Packard, Intel. Außerdem Software-Firmen und die Stars der Internet-Ökonomie: Google, Ebay, Yahoo, Facebook, Paypal. Die Konzentration an Startups aus dem Technologiesektor ist weltweit einzigartig. Ein Drittel des weltweiten Risikokapitals konzentriert sich hier. 1955 gründete William Shockley, der Erfinder des Transistors, seine erste Firma in Mountain View. Auch der 1968 gegründete und heutige Quasi-Monopolist für Computer-Prozessoren Intel residiert ein paar Meilen entfernt in Santa Clara. Mit der Verbreitung der Computertechnik seit den 1960er-Jahren konzentrierten sich immer mehr Hardware-Unternehmen in dieser Region, in den 1970er-Jahren schlossen sich dem auch die zunehmend wichtiger werdenden Software-Hersteller an.

Academia: ortsansässig

Neben Berkeley ist Stanford die wichtigste Universität der Westküste und zusammen mit dem MIT eine der forschungsstärksten und renommiertesten Institutionen in den USA. Sie zählt derzeit 15.000 Studierende. Die Privatuniversität ist eine der reichsten der Welt. Hier zu studieren, kostet ca. 40.000 US-Dollar Gebühren pro Jahr. Stanford liegt in unmittelbarer Nähe zum Valley und gilt als entscheidender Wachstumsfaktor der Region. 1951 wurde der Stanford Industrial Park gegründet, eine Art an die Uni angeschlossenes Gewerbegebiet. Stanford rühmt sich, damit den weltweit ersten Technologie-Park installiert und so entscheidend zum Erfolg des Silicon Valley beigetragen zu haben. Das Konzept, Startups mit Uni-Geldern zu fördern, ist also schon wesentlich älter als die Digitale Ökonomie. Die Universität hat viele Gründer bekannter IT-Unternehmen hervorgebracht. Auch die beiden Google-Gründer, die dort auch ihre Suchmaschine haben entwickeln können.
Stanford hat ein Jahresbudget von fünf Milliarden US-Dollar, davon eine Milliarde aus Spenden. Zum Vergleich: Deutschlands größte Universität in Köln verfügt über ein Zehntel dieses Budgets und bildet drei Mal so viele Studierende aus. 2013 löste der New Yorker mit der Frage „Ist Stanford noch eine Uni?“ eine Debatte über die ökonomischen Verstrickungen zwischen der Universität, der Finanzwirtschaft und der Gründerszene aus. Die Uni besitzt Aktien von Google, der Uni-Präsident John Hennessy sitzt im Aufsichtsrat.

Silicon Valley Firmen

Firmen im Silicon Valley

Suchmaschinen-Paper

Brims und Pages Original-Arbeit an der Stanford-Universität

Guter Kunde: das Militär

Dass das Internet eine ursprünglich militärische Entwicklung ist, dürfte bekannt sein. Der Internet-Vorläufer Arpanet entsprang dem Versuch, ein dezentrales Kommunikationssystem aufzubauen, das selbst einem Atomangriff standhalten würde. Das Projekt wurde 1969 verwirklicht und verband anfangs lediglich vier Forschungseinrichtungen, von denen drei in Kalifornien lagen, eine davon war das Stanford Research Institute. Das Internet selbst ist eine militärisch motivierte und finanzierte Angelegenheit, das gilt aber für die Blüte des Silicon Valley in den 1950er- und 1960er-Jahren überhaupt: Das Pentagon war der wichtigste Kunde der entstehenden High-Tech-Industrie, 1965 kaufte es rund 70 Prozent der gesamten Produktion an Computer-Chips. Bis heute ist das Department of Defense der bedeutendste Unterstützer technologischer Entwicklungen im Valley und verantwortlich für den Aufkauf von innovativen Produkten zu Höchstpreisen.

