TCP/IP Politics: Infrastructure StudiesUnderstanding Digital Capitalism | Teil 15

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Das Internet ist die der Digitalen Ökonomie zugrundeliegende Infrastruktur. Inwiefern sind Standards und Protokolle bereits Voraussetzung für bestimmte Nutzungsarten, Services und Geschäftsmodelle und Interessen? Was haben die dem Internet-Datentransfer zugrunde liegenden Protokolle TCP/IP für Auswirkungen – sind damit schon Weichen gestellt für das Design der Dienste und Services? Was hat es mit der viel diskutierten Netzneutralität auf sich?

Infrastrukturen sind oft unsichtbar im Hintergrund „einfach da“ und werden für selbstverständlich gehalten. Das Design dieser Infrastrukturen wird nicht mehr hinterfragt. Demgegenüber betonen Bowker/Baker:

„Um Infrastrukturen zu verstehen müssen die politischen, ethischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse aufgedeckt werden, die im Zuge ihrer Errichtung getroffen worden sind.“

Wie wirken sich technische und andere Infrastrukturen auf die Verbreitung von Wissen, die Verteilung von Machtverhältnissen und das Nutzerverhalten aus? Wer sind die Beteiligten, welches die Interessen und wie übersetzen diese sich wiederum in Infrastruktur? Das sind zentrale Fragen für das Verständnis des digitalen Kapitalismus.

Das Internet als Waffe

Der Vorläufer des Internets wurde bekanntlich in den 60er Jahren unter der Ägide des Pentagon entwickelt. Ein Rechner-Netzwerk ohne zentralen Knoten sollte die USA in die Lage versetzten, einen sowjetischen Atomschlag zu überleben und eine atomare Antwort der USA gewährleisten zu können. Das Design des Internets entstammt also den finstersten Zeiten des kalten Krieges, es ist eine Antwort-Waffe.
Später wurde es von der Wissenschaft übernommen, der militärische Teil abgekoppelt. Heute wird das Internet verwaltet von überstaatlichen Institutionen, wie dem W3C-Konsorzium, der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) oder der Internet Engineering Task Force, die die Verwaltung übernehmen sowie Richtlinien und Standards weiterentwickeln. Regierungen, private Institutionen und Firmen sowie die Zivilgesellschaft versuchen dabei, ihren Einfluss geltend zu machen.

Wem gehört das Internet?

Das Internet gehört niemandem. Basis des Netzes bilden die Leitungen der verschiedenen Telekom-Gesellschaften auf der Welt, die diese bzw. deren Kapazitäten an Netzbetreiber vermieten. Nicht nur Firmen und Institutionen mieten Leitungen, sondern auch die sogenannten 'Internet-Provider'. Diese Provider bieten dann ihrerseits einen Internet-Zugang für Firmen oder Privatleute an.

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Visualisierung eines Teils des Internets | Quelle: Wikimedia

Wie werden Daten transportiert?

Was ist charakteristisch für das Internet, dem Netz aus Netzen mit derzeit ca. 75 Millionen angeschlossenen Servern und mehreren Milliarden Nutzern täglich – abgesehen von der dezentralen Struktur? Wesentliches Merkmal für das Design des Internets ist die Art und Weise, wie Daten übertragen werden. Das regelt ein dickes Buch mit Regeln, die detailliert beschreiben, wie Datentransport stattfindet: die sogenannten Protokolle, insbesondere TCP/IP.

TCP/IP beschreibt die Vermittlung und den Transport von Datenpaketen in dezentralen Netzwerken. Dabei ist das Internet Protocol (IP) für die Adressierung zuständig. Die berühmten IP-Adressen (z.B. 80.240.134.207 identifizieren Absender und Empfänger von Daten im Internet eindeutig.)

UDC 15 Illu Internet Netz

Das Transmission Control Protocol (TCP) ist für den eigentlichen Transport zuständig. Damit die Leitungen von Vielen gleichzeitig verwendet werden können, werden Informationen im Internet paketweise übertragen: Eine E-Mail oder ein Video-Stream werden vor dem Transport in ca. ein Kilobyte große Daten-Pakete zerlegt und durchnummeriert.

