Von der großen Industrie zur InformationsgesellschaftUnderstanding Digital Capitalism | Teil 3

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Disruptive Innovation ist das Modewort der Stunde im Silicon Valley. Der vom Harvard-Professor Clayton Christensen geprägte Begriff bezeichnet eine radikale Form von Innovation, bei der neuartige Produkte oder Dienstleistungen als Nischenlösungen starten, in ein bestehendes Geschäftsfeld eindringen und schließlich etablierte Akteure von diesem verdrängen wobei Branchenregeln neu definiert werden. Der Fahrt-Vermittlungsdienst Uber „zerreißt“ das Taxigewerbe, die Übernachtungsplattform Airbnb lehrt die Hotelbranche das Fürchten.

Die Aushöhlung ganzer Branchen durch neue Verfahren und Geschäftsmodelle wird als erfrischend, nutzerorientiert und als Beweis für die Überlegenheit kapitalistischer Marktwirtschaft gefeiert, oft begleitet durch antiregulatorische Diskurs-Elemente: Unternehmen wie Uber oder Airbnb gelten als Beispiele für die Fähigkeit des Kapitalismus, sich neu zu erfinden. Diese Lust an der Zerstörung, der unbändige Wachstumswille, das Verdrängen der Konkurrenten – ist das nicht ein Grundmerkmal des Kapitalismus, nur extrem beschleunigt in der digitalen Sphäre? War noch die „unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise […] die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen“ (Karl Marx, Kommunistisches Manifest. MEW Bd.4, S. 465), so gilt für den Kapitalismus, dass er seine eigene technologische Basis ständig umwälzt.

In steter Regelmäßigkeit ist es ihm gelungen, technische Innovationen hervorzubringen, und gleichzeitig deren systemsprengende Potentiale zu neutralisieren. Telefon, Flugzeuge, Radio und Fernsehen – das alles sind Technologien, von denen sich ihre Zeitgenossen Demokratisierung, Revolution oder gar den Weltfrieden erhofft hatten, wie Jevgeny Morozow in seinem Buch The Net Delusion süffisant darlegt.

Ganz zu schweigen vom Computer und dem Internet, deren emanzipierendem Potential man in Vorstellungen vom weltweiten globalen Dorf (McLuhan) oder einem dezentral regierten Cyberspace (Barlow) hoffnungsvoll entgegengesehen hat. Selbst technische Entwicklungen, die Besitzverhältnisse direkt in Frage stellen, wie Freie Software oder PeerToPeer-Technologien, sind heute integrierter Bestandteil der digitalen Ökonomie.

Seit der Einführung der Dampfmaschine hat der Kapitalismus ständig technisch-soziale Revolutionen hervorgerufen und geht regelmäßig verwandelt und gestärkt aus ihnen hervor.

Die Industrielle Revolution

Jahrtausende lang war die Landwirtschaft wichtigster Wirtschaftszweig und Grundlage gesellschaftlicher und politischer Organisation. Die industrielle Revolution, die in den europäischen Ländern Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzt, überwindet diese Dominanz – der Siegeszug massenhafter Produktion industrieller Waren setzt ein. Der Feudalismus hat diese technologische Entwicklung nicht überlebt.
Diese Grafik zeigt die relative Entwicklung verschiedener Branchen in der globalen Ökonomie seit 1800. Die absolute Produktion, auch die landwirtschaftliche ist dabei immer weiter gestiegen, nicht zuletzt aufgrund der Einführung industrieller Methoden in der Landwirtschaft – übrigens eine der Forderungen des Kommunistischen Manifests. 1867 ist das Jahr, in dem Das Kapital von Karl Marx erscheint, wenige Jahre vor dem Schnittpunkt der beiden Kurven Landwirtschaft und Produktion.

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Der Wirtschaftssektor Information. Angelehnt an: Kollmann, 2013; Nefiodov, 1990.

Das 20. Jahrhundert ist geprägt durch ein kapitalistisches Modell, das durch relative Vollbeschäftigung, Massenproduktion und -konsum gekennzeichnet ist: den Fordismus. Bis ca. 1975 hält diese Entwicklung an, dann erreicht die industrielle Produktion ihren Zenit. Die Ölkrise einerseits und die mikroelektronische Revolution andererseits läuten das Ende einer Ära ein.

Die Dienstleistungsgesellschaft

Insbesondere in den westlichen Industriestaaten findet ein Strukturwandel statt, der durch Abbau industrieller Infrastrukturen, Rationalisierung und damit einem substanziellen Schrumpfen der Beschäftigten in der direkten Produktion gekennzeichnet ist. Gleichzeitig gewinnen nicht gegenständliche, flüchtige Arbeitsleistungen an Bedeutung: Die Dienstleistungen. Der Terminus Dienstleistungsgesellschaft wird geprägt – die Verkäufer, Berater, Friseure und Web-Designer werden immer mehr.

Die Dienstleistungen haben der marxistischen Gesellschaftskritik viel Kopfzerbrechen bereitet: Ist das Dienstleistungs-Kapital produktiv oder nicht? Was ist vergegenständlichte Arbeit, wenn es keinen Gegenstand mehr gibt? Marx' Lösung lautet zusammengefasst: Die Produktion eines Stuhls ist produktiv, der Transport zum Kunden ist es nicht – die Dienstleistung wird als „faux frais“, als notwendiges Übel angesehen. Da der Transport aber notwendig ist für die Realisierung, erzielt das im Transport engagierte Kapital ebenfalls die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate.

