Der Arbeiter-AlgorithmusUnderstanding Digital Capitalism | Teil 14

Der Arbeiter Algorithmus

Die Wissensgesellschaft lässt neue Arbeitsplätze entstehen, und Roboter machen jetzt das, wofür wir uns als denkende Wesen viel zu schade sind? It´s just an illusion. Wer hier wen ersetzt, die Maschine den Menschen oder vice versa, ist eine Frage des Preises, stellt Timo Daum fest.

1936 kommt Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ in die Kinos, eine bittere Abrechnung mit dem Fabriksystem. Frederick W. Taylor, der Erfinder der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation, hatte den Arbeitsablauf der Fabrikarbeiter in Einzeloperationen zerlegt und diese einer eisernen mechanischen Disziplin unterworfen. Damit war der Arbeiter zum sprichwörtlichen kleinen Rädchen im Getriebe der modernen Maschinerie geworden. Bei Henry Ford wird die ganze Fabrik zu einer einzigen Maschinerie, die Arbeiter eingeschlossen. Erfinder-Kapitalisten wie Charles Babbage, Bentham oder Ford hatten immer schon versucht, den Produktionsprozess zu systematisieren, die Fabrik zu rationalisieren, Zufälliges und Überflüssiges zu eliminieren. Neben der Maximierung des Mehrwerts verfolgte diese Strategie auch den Zweck, den mit Wissen, Erfahrung und Intelligenz ausgestatteten Handwerker-Arbeiter zum nicht-denkenden Roboter zu degradieren.

„Scharen von minderwertigen Organen, die rein mechanisch arbeiten.“

Carl Friedrich von Siemens über seine Angestellten (1912)

Moderne Zeiten

Quelle: Wikimedia

Ebenfalls im Jahr 1936 erscheint das Gründungsdokument des Computerzeitalters „On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem”. Darin geht sein Autor Alan Turing der Frage nach, ob für bestimmte mathematische Funktionen entschieden werden kann, ob sie in einem endlichen Prozess beweisbar sind oder nicht. Viel interessanter als das Ergebnis selbst (Antwort: Nein, kann man nicht) ist ein Nebenprodukt seiner Beweisführung: Turing schlägt eine (theoretische) Maschine vor, die aus einem unendlich langen Speicherband und einem Lese- und Schreibkopf besteht – bis heute die Blaupause aller digitalen Rechenmaschinen (siehe auch: Was hat das Google-Auto mit Alan Turing zu tun?).

“Every ‘precisely described’ human behaviour can be simulated by a Turing machine (or a suitably programmed computer.”

(Turing-These)

Ist die Ähnlichkeit zwischen Fords Fließband und Turings Band-Maschine rein zufällig, oder steckt mehr dahinter? Sind der taylorisierte Arbeiter, der Produktions-Roboter (das Wort stammt aus dem Tschechischen und bedeutet „schwere, mühsame Arbeit“) und die Turing-Maschine (ein Roboter, der Nullen und Einsen prozessiert) letztlich ein- und dasselbe? Alle drei erledigen schließlich ihren Job simply by following a set of rules, also ohne Zutun von Intelligenz, Intuition etc. Ist der Arbeiter also auch ein Roboter?

Emil Posts menschliche Maschine

Die Antwort findet sich in einer wiederum 1936 von einem Mathematiker verfassten Veröffentlichung zum Entscheidungsproblem: Emil Post gelangte in seiner Beweisführung zu exakt denselben Schlussfolgerungen wie Alan Turing. Mit dem Unterschied allerdings, dass Post in seiner Version des Beweisverfahrens Turings Automaten durch hypothetische Fließbandarbeiter ersetzt, die völlig mechanisch ihren Anweisungen folgen. In seinem Modell stellte Post exakt die gleichen Anforderungen an das Verhalten der Fließbandarbeiter, wie Turing sie für seine Maschine formuliert hatte. Aus dem Vergleich beider Arbeiten folgt, dass zwischen einer Turing-Maschine und einem Fließbandarbeiter in Bezug auf ihre Tätigkeit keinerlei Unterschied besteht. Sie sind beliebig durcheinander ersetzbar. Bei Post ersetzt der Fließbandarbeiter die „universal machine“ von Turing, zumindest formal ist damit der Arbeiter im Kapitalismus der modernen Zeiten vom Roboter ununterscheidbar geworden – Chaplin hat das geahnt und diesem Faktum ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