Das Internet Protocol sorgt nun wiederum dafür, dass die Datenpakete von Router zu Router weitergeleitet werden, bis sie am Ziel angekommen sind. Die Route, die sie dabei zurücklegen, wird in Echtzeit bestimmt und ist flexibel (dynamic routing). Unterschiedliche Pakete ein- und derselben E-Mail beispielsweise können auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel kommen und dort auch zeitverzögert ankommen. Am Ziel werden die Pakete sortiert, eventuell fehlende Pakete neu angefordert und die ursprüngliche Datei wiederhergestellt.

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Gleichheit vor dem Protokoll?

Die dynamische paketvermittelte Datenübertragung über TCP/IP behandelt alle Datenpakete gleich und ist nicht gebunden an bestimmte Hardware/Hersteller oder Übertragungssysteme. Dezentralität, neutrale Paketvermittlung und dynamisches Weiterleiten der Datenpakete – das sind die zentralen technischen Randbedingungen der Internet-Technologie.

Open Source WWW

Durch Tim Berners-Lees Erfindung des World Wide Web Anfang der 90er Jahre wurde das Internet erst zum weltweiten Massenmedium. Das WWW beruht auf gleich drei Erfindungen, die auf seinen Erfinder zurückgehen: Erstens HTML, die Dokumentensprache zur Beschreibung und Verknüpfung von Hypertext-Dokumenten, zweitens http, ein weiteres Internet-Protokoll zum Abrufen dieser Seiten und schließlich der Browser selbst, ein Programm zur Darstellung dieser Seiten. Und all das basierend auf offenen Standards.

hypertext

Automatische Demokratie?

Dezentrale Netzstruktur, in den Protokollen verankerte Gleichheit der Datenpakete und die offenen Standards des WWW – diese drei Säulen des Internets sollten auf ewig eine demokratische, gleichberechtigte, transparente Kommunikationsplattform sicherstellen – so die Vorstellung vieler.

Es kam ganz anders: durch Web 2.0 bzw. die Erfindung von Social Media Plattformen fand eine Verschiebung weg vom offenen Netz, das auf HTML- Hyperlinks basiert, hin zu einem restriktiven Web der Plattformen mit ihren Likes und Empfehlungen (Geert Lovink) statt, ohne dass sich an der Basistechnologie etwas geändert hätte! Die Infrastruktur erlaubt unterschiedlichste Dienste und Anwendungen, die „darauf laufen“. Keinesfalls sorgt die offene, dezentrale, demokratische Grundstruktur dafür, dass diese Prinzipien auch für die Anwendungen und Nutzungsarten gelten.

„Diese (Technik)-Prediger nehmen fälschlicherweise an, dass die dem Internet zugrundeliegende offene, dezentrale Technologie automatisch zu einer weniger hierarchischen und weniger ungleichen Gesellschaft führt.“ (Andrew Keen)

Netzneutralität

Dass sich die Beschäftigung mit Infrastrukturen lohnen kann, zeigt demgegenüber die Auseinandersetzung um die sogenannte Netzneutralität. Als Netzneutralität bezeichnet man die Gleichbehandlung aller Datenpakete ungeachtet ihres Inhalts, ihrer Quelle (Privatnutzer, Firmen, Behörden) oder ihres Ziels (Adressaten).

Es gibt sogar gute Argumente für eine Nicht-Gleichbehandlung der Datenpakete: Sollten nicht wichtige Daten schneller als unwichtige, die wenigen Pakete einer E-Mail eher als die vielen eines Video-Streams transportiert werden? Eine große Datei kann schon mal in tausende oder gar hunderttausende einzelne Pakete zerlegt sein!

Befürworter dieses „Internets der zwei Geschwindigkeiten“ sind die Netzbetreiber und Internet Service Provider (ISPs) wie Verizon in den USA und die Telekom in Deutschland. Das Geschäftsmodell dieser „Carrier“ ist das Bereitstellen eines Trägermediums gegen Gebühr. Die Carrier möchten bestimmte Inhalte (z.B. die Video-Streams von T-Home) für bestimmte Kunden (die extra bezahlt haben) bevorzugen. Damit entstehen Nachteile für Mitbewerber (andere Video-on-Demand-Anbieter wie YouTube z.B.) und „normale“ Internetnutzer, die nicht Premium-Kunden sind.

Netzaktivisten sehen durch solche Maßnahmen die Neutralität des Netzes in Gefahr. Cory Doctorow geht noch weiter:

„In Wahrheit versuchen die ISPs drei Mal für den gleichen Service zu kassieren, indem sie bestimmte Inhalte bevorzugen: Du zahlst für deinen Breitband-Anschluss zu Hause. Die Website, die Du besuchst zahlt auch für ihren Traffic. Der ISP versucht dich dann in Geiselhaft zu nehmen und dich zwingen, diese Website zu besuchen.“

Lang Lebe die FCC!?