UDC Teil 3 Wahlplakat MLPD

Verfehlt: Die MLPD wirbt im Wahlkampf mit musealen Stahlkochern.

Werden aber die Dienstleistungen dominant, übertreffen gar die Produktion an Bedeutung, verliert dieser Ansatz seine Überzeugungskraft. Noch im Jahr 2014 kommt das Unbehagen gegenüber den Dienstleistungen z.B. darin zum Ausdruck, dass die MLPD immer noch lieber den Stahlkocher als Repräsentanten des industriellen Proletariats und damit des produktiven Kapitals plakatiert, fern jeder gesellschaftlichen Realität.

Bis zum Jahr 2050 gewinnt der Dienstleistungssektor weiter an Bedeutung und erreicht sein historisches Maximum. Die Produktion nimmt dramatisch ab: Das hat auch mit Peak Oil – dem bevorstehenden Erreichen der maximalen historischen Ölfördermenge, allgemein den „Grenzen des Wachstums“ und der Endlichkeit unseres Planeten zu tun. Was kommt stattdessen?

Kapitalismus und Information

Bis zum Jahr 2050 wird der informationsverarbeitende Sektor die kapitalistische Ökonomie dominieren: Information wird zum wichtigsten Wirtschaftsgut. Schon heute erreicht die Informations- und Kommunikations-Branche in Deutschland eine höhere Wertschöpfung als die Automobilindustrie.

Wir leben heute in einer Zeit kurz vor dem Schnittpunkt der drei Kurven Produktion, Dienstleistungen und Information. Ein Vergleich mit der Zeit, als das Kapital geschrieben wurde, drängt sich auf: Der Siegeszug einer neuen Produktionsweise ist in vollem Gange, aber noch längst nicht abgeschlossen. Für die Zeitgenossen Marx‘ war es eine radikale Vorstellung, dass die Produktion einmal die alles dominierende Produktionsweise sein würde, der sich die Landwirtschaft vollständig unterordnen würde. Für uns ist es heute vielleicht noch ähnlich schwierig vorzustellen, dass einmal die Produktion und die Dienstleistungen sich dem Primat der Information unterordnen werden.

Der Online-Druckdienstleister Flyeralarm startete 2002 mit drei Mitarbeitern und einer Website, auf der Kunden Druckaufträge absetzten konnten. Flyeralarm ist eine digital firm par excellence – der Großteil der Wertschöpfung findet im Digitalen statt. Heute zählt Flyeralarm über 1.300 Beschäftigte und hat die Druckindustrie umgekrempelt. Das Geschäftsmodell großer Druckereien sowie etablierte Abläufe und Kundenbeziehungen haben sich verändert: Auch Kleinstmengen werden übers Internet konfiguriert und abgewickelt. Druckereien gibt es noch immer, aber sie produzieren dank Techniken wie dem Massendruck viel rationeller. Die Digital Economy hat den Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit ins Internet verlagert.

Der Kapitalismus hat große Umwälzungen der technischen und sozialen Basis überlebt – und war noch nie so dominant, alternativlos und dynamisch wie heute. Es besteht nach wie vor keine Hoffnung, dass die nächsten bahnbrechenden Erfindungen, wie disruptive auch immer sie sich auf bestehende Branchen und Geschäftsmodelle auswirken mögen, den Kapitalismus aus der Ruhe bringen werden.
Abgesehen davon ist die Fähigkeit des Kapitalismus, Ungleichzeitigkeiten auch auf ökonomischem Terrain auszuhalten, beeindruckend: modernste Produktionsmethoden hier, Kinderarbeit und sweatshops dort. Diese enorme Flexibilität macht ihn zur historisch wohl erfolgreichsten Gesellschaftsordnung, für die Alternativen in weite Ferne gerückt zu sein scheinen.

Links und Quellen:
Christensen, C. M.: The Innovator's Dilemma. When New Technologies Cause Great Firms To Fail. Boston 1997
Marx, Karl: Kommunistisches Manifest. MEW Bd.4, S. 465
Morozow, Evgeny: The Net Delusion. The Dark Side of Internet Freedom. Philadelphia 2011
Barlow, J. P.: A Declaration of the Independence of Cyberspace. Davos 1996 | Link
McLuhan, M: Understanding Media. The Extensions of Man. New York 1964.
Nefiodov, L.: Der fünfte Kondratieff, Wiesbaden 1990.
Kollmann, T.: E-Business. Wiesbaden 2013.
Marquardt, V.: Die Krisengewinner. Brand1. Ausgabe 12/2011 | Link

Hier gibt es die Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt. Diese und andere Überlegungen über den Digitalen Kapitalismus wird er in regelmäßigen Abständen mit uns teilen. Das nächste Mal soll es darum gehen, warum Informationen als Ware wichtig sind. Sind nicht ein Stuhl (industrielles Produkt), ein Haarschnitt (Dienstleistung) und eine Tageszeitung (Information) allesamt Waren, die kapitalistisch produziert werden und entsprechend ihres Tauschwerts getauscht werden?

From large industry to Information SocietyUnderstanding Digital Capitalism | Part 3

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