Thomas Heinrich beschreibt das Silicon Valley als „Cold War Armory“, als Waffenkammer des Kalten Krieges. Ganz entgegen dem Selbstbild als Region postindustriellen Ideen-Unternehmertums, das staatliche Intervention und Regulierung rundweg ablehnt, basiert die wirtschaftliche Macht schlicht auf intensiver militärischer Förderung von Forschung und Entwicklung. Großzügige Finanzierung durch das Militär haben ihm zufolge den Grundstein gelegt für eine neue Generation an Firmen, die den ökonomischen Wiederaufstieg in den 1990er-Jahren mit hervorgebracht haben.
Laut einem Bericht der „Chmura Economics and Analytics“ spielt das Verteidigungsministerium eine überdimensionale Rolle bei staatlichen Aufträgen in Kalifornien mit einem Anteil von 71,4 Prozent im Jahr 2014. Der amerikanische Staat hat seit den 1960er-Jahren auf diesem Wege Milliarden in die Forschung von Halbleiter- und Informationstechnologien investiert und damit der Industrie den Weg geebnet. Die enge Zusammenarbeit des Silicon Valleys mit der NSA, die durch die Snowden-Enthüllungen bekannt geworden ist, sollte also nicht weiter überraschen: Sie kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Es handelt sich also beim Silicon Valley um Rüstungsforschung – um es mal ganz unsexy auszudrücken.

Regime der weißen Männer

Der Cast der HBO-Komödie „Silicon Valley“, die die kalifornische High-Tech-Szene zum Thema hat, trifft die Realität ganz gut: Bis auf den unvermeidlichen Inder im Team haben wir es ausschließlich mit jungen, weißen Männern zu tun. Dem steht das Selbstverständnis des Silicon Valley als meritocracy – nur Erfindungsreichtum und Kreativität zählen – entgegen: Wer gut coden kann, gute Ideen hat, quer denkt, der wird auch ökonomisch erfolgreich sein! Herkunft, Geschlecht oder Vermögen spielen keine Rolle.

Silicon Valley

Cast der Komödie „Silicon Valley“: Kumail Nanjiani, Martin Starr, Thomas Middleditch, Zach Woods, T.J. Miller. photo: Isabella Vosmikova. (Isabella Vosmikova/HBO)

Alice Marwick beschreibt dieses Paradox folgendermaßen: „The myth is that anyone can come from anywhere and achieve great success in Silicon Valley if they are skilled. It holds that those who “make it” do so due to their excellent ideas and ability, because the tech scene is a meritocracy where what you do, not who you are, matters.” Der einflussreiche Risikokapital-Manager John Doerr verkündete kürzlich sein Patentrezept für erfolgreiche Engagements in der Vergangenheit: „founders who were white, male, under 30, nerds, with no social life who dropped out of Harvard or Stanford“ (2009 NVCA conference). Das Perfide daran ist, dass die Beteiligten Diskriminierungsvorwürfe mit dem Hinweis darauf abbügeln, dass das nun einmal die Daten hergäben: Sie nennen es Mustererkennung, in anderen Branchen würde man das Profiling oder schlicht Vorurteil nennen. Also nicht Rassismus oder Diskriminierung sind am Werk, sondern Algorithmen: Daten zeigen zweifelsfrei, dass männliche, junge, weiße Stanford-Absolventen (bzw. -Abbrecher) die erfolgreichsten Unternehmen gründen, also werden diese Bewerber auch höher gerankt – wie bei Suchergebnissen. All die erfolgreichen Nerds haben meist Eltern mit akademischem Background, die selbst an den Schlüssel-Universitäten tätig sind und es ihren Sprösslingen an nichts haben fehlen lassen. Ein Mindestmaß an Wohlstand ist nötig, um an der Szene teilzuhaben, auf Konferenzen präsent zu sein etc. Christoph Keese ist im Silicon Valley aufgefallen, dass hier nichts geht ohne persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht – man (er)kennt sich!