„A man provided with paper, pencil, and rubber, and subject to strict discipline, is in effect a universal machine.“

(Alan Turing)

Die These von Marx, der Mensch höre in der kapitalistischen Produktion auf, Mensch zu sein, er werde zum bloßen Anhängsel der Maschine, wird durch Turing und Post radikalisiert. Es besteht zumindest formal kein Unterschied zwischen ihnen, oder wie Emil Post trocken notierte:

„The conclusion that man is not a machine is invalid.“

Herrschaft durch Berechnung

Regelgeleitetes Handeln und mechanisches, roboterhaftes Handeln sind identisch. Bettina Heintz erweitert diese Erkenntnis der begrifflichen Übereinstimmung von Formalisierung und Mechanisierung in ihrem Buch „Die Herrschaft der Regel“ auf zentrale Bereiche der modernen Gesellschaft. Diese Entwicklung, so Heintz, sei charakterisiert durch „die Entpersonalisierung sozialer Beziehungen, die zunehmende Dominanz von kühlen Zweck-Mittel-Berechnungen, die Tendenz zu Abstraktion und Quantifizierung, die Teilung der Arbeit bis hin zur Zergliederung einzelner Arbeitsabläufe, die zunehmende Regelhaftigkeit der sozialen Verhältnisse und der Wunsch nach Berechenbarkeit und Kontrolle.“ Formalisierung, regelgeleitetes Handeln oder das Befolgen abstrakter Regeln: Mit diesem Vokabular beschreiben die Klassiker der Soziologie den Modernisierungsprozess selbst.

„Ein Automat, in welchen oben die Akten und die Kosten hineingeworfen werden, damit er unten das Urteil nebst den mechanisch aus Paragraphen abgelesenen Gründen ausspeie.“

(Max Weber über den Richter)

Die Herausbildung einer rationalen, abstrakten Denkweise, die Trennung zwischen objektiver und subjektiver Rationalität, das Konzept der Gleichheit ohne Ansehen der Person und des Standes sind Charakteristika der Moderne überhaupt. Formale Rationalität sei in den Augen Webers das grundlegende Strukturprinzip der modernen abendländischen Gesellschaft, so Bettina Heintz: „Berechenbarkeit und Orientierung an allgemeinen Regeln kennzeichnen das moderne Recht, die (staatliche) Bürokratie und den kapitalistischen Betrieb, um nur die drei Hauptbereiche formaler Rationalisierung zu erwähnen.“

Die Automatisierung der Wissensgesellschaft

Anderthalb Jahrhunderte, nachdem Karl Marx die Proletarier der Welt dazu aufrief, sich zu vereinigen, verkündete Jacques Attali: “Die Maschinen sind das neue Proletariat, die Arbeiterklasse kann sich ihre Entlassungspapiere holen“. Die kapitalistische Realität zeigt, dass diese Ersetzung – in beide Richtungen übrigens – tagtäglich stattfindet. Ob die Maschine den Arbeiter oder der Arbeiter die Maschine ersetzt hängt nur davon ab, was günstiger ist. Laut Jeremy Rifkin beabsichtigt selbst Foxconn, das Paradebeispiel eines modernen Sweatshops, in Zukunft Roboter einzustellen. Martin Ford schreibt in seinem Buch „The Rise of the Robots“, dass zwar nicht alle Berufe automatisiert werden können, insbesondere jedoch Tätigkeiten, die aus einer vorhersagbaren Routine bestehen, in den kommenden Jahren gefährdet sind. Die Universität von Oxford hat 700 Berufsgruppen in den USA untersucht. Ergebnis: 47 Prozent davon sind durch die Computerisierung bedroht.