Die US-Aufsichtsbehörde für Telekommunikation Federal Communications Commission hat am 26. Februar 2015 nach erbitterten medialen Auseinandersetzungen die Netzneutralität bestätigt. Laut ihrem Beschluss dürfen Internetprovider legale Inhalte, Dienste, Anwendungen nicht blockieren, sie dürfen legalen Traffic nicht drosseln und sie dürfen keinen Traffic im Internet für eine Gegenleistung bevorzugen.

Der Verband der US Kabelnetzbetreiber NCTA und andere sind enttäuscht und beklagen einen Rückfall in Zeiten „übertriebener staatlicher Regulation“ – in den USA ist das fast gleichbedeutend mit Kommunismus-Vorwurf. Hauptnutznießer dieser Entscheidung sind allerdings die Plattformen wie YouTube sowie Streaming-Anbieter wie Netflix und die Anbieter von Bezahl-Inhalten im Netz. Die Netzwerk-Technologie-Firma Cisco prognostiziert, dass Videoinhalte schon in vier Jahren 80% des Internet-Traffics ausmachen werden.

Die Entscheidung der FCC, die als wegweisend auch für ähnliche Diskussionen in Europa angesehen wird, wird begrüßt von Netzaktivisten, Präsident Obama hat Glückwünsche gesendet. In Deutschland war die Telekom 2012 mit einem Vorstoß in diese Richtung bereits gescheitert.

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Verizon zur FCC-Entscheidung | Quelle

Es geht immer auch anders

Auseinandersetzungen um Infrastrukturen sind immer politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Wie Infrastrukturen gestaltet sind, ob sie öffentlich oder privat sind, kostenlos oder kostenpflichtig, ist Folge historischer Entwicklungen und politischer Entscheidungen.

Die Technologien selbst geben keine Hinweise, keine Vorgaben, wie sie zu verwenden sind. Beim Internet sind die unterschiedlichsten Konzepte, Nutzungsweisen implementierbar auf der gleichen technischen Infrastruktur, den gleichen Protokollen. Untersucht man die Fernsehlandschaft in verschiedenen Ländern im Hinblick auf Technologien, Besitzverhältnisse, Übertragungsmedien, öffentliche und private Modelle, Bezahlmodelle etc., ergibt sich je nach Land ein völlig anderes Bild.

Oft werden politische Entscheidungen als technisch-organisatorische Vernunftentscheidungen, die angesichts bestehender Sachzwänge alternativlos seien, verbrämt – Angela Merkel ist Meisterin in dieser Disziplin. Die Infrastrukturen der Informations-Ökonomie müssten viel stärker öffentlich diskutiert werden und öffentliches Gut werden oder bleiben, um das Menschenrecht auf Information gewährleisten zu können. Yochai Benkler schreibt in seinem Buch „The Wealth of Networks“ dazu:

„Eine florierende vernetzte Informations-Gesellschaft, die reich an gemeinschaftlicher Produktion sein will, muss eine öffentliche Kern-Infrastruktur aufweisen für Produktion und Austausch von Information, die für alle offen ist. Das erfordert physische, logische und inhaltliche Ressourcen …“

Im nächsten Teil geht es um die Frage, wieso Privathaushalte ca. 20 Euro pro Monat für einen DSL-Zugang zahlen, warum das so ist und ob das in ein paar Jahren noch so sein wird.

Quellen/Links
Geoffrey C. Bowker, Karen Baker, Florence Millerand, David Ribes: Toward Information Infrastructure Studies: Ways of Knowing in a Networked Environment. Pittsburg 2010
Andrew Keen: The Internet is not the answer, New York 2015. Deutsch: Das digitale Debakel: Warum das Internet gescheitert ist - und wie wir es retten können. München 2015
Lawrence Lessig: Free Culture. The Nature and Future of Creativity, New York 2004
Cory Doctorow: Information Doesn’t Want to Be Free. Laws for the Internet Age, San Francisco 2014
Geert Lovink: Unlike Us Reader. Social Media Monopolies and Their Alternatives, Amsterdam 2013
Yochai Benkler: The Wealth of Networks, Yale 2006. Benkler

Zur Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt.

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