Google Office Surburbia

Googles „office surburbia". Foto: Eva Lia Reinegger

Staatsgetriebene Innovation

Das Silicon Valley steht für unermüdliche Innovationen, die von wagemutigen Unternehmern und fähigen Ingenieuren vorangetrieben werden. Mit hohem Einsatz und persönlichem Risiko stürzen sich diese Entrepreneure in das Abenteuer Technologie-Entwicklung und beglücken die Welt mit einem steten Fluss an technologischen Neuentwicklungen, die die User beglücken.
Doch kommen die Innovationen tatsächlich aus dem privaten Sektor? Mark Fliegauf zeigt am Beispiel des iPhones von Apple, dass Schlüsseltechnologien wie Touchscreen-Bedienung, Global Positioning System (GPS), Spracherkennung (Siri) oder Flash-Speicher letztlich Ergebnisse staatlich organisierter Forschung und Entwicklung sind. Das Know-how für Touchscreen-Technologien beispielsweise erlangte Apple durch den Kauf des Unternehmens Finger-Works. Die Forschungsarbeiten wurden von der National Science Foundation finanziert, daraufhin gründeten Institutsangehörige das Unternehmen und bauten die ersten kommerziellen Prototypen. Apple sicherte sich neben dem Wissen und dem Personal auch gleich sämtliche Patente.
Das in Stanford erfundene Modell der Ausgründung von Firmen aus der Uni heraus führt dazu, dass von der Allgemeinheit finanzierte und staatlich orchestrierte Entwicklungen über Patente privatisiert werden. Letztlich profitieren dann Unternehmen, ohne große Teile des Forschungsaufwands und des damit verbundenen ökonomischen Risikos selbst zu tragen. Das globale Positionierungssystem GPS entstand wie das Internet auf Initiative und Betreiben des Pentagons. Amerikanische Militäreinheiten sollten bei ihren „Auslandseinsätzen“ lokalisiert, nachverfolgt und koordiniert werden können. Eine Erfindung, ohne die Google Maps und viele mobile Applikationen und Geschäftsmodelle nicht möglich wäre – konzipiert und finanziert nicht etwa von mutigen Risikokapitalisten im Verein mit genialen Tüftlern aus dem Silicon Valley, sondern schlicht von Bürokraten im Washingtoner Pentagon.

Fazit

Wie sieht die Zukunft aus? Bleibt es bei der Dominanz des Silicon Valley mit dem Pentagon als Mentor? Während alle nach Westen schauen, setzt der US-amerikanische Ökonom und Gesellschaftskritiker Jeremy Rifkin seine Hoffnungen auf Europa und China. Die digitalen Innovationen der Zukunft werden sich ihm zufolge eher um erneuerbare Energien, Internet of Things und vernetzte Logistik drehen und nicht mehr um Plattformen und Services. Da sieht er die USA technologisch, infrastrukturell und politisch im Hintertreffen.

Im nächsten Teil der Serie geht es um die ganz eigentümliche ideologischen Background des Silicon Valley, die kalifornische Ideologie: Ideen eines Marshall McLuhan gehen eine seltsame Verbindung mit Individualismus, Wirtschaftsliberalismus und Technik-Futurismus ein: Ayn Rand meets Jerry Rubin.

Links und Quellen:

Sergey Brin and Lawrence Page: The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine. Stanford, 1994.

Boy Lüthje: Standort Silicon Valley: Ökonomie und Politik der vernetzten Massenproduktion, Campus-Verlag 2001

Thomas Heinrich: Cold War Armory: Military Contracting in Silicon ValleyEnterprise and Society / Volume 3 / Issue 02 / June 2002, pp 247-284 Cambridge University Press

Alice Marwick: Status Update: How Social Media Changes Celebrity, Popularity, and Publicity (Yale University Press, 2013.

Sarah McBride: In Silicon Valley start-up world, pedigree counts.

Chmura Economics and Analytics: The Reliance of the California Economy on Federal Contract Spending. Richmond 2014

Mark T. Fliegauf 28. April 2014: Wie Apple vom Staat profitiert

Christoph Keese: Silicon Valley, München 2014
Andrew Keen: The Internet is not the answer, New York 2015

Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt.

App der Woche: Touch PianistLang Lang to go

Mix der Woche: ChixTechno-Welt auf Abwegen