Ersetzte Arbeitskraft

Längst schützt eine gute Ausbildung nicht mehr davor, durch eine Maschine ersetzt zu werden. Und es finden sich in der Liste immer mehr Wissensberufe, nicht nur einfache Tätigkeiten in der Produktion: Partnervermittlungen setzten auf Algorithmen, um Mr. oder Mrs. Right zu finden. Anlageberater werden zunehmend durch Algorithmen ersetzt, die das erledigen, was einst nur Absolventen von Business Schools schafften – 290 Millionen Dollar Risikokapital wurden 2014 in diesem Bereich investiert. Kaufempfehlungen à la „Kunden, die dieses Produkt kauften, kauften auch …“ sind beim Online-Shopping gang und gäbe geworden – das machen Programme und keine Kundenberater mehr. Das Verschwinden der Mittelklasse, das von allen Internet-Kritikern beklagt wird, ist nur eine andere Formulierung der Tatsache, dass Maschinen zunehmend die Jobs von gut Qualifizierten ersetzten. Die Hoffnung, die Wissensgesellschaft ließe neue Arbeitsplätze entstehen, ist trügerisch.

Zwar steigern Roboter heutzutage die Produktivität ähnlich wie einst die Dampfmaschine. Doch in den USA, dem Mutterland der digitalen Revolution, stagniert die Lohnentwicklung seit dem Beginn des Computerzeitalters. Der Ökonom Paul Krugman warnt vor einer „Gesellschaft, die zwar immer reicher wird, in der alle Wohlstandsgewinne aber an diejenigen gehen, denen die Roboter gehören." Die Wissensgesellschaft wird herausgefordert – und zwar nicht nur von handfesten Robotern, sondern allgemeiner durch Programme wie die Such-Roboter (crawler, search robots) der Suchmaschinen und all die Algorithmen, die zunehmend auch den Denk-Arbeiter oder Kopf-Langer (Brecht) ersetzen. Eine Textprobe gefällig:

“Wisconsin appears to be in the driver’s seat en route to a win, as it leads 51-10 after the third quarter. Wisconsin added to its lead when Russell Wilson found Jacob Pedersen for an eight-yard touchdown to make the score 44-3.”

Diesen Spielbericht aus der US-amerikanischen Football-Liga hat ein Computerprogramm der Firma Narrative Science mit Hilfe im Netz gefundener Information binnen Sekunden verfasst. „Data Storytelling“ heißt das Ganze dann. Vielleicht doch lieber Notaufnahme-Manager/in werden?

Literatur
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976
Alan Turing: On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem. 1936
Emil Post, Finite Combinatory Processes. Formulation 1, in: Martin Davis (Hrsg.), The Undecidable: Basic Papers ond Undecidable Propositions, Unsolvable Problems and Computable Functions, New York 1965, S. 289-291
Jacques Attali: Millennium. Winners and Losers in the Coming World Order. New York 1991
Bettina Heintz: Die Herrschaft der Regel. Zur Grundlagengeschichte des Computers, Frankfurt 1993
Vilém Flusser, Ins Universum der technischen Bilder, European Photography, 1996
Team Telekom, Automatische Moderne. In: Karoshi Nr. 2, Hamburg 1998
Carl Benedikt Frey and Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? September 17, 2013
Rachel Rickard Straus, Will you be replaced by a robot? We reveal the 100 occupations judged most and least at risk of automation, 31. Mai 2014
Martin Ford, Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future, 2015
Varinia Bernau: Die Roboter kommen 11. März 2015
Johannes Kuhn: Bürojobs sind stärker als andere bedroht, 11. März 2015

Zur Übersicht aller Texte der Reihe »Understanding Digital Capitalism«.

Timo Daum arbeitet als Dozent in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie. Zum Thema Understanding Digital Capitalism fand vor einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe in Berlin statt.

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